Der Mantel im Hinterhof von Lindenau

Jeden Abend, kurz nach dem Läuten der Sechs-Uhr-Glocke, tauchte die alte Hündin vor der Sankt-Ambrosius-Kirche in Lindenau auf. Ihr Fell war stumpf und grau meliert, an der linken Hinterpfote zog sie beim Gehen nach. Sie kam immer über den Kopfsteinweg von der Bäckerei her, stieg die drei ausgetretenen Stufen zum Portal hoch und setzte sich neben den Opferstock. Sie bellte nicht. Sie kratzte nicht an der Tür. Sie wartete.

Die Nachbarn nannten sie Mimi. Frau Kowalski aus dem Eckhaus stellte ihr eine Schüssel Wasser hin, manchmal ein Stück Wurstbrot vom Vortag, das aber meist unangerührt blieb. Sobald sich die schwere Holztür knarrend öffnete, riss Mimi den Kopf hoch und suchte die Gesichter der Herausströmenden ab, eines nach dem anderen. Dann sank ihr Kopf wieder.

Pfarrer Matthias Ebner bemerkte sie an einem Dienstag im Oktober, als der Duft von gebranntem Kaminholz aus den umliegenden Gärten über den Kirchplatz zog. Er hockte sich neben sie und strich ihr über den Kopf.

„Auf wen wartest du denn, kleine Dame?"

Mimi hielt die Augen auf den Eingang gerichtet. Ihm antwortete niemand außer der alten Krähe, die auf dem Kirchendach saß und krächzte.

Es war Hedwig Brenner, die seit dreiundvierzig Jahren im Haus gegenüber der Metzgerei wohnte, die den Hund wiedererkannte. „Mensch, das ist doch der Krümel", sagte sie an der Bushaltestelle zu niemand Bestimmtem und schüttelte den Kopf. „Der Hund von der Herzog. Guck dir den an, ganz verwahrlost. Das darf doch nicht wahr sein."

Ingrid Herzog hatte allein gelebt, seit ihr Mann vor einundzwanzig Jahren gestorben war. Sie hatte Krümel als Welpen in einem Pappkarton neben den Altglascontainern hinter dem Supermarkt gefunden, klein wie eine Faust, halb erfroren. Sie hatte sie in ein altes Federbett gewickelt und mit der Flasche großgezogen. Von da an waren die beiden unzertrennlich. Jeden Abend ging Ingrid zur Vesper, und Krümel begleitete sie bis zur Kirchentreppe, um dort zu warten. Kam Ingrid heraus, bückte sie sich immer und sagte: „Da bin ich wieder, mein Schatz. Auf geht's, nach Hause."

Ingrid war vor sechs Wochen gestorben, im Klinikum Sankt Georg, nach zwei Wochen auf der Inneren. Krümel hatte in dieser Zeit jeden Abend vor der Haustür in der Lindenstraße gesessen, die Nase an der Türschwelle, die Ohren bei jedem Schritt auf dem Gehweg gespitzt. Nach der Beerdigung hatte sich Herr Novak von nebenan der Hündin angenommen, ihr einen Platz im Flur eingerichtet, ihr Futter aus der Dose serviert. „Die frisst kaum was", erzählte er später Frau Kowalski über den Gartenzaun. „Ich stell ihr das Napf hin, und die rührt sich nicht vom Fleck. Und abends, wenn ich nicht aufpasse, ist sie weg, einfach durch den Zaunspalt." Jeden Abend riss Krümel aus und lief die zwölf Minuten zur Kirche. Sie kehrte an den Ort zurück, an dem Ingrid immer wieder zu ihr zurückgekommen war.

Am folgenden Abend ließ Pfarrer Ebner das Portal einen Spalt offen. Krümel schlich zögernd hinein, die Krallen klickten leise auf dem Steinboden zwischen den Kirchenbänken, bis sie neben dem Altar ein gerahmtes Foto von Ingrid entdeckte, umgeben von ein paar Grablichtern, die die Kirchengemeinde aufgestellt hatte. Sie blieb stehen. Näherte sich in kleinen Schritten und legte die Schnauze auf die Kante des kleinen Tisches. So verharrte sie lange. Dann legte sie sich zu Füßen des Fotos, und ihre Flanken hoben und senkten sich in langen, schweren Atemzügen, bis die Anspannung aus ihren Läufen wich und die Pfoten zur Seite kippten.

Von diesem Tag an wartete Pfarrer Ebner mit dem Abschließen, bis Krümel gekommen war. Sie kroch zu dem Bild und rollte sich zusammen. Manchmal brachte die Küsterin, Frau Lindqvist, eine dünne Wolldecke mit, die sie unter den Hund schob, und schaltete die Heizung im Altarraum eine Stunde länger als sonst.

„Das kann so nicht weitergehen", sagte sie einmal zum Pfarrer, während sie die Decke glattstrich. „Ein Hund gehört nicht auf kalte Steine. Aber wegjagen bring ich sie auch nicht."

Es vergingen drei Wochen. Eines Abends kam Krümel nicht.

Pfarrer Ebner fand sie im Morgengrauen auf der Bank vor Ingrids altem Haus in der Lindenstraße, das mittlerweile leer stand, die Fensterläden geschlossen, ein Zettel des Maklerbüros am Gartentor. Krümel lag auf Ingrids Wintermantel, den jemand zusammen mit anderen Sachen in einen Karton für die Altkleidersammlung der Caritas gepackt und vor die Tür gestellt hatte. Die Schnauze ruhte auf dem Ärmel. Sie atmete nicht mehr.

Sie begruben sie im kleinen Garten hinter der Kirche, unter dem alten Apfelbaum, der im Frühling immer als Erster blühte. Auf den Stein ließ die Gemeinde meißeln: „Krümel, gestorben im November, treuer Begleiter der Ingrid Herzog."

Frau Lindqvist hebt den Mantel bis heute auf. Er hängt in der Sakristei, an einem Haken neben den Messgewändern, für den Fall, dass ihn doch noch jemand von der Familie abholen will. Bisher hat sich niemand gemeldet. An kalten Abenden, wenn sie die Kerzen löscht, bleibt sie manchmal kurz davor stehen, fasst den Ärmelsaum zwischen zwei Finger und lässt ihn wieder los, bevor sie das Licht ausmacht und die Tür hinter sich zuzieht.

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