Der Ehering von der Rheinbrücke

Ich arbeite seit siebzehn Jahren als Hausmeister in der Altstadt von Koblenz, und ich sage Ihnen: Man sieht viel, wenn man morgens um sechs schon mit dem Besen unterwegs ist. Diese Geschichte hier – die habe ich fast von Anfang bis Ende miterlebt, weil sie sich praktisch vor meiner Haustür abgespielt hat.

Es fing mit einer Krähe an. Die saß seit Jahren auf der alten Kastanie im Hinterhof, und jeder im Viertel kannte sie – frech, laut, streitsüchtig. Sie hat sogar mal einen fremden Kater vom Hof gejagt, der einem mageren, ängstlichen Streuner namens Struppi das Futter wegfressen wollte. Struppi war so ein Kandidat, den keiner anfassen wollte: schmutziges Fell, ein Ohr eingerissen, immer auf Abstand zu Menschen. Die Krähe dagegen hatte keine Angst vor niemandem. Ich hab sie insgeheim "die Chefin" genannt.

An einem Freitagabend im Mai kam ein junger Mann namens Jonas zu mir, fragte, ob ich wüsste, wann der Streudienst die Deutzer Brücke – nein, Verzeihung, bei uns die alte Balduinbrücke über die Mosel – für Fußgänger wieder freigibt, weil er dort etwas vorhatte. Er war Elektriker bei den Stadtwerken, verdiente nicht die Welt, aber er hatte monatelang gespart. Für einen schmalen Goldring mit einem winzigen Zirkonia. Kein Diamant, dafür reichte es nicht, aber hübsch, richtig hübsch.

Er wollte seiner Freundin Lena an diesem Abend einen Antrag machen. Erst ein Essen im "Zum Alten Fährhaus" unten am Ufer, danach ein Spaziergang über die Brücke, wo im Frühling die Fledermäuse zwischen den Laternen jagen und der Fluss unten dunkel und schnell vorbeizieht. Ich hab ihn noch gewarnt: Auf der Fahrbahn stehenzubleiben ist verboten, aber es gibt diese eine Nothaltebucht auf halber Strecke, falls mal ein Auto liegenbleibt. Genau da wollte er hin.

Lena wusste an dem Abend schon, was kommen würde – so eine Vorahnung hat man einfach, wenn man vier Jahre mit jemandem zusammen ist. Sie hatte sich extra die Haare machen lassen bei ihrer Freundin Carolin, ein neues Kleid gekauft, dunkelblau, mit einem Gürtel. Beim Essen wartete sie die ganze Zeit darauf, dass er die Frage stellt. Er stellte sie nicht. Sie stiegen wortkarg in seinen alten Opel Corsa, sie ein bisschen enttäuscht, er innerlich seine Sätze wiederholend, die er sich tagelang zurechtgelegt hatte.

Auf der Brücke fuhr er in die Bucht, stellte den Motor ab und bat sie auszusteigen, um "kurz auf den Fluss zu schauen". Sie zuckte mit den Schultern und stieg aus. Sie standen am Geländer, die Mosel rauschte unten vorbei, irgendwo bellte ein Hund am Ufer. Sie starrte auf das schwarze Wasser und dachte an gar nichts Gutes.

Dann ging er hinter ihr auf ein Knie, zog das kleine Samtkästchen aus der Jackentasche. Sie drehte sich um, und ihr Gesicht veränderte sich sofort – die enttäuschten Linien um den Mund waren weg. Er sprach von der gemeinsamen Wohnung, die sie sich gerade ausgesucht hatten, von den vier Jahren, die er ohne sie nicht mehr zählen könne. Dann die Frage. Sie sagte Ja, wollte ihn umarmen – und in dieser Bewegung stieß sie gegen seine Hand.

Der Ring flog aus der Schachtel, hüpfte einmal auf dem Geländer und fiel. Er warf sich noch hinterher, erwischte nichts als Luft. Sie packte ihn am Ärmel, sonst wäre er selbst über das Geländer gegangen. Unten, wo die Mosel unter der Brücke durchfloss, sah die Krähe – zufällig gerade auf dem Weg zu ihrem Baum – etwas Glänzendes fallen. Sie machte einen Haken in der Luft und schnappte den Ring im Flug mit dem Schnabel. Bester Fang seit Wochen, dachte sie, und flog direkt zu ihrer Kastanie im Hinterhof.

Oben auf der Brücke brach für die beiden erstmal die Welt zusammen. Er weinte, tatsächlich, wie ein Kind, sie wischte ihm die Tränen ab und redete auf ihn ein, dass ein Ring nur ein Ding sei, dass sie einen neuen kaufen würden, dass ihre Liebe davon nicht kleiner werde. Innerlich dachte sie an den Aberglauben ihrer Großmutter – ein verlorener Ehering bringt Unglück – und schluckte die Angst runter, um ihn nicht noch trauriger zu machen. Sie fuhren zu ihr, weil er an diesem Abend unmöglich allein sein wollte.

Die Krähe saß derweil oben in der Kastanie, drehte den Ring erst mit dem rechten, dann mit dem linken Auge im Licht der Straßenlaterne. Sie hätte ihn einfach behalten können. Aber sie kannte den jungen Mann von der Brücke – kannte auch das schmutzige Kätzchen unten auf der Bank, das er manchmal im Vorbeigehen mit Resten fütterte, ohne es zu merken. Und in ihrem Krähenkopf, der bekanntlich cleverer ist, als man Krähen zutraut, wuchs ein Plan.

Am nächsten Morgen um Viertel nach sechs – ich schwöre, ich hab die Uhr in der Hand gehabt, weil ich gerade den Hofeingang gefegt hab – landete sie neben Struppi auf der Bank. "Wach auf, du Flohsack", krächzte sie ihm ins Ohr. Er blinzelte, unwillig wie immer. "Hab nichts für dich, bin selbst hungrig", brummte er.

"Kein Futter. Ein Geschäft", sagte sie. "Willst du ein Wohnungskater werden, warm, satt, ohne diese ständige Fragerei, ob dich heute Nacht wieder wer verjagt?"

"Und wie soll das gehen? Ich bin räudig, alt für meine Verhältnisse, hab Angst vor Menschen. Wer nimmt so einen wie mich?"

"Das ist meine Sache", sagte die Krähe. "Du machst nur, was ich sage. Und wenn's klappt, stellst du mir jeden Tag Futter aufs Fensterbrett, ich komm durchs Kippfenster rein. Abgemacht?"

Ich hab das Gespräch natürlich nicht verstanden, ich hab nur zwei Tiere krächzen und miauen gehört. Aber was danach passierte, hab ich mit eigenen Augen gesehen.

Gegen Mittag hielt Jonas' Opel vor dem Haus. Er wollte mit Lena kurz raufgehen, Kaffee trinken, bevor er zur Spätschicht musste. Als sie zur Haustür gingen, blieb Lena stehen: "Schau mal – da vorne, dieser magere Kater. Er hat was im Maul."

"Ist doch egal, was der im Maul hat", seufzte Jonas, immer noch niedergeschlagen. "Ist ja wohl kaum der Ring."

Sie bückte sich trotzdem, streichelte Struppi vorsichtig – und erstarrte. Zwischen seinen Zähnen: ein kleiner Goldring mit einem winzigen funkelnden Stein. Sie riss die Augen auf, nahm ihn heraus. "Jonas – das ist er! Das ist unmöglich!"

Er drehte sich um, sah den Ring, griff danach, hielt ihn ins Licht: "Das ist er, wirklich, das ist er. Aber wie?" Er ging vor dem Kater in die Hocke, mitten auf dem Bürgersteig, nahm das schmutzige Tier hoch, drückte es an sich. "Keine Ahnung, wie du das gemacht hast. Aber du hast uns gerettet."

Ich hab von meinem Besen aus zugesehen und musste grinsen. Oben in der Kastanie schimpfte die Krähe leise vor sich hin – ich hab's ihr fast von den Federn abgelesen: Ja, klar, der Kater hat's gerettet. Seit wann können Kater unter Brücken tauchen, frag ich mich.

Von diesem Tag an nahmen Jonas und Lena den Kater mit in ihre neue Wohnung, badeten ihn zweimal, bis das Fell wieder glänzte, nannten ihn Ferdinand. Und jeden Morgen, wenn die beiden zur Arbeit fuhren, stopfte sich der jetzt runde, gepflegte Ferdinand das Maul mit Trockenfutter voll, trug es zum gekippten Fenster und rief in Richtung Kastanie hinüber. Die Krähe kam angeflogen, setzte sich neben ihn, fraß, und danach saßen die beiden noch lange nebeneinander auf dem Sims und unterhielten sich auf ihre Art.

Jonas und Lena haben die Sache mit dem Futter längst durchschaut – ich hab gesehen, wie Lena extra Vogelfutter dazustellt, ohne ein Wort darüber zu verlieren. Ferdinand glaubt, er hätte das Ganze eingefädelt. Die Krähe glaubt, es war ihre Idee. Und die beiden jungen Leute oben in der Dreizimmerwohnung mit Moselblick glauben, ihre Liebe sei stärker gewesen als jeder Zufall.

Ich, ehrlich gesagt, glaube: Sie haben alle drei recht. Ich hab jedenfalls seitdem jeden Morgen ein Stück Speck extra für den Hof dabei – man weiß ja nie, wer sich das verdient hat.

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