Der Spiegel im Brautzimmer war fleckig an einer Ecke, und Vera hatte diese Ecke schon dreimal weggerückt, als würde das helfen. Draußen, über der Innstadt, hing ein Augustnachmittag, feucht und schwer, und durch das gekippte Fenster kam der Geruch von Frittiertem vom Dreiflüssestand unten am Ufer. Zwölf Minuten bis zur Trauung im Standesamt am Rathausplatz.
Auf der Fensterbank lagen zwei Haarnadeln, die sie noch nicht in den Schleier bekommen hatte. Die Finger zitterten nicht vor Aufregung. Sie zitterten, weil Brigitte Sander ihr seit fünf Minuten ein Blatt Papier hinhielt, als wäre es die Speisekarte in einem Restaurant, in dem man sich das Hauptgericht ohnehin nicht mehr aussuchen durfte.
„Eine ganz gewöhnliche Familienregelung", sagte Brigitte. „Tobias hat's dir doch erklärt."
Tobias stand an der Tür, im anthrazitfarbenen Anzug, die Nelke am Revers ein wenig schief. Vera hatte sie ihm heute Morgen selbst angesteckt und dabei gelacht, dass er sich mehr vor der Nadel fürchte als vor der Ehe. Jetzt lachte er nicht.
„Vera, fang jetzt nicht an", sagte er. „Wir haben doch alles besprochen."
„Besprochen haben wir, dass du nach der Hochzeit zu mir in die Wohnung ziehst. Und dass deine Mutter mich in Ruhe lässt. Alles andere hast du ohne mich besprochen."
Sie hob das Blatt selbst hoch, weil Brigitte es ihr nicht aus der Hand geben wollte. Kein Notarpapier, kein Vertrag mit Stempel – eher eine Leine, an die man sie noch schnell vor der Zeremonie legen wollte. Der Inhalt passte in vier Zeilen: Nach der Hochzeit verkauft Vera ihre Zweizimmerwohnung in der Ludwigstraße, das Geld fließt in eine größere Wohnung für die „neue Familie" – gekauft auf Tobias' Namen. Warum auf seinen allein, stand nirgends. Vermutlich sollte sie sich einfach geehrt fühlen.
Vera sah in den Spiegel. Das Kleid saß perfekt. Kein Wunder – sie hatte es selbst genäht, nachts, wenn im Atelier von Frau Kowalski die Maschinen endlich schwiegen und sie an ihrem eigenen Schnittmuster arbeiten konnte. Die Spitze an den Ärmeln hatte sie drei Wochen lang zusammengesucht, die Taillenlinie zweimal getrennt und neu gesteckt. An diesem Kleid war nichts dem Zufall überlassen. Am Bräutigam, wie sich zeigte, schon.
„Die Wohnung habe ich gekauft, bevor ich dich kennengelernt habe", sagte sie. „Ich verkaufe sie nicht."
Tobias löste sich von der Tür, trat näher, roch nach dem Aftershave, das sie ihm zu Weihnachten geschenkt hatte. „Vera, klammer dich nicht an diese vier Wände. Zweiundfünfzig Quadratmeter. Wollen wir da ewig hocken?"
„Ich habe nichts gegen eine größere Wohnung. Ich habe etwas dagegen, dass meine auf deinen Namen verscherbelt wird, nach den Anweisungen deiner Mutter."
„Mutter meint es gut."
„Für wen?"
Brigitte seufzte, strich sich über die Bluse. „Für alle, Vera. Meine Knie machen nicht mehr mit, ich schaffe es allein nicht mehr. Tobias ist mein einziger Sohn. Du bist eine Frau, also solltest du weiter denken – nicht immer nur an deine Garnrollen und den Hocker am Fenster."
*Der Hocker am Fenster* – so nannte sie Veras Nähecke. Dort stand die alte Pfaff, schwarz lackiertes Gusseisen, ein Erbstück von Frau Kowalski, die das Atelier irgendwann geschlossen hatte. An dieser Maschine hatte Vera Mäntel für Fremde gesäumt, Schulranzen-Applikationen genäht, Brautkleider aus dem Internet umgearbeitet, wenn die Kundinnen weinend zurückkamen, weil nichts passte. Davon hatte sie die Anzahlung zusammengespart. Zweiundfünfzig Quadratmeter im dritten Stock, Balkon nach Süden, Blick auf die Innpromenade. Klein. Stur. Ihre.
Tobias hatte das alles gewusst. Er hatte einmal sogar gesagt: „Ich mag, dass du alles allein schaffst. Bei dir hab ich keine Angst." Es stellte sich heraus: Angst hatte er nicht vor ihr gehabt. Sondern auf ihre Kosten keine.
„Ich unterschreibe nichts", sagte Vera und legte das Blatt zurück neben die Ringschachtel.
Brigittes Lächeln erlosch, mit einem Mal, als hätte jemand den Stecker gezogen. „Wozu dann die ganze Inszenierung?"
Draußen auf dem Flur klopfte die Standesbeamtin sanft an – sieben Minuten noch. Vera drehte sich nicht um. Sie zog die Haarnadel vom Fensterbrett, steckte sie in den Schleier, und dabei sah sie im Spiegel, wie Tobias' Kiefer arbeitete, als würde er ein Wort kauen, das nicht rauswollte.
„Du kannst nicht einfach absagen", sagte er. „Achtzig Leute sitzen im Rathaussaal. Meine Tante ist aus Regensburg angereist."
„Ich sage nichts ab", sagte Vera. „Ich unterschreibe nur nichts."
„Das ist dasselbe."
„Nein. Das ist der Unterschied zwischen einer Hochzeit und einem Handel."
Brigitte trat einen Schritt vor, die Ringschachtel fest in der Hand, als könne man Vera damit erpressen. „Du bist undankbar. Wir haben dich in die Familie aufgenommen –"
„Sie haben mich zu einem Vertrag eingeladen", sagte Vera. „Das ist nicht dasselbe wie eine Familie."
Sie nahm den Schleier vom Haken, warf ihn sich über die Schultern, ging an Tobias vorbei zur Tür. Er packte sie am Handgelenk, nicht grob, aber fest genug, dass die Nadel aus ihrer Hand auf den Teppichboden fiel.
„Vera. Wenn du jetzt gehst, ist das vorbei. Alles."
Sie sah auf seine Hand, dann in sein Gesicht. „Es war schon vorbei, Tobias. Nur du hast's noch nicht gemerkt."
Sie zog den Arm zurück, hob die gefallene Nadel selbst auf, steckte sie in die Tasche des Brautkleids – neben das Handy, das sie seit Wochen dort trug, für alle Fälle. Im Flur draußen roch es nach dem Kaffee vom Automaten, jemand hatte eine Kanne Sekt für später kaltgestellt, man hörte durch die Wand das Gemurmel der Gäste, die schon Platz nahmen.
Sie ging nicht zum Standesamtssaal. Sie ging die Treppe hinunter, durch den Seiteneingang hinaus in den Regen, der jetzt leiser fiel, fast wie Nieselregen, und ließ sich von einem Taxi zur Ludwigstraße bringen. Achtzig Gäste blieben sitzen. Die Tante aus Regensburg blieb sitzen. Tobias, in seinem anthrazitfarbenen Anzug, mit der schiefen Nelke, stand vor der Standesbeamtin und musste selbst erklären, warum die Braut nicht kam.
Drei Wochen später saß Vera in der Kanzlei von Herrn Reinartz in der Bahnhofstraße, die Aktenmappe mit dem Grundbuchauszug auf den Knien. Die Wohnung in der Ludwigstraße stand allein auf ihrem Namen, unangetastet, unbelastet – sie hatte das noch am Abend der geplatzten Hochzeit online geprüft, mit zitternden Fingern und einer Tasse Kamillentee, die kalt wurde, während sie den Grundbuchauszug Zeile für Zeile las. Jetzt ging es um etwas anderes: um die zweiundvierzigtausend Euro, die sie Tobias in den letzten zwei Jahren geliehen hatte – für sein Auto, für die Ablöse seiner alten Schulden, für „nur bis zum Monatsende", das nie ein Monatsende gehabt hatte. Alles hatte sie in einem Heft notiert, mit Datum und Betrag, weil sie es aus Gewohnheit tat, aus der gleichen Gewohnheit, mit der sie jeden Stoffrest im Atelier registrierte.
„Ein Darlehensvertrag ohne Schriftform ist schwer durchzusetzen", sagte Reinartz, „aber Sie haben Überweisungsbelege. Das reicht für eine Klage."
Sie reichte die Klage ein. Kein Rachefeldzug, keine Szene – ein Mahnbescheid, ordentlich zugestellt, mit Frist. Tobias rief zweimal an, sie ging nicht ran. Beim dritten Mal stand er unten vor dem Haus in der Ludwigstraße, im selben Anthrazitanzug, den er offenbar seither nicht mehr getragen hatte, weil er ihm jetzt zu weit war.
„Vera, das ist doch albern, mit dem Anwalt. Wir kennen uns doch."
„Wir haben uns gekannt", sagte sie durch die Gegensprechanlage. „Das Geld will ich zurück. Vierzig Prozent bis Ende September, den Rest in Raten. Sonst geht's vor Gericht, und dann kostet's dich mehr als jetzt."
Es klickte in der Leitung, ein langes Schweigen, dann: „Und die Wohnung? Mutter meinte, wenn ich –"
„Deine Mutter entscheidet nicht mehr über meine Wohnung", sagte Vera. „Das hat sie noch nie getan. Sie hat's nur versucht."
Sie legte auf, ging zurück ans Fenster, wo die alte Pfaff-Nähmaschine stand, mit einem neuen Stoff darunter gespannt – ein Kleid für eine Kundin, die im Oktober heiraten wollte, in Grün, mit Ärmeln aus Spitze. Auf dem Fensterbrett lagen wieder zwei Haarnadeln, diesmal ohne Grund dort liegen gelassen, einfach vergessen. Sie steckte sie zurück in die Dose. Unten auf der Straße stand Tobias noch eine Weile, sah zu ihrem Fenster hoch, dann ging er, ohne dass sie ihn noch einmal ansah.
Im Dezember kam das Geld in drei Raten zurück, überwiesen von einem Konto, das nicht mehr auf Sanders Namen allein lief – wie sie später von einer gemeinsamen Bekannten hörte, hatte Brigitte die geplante Wohnung ohnehin nie bekommen, weil auch die zweite Verlobte, die Tobias im Herbst kennenlernte, sich weigerte, irgendetwas auf seinen Namen zu überschreiben.
Vera nähte im Dezember den letzten Saum an einem Wintermantel, hängte ihn ins Schaufenster ihres inzwischen eigenen kleinen Ateliers, zwei Straßen weiter, mit Blick auf den Inn, und machte das Licht erst aus, als draußen die Bratwurstbuden vom Christkindlmarkt schon zumachten.







