Es war ein Dienstag Ende August, halb elf morgens, als es an Renate Brauns Wohnungstür klingelte und eine schwangere Frau vor ihr stand, als würde sie ein bestelltes Paket abholen kommen. Renate wohnte im dritten Stock eines Altbaus in der Lindenstraße in Kassel, dort, wo die Straßenbahn Linie 4 alle acht Minuten vorbeiratterte und der Bäcker im Erdgeschoss schon um sechs die ersten Brötchen in die Auslage legte. An diesem Morgen roch das Treppenhaus nach frisch gewachstem Parkett, der Hausmeister hatte offenbar wieder mit seinem alten Bohnermaschinchen gearbeitet, das immer klang wie ein kaputter Rasierapparat.
„Torsten hat mir erzählt, ihr lebt schon lange wie WG-Mitbewohner", sagte die Fremde ohne Umschweife. „Ich bin in der 34. Woche. Es wäre schön, wenn ihr euch friedlich trennen könntet, ohne Theater."
Noch vor einer Stunde hatte Renate sich auf einen ruhigen Samstagvormittag gefreut – Verzeihung, es war Dienstag, ihr freier Tag als Filialleiterin einer Drogeriekette, den sie sich extra für Erledigungen freigehalten hatte. Die Kinder waren aus dem Haus: Jonas studierte inzwischen in Göttingen, Pauline hatte gerade ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin in Marburg begonnen. Die Wohnung war zum ersten Mal seit dreiundzwanzig Jahren wirklich leer, und Renate hatte insgeheim gehofft, dass sie und Torsten jetzt, endlich, füreinander Zeit hätten. Torsten war am Morgen „zur Werkstatt" gefahren, angeblich wegen der Bremsbeläge an seinem Passat.
Und dann stand diese Frau da. Jana, wie sie sich später vorstellte, Trainerin im Fitnessstudio am Königsplatz, bei dem Torsten vor einem halben Jahr eine Mitgliedschaft abgeschlossen hatte – eigentlich wegen seines Rückens, hatte er gesagt.
Sie legte ein Ultraschallbild und eine ärztliche Bescheinigung mit Stempel auf den Küchentisch, direkt neben die Obstschale mit den überreifen Bananen, die Renate eigentlich schon am Vortag hatte entsorgen wollen. Renate arbeitete seit Jahren als Verwaltungsangestellte in einer Facharztpraxis für Gynäkologie und wusste sofort, was sie da vor sich hatte. Kein Zweifel möglich.
Jana redete ruhig, fast geschäftsmäßig, wie jemand, der einen Kredit erklärt. Männer bräuchten eben „Feuer", und Torsten habe sich schon länger über Routine beklagt, über Müdigkeit, über ein Leben ohne Schwung. Sie wolle das Kind nicht ohne Vater großziehen, deshalb solle Renate ihn „gehen lassen, ohne Krach".
Renates Mund wurde trocken. Die Geräusche der Straße, das Bimmeln der Bahn draußen, wirkten plötzlich, als kämen sie durch Wasser zu ihr. Sie stand auf, ohne ein Wort, und zeigte auf die Tür. Ihr Gesichtsausdruck reichte offenbar aus – Jana verstummte, raffte ihre Unterlagen zusammen und verschwand eilig ins Treppenhaus.
Als die Tür ins Schloss fiel, kehrte die Stille zurück. Aber es war nicht mehr die Stille eines gewöhnlichen Wohnungsvormittags. Es war die Stille nach einem Schlag.
Renate setzte sich an den Küchentisch, auf dem noch das Ultraschallbild lag, und starrte auf die Wachstuchdecke mit den kleinen Kornblumen, die sie vor Jahren auf dem Wochenmarkt gekauft hatte. Dreiundzwanzig Jahre Ehe zogen vor ihrem inneren Auge vorbei. Windeln, durchwachte Nächte, Fieberthermometer um drei Uhr morgens, die Umschuldung des Hauskredits 2014, Nudeln mit Ketchup in den letzten Tagen vor dem Gehalt, Campingurlaub am Edersee, damit noch Geld für Paulines Nachhilfe in Mathe übrig blieb. Sie hatten gewartet, bis die Kinder groß waren. Hatten gedacht: dann beginnt unsere Zeit. Nur hatte Torsten offenbar beschlossen, ein anderes Leben zu beginnen – mit teuren Laufschuhen, einer Sporttasche vom Discounter-Nachbarn Decathlon, Abendtrainings und einer jungen Trainerin, die ihn bewundernd ansah.
Am Abend kam er fröhlich nach Hause. Pfiff eine Melodie vor sich hin, trug eine Schachtel von der Konditorei am Marktplatz in den Händen – Windbeutel mit Vanillecreme, ihre Lieblingssorte.
„Warum sitzt du im Dunkeln? Schlecht drauf? Ich hab dir was Süßes mitgebracht. In der Werkstatt war eine Schlange bis auf die Straße, kaum geschafft."
Renate stand auf, füllte den Wasserkocher, holte zwei Tassen aus dem Schrank. Dann fragte sie leise:
„Und, wie geht's Jana? Wie steht's um euer Kind?"
Die Schachtel rutschte ihm aus den Händen. Der Deckel klappte auf, die Sahne verschmierte den Karton. Torsten wurde bleich, seine Augen huschten durch die Küche, die Lippen bewegten sich, ohne dass ein Ton kam.
„Renate, was redest du da? Welche Jana? Wer hat dir so einen Blödsinn erzählt?"
„Sie war heute Morgen hier. Hat einen ärztlichen Nachweis mitgebracht. Hör auf zu lügen."
Die Pause war kaum zu ertragen. Dann brach das Geständnis aus ihm heraus, ein schmutziger Wortschwall: ein Fehler, eine Midlife-Krise, „der Teufel hat mich geritten", er habe die Familie nie verlassen wollen. Er versuchte, näherzukommen, redete jämmerlich, verhaspelte sich, rechtfertigte sich. Und als er merkte, dass es nichts brachte, ging er plötzlich zum Gegenangriff über.
„Was hast du denn erwartet? Sieh dich doch an. Immer müde, immer nur Arbeit, Kochtopf, Putzlappen. Du siehst mich schon lange nicht mehr als Mann. Für dich bin ich doch nur noch ein Möbelstück. Mir hat das Feuer gefehlt, das Leben hat mir gefehlt!"
Diese Worte trafen sie härter als der Verrat selbst. Renate sah den Mann an, mit dem sie über zwei Jahrzehnte gelebt hatte, und erkannte zum ersten Mal nicht mehr den vertrauten Menschen, sondern jemanden, der jahrelang von ihrer Kraft gezehrt und ihr nun ihre eigene Erschöpfung als seine Rechtfertigung vorgehalten hatte. Sie dachte an die Schichten in der Praxis, die sie übernommen hatte, damit die Kinder studieren konnten. An die Haushaltsführung, während er sich „erholte". An ihre Müdigkeit, die für ihn zur Ausrede geworden war.
Torsten redete weiter, rechtfertigte sich, wurde wütend, wartete auf Tränen, auf ein Drama, auf irgendetwas, woran er sich hätte festhalten können. Doch Renate hob nur ruhig den Blick und sagte etwas, nach dem es kein Zurück mehr gab:
„Die Werkstatt gehört zur Hälfte mir. Das steht im Ehevertrag, den du 2019 unterschrieben hast, als wir sie auf Kredit übernommen haben."
Die Werkstatt – das war der kleine Kfz-Betrieb am Stadtrand von Kassel, den Torsten vor sieben Jahren mit einem Bankkredit über achtundvierzigtausend Euro gekauft hatte, und für den Renate mitgehaftet hatte, weil sein eigenes Einkommen damals nicht ausgereicht hätte. Sie hatte all die Jahre die Buchhaltung nebenbei gemacht, unbezahlt, aus Familiensinn.
Am nächsten Morgen fuhr sie nicht zur Arbeit, sondern zu ihrem Anwalt in der Wilhelmshöher Allee, einem drahtigen Mann mit Aktenordnern bis zur Decke, den sie noch von der Refinanzierung des Hauses kannte. Sie legte ihm den Ehevertrag vor, die Kreditunterlagen, die Steuerbescheide der letzten Jahre. Er blätterte, nickte einmal kurz und sagte, das sei eindeutig: als Mitinhaberin könne sie ihren Anteil an der Werkstatt entweder verkaufen lassen oder die Auszahlung ihres hälftigen Werts verlangen, aktuell geschätzt auf gut einhunderttausend Euro.
Zwei Wochen später saß Torsten ihr in der Kanzlei gegenüber, unrasiert, mit denselben Turnschuhen, in denen er sonst ins Fitnessstudio ging. Renate schob ihm eine Mappe über den Tisch: die Kündigung ihrer Bürgschaft, den Antrag auf Teilungsversteigerung des Betriebs, falls er den Betrag nicht binnen drei Monaten aufbringen könne, und die Scheidungsunterlagen, bereits von ihr unterschrieben.
„Du kannst die Werkstatt behalten", sagte sie, „wenn du mir meinen Anteil auszahlst. Wenn nicht, wird sie verkauft, und du bekommst deine Hälfte. Ich hafte für nichts mehr, was du mit Jana aufbauen willst."
Er starrte auf die Papiere, als könnten sie sich von selbst wieder zusammenfalten und verschwinden. „Renate, das ist mein Betrieb, ich hab den aufgebaut—"
„Mit meinem Namen auf dem Kreditvertrag", sagte sie und schob ihm einen Kugelschreiber hin. „Unterschreib, oder wir sehen uns vor Gericht in Kassel."
Er unterschrieb. Drei Monate später überwies die Bank Renate einhundertdreitausend Euro, den ausgezahlten Anteil samt Zinsen, während Torsten einen neuen Kredit aufnahm, um die Werkstatt allein weiterzuführen – mit Jana, die inzwischen ihr Kind geboren hatte, an der Kasse.
Renate kaufte sich von dem Geld eine kleine Zweizimmerwohnung in der Nordstadt, mit Balkon zum Innenhof, wo im Sommer die Nachbarskatze auf dem Geländer schlief. Sie behielt die alten Kornblumen-Wachstuchdecke, faltete sie zusammen und legte sie zuoberst in einen Umzugskarton, ohne recht zu wissen, warum. Am Tag des Einzugs stand Torsten unten vor dem Haus, klingelte nicht, rief nur ihren Namen einmal in den Innenhof hinauf. Renate stand am offenen Fenster im dritten Stock, mit einer Tasse Kaffee in der Hand, sah kurz hinunter – und schloss dann in aller Ruhe das Fenster.







