Der Preis der Rückkehr

Tut mir leid, Mama, aber ich will die Feiertage nicht mit dir verbringen. Jetzt fällt dir ein, dass du Enkel hast? Wo warst du vorher?

Ich heiße Katharina, bin dreiunddreißig und habe drei Kinder. Klingt nach einem normalen Leben. Ist es auch — bis auf den Teil, in dem meine Mutter wieder aufgetaucht ist.

Sie heißt Sigrid. Meine Mutter. Wobei: Mutter ist ein großes Wort. Für mich war sie nie eine. Sie war eher so eine entfernte Bekannte, die alle paar Jahre eine Postkarte aus Rimini schickte. „Alles Liebe, denk an dich, ciao“. Als ob ich ihre italienische Brieffreundin wäre.

Ich erinnere mich noch genau an den Tag, an dem sie ging. Ich war zehn. Es war ein Dienstag im November, es regnete, und sie stand im Flur unserer Wohnung in Chemnitz, zwei Koffer vor den Füßen. Sie gab mir einen Kuss auf die Stirn, drückte mir zwanzig Mark in die Hand und sagte: „Pass auf dich auf. Oma kommt gleich.“ Dann zog sie die Tür zu. Ich habe ihr nie gesagt, dass ich die zwanzig Mark am nächsten Tag für ein Schulheft und einen Schokoriegel ausgegeben habe. Der Riegel war schneller weg als meine Tränen.

Oma Martha zog bei mir ein. Sie hat mich großgezogen, mir die Haare geflochten, mit mir Mathe geübt. Als ich mit einer Eins in Geschichte nach Hause kam, rief sie laut „Bravo!“ und buk einen Apfelkuchen. Meine Mutter rief aus Italien an, hörte von der Eins und sagte: „Mhm, schön.“ Dann redete sie eine halbe Stunde über den Mann, den sie im Hotel kennengelernt hatte. Er hieß Giovanni und hatte ein Motorrad. Ich saß am Küchentisch und drehte die Schnur des Telefons um den Finger, bis sie weiß wurde.

Zehn Jahre lang kam nichts. Kein Geburtstagsanruf, der länger als drei Minuten dauerte. Kein Weihnachtsgeschenk, das nicht verspätet eintraf. Als Oma Martha starb, rief ich Sigrid an. Sie war am Strand, im Hintergrund lief laute Musik. „Ich kann jetzt nicht, Schatz, wir haben Hochsaison. Ich schick dir Geld für den Kranz.“ Kein Beileid, kein „Ich komme“. Nur ein Kontoauszug mit fünfzig Euro. Ich habe den Kranz selbst bezahlt und das Geld zurücküberwiesen. Sie hat es nie abgehoben.

Dann kam Daniel. Mein Mann. Er ist Kfz-Mechatroniker, arbeitet in einer Werkstatt am Stadtrand, verdient zweitausendeinhundert netto. Wir wohnen in seiner Oma-Wohnung: zwei Zimmer, vierundfünfzig Quadratmeter, Küche mit Gasherd, Bad mit altem Boiler. Die Möbel sind von seiner Großmutter — dunkles Holz, schwere Schränke, ein Sofa mit Blümchenmuster. Unsere Kinder schlafen im größeren Zimmer: Finn, fünf, und die Zwillinge Lina und Paul, zwei. Ich bin noch in Elternzeit. Zwischen Windeln, Brei und Wäschebergen bleibt wenig übrig für Gefühle. Aber ich habe meine Familie. Das reicht.

Essen kriegen wir zum Teil von Daniels Eltern aus dem Erzgebirge. Jeden zweiten Sonntag bringen sie Eier, Milch, eingekochtes Gemüse. Meine Schwiegermutter stopft die Kinder voll mit Kartoffelpuffern. Ohne diese Lieferungen ginge es nicht. Ich kaufe Kleidung im Second-Hand-Laden „Klamotte“ um die Ecke. Einmal im Monat gönne ich mir einen Cappuccino bei der Bäckerei für zwei Euro neunzig. Das ist mein Luxus.

Und plötzlich: ein Anruf. Ich erkenne die Nummer nicht. „Schatzi, ich bin’s, Mama. Ich bin wieder in Deutschland! Ich komm dich besuchen! Über Weihnachten!“ Ich stehe mit dem Telefon zwischen Ohr und Schulter, auf dem Arm ein quengelndes Baby. „Tut mir leid, Mama, aber ich will die Feiertage nicht mit dir verbringen. Jetzt fällt dir ein, dass du Enkel hast? Wo warst du vorher?“ Sie lacht. „Ich bin doch jetzt da! Sei nicht so. Ich will meine Enkelkinder sehen!“ Ich lege auf. Drei Sekunden später schreibt sie eine WhatsApp: „Ich komme am 23. mit dem Zug. Holst du mich ab?“

Ich antworte nicht. Stattdessen schicke ich Daniel eine Nachricht: „Meine Mutter will kommen. Wir brauchen einen Plan.“

Sie kam trotzdem. Am 23. Dezember um halb fünf stand sie vor der Tür. Ich sah sie durch den Spion: eine Frau in einem viel zu dünnen Mantel, die Haare rot gefärbt, die Wangen eingefallen. Sie klingelte viermal hintereinander. Ich öffnete die Tür einen Spalt. „Ich habe dir gesagt, du sollst nicht kommen.“ „Aber ich bin deine Mutter!“ Ihre Stimme wurde laut. „Lass mich rein! Ich habe nirgendwo zu schlafen!“ Hinter mir weinte Paul. „Du kannst hier nicht bleiben. Die Wohnung ist zu klein.“ „Dann lass mich wenigstens die Kinder sehen!“ Ich schob die Tür zu, aber sie stellte den Fuß dazwischen. „Ich rufe die Polizei, wenn du mich nicht einlässt!“ Ich drückte die Tür mit dem Knie zu. Es knackte. Sie schrie: „Du herzloses Ding! Ich habe dich großgezogen!“ Nein, dachte ich, das hat Oma Martha getan. Du warst in Rimini.

Am nächsten Morgen stand ein Brief vom Jugendamt im Kasten. Sigrid hatte behauptet, ich würde die Kinder abschotten und die Großmutter nicht sehen lassen. Eine Woche später saß eine Sozialarbeiterin in unserer Küche. Sie trank einen Tee, den ich nicht bezahlen konnte, und hörte zu. Ich zeigte ihr Fotos: Oma Martha auf dem Schoß mit Finn, Daniels Mutter beim Plätzchenbacken mit den Zwillingen. „Und wo ist Ihre Mutter?“, fragte sie. Ich holte mein Handy und scrollte. Zehn Jahre WhatsApp-Verlauf. Sieben Nachrichten von ihr. Drei davon Ein-Satz-Antworten auf meine Geburtsanzeigen. „Glückwunsch.“ „Schön.“ „Ok.“ Die Sozialarbeiterin machte sich Notizen. Als sie ging, sagte sie: „Ich sehe hier keine Grundlage für ein Umgangsrecht. Aber wenn Ihre Mutter klagt, sollten Sie vorbereitet sein.“

Ich ging zu einer Beratungsstelle. Zwölf Euro für den Beratungsschein. Die Anwältin hörte sich alles an, trommelte mit den Fingern auf dem Tisch. „Wir können ein Kontaktverbot beantragen. Aber das kostet. Und Sie brauchen Beweise, dass Ihre Mutter nie Interesse gezeigt hat.“ Ich nickte. Sie nannte eine Zahl: „Rechnen Sie mit 700 bis 800 Euro Gerichtskosten, wenn Sie gewinnen. Sonst mehr.“ 750 Euro. Das sind zwei Monate Windeln und Babynahrung. Ich schluckte. Daniel legte seine Hand auf meine. „Mach es“, sagte er. „Ich übernehme zwei Wochenenden Nachtschicht.“ Wir reichten die Klage ein. Sigrid bekam eine Ladung.

Der Gerichtstermin war an einem Dienstag im Februar. Ich trug meine einzige saubere Bluse und eine Mappe mit Unterlagen. Sigrid kam in einem roten Pullover, der nach Zigaretten roch. Sie weinte während der ganzen Verhandlung. „Ich will doch nur meine Enkel!“ Der Richter fragte: „Wann haben Sie Ihre Tochter zuletzt umarmt?“ Sie zögerte. „Ich war im Ausland. Ich musste Geld verdienen.“ „Wann haben Sie zuletzt nach den Kindern gefragt?“ Sie sah auf ihre Hände. „Ich hatte viel Stress.“ Ich legte die Mappe auf den Tisch. Schulzeugnisse, auf denen nur Oma Martha unterschrieben hatte. Ärztliche Unterlagen der Kinder, in denen als Großmutter väterlicherseits „Helga“ eingetragen war, nicht Sigrid. Ein Ausdruck aus dem Online-Banking: die Überweisung von fünfzig Euro für den Kranz, die sie nie abgehoben hatte. Und ein Sprachanruf-Protokoll: insgesamt dreiundvierzig Minuten Telefonzeit in zehn Jahren. Der Richter blätterte. Dann sagte er: „Das Gericht sieht keine gewachsene Bindung. Frau Berger, Sie haben kein Recht, die Kinder gegen den Willen der Mutter zu sehen.“ Er tippte auf die Papiere. „Ich erlasse ein Kontaktverbot. Sie dürfen sich der Wohnung und den Kindern nicht näher als hundert Meter nähern. Und Sie tragen die Kosten des Verfahrens: siebenhundertfünfzig Euro.“

Sigrid stand auf. Ihr Stuhl kippte nach hinten. „Das ist nicht fair! Ich bin die Großmutter!“ Der Sicherheitsdienst führte sie hinaus. Ich blieb sitzen, die Hände flach auf der Tischplatte. Die Mappe war nass. Nicht von Tränen — ich hatte nicht geweint. Vom Schweiß.

Zwei Tage später bekam ich das schriftliche Urteil. Ich steckte es in einen großen braunen Umschlag. Adressiert an Sigrid Berger, Postlagernd, Chemnitz. Einschreiben mit Rückschein. Bei der Post kostete das sechs Euro zehn. Ich klebte die Marke auf und warf den Umschlag in den Kasten. Der Schalterbeamte stempelte ab. „Und jetzt?“, fragte er, weil er mein Gesicht sah. „Jetzt ist es vorbei“, sagte ich. „Hoffentlich.“

Eine Woche später rief sie an. Ich erkannte die Nummer und drückte auf „Blockieren“. Dann löschte ich den Anruf. Kein Zittern. Kein schlechtes Gewissen. Nur noch die Frage, was ich mit den zwanzig Mark von damals machen soll. Die gibt es nicht mehr. Aber ich hob den Telefonhörer, wählte die Nummer von Daniels Mutter und fragte: „Helga, kannst du am Wochenende auf die Kinder aufpassen? Ich will mit Daniel endlich mal ins Kino.“ Sie lachte. „Für euch doch immer.“

Das Urteil liegt jetzt in einer Schublade. Unter dem Deckel klebt ein Zettel: „750 Euro. Bezahlt.“ Nicht von mir. Von Sigrid. Denn jede Woche überweist sie fünfzig Euro. Sieben Monate lang. Dann ist es abbezahlt. Das ist der Preis ihrer Rückkehr. Und der Preis meiner Ruhe. Klingt teuer. Aber wissen Sie, was teurer war? Jedes Weihnachten als Kind am Fenster zu stehen und auf eine Frau zu warten, die nie kam.

Der Beschluss ist da. Ich muss ihn nicht lesen. Er liegt zwischen den Rechnungen und dem Impfpass. Ganz unten. Da gehört er hin.

Und wenn ich heute Abend die Kinder ins Bett bringe, werde ich ihnen eine Geschichte vorlesen. Von einer Oma, die immer da war. Die heißt Helga. Und die backt die besten Kartoffelpuffer im ganzen Erzgebirge.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Der Preis der Rückkehr