Die Katze legte ihre Jungen nur in seine Stiefel — die Erklärung traf selbst ihn

Ich heiße Inga Lehmann und arbeite seit zwölf Jahren als Katzentherapeutin in Hamburg-Altona. Die meisten Fälle, die auf meinem Tisch landen, sind austauschbar: Die Katze pinkelt auf den Teppich, kratzt am Sofa, faucht den Nachbarn an. Aber an einem nassen Donnerstag im November kam eine Frau in meine Praxis, deren Geschichte ich nie vergessen habe.

Sie hieß Martina, Mitte vierzig, müde Augen, die Hände um einen Pappbecher mit lauwarmem Kaffee geklammert. Draußen zog gerade ein Containerschiff vorbei, das tiefe Horn dröhnte durch die doppelte Verglasung. Martina zuckte nicht einmal.

„Unsere Katze spinnt“, sagte sie.

Die Katze hieß Frida, eine dreifarbige Glückskatze, drei Jahre alt. Vor zwei Wochen hatte sie zum ersten Mal geworfen — vier gesunde Kätzchen. Martina hatte alles vorbereitet: eine große Wurfkiste im Schlafzimmer, weiche Decken, ruhige Ecke, weit weg von der Tür. Frida hatte dort auch geboren. Aber am nächsten Morgen war die Kiste leer.

Die Kätzchen lagen im Flur. Nicht auf der Matte, nicht in einer Ecke — nein, in Roberts Stiefeln. Größe 45, abgewetzte Sohlen, standen direkt neben der Wohnungstür. In jedem Stiefel steckte ein Kätzchen, sorgfältig platziert, als hätte jemand sie hineingelegt.

„Ich hab sie zurück in die Kiste getragen“, erzählte Martina. „Die Kiste war sauber, warm, gemütlich. Aber Frida hat sie eine Stunde später wieder rausgeholt. Und zwar alle vier. Immer in seine Stiefel. Immer.“

Sie hatten alles probiert. Andere Kartons, größere, kleinere, mit hohen Rändern, mit niedrigen. Verschiedene Zimmer, halbdunkle Ecken, sogar ein geschlossenes Katzenhaus mit Fleece-Decke und Futternapf daneben. Frida ignorierte das alles. Sie trug ihre Jungen stur zurück in die Stiefel.

Das Verrückte: Im Flur standen auch Martinas Schuhe, die Turnschuhe des großen Sohnes, die Hausschuhe der Oma. Frida schaute sie nicht einmal an. Nur Roberts Stiefel.

„Wir haben die Stiefel schließlich in den Schrank gesperrt“, sagte Martina. „Damit sie es vergisst. Aber Frida saß heulend davor, kratzte an der Tür, wollte nicht weg. Sie hat aufgehört zu fressen, hat die Kätzchen kaum noch gesäugt. Wir mussten die Stiefel wieder rausholen. Jetzt haben wir einen Flur voller Schuhe, aber sie will nur die von meinem Mann.“

Ich fragte sie, was sie über Fridas Beziehung zu Robert wisse.

„Wen sucht sie, wenn sie Angst hat?“, fragte ich. „Auf wessen Schoß schläft sie? Wer begrüßt sie als Erster, wenn die Tür aufgeht?“

Martina antwortete, ohne zu überlegen: „Robert. Immer Robert. Er hat sie mal als kleines Kätzchen vom Baum geholt, im Regen, hat drei Stunden gewartet. Danach hat sie ihn nie wieder losgelassen. Sie schläft auf seiner Brust, begleitet ihn ins Bad, sitzt vor der Tür, bis er heimkommt. Und er brummelt ständig, dass er Katzen nicht mag und dass das Vieh nur Dreck macht. Aber Frida interessiert das nicht. Sie vergöttert ihn.“

Da war mir der Fall klar.

Für eine Katze ist Geruch keine Nebensache. Er ist eine Landkarte. Wir Menschen orientieren uns mit den Augen — wir sehen Möbel, Wände, Gesichter. Eine Katze liest den Raum mit der Nase. Der stärkste, dichteste, haltbarste Geruch eines Menschen haftet dort, wo er lange mit der Haut Kontakt hat. In getragener Kleidung. In Schuhen. Besonders in Stiefeln, die stundenlang am Fuß waren.

Roberts Stiefel rochen nach ihm. Nach Schweiß, nach Arbeit, nach dem Menschen, dem Frida am meisten vertraute. In ihrer Wahrnehmung war er der Ranghöchste in der Familie — der Beschützer. Und eine Katzenmutter sucht nach der Geburt den sichersten Ort für ihre Jungen. Nicht den schönsten, nicht den bequemsten. Sondern den, der am stärksten nach dem riecht, der sie beschützt.

Martina stellte den Kaffeebecher ab. Ihre Finger trommelten auf die Armlehne des Stuhls.

„Sie vertraut ihm also mehr als mir?“

„Sie vertraut ihm ihr Wertvollstes an“, sagte ich. „Das ist kein Protest. Das ist die höchste Auszeichnung, die eine Katze vergeben kann.“

Martina schnappte sich ihr Handy. Ich hörte, wie sie Roberts Nummer wählte, auf Lautsprecher stellte.

„Du, Robert?“, sagte sie. „Kannst du kurz zuhören? Ich bin bei der Katzentherapeutin. Nein, es ist nichts Schlimmes. Aber du musst das hören. Frida legt die Kätzchen in deine Stiefel, weil du für sie der Chef bist. Derjenige, der alle beschützt. Sie riecht dich am stärksten. Sie will, dass ihre Babys unter deinem Geruch liegen. Verstehst du? Sie hat dich gewählt. Dich, den Typen, der immer sagt, er hasst Katzen.“

Am anderen Ende war es kurz still. Nur das Rauschen der Leitung. Dann ein Räuspern.

„Ich … ich bring nachher was mit“, sagte Robert.

Zwei Tage später stand ich vor ihrer Wohnungstür in Ottensen. Der Hausflur roch nach Bohnerwachs und feuchtem Putzmittel. Martinas Nachbarin hatte einen alten Schuhkarton vor die Tür gestellt, auf dem jemand mit Filzstift „Zu verschenken“ geschrieben hatte.

Martina öffnete und führte mich in den Flur. Neben der Tür stand jetzt ein flaches Katzenbett aus grauem Filz, daneben lag ein zusammengeknülltes, altes Männer-T-Shirt.

„Er hat es fünf Tage lang getragen“, sagte Martina, die Stimme kaum lauter als ein Atemzug. „Jeden Abend nach der Arbeit, beim Fernsehen, sogar im Bett. Er hat es nicht gewaschen. Dann hat er es in das Bett gelegt. Das Bett hat er im Fressnapf für 39,95 Euro gekauft. Ich war nicht mal dabei — er ist allein losgezogen, mit dem Rad, im Regen.“

Frida lag in dem Bett, alle vier Kätzchen an ihrem Bauch. Sie schnurrte so laut, dass man es im ganzen Flur hörte. Ihre Nase steckte halb im Ärmel des Shirts.

Robert stand daneben, die Hände in den Hosentaschen. Die Stiefel, Größe 45, waren weg. Nicht im Schrank — einfach verschwunden. Vielleicht hatte er sie in den Keller gebracht.

„Na ja“, sagte er, ohne mich anzusehen. „Wenn sie mir ihre Kinder anvertraut, muss ich mich ja wohl kümmern. Ich wollte erst die Schuhe spenden. Aber dann …“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich war doch der Auserwählte, oder? Da kann ich die Stiefel nicht einfach zurückholen. Die gehören jetzt ihr.“

Frida hob kurz den Kopf, gähnte, zeigte die rosige Zunge. Dann legte sie den Kopf wieder auf das Shirt, die Augen halb geschlossen.

Robert beugte sich runter und strich mit dem Zeigefinger über das Fell zwischen Fridas Ohren. Nicht zaghaft, nicht hektisch. Eher so, wie man einen Vertrag unterschreibt.

Martina sah mich an, sagte nichts. Sie nahm ihren Haustürschlüssel vom Haken und legte ihn neben das Katzenbett, auf die Kommode.

Ich habe mir noch den Flur angesehen, die Kratzspuren an der Schranktür, den leeren Platz, wo vorher die Stiefel standen. Dann bin ich gegangen. Draußen regnete es immer noch, und irgendwo hinter dem Hinterhof quietschte die S-Bahn in der Kurve.

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