Ich bin Matthias, achtundvierzig, und ich hab mir eingeredet, dass ich das Richtige tue.
Meine Schwiegermutter Renate wohnt seit elf Jahren bei uns in Lemgo, in dem Haus, das eigentlich ihr gehört hat, bevor sie es meiner Frau Sabine und mir überschrieben hat. Ich fahr Krankenwagen für den Rettungsdienst, Schicht rein, Schicht raus, und wenn ich nach Hause komm, riecht es nach Renates Erbsensuppe, und der Fernseher läuft die Lindenstraße-Wiederholungen, die es gar nicht mehr gibt, aber sie schaut trotzdem irgendwas in der Art. Ich hab das nie gehasst. Ich muss das mal sagen, bevor ich erzähl, was ich getan hab.
Die Werkstatt, die mein Vater aufgebaut hat, bevor er starb, die hab ich vor drei Jahren auf meinen Namen umschreiben lassen. Renate hatte da noch einen Anteil drin, aus der Zeit, wo sie meinem Vater mal mit einem Kredit ausgeholfen hat, zwölftausend Euro, glaub ich, das war nie richtig aufgeschrieben. Ich hab gedacht: die Sache ist doch klar, die Werkstatt läuft, ich zahl ihr was zurück, wann ich kann. Ich hab nicht gedacht, dass das für sie was anderes bedeutet.
Letzten Donnerstag, das war der zwanzigste August, saß Renate am Küchentisch mit ihrer Steuererklärung und einem Ordner, den ich noch nie gesehen hatte. Sabine war auf der Arbeit, ich hatte frei. Renate hat nicht geschrien. Das war das Schlimme dran, ehrlich. Sie hat nur gesagt: "Ich hab gestern mit Herrn Brockmann telefoniert." Das ist unser Steuerberater. "Er hat mir erklärt, was mit der Werkstatt passiert ist."
Ich hab versucht, das runterzuspielen. Hab gesagt, das ist doch Familie, das regeln wir schon. Sie hat mich angeschaut – und ich mein wirklich angeschaut, nicht wie sonst, wenn sie mir übers Ohr die Zeitung reicht – und gesagt: "Matthias, ich koch seit elf Jahren für dich. Ich hab deiner Tochter beim Abi geholfen, jede Nacht. Ich frag nie, wie's dir geht, weil ich Angst hab, dich zu stören bei der Arbeit. Und du nimmst mir das Einzige, was noch von deinem Vater übrig war, und sagst mir nicht mal Bescheid."
Ich hab keine Antwort gehabt. Ich hab wirklich keine gehabt. Ich bin rausgegangen, hab eine Zigarette geraucht, obwohl ich seit vier Jahren nicht mehr rauche, und dabei gemerkt: sie hat recht. Ich hab sie behandelt wie ein Möbelstück, das zufällig gut kocht.
Am Freitag ist es eskaliert, weil mein Bruder Uwe angerufen hat. Uwe wohnt in Bielefeld, kommt einmal im Jahr zu Weihnachten vorbei und hat trotzdem eine Meinung zu allem. Er hat gesagt, Renate soll sich nicht so anstellen, die Werkstatt gehört sowieso der Familie, und überhaupt, was will sie mit siebzig noch mit Papieren. Ich hab am Telefon nichts gesagt. Aber ich hab gemerkt, wie mir kalt wurde, weil ich in dem Moment genau das gedacht hab, was Uwe laut ausgesprochen hat. Ich hab nur nie zugegeben, dass ich so denk.
Sabine kam abends heim, hat die Situation sofort kapiert, weil ihre Mutter beim Abendessen kein Wort gesagt und die Erbsensuppe stehen gelassen hat – zum ersten Mal seit elf Jahren, dass die Suppe kalt wurde. Sabine hat mich in die Garage gezogen, zwischen den Werkzeugkisten, und gefragt, ob ich noch alle Tassen im Schrank hab. Ich hab ihr von den zwölftausend Euro erzählt, von dem Umschreiben, von allem. Sie hat mir nicht die Meinung gegeigt. Sie hat nur gesagt: "Sie hat für uns alle gesorgt, und keiner hat gefragt, ob's ihr gut geht. Nicht mal ich."
Samstagmorgen, kurz nach acht, hat es an der Tür geklingelt. Der Postbote mit einem Einschreiben – für Renate. Ich hab's ihr rübergereicht, mit Zittern in den Fingern, ehrlich gesagt, weil ich Angst hatte, was da drinsteht. Sie hat den Umschlag aufgemacht, am Küchentisch, mit dem Brotmesser, weil sie nie einen Brieföffner findet. Drin war ein Schreiben von Herrn Brockmann: eine Bestätigung, dass sie einen Termin bei einer Fachanwältin für Erbrecht in Detmold vereinbart hat, für Montag, den vierundzwanzigsten August.
Ich bin mit ihr gefahren. Ich hab drauf bestanden. In der Kanzlei, ein kleines Büro über einer Apotheke, roch es nach frisch gebrühtem Kaffee und altem Papier. Die Anwältin, Frau Dr. Wessel, hat Renates Unterlagen durchgesehen, den alten Handschriftzettel über die zwölftausend Euro, die Kontoauszüge von damals. Sie hat gesagt, das lässt sich als Darlehen mit Rückzahlungsanspruch rekonstruieren, auch ohne notariellen Vertrag, wegen der Überweisungsbelege.
Renate hat dann etwas getan, womit ich nicht gerechnet hab. Sie hat nicht verlangt, dass ich ihr die Werkstatt zurückgebe. Sie hat gesagt: "Ich will die zwölftausend Euro zurück, mit den Zinsen, die seit 2015 aufgelaufen wären. Das sind, laut Berechnung von Herrn Brockmann, siebzehntausendvierhundert Euro." Und dann hat sie einen zweiten Punkt gemacht, den ich nie vergessen werde: Sie hat verlangt, dass ihr Name als Mitgläubigerin ins Grundbuch der Werkstatt eingetragen wird, mit einem Vorkaufsrecht, falls ich die Werkstatt je verkaufe. Kein Geschenk mehr. Ein Vertrag.
Ich hab unterschrieben. Ich hatte gar keine andere Wahl, die ich mit mir selbst hätte aushalten können. Wir haben die siebzehntausendvierhundert Euro über einen Kredit bei der Sparkasse Lemgo finanziert, in monatlichen Raten von dreihundertzwanzig Euro über fünfeinhalb Jahre. Das schmerzt jeden Monat, wenn ich den Kontoauszug seh. Aber es schmerzt anders als das schlechte Gewissen.
Zwei Wochen später, an einem Sonntag, saßen wir wieder alle am Tisch. Erbsensuppe. Renate hat mir die Schüssel rübergeschoben, so wie immer. Aber diesmal hat sie vorher gefragt: "Isst du das überhaupt noch gern, oder isst du's nur, weil ich's mach?" Ich hab ihr geantwortet, ohne nachzudenken: "Ich mag's wirklich." Sie hat genickt, ganz kurz, und dann den Fernseher lauter gestellt, weil im Ersten die Nachrichten kamen und sie die immer hören will, bevor sie's vergisst.
Uwe hat sich seitdem nicht mehr gemeldet, außer einer knappen Nachricht zu Renates Geburtstag im Oktober. Das ist okay. Ich glaub, manche Sachen zwischen Brüdern klärt man nicht am Telefon.
Ich hab den Grundbuchauszug jetzt in einer blauen Mappe im Werkstattbüro liegen, direkt neben dem Kalender mit den Terminen für die nächste Hauptuntersuchung. Renates Name steht da drin, sauber getippt, mit dem Stempel vom Amtsgericht Lemgo. Wenn ich die Mappe aufmach, um irgendwas anderes rauszusuchen, seh ich ihren Namen jedes Mal zuerst. Ich lass die Mappe absichtlich dort liegen, wo ich sie sehen muss.







