Ich habe die Werkstatt seit siebzehn Jahren, unten am Hof, gleich neben dem türkischen Gemüseladen, dessen Auslage im Sommer nach Melonen riecht und im Winter nur nach nassem Karton. Man lernt in so einem Beruf mehr über Familien als jeder Therapeut, das kann ich Ihnen sagen. Die Leute kommen wegen einer klemmenden Tür oder eines verlorenen Schlüssels, und während ich am Zylinder arbeite, erzählen sie mir ihr ganzes Leben. Ich höre meistens nur mit halbem Ohr zu, ich hab ja zu tun. Aber die Geschichte von Frau Brandt, die vergesse ich nicht.
Sie wohnt im Hinterhaus, dritter Stock, seit Anfang der Neunziger. Ihr Sohn Jonas ist Steuerberater, hat eine Kanzlei drüben in Charlottenburg, zwei Kinder, eine Frau, die im Krankenhaus Schichtdienst macht. Ich kannte ihn noch als Jungen mit Fahrrad, jetzt fährt er einen grauen Passat und parkt ihn immer falsch vor der Einfahrt, sodass der Postbote fluchen muss.
Es war ein Dienstag im Februar, so ein Tag, an dem es schon um halb fünf dunkel wird und die Straßenbahn quietschend um die Ecke der Kurfürstenstraße biegt. Ich saß in meiner Kabine und wartete auf den letzten Kunden, als Frau Brandt hereinkam. Nicht wegen eines Auftrags — sie wollte nur die Werkstatttür passieren, ihr Schlüsselbund fiel ihr aus der Hand, und sie bückte sich so vorsichtig danach, als hätte sie Angst, dass ihr Rücken das nicht mitmacht. Ich half ihr auf, und dabei sah ich, dass ihre Augen gerötet waren. Nicht geweint — eher so, als hätte sie geweint und sich danach das Gesicht mit kaltem Wasser gewaschen, um es zu verbergen.
Wir kamen ins Reden, weil ich sie schon lange kannte, seit den Zeiten, als ihr Mann noch lebte und bei mir immer die Fahrradschlösser nachschleifen ließ. Sie erzählte mir, fast entschuldigend, dass sie am Vorabend versucht hatte, ein Glas Rotkohl zu öffnen, und es nicht schaffte. Die Hände, sagte sie, die machen einfach nicht mehr das, was sie sollen. Sie hatte Jonas zweimal angerufen. Er ging nicht ran. Erst gegen zweiundzwanzig Uhr rief er zurück, und das Erste, was sie zu ihm sagte, war: Entschuldige, mein Junge, ich weiß, du hast zu tun.
Das hat sie mir erzählt, während ich an ihrem klemmenden Fensterschloss oben in ihrer Wohnung schraubte — sie hatte mich am Ende doch noch für einen kleinen Auftrag mit hochgenommen, drei Stockwerke, ich war ganz schön außer Puste. Die Wohnung roch nach Bohnerwachs und nach dem Kaffee, den sie mir aufgesetzt hatte, obwohl ich ihn eigentlich nicht wollte. Auf dem Küchentisch stand noch das Rotkohlglas, unversehrt, wie ein stiller Zeuge.
Ich erinnere mich, dass im Radio auf dem Fensterbrett gerade der Verkehrsfunk lief, ganz leise, mehr ein Rauschen als Worte. Und dass ein Nachbarshund im Treppenhaus bellte, weil jemand mit dem Fahrrad gegen die Mülltonnen gestoßen war.
Frau Brandt sprach nicht laut. Sie sagte nur, dass sie sich manchmal frage, wann genau sie angefangen habe, sich für ihre eigene Existenz zu entschuldigen. Ich hatte darauf keine Antwort, ich bin schließlich kein Pfarrer, ich bin Schlosser. Aber ich hab die Tür repariert, den Kaffee getrunken, und als ich ging, warf ich noch einen Blick zurück: Sie stand am Fenster und sah runter auf den Hof, wo mein Kombi parkte.
Zwei Wochen später kam ich wieder, diesmal wegen der Wohnungstür ihres Nachbarn, und da erfuhr ich den Rest. Jonas war nach diesem Anruf tatsächlich noch am selben Abend hochgekommen, mit dem Passat quer vor der Einfahrt geparkt, wie immer. Die Nachbarin, Frau Kowalski aus dem zweiten Stock, hat mir erzählt, sie habe die beiden auf der Treppe gehört — nicht die Worte, nur die Stimmen, eine ruhige, brechende Frauenstimme und eine tiefe, die dazwischen schwieg. Am nächsten Morgen sei Jonas noch mal gekommen, mit einer Tüte vom Supermarkt.
Was danach passiert ist, weiß ich zum Teil von Frau Brandt selbst, die mir bei meinem übernächsten Besuch — diesmal wegen eines neuen Türspions, den sie sich plötzlich wünschte — mehr erzählte, als ich erwartet hatte. Sie sagte, ihr Sohn habe ihr am Küchentisch gegenübergesessen und gesagt, er schäme sich. Nicht für sie. Für sich. Dass er ihre Anrufe wie Termine behandelt habe, die man verschieben kann, während sie die einzige Person sei, die ihn nie irgendetwas hatte warten lassen, als er klein war.
Und dann kam die Sache, die mich als Schlosser natürlich besonders interessierte, weil sie mit meinem Handwerk zu tun hatte, wenn auch nur am Rand. Jonas hatte ihr einen dieser Notrufknöpfe besorgt, so einen kleinen Sender fürs Handgelenk, den man drückt, wenn man stürzt oder Hilfe braucht — die Nachbarschaftsdienste bieten das hier in Berlin über die Johanniter an, ungefähr fünfunddreißig Euro im Monat. Aber das war nicht die Hauptsache, das hat sie mir selbst gesagt. Die Hauptsache war, dass er ihr einen Zweitschlüssel für seine eigene Wohnung gab, drüben in Charlottenburg, und sie bat, ihm im Gegenzug einen Schlüssel für ihre Wohnung anzuvertrauen, obwohl er längst einen hatte — einen ganz neuen, extra bei mir nachgemacht, mit einem kleinen roten Anhänger, damit sie ihn im Schlüsselbund sofort erkennt und weiß, dass er jederzeit reinkann, ohne dass sie ihm die Tür öffnen muss, ohne dass sie ihn bitten muss.
Das war für mich als Handwerker eigentlich nur ein Standardauftrag, drei Schlüssel nachmachen, zwölf Euro achtzig das Stück. Aber ich hab gemerkt, dass es für sie etwas anderes bedeutete. Sie hat den Schlüssel in der Hand gedreht, bevor sie ihn wegsteckte, so wie man eine Urkunde betrachtet.
Seitdem sehe ich Jonas öfter im Hof. Sonntags meistens, mit einer Tüte vom Bäcker an der Ecke, manchmal mit den Kindern, die auf dem Hofpflaster mit Kreide malen. Einmal, im Frühling, kam er zu mir in die Werkstatt, weil das Türschloss bei seiner Mutter wieder klemmte — dasselbe Fenster, das ich im Februar repariert hatte, die Wohnung hatte sich gesetzt, das passiert bei alten Häusern. Ich fragte ihn beiläufig, wie es seiner Mutter geht.
Er sagte, gut. Sie kocht wieder öfter für alle, Sonntagsessen, mit Rotkohl übrigens, das koche sie jetzt extra für ihn, weil er es als Kind gemocht habe. Und dass er die Gläser jetzt immer vorher aufdreht, bevor er sie ihr in den Kühlschrank stellt, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Ich hab ihm das Schloss geölt, den Zylinder ausgetauscht, das kostete ihn achtundzwanzig Euro. Er hat bezahlt, mir die Hand gegeben, ist zu seinem Passat gegangen, der wieder mal falsch vor der Einfahrt stand. Ich hab durchs Werkstattfenster gesehen, wie Frau Brandt oben am Küchenfenster stand und runterwinkte, bis der Wagen um die Ecke der Kurfürstenstraße verschwunden war.







