Vier Wochen bis zur Abifeier – und Selma Brandt fasste einen Plan

Als Kilian Osterloh sich lässig gegen die Tischkante lehnte, wusste jeder in der 12b, dass jetzt eine Show kommen würde. Er ließ die Klasse eine Sekunde zu lange in der Stille hängen, bevor er losprustete.

„Sag mal, Brandt, stimmt das eigentlich – deine Mutter hat gestern bei uns in der Umkleide geputzt?"

Selma war mitten in der Bewegung erstarrt, den Chemie-Ordner halb im Rucksack. Draußen vor dem Fenster nieselte es auf den Schulhof der Gesamtschule Lindenau in Bremen, drinnen roch es nach kaltem Kaffee aus der Thermoskanne der Lehrerin und nassen Jacken.

„Ja, meine Mutter arbeitet als Reinigungskraft an der Schule", sagte sie und schob das letzte Buch in die Tasche. „Und?"

„Nichts", grinste Kilian. „Ich frag mich nur, wie du zum Abiball kommst. Mit der Linie 24? Eimer und Wischmopp im Gepäck?"

Gelächter rollte durch den Raum, jemand klatschte sogar. Selma warf sich den Rucksack über die Schulter und ging zur Tür, ohne ein Wort.

„Deine Mutter putzt Klos, gewöhn dich dran!", rief er ihr hinterher.

Sie drehte sich nicht um. Solche Sprüche waren nichts Neues. Seit der fünften Klasse, seit sie mit einem Stipendium auf dieses Gymnasium gekommen war, wusste sie genau, wonach hier sortiert wurde: Geld, Marke, Adresse. Sie hatte von alldem nichts.

Vor dem Hintereingang wartete Bärbel Brandt schon, in der Wolljacke, die sie seit Jahren trug, die Haare mit einer Klammer zusammengesteckt. Mit achtunddreißig sah sie aus wie Mitte vierzig – zwölf Jahre Reinigungsdienst hinterlassen Spuren, die keine Creme wegbekommt.

„Du bist so still heute, Selmchen", sagte sie, während sie zur Haltestelle liefen, vorbei am Kiosk, wo der Besitzer gerade die Zeitungen für den nächsten Tag sortierte.

„Alles gut, Mama. Nur ne blöde Matheklausur gehabt." Gelogen. Von den Sticheleien erzählte sie nie. Wozu die Mutter beunruhigen, die ohnehin drei Jobs gleichzeitig stemmte, nur damit die Tochter eine Chance auf einen Studienplatz bekam.

„Ich hab nächsten Mittwoch frei. Sollen wir mal wieder was zusammen machen, vielleicht an die Weser?"

„Klar, Mama. Nur nicht Mittwoch – da hab ich Nachschreibtermin in Physik", log Selma schnell. In Wahrheit kellnerte sie mittwochs im Café Sonnenblume um die Ecke. Der Lohn war mager, aber besser als nichts.

„Also, bist du dir sicher bei der Wette?", fragte Jannik in der Mensa, den Blick auf sein Handy gerichtet.

„Klar doch", sagte Kilian und nippte an seiner Cola. „Wenn Brandts Mutter sie mit einem ordentlichen Auto zum Ball bringt, statt mit dem Bus, entschuldige ich mich vor der ganzen Klasse."

„Und ein Taxi?", warf Vivien ein, plötzlich interessiert.

„Taxi zählt nicht. Ich meine ein eigenes Auto, mindestens Mittelklasse."

„Abgemacht!" Kilian und Jannik schlugen ihre Fäuste gegeneinander.

Selma stand mit einem Tablett voller schmutzigem Geschirr um die Ecke. Sie hatten sie nicht bemerkt – aber sie hatte jedes Wort mitbekommen.

In dieser Nacht lag sie lange wach, während unten auf der Straße ein Nachbarshund bellte und wieder verstummte. Mit einem Auto zum Abiball zu kommen – das wäre ihre Chance zu zeigen, dass sie niemandem etwas schuldig blieb. Aber woher das Geld nehmen? Schon die billigste Limousine mit Fahrer kostete mehr als ihr gesamter Kellnerlohn im Monat.

Im Bürokomplex „Weserblick" begann Bärbels Schicht um sechs Uhr morgens. Bis acht musste alles blitzen, bevor die ersten Angestellten kamen.

„Guten Morgen, Frau Brandt!", hörte sie, während sie die Glastür des Autohauses Reimer Premium Cars im dritten Stock polierte. Thorsten Reimer, der Inhaber, war wie immer früh dran.

„Guten Morgen, Herr Reimer", antwortete sie. „Wie geht's Ihrer Tochter? Bereitet sie sich schon auf den Abiball vor?"

„Ja, es sind nur noch knapp vier Wochen", lächelte Bärbel.

„Mein Julius macht auch bald Abi. Interessiert sich aber mehr für Motoren als für Vokabeln", sagte Reimer trocken. Sie wusste, dass er den Sohn seit der Scheidung fast allein großzog. Die Mutter war gegangen, als der Junge neun war.

„Ich hab heute wichtige Termine. Könnten Sie später noch mal über den Besprechungsraum wischen? Ich zahl extra."

„Kein Problem."

Selma lernte, arbeitete, büffelte für die Prüfungen – kaum Schlaf blieb übrig. Jeden Cent steckte sie in eine alte Kaffeedose. Trotzdem zerrann das Geld schneller, als sie es zusammenbekam.

Eines Abends erwischte sie ein Sommerregen an der Haltestelle, klatschnass zitterte sie unter dem kaputten Wartehäuschen. Da hielt ein schwarzer Geländewagen neben ihr, das Fenster fuhr herunter.

„Soll ich dich mitnehmen?"

Sie sah vorsichtig hoch.

„Bist du Selma Brandt? Ich bin Julius Reimer. Mein Vater arbeitet mit deiner Mutter zusammen." Der Junge trug Jeans und ein einfaches T-Shirt, die Haare kurz geschnitten. „Keine Sorge, ich hab grad unseren IT-Menschen nach Hause gefahren und dich am Straßenrand gesehen." Auf der Rückbank saß tatsächlich ein Typ mit Laptop.

„Welche Klasse gehst du?", fragte Julius.

„Zwölfte. In vier Wochen ist Abiball."

„Ich bin in der Elften. Gymnasium Lindenau." Bevor Selma ausstieg, drückte er ihr eine Karte in die Hand. „Das ist mein Kanal, ich mach was mit Autos. Vielleicht interessiert's dich."

Gegen Ende April fiel es Bärbel auf: Die Tochter kam immer später heim, wirkte erschöpft.

„Selma… verheimlichst du mir was? Du bist so angespannt in letzter Zeit."

Selma atmete schwer aus. „Mama, ich hab noch nen zweiten Job. Im Café."

„Was? Aber deine Prüfungen stehen doch kurz bevor!"

„Ich wollte dir was Schönes kaufen. Ein Kleid, Schuhe…" Von der Limousine sagte sie nichts.

Bärbel zog sie fest an sich. „Du Dummerchen. Ich brauch nichts. Ich hab schon was zum Anziehen. Konzentrier dich aufs Lernen."

Doch Selma hatte längst anders entschieden.

Am nächsten Tag, einem Donnerstag, fuhr sie nach der letzten Stunde nicht nach Hause, sondern zu Fuß zum Autohaus Reimer Premium Cars. Sie hatte die Adresse von der Visitenkarte abgeschrieben, die Julius ihr gegeben hatte. Am Empfang stand sie eine Weile unschlüssig zwischen den glänzenden Coupés, bis eine Verkäuferin sie ansprach – und dann kam, wie gerufen, Thorsten Reimer selbst aus seinem Büro.

„Frau Brandts Tochter, richtig? Was führt dich zu uns?"

Sie hatte sich den Satz auf dem ganzen Weg zurechtgelegt, trotzdem stockte sie. „Ich wollte fragen, ob Sie mir für den Abiball ein Auto vermieten. Mit Fahrer. Ich zahl in Raten ab, ich kellnere im Café Sonnenblume, ich kann auch hier bei Ihnen putzen, was auch immer nötig ist."

Reimer schaute sie lange an, dann zu Julius, der gerade aus dem Werkstattbereich kam und wortlos zuhörte.

„Weißt du", sagte er schließlich, „deine Mutter putzt seit zwölf Jahren jeden Morgen um sechs meine Fenster, ohne dass ich sie je darum bitten musste, noch mal extra über was drüberzugehen – sie tut's einfach. Das ist mehr wert, als du glaubst." Er nahm einen Schlüsselbund vom Brett hinter sich. „Den schwarzen Audi da draußen, mit Chauffeur, den kriegst du. Kostenlos. Und wehe, du erwähnst noch ein Wort von Ratenzahlung."

Julius grinste zum ersten Mal seit Selma das Autohaus betreten hatte. „Ich fahr dich sogar selbst, wenn du willst. Hab grad meinen Führerschein für den Begleitmodus gemacht."

Der Abend der Abifeier kam mit einem lauen Wind vom Weserufer herüber, die Turnhalle der Gesamtschule Lindenau war mit Lichterketten behängt, vor dem Eingang drängten sich Eltern mit Handys. Kilian stand mit Jannik und Vivien auf der Treppe, gelangweilt, als der schwarze Audi A8 lautlos vorfuhr. Julius stieg aus, öffnete die hintere Tür – und Selma trat heraus, in einem schlichten dunkelblauen Kleid, das ihre Mutter selbst genäht hatte, mit einer Handtasche, die sie sich von der Café-Chefin geliehen hatte.

Kilians Kinnlade klappte sichtbar herunter. Vivien tippte ihm gegen die Schulter, ohne den Blick von der Szene zu nehmen.

Selma ging an ihnen vorbei, ohne stehen zu bleiben, direkt zu ihrer Mutter, die am Rand stand, in dem geliehenen Kleid, das Haar zum ersten Mal seit Jahren offen. Bärbel hatte sich extra freigenommen, um dabei zu sein – Herr Reimer hatte ihr den Abend spendiert, „als Dankeschön für zwölf Jahre", wie er es formulierte.

Kilian kam später an sie heran, während die Musik schon aus der Halle dröhnte, den Blick zu Boden gerichtet. „Brandt. Ich… das mit dem Bus, das war beschissen von mir. Tut mir leid. Vor allen."

Er sagte es tatsächlich vor der versammelten Klasse, mit rotem Kopf, die Stimme kaum lauter als nötig. Jannik zahlte ihm noch am selben Abend die zwanzig Euro aus, um die sie gewettet hatten, direkt vor Selmas Augen.

Selma nahm das alles mit einem knappen Nicken zur Kenntnis und ging weiter zur Tanzfläche, wo Julius mit zwei Gläsern Apfelschorle auf sie wartete.

Drei Wochen später, an einem Samstagvormittag, saß Selma am Küchentisch ihrer Zweizimmerwohnung in Bremen-Huchting, vor sich einen braunen Umschlag vom Studentenwerk und das Stipendienformular für ein Wirtschaftsstudium an der Universität Bremen. Ihre Mutter stand am Herd, roch nach Kartoffelsuppe, die auf kleiner Flamme köchelte.

„Mama, setz dich mal." Selma schob ihr ein zweites Blatt hin – ein Ausdruck ihres Sparkonto-Auszugs, dreitausendeinhundert Euro, alles, was sie in anderthalb Jahren Kellnern und Nachhilfegeben zusammengekratzt hatte, plus das Geld, das der Kellnerchef ihr als Bonus für ihre letzte Schicht dazugegeben hatte.

„Was ist das?"

„Dein Vertrag für die Haushaltshilfe bei Reimers – den kündigst du. Nicht die Stelle im Bürokomplex, nur die private Extraschicht bei ihnen zu Hause samstags. Ich hab mit Julius' Vater telefoniert, er ist einverstanden, er wollte dir das eh schon lange sagen, nur du hast nie zugelassen, dass jemand für dich was regelt."

Bärbel setzte sich, die Suppenkelle noch in der Hand.

„Und das Geld hier – das reicht für deinen Meisterkurs in der Gebäudereinigung, den du dir seit Jahren nicht getraut hast anzumelden, weil er dreihundertzwanzig Euro kostet und du dachtest, das sei rausgeschmissenes Geld für 'ne Putzfrau. Bist keine mehr, wenn du den Schein hast. Dann bist du Fachkraft, mit Lohnstufe drüber."

Ihre Mutter sagte lange nichts, drehte den Herd auf null, weil die Suppe sonst überkochte, und blieb mit der Hand am Kelle-Griff stehen.

„Das war nicht nötig, Selma."

„Doch. War's."

Am Montag darauf ging Selma selbst mit dem Kündigungsschreiben zur Verwaltung des Bürokomplexes, legte es zusammen mit der Anmeldebestätigung für den Meisterkurs auf den Tisch der Personalabteilung – nicht als Bitte, sondern als erledigte Sache. Ihre Mutter würde ab September nicht mehr putzen. Sie würde prüfen, wer es richtig macht.

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