Wachablösung in Lichterfelde

Ich bin Hausmeister in einem Mehrfamilienhaus in Berlin-Lichterfelde, seit elf Jahren, und ich sage Ihnen: den Geruch aus der Wohnung 14 vergesse ich nicht so schnell. Man riecht viel in diesem Job – verstopfte Fallrohre, verbrannte Milch, den Zigarettenqualm vom Treppenhaus-Raucher aus dem dritten Stock. Aber das hier, im Spätsommer, als ich wegen der tropfenden Markise klingelte, das war etwas anderes. Süßlich, schwer, wie alter Abwasch, der zu lange stand.

Die Tür machte er auf, Kai Brenner, groß, in Arbeitshose, den Koffer noch im Flur, gerade erst aus Stuttgart zurück von einer dreiwöchigen Montage. Er entschuldigte sich für den Gestank, fast automatisch, wie man das eben tut, wenn ein Fremder vor der Tür steht. Ich sah über seine Schulter: Pizzakartons türmten sich neben der Garderobe, eine zerdrückte Selterflasche auf dem Parkett, aus der etwas Braunes sickerte. Ich hab die Markise repariert, ihm einen Zettel für den Sperrmüll dagelassen – Mittwoch ist Abholung, Vulkanstraße Ecke – und wollte eigentlich schon gehen.

Aber die Schraube am Kurbelkasten saß fest, ich musste noch mal ran, und so stand ich zehn Minuten länger im Flur als geplant, mit dem Rücken zur Wohnzimmertür, die nur angelehnt war. Man hört dann Dinge, die einen nichts angehen. Ich hätte mir die Kopfhörer aufsetzen sollen, aber die Batterie war leer, ehrlich gesagt, und so hörte ich alles.

Eine Frauenstimme, heiser, als hätte sie tagelang nicht richtig gesprochen: „Ach, du bist wieder da. Sofort die Standpauke. Ich hab Kopfschmerzen, ich hab mich ausgeruht."

Seine Stimme, ruhiger, aber mit einem Unterton, den ich von Männern kenne, die am Ende ihrer Geduld sind, ohne es laut zu sagen: „Das nennst du Ausruhen, Melina? Zweieinhalb Wochen war ich weg. Ich frag mich, was hier passiert ist."

Dann Geschirr, das gegen etwas schlug – nicht warf, eher zurückgestellt, hart. Und sie, lauter: „Ich bin nicht dein Dienstmädchen. Wenn's dir nicht passt, wisch selber. Bestell dir was, du hast doch Geld – oder ist das auch schon alle?"

Ich hab die Schraube fertig angezogen und wollte nicht länger lauschen, das ist nicht meine Art. Aber als ich an der offenen Tür vorbeikam, um zur Wohnungstür zu kommen, sah ich ihn kurz von der Seite. Er stand da, den Werkzeuggürtel noch um die Hüfte, den Blick auf einen Fleck auf dem Teppich gerichtet, wo jemand offenbar Rotwein verschüttet hatte und nie aufgewischt. Seine Kiefermuskeln arbeiteten, aber er sagte nichts mehr. Er drehte sich um und ging in die Küche.

Ich verabschiedete mich, er hat es kaum gehört, glaube ich. Und ich fuhr mit dem Aufzug nach unten, dachte mir nichts weiter dabei – jede zweite Wohnung im Haus hat ihre Baustelle, das geht mich nichts an.

Zwei Tage später, ein Donnerstagvormittag, klingelte er unten bei mir im Kellerbüro. Er wollte wissen, ob ich einen Schlüsseldienst kenne, jemanden, der schnell kommt und diskret arbeitet. Ich hab ihm die Nummer von Herrn Dulevski gegeben, der macht das für uns im Haus schon Jahre, zuverlässig, kein Geschwätz. Kai bedankte sich, kurz, sachlich, ganz anders als der Mann, der drei Wochen zuvor mit hängenden Schultern seinen Koffer durch den Flur gezogen hatte.

Am Freitag – ich hatte gerade Frühschicht, kurz nach sieben – sah ich ihn im Treppenhaus, einen Aktenordner unterm Arm, roten Einband, so einen aus dem Schreibwarenladen an der Ecke Curtiusstraße, wo auch die alte Frau Nitzsche immer ihre Lottoscheine ausfüllt. Er trug außerdem eine Umzugskiste, halb voll, Kleidung obenauf, ein Paar Sneaker, ein Ladekabel. Er grüßte mich knapp und ging zum Auto, ein grauer VW Passat Kombi, den er vor dem Haus abgestellt hatte.

Später, als ich die Mülltonnen an den Bordstein schob, kam Melina die Treppe runter, im Bademantel, Haare fettig, und stand vor der Wohnungstür, die sich nicht mehr mit ihrem Schlüssel öffnen ließ. Sie klopfte, erst normal, dann mit der flachen Hand, rief seinen Namen durchs Treppenhaus. Ich stand mit dem Mülleimer da und wusste nicht, wo ich hinschauen sollte. Sie drehte sich zu mir um, fragte, ob ich einen Ersatzschlüssel hätte. Ich sagte, das sei nicht meine Angelegenheit, und das stimmte auch.

Kai kam erst gegen Mittag zurück, mit dem Aktenordner. Ich war gerade dabei, die Klingelschilder zu prüfen, weil im zweiten Stock jemand ausgezogen war, und hörte, wie er ihr auf der Treppe erklärte, ruhig, fast wie einem Fremden gegenüber: Die Wohnung war von Anfang an nur auf seinen Namen im Mietvertrag gelaufen, das Konto, von dem die Miete abging, ebenso. Er habe beim Amtsgericht Tempelhof-Kreuzberg eine räumungsähnliche Vereinbarung mit seinem Anwalt vorbereitet, für den Fall, dass sie nicht freiwillig auszieht, aber er habe ihr eine Frist gesetzt, vierzehn Tage, um ihre Sachen zu holen, ihre eigenen, nicht mehr. Er nannte eine Zahl, die ich nicht überhören konnte, weil er sie zweimal wiederholte, als wollte er sicherstellen, dass sie sie versteht: Er habe in den elf Jahren, die sie zusammen waren, über sechzigtausend Euro allein für die Wohnungseinrichtung und ihre gemeinsamen Rücklagen aufgebracht, und keinen Cent davon werde er zurückfordern – aber das Konto sei ab heute gesperrt, für sie.

Sie schrie ihn an, dass er sie nicht einfach aussperren könne, dass sie doch seine Frau sei. Er sagte nur, sie seien nicht verheiratet gewesen, nur zusammengezogen, und genau deshalb habe er beim Notar in der Bergstraße vorsorglich alles auf sich laufen lassen, schon vor Jahren, "für den Fall". Ich fand das kalt, als ich es hörte, ehrlich. Aber dann dachte ich an den Geruch aus der Wohnung, an die Rotweinflecken, die niemand aufgewischt hatte, an die Stimme, die "Dienstmädchen" sagte, und fand es plötzlich weniger kalt.

Sie ist noch am selben Nachmittag mit zwei Taschen und ihrer Schwester, die mit dem Auto vorfuhr, ausgezogen. Ich hab ihr die Kellertür aufgeschlossen, damit sie ihre Fahrräder rausholen konnte, mehr nicht.

Die Wohnung 14 stand danach drei Wochen leer, Kai kam nur, um zu lüften und den Boden abzuschleifen – den Teppich mit dem Rotweinfleck hat er rausgeworfen, ich hab ihn selbst zum Container gebracht. Ende September zog eine junge Krankenschwester ein, Alleinstehend, mit einem Kater. Kai wohnt seither bei seiner Schwester in Steglitz, sagte er mir neulich, als ich ihm im Hausflur die Post nachschickte, ganz ruhig, fast erleichtert. Ich hab ihm nichts gefragt. Ist ja nicht mein Flur, in dem sich das abspielt – nur der, den ich putze.

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