Platz 14

Ich wohne in Freiburg, in einem Altbau mit Tiefgarage. Für 85 Euro im Monat gehört mir der Stellplatz Nummer 14. Das stand so im Mietvertrag, das stand so auf dem Schild an der Wand. Jeden Morgen um kurz nach sieben kam ich mit meinem alten Golf von der Nachtschicht und wollte nur noch hoch in meine Wohnung. Und jeden Morgen stand da ein silberner Opel Astra auf meinem Platz. Quer, als ob er sich breitmachen wollte.

Die ersten zwei Wochen dachte ich: Vielleicht ein Besucher, der sich verirrt hat. Ich hinterließ einen Zettel unter dem Scheibenwischer. „Bitte nicht auf Platz 14 parken. Der ist vermietet. Danke.“ Am nächsten Morgen war der Zettel weg, das Auto stand wieder da. Ich schrieb einen zweiten, fester im Ton. Der dritte hing noch unter dem Scheibenwischer, als ich abends wegging. Am Morgen war er verschwunden, der Astra stand da, als hätte er nie woanders gestanden.

Ich rief die Hausverwaltung an. Die Frau am Telefon seufzte. „Da kann ich nichts machen. Der Mann hat einen Schlüssel für die Garage, aber keinen Mietvertrag. Sie müssen das selbst klären.“ Ich fragte: „Welcher Mann?“ Sie sagte: „Der ältere Herr, der immer um sechs kommt und das Auto abstellt. Der geht dann wieder. Vielleicht wohnt er irgendwo anders.“

Ich legte auf. 85 Euro im Monat. Das sind 1020 Euro im Jahr. Für einen Platz, auf dem ein Fremder parkte.

Am nächsten Morgen stellte ich meinen Wecker auf fünf. Ich zog mich im Dunkeln an, trank einen kalten Kaffee aus dem Becher von gestern. Um kurz vor sechs stand ich in der Tiefgarage, hinter der Säule neben dem Aufzug. Der Beton roch nach Feuchtigkeit und altem Öl. Die Neonröhre über Platz 13 flackerte, als ob sie gleich aufgeben würde. Von irgendwo oben bellte der Dackel von Herrn Wimmer aus dem dritten Stock. Punkt sieben, wie immer, wenn die Zeitung kam. Aber es war noch nicht sieben.

Um sechs Uhr drei rollte der silberne Astra die Rampe herunter. Der Motor war leise, aber in der leeren Garage hörte ich jedes Knirschen der Reifen. Er fuhr direkt auf Platz 14, stoppte, der Fahrer stieg aus. Ein Mann, vielleicht Mitte siebzig, dünne Beine in einer grauen Stoffhose, eine abgewetzte Jacke. Er schloss das Auto ab, steckte den Schlüssel in die Tasche. Dann ging er nicht zum Aufzug. Er ging zur Ausfahrt, zur Straße. Und verschwand um die Ecke.

Ich stand da, mit klammen Fingern um den leeren Kaffeebecher. Der Mann wohnte hier nicht. Er kam jeden Morgen um sechs, parkte auf meinem Platz und ging weg. Wohin? Zur Bushaltestelle? Warum?

Ich wartete noch zehn Minuten. Um zwanzig nach sechs kam ein Bus der Linie 27. Durch das Garagentor sah ich, wie der Mann einstieg. Die Türen schlossen sich, der Bus fuhr ab. Ich ging zurück zu meinem Golf, der weiter hinten stand, auf einem der Besucherplätze. Ich stieg ein und blieb sitzen.

Am Abend schrieb ich eine Nachricht an die Hausverwaltung. Ich verlangte, dass der Mann entfernt wird, dass mein Platz freigegeben wird, dass ich mein Geld zurückbekomme. Die Antwort kam am nächsten Morgen: „Der Herr heißt Siebert. Er hat früher in dem Haus gewohnt. Seine Tochter wohnt noch hier, in Wohnung 5. Er parkt dort, weil er einen Schlüssel hat. Wir können ihm den Schlüssel nicht wegnehmen, er hat ihn von der Vormieterin Ihrer Wohnung bekommen. Klären Sie es mit ihm.“

Ich war wütend. 1020 Euro. Und eine Hausverwaltung, die nichts tat.

Am Samstag passte ich ihn ab. Ich stand um sechs vor der Garageneinfahrt, die Arme verschränkt. Als er den Motor abstellte und ausstieg, trat ich vor. Er sah mich nicht an, sondern bückte sich, um die Fußmatte des Autos gerade zu rücken. Das machte mich noch wütender.

„Herr Siebert“, sagte ich. „Das ist mein Platz. Ich bezahle 85 Euro im Monat dafür. Jeden Monat. Seit elf Monaten.“

Er richtete sich auf, wischte sich die Hände an der Jacke ab. „Ich weiß“, sagte er. „Deshalb bin ich ja da.“

Ich verstand kein Wort. „Wie bitte?“

Er zeigte auf mein Auto, das auf dem Besucherplatz stand. „Sie kommen immer nach sieben. Da sind alle Plätze belegt. Wenn ich nicht auf Ihrem Platz stehen würde, stünde da jemand anderes. Jemand, der nicht mehr wegfährt.“

„Das ist egal. Es ist mein Platz. Ich will, dass Sie verschwinden.“

Er zog einen zerknitterten Zettel aus der Innentasche. „Lesen Sie das.“ Er drückte ihn mir in die Hand und ging zur Ausfahrt. Ich entfaltete das Papier. Es war eine ärztliche Bescheinigung. „Frau Krause, Pflegedienst, benötigt täglich einen Stellplatz in unmittelbarer Nähe des Aufzugs für den Transport von Patientin Siebert zur Dialyse. Behandlungsbeginn: 7:45 Uhr.“

Ich drehte den Zettel um. Auf der Rückseite stand mit Bleistift: „Platz 14 bleibt frei, wenn ich ihn blockiere. Bitte nicht abschleppen.“

Ich stand in der Garage, der Zettel zitterte in meiner Hand. Der Dackel von Herrn Wimmer fing an zu bellen. Es war Punkt sieben.

Ich ging nicht hoch in meine Wohnung. Ich setzte mich in meinen Golf und fuhr zur Hausverwaltung. Die Frau am Empfang erkannte mich sofort. „Ich will den Platz kündigen“, sagte ich. „Aber nicht mich. Ich will, dass er offiziell auf Frau Krause läuft. Die Pflegerin von Frau Siebert.“

Die Frau zog die Augenbrauen hoch. „Das geht nicht einfach so. Der Platz ist an Ihren Mietvertrag gebunden.“

„Dann ändern Sie den Mietvertrag. Ich zahle weiter die 85 Euro. Aber das Schild an der Wand bekommt einen neuen Namen. Frau Krause. Und Herr Siebert bekommt einen Schlüssel, der offiziell eingetragen ist.“

Sie tippte etwas in den Computer. „Das muss der Eigentümer genehmigen.“

„Dann rufen Sie ihn an.“

Sie rief an. Der Eigentümer, ein Herr Dr. Brandt, hörte sich die Sache an. Ich hörte seine Stimme durch den Hörer, als sie den Lautsprecher anhatte. „Wenn die Mieterin das so will, machen wir das. Aber die Kosten für das neue Schild trägt sie.“

Ich nickte. „Mache ich.“

Am Montag kam der Techniker. Er schraubte das alte Schild „14 – vermietet“ ab und brachte ein neues an: „Reserviert für Frau Krause, Pflegedienst“. Es kostete 23 Euro. Ich überwies das Geld noch am selben Tag.

Am Dienstagmorgen um sechs stand ich wieder in der Garage, hinter der Säule. Ich hatte keine Thermoskanne dabei, nur meine kalten Hände in den Taschen. Der silberne Astra rollte die Rampe herunter. Herr Siebert stieg aus, ging um das Auto herum, blieb vor dem Schild stehen. Er las es. Dann las er es noch einmal. Er nahm seine Brille ab, putzte sie mit dem Ärmel, setzte sie wieder auf. Er sagte nichts. Er stieg ins Auto und fuhr rückwärts aus der Garage. Die Räder quietschten auf dem Beton.

Eine halbe Stunde später kam ein roter Kleinwagen. Eine Frau um die fünfzig, in einer weißen Jacke, stieg aus und ging zum Aufzug. Sie drückte den Knopf, dann drehte sie sich um und sah das Schild. Sie trat einen Schritt zurück. Sie zog ihr Handy aus der Tasche, tippte etwas, hielt es ans Ohr. Ich hörte nur ein paar Worte: „Ja, ich habe einen Platz. Direkt am Aufzug.“ Sie drückte die Tränen weg, bevor die Aufzugtür aufging.

Ich ging nach oben. In meiner Küche machte ich mir einen Tee. Auf dem Tisch lag der Zettel von Herrn Siebert, die ärztliche Bescheinigung. Ich glättete ihn und steckte ihn in eine Klarsichthülle. Dann schrieb ich eine Überweisung an die Hausverwaltung: 1020 Euro für das kommende Jahr. Betreff: Stellplatz 14 für Frau Krause.

Ich habe den Platz nicht mehr. Aber wenn ich abends von der Arbeit komme und an der Tiefgarage vorbeigehe, sehe ich manchmal den roten Kleinwagen. Und ich weiß, dass um sechs Uhr früh niemand mehr einen silbernen Astra abstellen muss, um einen Platz für eine kranke Frau freizuhalten.

Das war's. Ich habe den Zettel in die Klarsichthülle gelegt und in die Schublade geschoben. Neben die unbezahlten Rechnungen.

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