Fünfzehn Jahre lang hat Rosemarie Brandt jeden Sonntagvormittag denselben Weg gemacht: von ihrer Wohnung in der Ludwigstraße in Regensburg zur Kfz-Werkstatt am Stadtrand, die ihrem Mann Bertold gehört hatte. Sie brachte ihm ein Glas Gulasch und blieb eine Stunde, während er unter irgendeinem Golf oder Passat lag und sie ihm die Neuigkeiten aus der Nachbarschaft erzählte.
Seit Bertolds Tod im März waren es fünf Monate. Und seit drei Wochen wusste sie, dass die Werkstatt nicht mehr ihr gehörte.
Ihr Schwiegersohn Matthias hatte es ihr beim Kaffee erzählt, so beiläufig, als würde er über das Wetter sprechen. Bertold habe ihm die Werkstatt schon vor zwei Jahren "in Aussicht gestellt", er habe da so ein Papier, ein "Vorvertrag", den der alte Mann noch unterschrieben hatte, bevor die Demenz schlimmer wurde. Vierzigtausend Euro habe er zum Ausgleich überwiesen, keine große Summe, aber "fair, unter Familie". Ihre Tochter Sabine hatte dabei nur auf ihren Teller gestarrt und nichts gesagt.
Rosemarie hatte damals nur genickt. Sie wollte keinen Streit am Tisch ihrer Enkelkinder.
Aber sie hatte auch nicht vergessen, dass die Werkstatt seit achtundzwanzig Jahren auf Bertolds Namen lief — und dass Bertold, als die Vergesslichkeit schon da war, kaum noch wusste, welcher Wochentag gerade war, geschweige denn, was er unterschrieb.
Die Werkstatt roch nach Motoröl und kaltem Kaffee aus der Thermoskanne, die immer noch auf dem Regal neben den Reifen stand. Ein Radio lief leise, irgendein Lokalsender aus Regensburg, Verkehrsnachrichten für die A3. Draußen bellte der Hund vom Nachbargrundstück, der schon seit Jahren jeden Kunden begrüßte, der in die Einfahrt bog. Rosemarie stand zwischen den Hebebühnen und sah sich um, als würde sie den Ort zum ersten Mal betreten.
In der untersten Schublade von Bertolds altem Metallschrank, unter einer Lage Lappen, fand sie die Kladde, in der er seit Jahrzehnten jede Reparatur, jede Rechnung, jede mündliche Absprache mit Kunden handschriftlich notiert hatte — eine Gewohnheit aus einer Zeit vor Computern, die er nie abgelegt hatte. Der letzte Eintrag stammte vom Vorjahr, die Handschrift schon zittrig, aber lesbar: "Werkstatt bleibt bei Rosi. Sabine u. Kinder sollen sich vertragen." Kein Wort von Matthias, kein Wort von vierzigtausend Euro.
Sie fuhr am Montag zu Frau Dr. Elke Hasenclever, der Anwältin, die schon Bertolds Testament aufgesetzt hatte, oben in der Kanzlei am Dachauplatz mit Blick auf die Straßenbahnschienen. Auf dem Tisch lag die Akte, dick, mit einem gelben Post-it, auf dem "Brandt, Nachlass" stand.
"Der Vorvertrag, den Ihr Schwiegersohn vorlegt", sagte Frau Hasenclever und blätterte, "ist von einem Notar in Straubing beglaubigt. Datum: 14. Februar, vor zwei Jahren."
"Da war Bertold schon krank."
"Das müssen wir beweisen. Haben Sie ärztliche Unterlagen aus der Zeit?"
Rosemarie hatte sie. Der Hausarzt, Dr. Feldmann, hatte im Januar desselben Jahres eine beginnende Demenz diagnostiziert, mittelschwer, mit Einschränkung der Geschäftsfähigkeit in wiederkehrenden Phasen. Sie hatte die Befunde all die Jahre in einem Ordner aufbewahrt, aus Gewohnheit, nicht aus Berechnung.
"Das reicht für eine Anfechtung", sagte die Anwältin. "Aber das wird kein stiller Prozess. Ihr Schwiegersohn wird das nicht kampflos hergeben."
Sie hatte recht.
Der Anruf kam noch am selben Abend. Matthias, seine Stimme lauter als sonst, im Hintergrund das Geschirrklappern aus Sabines Küche. Er sprach von Respektlosigkeit, davon, dass er der Werkstatt seine besten Jahre gegeben habe, dass er dort samstags geschraubt habe, während Bertold schon im Sessel eingeschlafen sei. Rosemarie hörte zu, den Hörer ans Ohr gepresst, die andere Hand auf der Kladde ihres Mannes, die sie seit dem Wochenende nicht mehr aus der Hand gelegt hatte.
"Vierzigtausend Euro, Matthias. Für eine Werkstatt, die letztes Jahr allein an Wartungsverträgen achtzigtausend eingebracht hat."
"Das war der Preis, auf den wir uns geeinigt hatten."
"Ihr habt euch geeinigt. Bertold hat unterschrieben, ohne zu wissen, welcher Monat ist."
Stille am anderen Ende, dann Sabines Stimme, leiser, im Hintergrund: "Matthias, leg auf." Er legte nicht auf. Er sagte noch, dass sie es bereuen werde, dass die Familie das nicht vergessen werde, und dann war die Leitung tot.
Der Termin vor dem Amtsgericht Regensburg fand acht Wochen später statt, an einem Dienstag im Oktober, mit Blick aus dem Fenster auf die ersten braunen Blätter am Ufer der Donau. Matthias erschien im dunklen Anzug, mit seinem eigenen Anwalt, einem jungen Mann aus Nürnberg, der von "familiärer Verbundenheit" und "wirtschaftlicher Beteiligung" sprach. Sabine saß zwei Reihen hinter ihm, nicht neben ihm.
Dr. Feldmann trat als Zeuge auf. Er beschrieb die Untersuchung vom Februar, die Verwirrtheit, die Bertold schon damals gezeigt hatte, das wiederholte Fragen nach dem gleichen Sachverhalt innerhalb einer Stunde. Der Notar aus Straubing, ebenfalls geladen, gab widerwillig zu, keine gesonderte Geschäftsfähigkeitsprüfung durchgeführt zu haben — Bertold habe "ruhig und gefasst" gewirkt.
Die Richterin, eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und einer Lesebrille, die sie ständig auf- und absetzte, hörte sich beide Seiten drei Stunden lang an. Am Ende erklärte sie den Vorvertrag wegen fehlender Geschäftsfähigkeit für nichtig. Die vierzigtausend Euro blieben bei Matthias — als Anerkennung der geleisteten Arbeit, aber ohne Anspruch auf das Eigentum.
Rosemarie unterschrieb noch am selben Nachmittag in der Kanzlei am Dachauplatz die Übertragung der Werkstatt auf ihren Namen, als Alleinerbin. Frau Hasenclever reichte ihr den Handelsregisterauszug über den Tisch, ein einzelnes Blatt Papier mit dem neuen Eintrag: Rosemarie Brandt, Inhaberin.
Drei Tage später stand Matthias vor dem Rolltor der Werkstatt, das seit dem Morgen ein neues Schloss trug. Er rüttelte einmal am Griff, dann klingelte er bei der Nachbarin, die die Ersatzschlüssel für Notfälle hatte. Die Frau schüttelte den Kopf und zeigte auf das kleine Schild, das Rosemarie am Vortag neben die Tür geschraubt hatte: neue Geschäftszeiten, neuer Ansprechpartner für Kunden — ihr Name, keiner sonst.
Er blieb noch eine Weile stehen, die Hände in den Manteltaschen, während der Nachbarshund durch den Zaun bellte. Dann stieg er in seinen Wagen und fuhr davon, ohne dass jemand ihm hinterherwinkte.
Rosemarie hat die Werkstatt inzwischen an einen jungen Kfz-Mechaniker aus Neutraubling verpachtet, der Bertolds alten Namenszug über der Tür stehen ließ, weil die Stammkunden ihn sonst nicht wiedererkannt hätten. Sie kommt immer noch sonntags vorbei, mit einem Glas Gulasch, das jetzt der neue Pächter isst, während sie auf der alten Bank neben den Reifen sitzt und dem Radio zuhört, das denselben Lokalsender spielt wie vor fünfzehn Jahren.







