Der Ranzen aus Wachstuch

Meine Enkelin hat mir letzte Woche ihren neuen Rucksack gezeigt. Irgendein Label mit einem Logo, das leuchtet, wenn man draufdrückt, dreihundertzwanzig Euro, ihre Mutter hat es mir am Telefon gesagt, halb stolz, halb entschuldigend. Ich habe genickt und nichts gesagt. Aber danach bin ich in den Keller gegangen, in Lindenau, in diesem Haus, in dem ich seit einunddreißig Jahren wohne, und habe die alte Truhe aufgemacht, die noch von meiner Mutter ist.

Da lag er. Mein Schulranzen aus Wachstuch, dunkelbraun, mit einer Schnalle aus Messing, die meine Großmutter mir damals mit einer Zange festgebogen hat, weil das Original abgebrochen war. Der Geruch von altem Leder und Mottenpulver ist mir sofort in die Nase gestiegen, und ich habe eine Weile einfach dagesessen, auf der kalten Kellerstiege, mit diesem Ding auf dem Schoß.

Ich bin 1954 in Halle geboren, in einer Straße hinter dem Bahnhof, wo im Winter die Kohleöfen so gerochen haben, dass man den ganzen Straßenzug daran erkennen konnte. Zur Schule sind wir zu Fuß gegangen, zwanzig Minuten, an der Bäckerei vorbei, wo die Brötchen fünf Pfennig kosteten, wenn man welche kaufen durfte. Meistens durften wir nicht. Wir hatten einen Lehrer, Herrn Brenner, der uns Rechnen, Lesen, Heimatkunde und irgendwie auch das Leben beigebracht hat, alles in einer Person, in einem einzigen Klassenzimmer mit knarrenden Dielen.

Wir hatten wenige Hefte, und die wurden bis zur letzten Seite vollgeschrieben, auch quer über die Ränder, wenn der Platz knapp wurde. Ein Bleistift wurde so lange gespitzt, bis er kaum noch zwischen zwei Fingern zu halten war. Was wir bekamen, war echt. Herr Brenner hat uns beigebracht, aufzustehen, wenn ein Erwachsener den Raum betritt, den Mantel eines anderen aufzuheben, wenn er heruntergefallen ist, nicht zu lügen, auch wenn die Wahrheit unbequem war.

Meine Enkelin Paula ist elf. Letzten Sonntag, beim Kaffee auf der Terrasse, habe ich ihr den alten Ranzen gezeigt. Sie hat ihn angefasst wie etwas, das zerbrechen könnte, hat an der Schnalle gezogen, gefragt, warum es keinen Reißverschluss gibt. Ich habe ihr erzählt von Herrn Brenner, vom Schulweg, von den fünf Pfennig für die Brötchen. Sie hat zugehört, mit dem Handy in der anderen Hand, aber sie hat zugehört.

Und dann kam der Moment, den ich nicht erwartet hatte. Meine Tochter Sabine, Paulas Mutter, ist dazugekommen, mit diesem Gesicht, das sie macht, wenn sie sich angegriffen fühlt, obwohl niemand sie angegriffen hat. „Du willst doch nicht sagen, dass wir unserer Tochter etwas vorenthalten“, hat sie gesagt, die Kaffeetasse zu fest in der Hand. „Wir geben ihr, was wir können. Das ist nicht dasselbe wie damals.“

Ich habe nichts erwidert. Habe nur den Ranzen zugeklappt und die Schnalle einrasten lassen, dieses trockene Klick-Geräusch, das ich seit fünfzig Jahren nicht mehr gehört hatte. Sabine ist wieder reingegangen, das Gespräch war für sie beendet. Aber Paula ist sitzengeblieben auf der Bank, das Handy jetzt umgedreht auf dem Tisch, Bildschirm nach unten.

„Kann ich den mal mit in die Schule nehmen?“, hat sie gefragt. „Nur einen Tag. Für die Projektwoche, über Geschichte.“

Ich habe die Truhe an diesem Abend noch einmal aufgemacht, den Ranzen wieder herausgenommen, ihn auf den Küchentisch gestellt und lange nur die Schnalle betrachtet, die kleine Delle, wo die Zange meiner Großmutter angesetzt hatte. Nichts von alledem hatte je etwas gekostet.

Am Montag habe ich den Ranzen in eine Plastiktüte gepackt und bin zu Paulas Schule gefahren, ein Backsteinbau am Rand von Lindenau, mit einem Hausmeister, der seinen Hund mit reinbringt und den alle Kinder Bruno rufen, auch wenn der Hund eigentlich Molli heißt. Paula hat mich am Eingang abgeholt, hat den Ranzen genommen und ihn ihrer Klasse gezeigt, vor allen, mit der kaputt reparierten Messingschnalle als Hauptattraktion.

Nach der Stunde ist die Lehrerin zu mir gekommen, eine junge Frau mit einem Klemmbrett voller Zettel, und hat gefragt, ob ich nicht einmal im Monat vorbeikommen wolle, um den Kindern zu erzählen. Nicht über den Ranzen. Über die Zeit. Über Herrn Brenner.

Ich habe zugesagt. Und als ich abends nach Hause kam, lag auf dem Küchentisch ein Zettel von Sabine, hingekritzelt zwischen Einkaufsliste und Terminplan: „Mama, tut mir leid wegen Sonntag. Paula hat mir erzählt, was in der Schule war. Können wir reden?“

Ich habe den Zettel gefaltet, zweimal, zu einem kleinen Viereck, und ihn in die Truhe gelegt, neben den Ranzen, unter die alte Wachstuchklappe. Die Schnalle habe ich wieder einrasten lassen. Dieses Klick.

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