Der Reißverschluss von Lottes Schulranzen

Die Hütte am Stadtrand

„Vielleicht verkaufen wir sie, brauchen wir eh nicht."

Frank sagte es zwischen zwei Bissen Kartoffelsalat, ohne aufzusehen, als wäre die Rede von einem alten Fahrrad im Keller. Katrins Gabel blieb in der Luft stehen.

„Verkaufen? Das ist doch – das war Papas Werkstatt."

„Deins ist es ja nicht", sagte Frank. „Steht auf meinem Namen."

„Seit wann?"

„Seit März."

Katrin rief noch am selben Abend ihre Mutter an. Grete Aumann saß in ihrer Küche in Bautzen, das karierte Hemd ihres Enkels auf dem Schoß, die Nadel noch im Stoff, und hörte zu, wie ihre Tochter am Telefon zwischen Wut und Fassungslosigkeit hin- und herschwankte.

„Er hat's einfach gemacht, Mama. Ohne mich zu fragen. Ohne dich zu fragen."

„Ich weiß", sagte Grete nur. Mehr nicht.

Sie legte auf, nähte den letzten Knopf an, biss den Faden mit den Zähnen ab – eine Angewohnheit, die ihr Zahnarzt seit Jahren verbat – und saß dann eine Weile still am Tisch. Draußen bellte der Hund der Nachbarin, wie jeden Abend um diese Zeit, drei Mal, dann Ruhe.

Grete nähte die Kleidung ihrer Enkelkinder nicht, weil das Geld knapp war. Es war knapp, ja – die Rente reichte gerade so für Miete, Heizung und die Fahrten zur Diabetes-Sprechstunde. Aber sie nähte, weil ihre Hände es konnten und weil niemand sonst in der Familie noch wusste, wie man einen Saum ordentlich umschlägt. Ihre Nähmaschine, eine Veritas aus DDR-Zeiten, stand seit zwei Wochen ausgeklappt auf dem Küchentisch. Der Stoff – dunkelblauer Cord für die Hosen, ein kariertes Baumwollhemd für den Kleinen – war im Ausverkauf bei Stoffe Rieger gekauft worden, günstiger als alles, was H&M oder Kik anzubieten hatten, und er hielt auch noch, wenn die Billigware längst ausgeleiert war.

Ihre Tochter hatte sich damals gegen die Nähmaschine entschieden, für eine Ausbildung zur Steuerfachangestellten, für ein Leben mit Bürostuhl und Kaffeevollautomat. „Niedlich, aber unnötig" – das hatte Katrin einmal so gesagt, beim Kaffeetrinken, halb im Scherz. Grete hatte nichts erwidert. Sie hatte nur weitergenäht.

Die Hütte war etwas anderes. Frank hatte sie vor drei Jahren geerbt, ein windschiefes Ding mit Werkbank und altem Ofen, das Gretes verstorbener Mann selbst gezimmert hatte. Sie hatte immer angenommen, die Hütte bliebe in der Familie, ein Ort, an dem die Enkel im Sommer Limonade tranken und Frank an Sonntagen Holz sägte. Doch Frank hatte im Frühjahr, ohne ein Wort zu verlieren, die Hütte samt Grundstück auf seinen eigenen Namen überschrieben lassen – als „Ausgleich", wie er später sagte, dafür, dass er „all die Jahre die Familie mitgetragen" habe. Für Grete war es kein Ausgleich. Es war das Letzte, was von ihrem Mann übrig war, und plötzlich gehörte es einem Mann, der ihr beim Grillfest im Juni kaum die Hand gereicht hatte.

Schon damals, im Juni, hatte Gretes Mann – nein, ihr verstorbener Mann konnte nichts mehr sagen, aber die Papiere, die er hinterlassen hatte, lagen seit Jahren in einer Mappe im untersten Fach ihres Schranks. Sie hatte sie nie gebraucht. Nun holte sie den alten Erbvertrag heraus, blätterte ihn durch am Küchentisch, während draußen der Regen gegen die Scheibe schlug, und suchte nach etwas, an das sie sich nur vage erinnerte: eine Formulierung, die der Notar 2003 eingefügt hatte, "für alle Fälle", wie er damals gesagt hatte, als ihr Mann noch lebte und die Hütte gerade fertig geworden war.

Sie fand die Seite, las sie zweimal, dann noch ein drittes Mal, weil die juristische Sprache ihr fremd war und sie nicht sicher sein wollte. Am nächsten Morgen rief sie in der Kanzlei an. Der alte Notar war längst in Rente, aber seine Nachfolgerin nahm sich Zeit, ließ sich die Aktennummer geben, blätterte selbst nach.

„Ja", sagte die Frau am Telefon schließlich, „das Wohn- und Nutzungsrecht ist noch im Grundbuch eingetragen. Es wurde nie gelöscht."

„Und das bedeutet?"

„Dass der Eigentümer das Grundstück besitzen darf, aber solange das Recht besteht, kann er es nicht frei verkaufen oder vermieten, ohne die Berechtigte einzubeziehen."

Grete bedankte sich, legte auf und blieb noch lange am Tisch sitzen, die Mappe vor sich, ohne sie zu berühren. Ganz sicher war sie sich noch nicht. Vielleicht würde Frank einen eigenen Anwalt einschalten. Vielleicht gab es eine Lücke, die sie übersah. Aber es war mehr, als sie am Vortag gehabt hatte.

Am Samstag packte sie die fertigen Kleidungsstücke in eine Stofftasche – für Lotte die Cordhose mit dem extra verstärkten Knie, weil das Kind ständig hinfiel, für den Kleinen das karierte Hemd – und legte die Mappe obenauf. Im Bus zu Katrin dachte sie nicht an Frank. Sie dachte an ihren Mann, wie er vor über zwanzig Jahren jedes Brett der Hütte selbst zugesägt hatte, wie er ihr gesagt hatte: „Das bleibt für die Kinder." Nicht für den Schwiegersohn. Für die Kinder.

Bei Katrin angekommen, saß Frank am Küchentisch, Zeitung vor sich, tat, als wäre nichts. Lotte, neun Jahre alt, kam angerannt, um die neue Hose anzuprobieren, drehte sich einmal um die eigene Achse. „Passt perfekt, Oma."

Grete strich kurz über den Stoff an Lottes Knie, wo die verstärkte Naht saß, dann setzte sie sich zu Frank an den Tisch und legte die Mappe vor ihm ab.

„Frank. Ich habe mit der Notarin gesprochen."

Er sah auf, die Zeitung sank ein Stück. „Was für einer Notarin?"

„Der Nachfolgerin von dem, der damals den Erbvertrag mit meinem Mann aufgesetzt hat. Es gibt eine Klausel." Sie schlug die Mappe auf. „Ein Wohn- und Nutzungsrecht auf Lebzeiten, eingetragen im Grundbuch, zugunsten meines verstorbenen Mannes und im Erbfall zugunsten seiner leiblichen Nachkommen. Das ist Katrin. Nicht du."

Frank griff nach dem Papier, überflog es, seine Augen wanderten die Zeilen zweimal hoch und runter. „Das kann nicht stimmen. Das Grundstück ist auf mich überschrieben –"

„Das Grundstück schon. Das Nutzungsrecht nicht. Ruf deinen eigenen Notar an, wenn du mir nicht glaubst. Es steht seit 2003 im Grundbuch, lange bevor du und Katrin geheiratet habt."

„Das prüfe ich", sagte er, schon deutlich leiser, und stand auf, um sein Handy zu holen.

Er verschwand ins Nebenzimmer. Man hörte ihn sprechen, dann warten, dann wieder sprechen. Katrin stand in der Türschwelle, die Arme verschränkt, und sagte kein Wort, während die Minuten vergingen. Als Frank zurückkam, war sein Gesicht blass geworden.

„Es stimmt", sagte er. „Der Kollege hat's bestätigt. Ich kann das Grundstück behalten, aber verkaufen oder umschreiben lassen kann ich es nicht, solange Katrin lebt und das Recht besteht."

„Wieso hast du mir das nie gesagt?", fragte er dann Grete, leiser noch.

„Weil du nie gefragt hast", sagte Grete. „Du hast einfach unterschrieben."

Sie stand auf, strich die Cordhose auf Lottes Bauch glatt, wo noch eine Stecknadel steckte, zog sie heraus und steckte sie sich ins Nadelkissen am Handgelenk. „Am Montag hat Lotte den ersten Schultag. Ich hole sie um sieben ab, dann kann sie unterwegs noch Frühstück bei mir essen."

Frank sagte an diesem Abend nichts mehr. Die Zeitung war zu Boden gerutscht, keiner hob sie auf.

Der erste Sonntag danach war kühl, der Himmel über Bautzen hing tief und grau. Grete saß auf der Bank vor der Hütte, die ihr Mann selbst gezimmert hatte, das kariertes Hemd des Kleinen auf dem Schoß, und nähte den letzten Knopf an. Lotte rannte in der neuen Cordhose über den Hof, blieb stehen, kam näher, roch an der offenen Tür der Werkstatt.

„Riecht komisch hier drin, Oma. Nach altem Holz."

„Das ist Sägemehl", sagte Grete. „Von deinem Opa. Das riecht seit zwanzig Jahren so."

Lotte setzte sich neben sie auf die Bank, so dicht, dass ihr Ellbogen gegen Gretes Arm stieß, gerade als die Nadel durch den Stoff fuhr. Die Spitze streifte Gretes Daumen, ein winziger roter Punkt blieb zurück. Sie steckte den Finger kurz in den Mund, dann nähte sie weiter, ohne die Naht zu verlieren.

„Wird das für mich?", fragte Lotte.

„Für deinen Bruder. Du kriegst erst die Hose fertig genäht, dann bist du dran."

Frank kam aus der Hütte, einen Besen in der Hand, kehrte Sägespäne zusammen, die dort seit Jahren lagen. Er sagte nichts, aber er kehrte gründlich, bis in die Ecken, dorthin, wo der alte Ofen stand.

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