Der Zettel am Angelladen

Am schwarzen Brett vom Angelgeschäft Petri-Heil in Lauenburg hing zwischen Karpfenfutter-Angeboten und einer Anzeige für gebrauchte Wathosen ein handgeschriebener Zettel, den meine Nichte fotografiert und mir mit drei Lachtränen-Emojis geschickt hatte: "Suche Lebensgefährtin, die Fische ausnehmen kann, Würmer gräbt und ein Motorboot besitzt. Foto vom Boot zwingend erforderlich. Kontakt: Holger, Angelverein Elbaue."

Ich bin Holger, dreiundfünfzig, und ja, den Zettel habe ich geschrieben. Meine Nichte fand ihn zum Brüllen komisch. Meine Schwester meinte, ich hätte den Verstand verloren. Aber ich will erzählen, wie es wirklich dazu kam, und warum aus dieser dämlichen Karteikarte am Ende die wichtigste Entscheidung meines Lebens wurde.

Vier Jahre vorher hatte ich Renate beerdigt. Bauchspeicheldrüsenkrebs, sechs Monate von der Diagnose bis zum Ende. In den Jahren danach saß ich an Wochenenden allein auf meinem Kahn auf der Elbe bei Geesthacht, hielt eine Rute ins Wasser, an der selten etwas biss, und redete mit niemandem außer dem Schiffsradio. Meine Tochter Franzi rief jeden Sonntag an. Ich sagte immer, mir gehe es gut. Das war gelogen.

Der Zettel war kein Scherz und auch keine Verzweiflungstat, wie meine Schwester dachte. Er war eine Abkürzung. Ich hatte über ein Jahr lang zwei Dating-Apps ausprobiert, Frauen aus Hamburg und Lübeck getroffen, die sich beim ersten Kaffee als Bootsfahrt mit Sonnenuntergangsdrink vorgestellt hatten, und die dann bei "Angeln geht bis fünf Uhr morgens, wir schneiden Aal direkt an Bord aus" leise wurden und nie wieder schrieben. Ich wollte niemanden mehr enttäuschen und selbst nicht enttäuscht werden. Also schrieb ich auf, was ich wirklich brauchte, so nüchtern wie eine Stellenanzeige, und hängte es dort auf, wo Leute hinkommen, die es genauso meinen wie ich.

Es haben sich vier Frauen gemeldet. Eine schickte ein Foto von einem geliehenen Segelboot aus dem Katalog und gestand es nach der zweiten Frage. Eine andere schrieb, sie könne "bestimmt" Würmer graben, habe es aber noch nie getan, was ich ehrlich fand, aber es passte nicht. Die dritte wollte sich vor allem über meine Rente erkundigen.

Die vierte war Ines.

Sie schickte kein Selfie, sondern ein Foto ihres Bootes: eine zwölf Jahre alte Terhi 445 mit einem 9,9-PS-Yamaha-Außenborder, festgemacht am Steg in Boizenburg an der Elbe. Auf dem Sitz lag ein Filetiermesser mit abgewetztem Holzgriff. Dazu ein einziger Satz: "Das Boot heißt Wilma, nach meiner Mutter. Kommst du mal vorbei, oder stellst du nur Fragen?"

Ich bin am Samstag darauf hingefahren. Zweiundvierzig Kilometer, ich habe die Strecke im Kopf abgezählt, weil ich unterwegs dreimal überlegt habe umzudrehen. Ines stand am Steg in einer Wathose, die Ärmel ihrer Wolljacke bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, und hielt einen Zander am Kiemendeckel hoch, als hätte sie auf ein Stichwort gewartet.

"Kannst du den ausnehmen, oder soll ich?", fragte sie, ohne Hallo zu sagen.

Ich habe ihn ausgenommen. Meine Hände zitterten dabei, nicht wegen des Fisches, sondern weil ich seit Renates Tod niemandem mehr etwas beweisen musste und plötzlich wollte ich es doch. Ines hat währenddessen den Motor der Wilma gecheckt, den Choke gezogen, den Kraftstoffschlauch kontrolliert, ganz beiläufig, als würde sie nebenbei Kaffee kochen.

Sie ist neunundvierzig, geschieden, arbeitet als Krankenschwester in der Ambulanz des Krankenhauses Boizenburg, Frühschicht dreimal die Woche. Ihr Mann hatte sie vor sieben Jahren wegen einer Kollegin verlassen und ihr das Haus in Boizenburg gelassen, weil er, wie sie es formulierte, "zu faul war, um darum zu streiten". Das Boot hatte sie sich zwei Jahre später selbst gekauft, gebraucht, für dreitausendachthundert Euro, von einem Fischer aus Dömitz, der in Rente ging. Sie fährt damit raus, wenn die Nachtschicht sie fertig gemacht hat und sie niemanden sehen will außer dem Wasser.

Wir haben uns von da an jeden zweiten Samstag getroffen. Erst am Boot, dann bei ihr in der Küche, wo sie mir zeigte, wie man einen Aal richtig häutet, mit einer Reißzwecke am Türrahmen und einem beherzten Ruck. Der Nachbarshund, ein alter Labrador namens Bruno, kam jedes Mal über den Zaun geklettert, wenn er Fisch roch, und legte sich unter Ines' Küchentisch, bis jemand ihm eine Gräte zuwarf, obwohl das eigentlich verboten war.

Nach vier Monaten kam der Punkt, an dem es hätte kippen können. Meine Tochter Franzi lud uns beide zum Geburtstag ihres Sohnes nach Hamburg-Bergedorf ein, und dort erzählte meine Schwester Ines beim Kaffee, mehr oder weniger als Test, wie "seltsam" es doch sei, dass ich mir "eine Angelpartnerin über einen Zettel" gesucht hätte, und ob das nicht ein bisschen "unter dem Niveau" von jemandem wie mir sei, der früher Ingenieur bei einem Maschinenbauunternehmen in Lauenburg gewesen war.

Ines hat nicht gelächelt und nicht genickt. Sie hat ihre Kaffeetasse abgestellt, so dass es auf der Untertasse klackte, und gesagt: "Wissen Sie, was unter meinem Niveau ist? Sieben Jahre mit einem Mann, der mir erzählt hat, ich sei zu anspruchsvoll, während er heimlich mit einer anderen chattete. Holger hat mir gesagt, was er will, auf einem Zettel, öffentlich, für jeden lesbar. Das ist das Ehrlichste, was mir seit Jahren begegnet ist." Dann hat sie sich noch ein Stück Marmorkuchen genommen und meine Schwester hat den Rest des Nachmittags kein Wort mehr über den Zettel verloren.

Im November letzten Jahres, während einer Spätschicht, rief Ines mich um halb zwölf nachts an. Ihr Ex-Mann, Detlef, war betrunken vor ihrem Haus aufgetaucht und hatte behauptet, das Grundstück gehöre "eigentlich immer noch beiden", weil er bei der Scheidung nur "aus Anstand" verzichtet habe, und er wolle es jetzt, sieben Jahre später, neu verhandeln, weil seine neue Frau ihn verlassen hatte und er nirgendwo mehr wohnte. Er stand vor der Tür, klopfte, wollte rein.

Ich bin sofort losgefahren. Als ich ankam, saß Detlef schon auf der Treppe vor der Haustür, die Jacke halb offen, und redete davon, dass er "nur schlafen" wolle, "nur für ein paar Nächte". Ines stand im Türrahmen, das Handy in der einen Hand, in der anderen den Notizzettel mit der Nummer der Polizei Boizenburg, die sie schon gewählt hatte, bevor ich überhaupt aus dem Auto stieg.

Am nächsten Vormittag ist sie zu ihrem Notar in Boizenburg gegangen, einen Termin, den sie schon Wochen vorher wegen etwas anderem gemacht hatte, und hat dort zwei Dinge klargestellt: Erstens ließ sie sich schriftlich bestätigen, was ohnehin im Scheidungsurteil stand — das Haus gehörte ihr allein, eingetragen im Grundbuch, keine Ansprüche Dritter. Zweitens hat sie die Terhi 445, ihr Boot, offiziell auf einen gemeinsamen Namen umschreiben lassen: ihren und meinen. Nicht aus Romantik, sagte sie, als sie mir die Kopie des Kaufvertrags über den Küchentisch schob, sondern weil sie wollte, dass jemand, der ihr wirklich zur Seite steht, auch auf dem Papier steht, wenn noch einmal jemand glaubt, er könne sich nachträglich etwas zurückholen, das er selbst weggegeben hat.

Detlef hat zwei Wochen später versucht, sie anzurufen. Sie ist nicht rangegangen. Er ist noch einmal vor dem Haus aufgetaucht, an einem Sonntagnachmittag im Dezember, und fand die Terrassentür verriegelt und einen neuen Schließzylinder an der Haustür, den ein Schlüsseldienst aus Lauenburg zwei Tage zuvor für hundertzehn Euro eingebaut hatte. Er hat eine Weile geklingelt. Bruno, der Labrador vom Nachbarn, hat von seinem Grundstück aus gebellt, bis Detlef wieder ins Auto stieg und wegfuhr.

Ines hat mir das am Telefon erzählt, ganz ruhig, während sie im Hintergrund eine Pfanne mit Zwiebeln umrührte, für den Zander, den wir am Samstag zusammen gefangen hatten. "Er stand da", sagte sie, "und ich hab einfach weitergekocht." Dann hat sie aufgelegt, weil die Zwiebeln sonst angebrannt wären, und mich für Samstag zum Würmergraben verabredet, wie jede zweite Woche.

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