Ich bin dreiundsiebzig, wohne in Regensburg, in der Wohnung über der alten Wäscherei in der Ostengasse, wo es immer nach Waschpulver und ein bisschen nach Donau riecht, wenn das Fenster zur Straße offensteht. Drei Kinder habe ich großgezogen, sieben Enkel dazu. An diesem Morgen im August habe ich mir wie immer meinen Kaffee gekocht, mit Kondensmilch, wie ich es seit der Zeit in Temeswar gewohnt bin, bevor wir vor fünfunddreißig Jahren hierhergezogen sind. Draußen fuhr der Bus 6 vorbei, ich hörte ihn bremsen, das Quietschen kenne ich auswendig. Ein Tag wie jeder andere, dachte ich. Mit dreiundsiebzig erwartet man keine Fanfaren mehr.
Als Erste meldete sich Bettina, meine Älteste. Ein Anruf, eineinhalb Minuten, sie war schon auf dem Weg zur Kita, wo sie ihre Tochter abgeben musste, das hörte ich am Motorengeräusch im Hintergrund. „Alles Gute, Mama, ich muss los, ruf dich später an" – das „später" kam nie. Mein Sohn Jonas schickte gegen zehn eine WhatsApp mit einem Tortenemoji und dem Satz „Alles Gute, Mutti". Meine Jüngste, Carolin, schickte eine Sprachnachricht, im Hintergrund brüllte der Fernseher irgendeine Zeichentrickserie, und ihre Zwillinge stritten sich um etwas, während sie mir eilig gratulierte.
Ich hörte mir alles an, betrachtete das Tortenbild auf dem Handydisplay und dachte: gut, immerhin haben sie dran gedacht. Gegen zwei am Nachmittag klingelte es an der Tür. Ein Paketbote in einer gelben Jacke, mit einem Umschlag in der Hand. Mein Herz machte einen kleinen Sprung – hatten sie sich also doch zusammengetan, etwas geplant? Ich unterschrieb auf seinem kleinen Gerät, bedankte mich, machte die Tür zu und öffnete den Umschlag noch im Flur.
Ein Geldschein lag darin. Fünfzig Euro. Und eine Karte mit drei Unterschriften – kein einziges warmes Wort, nur drei knappe Namenszüge untereinander, als hätten sie eine Anwesenheitsliste im Büro abgezeichnet. Ich stand da mit dem Schein in der Hand und rechnete kurz nach: fünfzig Euro reichten mir für eine knappe Woche Wocheneinkauf im Rewe um die Ecke, ohne jeden Luxus, nur Brot, Milch, ein Stück Fleisch.
Zuerst kam keine Kränkung, nur Verwirrung. Ich stand im Flur, den Zettel in der Hand, und dachte, vielleicht hätte ich es falsch verstanden. Vielleicht war das nur der Anfang von etwas, vielleicht kämen sie noch vorbei, heute Abend vielleicht, mit einem Kuchen, mit den Kindern. Ich stellte die Kaffeetasse von morgens noch mal in die Spüle, drehte den Wasserhahn auf und wieder zu, ohne sie eigentlich zu spülen. Draußen bellte der Schäferhund vom Nachbarn, Rex, wie jeden Nachmittag um diese Zeit, wenn der Postbote kommt.
Niemand kam. Der Abend verging genauso wie jeder andere. Ich legte den Umschlag in die Schublade der Kommode, zwischen alte Fotos und Nähzeug, und machte mir zwei Spiegeleier. Der Fernseher lief, irgendeine Quizsendung, nur damit die Wohnung nicht so still war. Und dann, mitten im Kauen, brach es aus mir heraus.
Es war nicht das Geld. Ich brauche wenig, meine Rente reicht mir, wirklich. Was mir das Herz zerriss, waren die Bilder, die plötzlich hochkamen: wie ich jeden Pfennig, jeden Euro zur Seite gelegt hatte für Jonas' erstes Fahrrad, ein rotes mit Stützrädern, wie ich mir dafür den neuen Wintermantel verkniffen hatte. Wie ich nachts an Bettinas Bett saß, als sie mit vierzig Grad Fieber lag, mit kalten Umschlägen und dem Gebetbuch meiner Mutter unter dem Kissen. Wie ich mich durch überfüllte Straßenbahnen quer durch die Stadt gequetscht hatte, weil Carolin anrief: „Mama, wir kommen nicht klar, kannst du auf die Zwillinge aufpassen?" Wie ich an jedem Weihnachten, jedem Osterfest den Tisch gedeckt hatte, bis spätabends Berge von Geschirr abwusch, und dabei glücklich war, weil alle da waren, weil in der Wohnung Stimmen und Lachen waren, weil wir eine Familie waren.
Dreiundsiebzig Jahre Leben. Davon gute achtundvierzig, die ich ihnen gewidmet hatte. Und zum Geburtstag: ein Umschlag mit einem Schein und drei trockene Unterschriften.
Ich rief niemanden an, sagte nichts. Wozu auch? Sie hätten es sowieso nicht verstanden. Oder hätten so getan, als verstünden sie nicht – das wäre noch schlimmer gewesen. Ich saß da und dachte darüber nach, wie es dazu kommt, dass man sein ganzes Leben lang alles gibt, bis man irgendwann merkt: Für die eigenen Kinder ist man zu einem Punkt auf einer Liste geworden. „Mutter zum Geburtstag gratulieren" – Häkchen gesetzt, weiter im Alltag.
Ich war keine schlechte Mutter. Vielleicht keine perfekte, aber ich habe mich mit allem, was ich hatte, bemüht. Ich war immer da, wenn sie mich brauchten. Immer.
Das war wohl genau mein Fehler. Ich war so verlässlich, so ständig verfügbar, dass sie irgendwann aufhörten, in mir einen lebendigen Menschen zu sehen. Vergaßen, dass auch ich, wenigstens ab und zu, jemanden brauchte, der sich um mich sorgt. Sie hätten mir kein Geld überweisen müssen. Sie hätten einfach kommen sollen. Sich zu mir setzen. Fragen: „Mama, wie geht es dir eigentlich?"
Am nächsten Morgen holte ich den Umschlag wieder aus der Schublade. Ich betrachtete ihn lange, dann tat ich ihn wieder zurück. Wegwerfen wollte ich ihn nicht. Soll er liegen bleiben – nicht als Erinnerung für sie, sondern für mich selbst. Als Zeichen, dass ich nichts mehr erwarten sollte. Dass mit dreiundsiebzig endlich die Zeit gekommen war, für mich selbst zu leben.
Drei Wochen später rief ich meinen Neffen Andrei an, der als Notar in der Innenstadt arbeitet, gleich neben dem Neupfarrplatz. Ich hatte vor Jahren beschlossen, meine Zweizimmerwohnung nach meinem Tod zu gleichen Teilen unter den dreien aufzuteilen. Jetzt saß ich ihm gegenüber, in seinem kleinen Büro mit den grünen Aktenordnern, und bat ihn, das Testament zu ändern. Nicht aus Bosheit – das sagte ich ihm ausdrücklich, und er nickte nur einmal, ohne zu fragen, notierte es sich. Ich wollte lediglich meinen Bausparvertrag, siebzehntausend Euro, den ich über zwanzig Jahre lang angespart hatte, für etwas anderes verwenden: für die Kinderkrebsstation am Uniklinikum, wo ich seit dem Tod meiner Schwester ehrenamtlich einmal die Woche vorlas.
Ich unterschrieb das neue Dokument mit ruhiger Hand, steckte die Kopie in dieselbe Schublade, zu dem alten Umschlag mit den fünfzig Euro. Zwei Papiere nebeneinander: eines von ihnen, eines von mir.
Als Carolin im September anrief, um zu fragen, ob sie am Wochenende mit den Kindern vorbeikommen könnte – „Mama, die Kleinen wollen dich so gern sehen" –, sagte ich ihr, sie sei herzlich willkommen. Ich buk einen Streuselkuchen, deckte den Tisch, wie ich es all die Jahre getan hatte. Als sie ging, gab ich ihr beiläufig die Kopie des neuen Testaments mit, in einem schlichten weißen Umschlag, ohne ein Wort der Erklärung. „Das ist für euch alle, gib es Bettina und Jonas weiter", sagte ich nur. Den Rest sollten sie selbst herausfinden.







