Ich sitze seit einundzwanzig Jahren an derselben Anmeldung im Rathaus von Lüdenscheid, Abteilung Bürgerservice, Schalter drei. Man sieht in diesem Job eine Menge Menschen, aber manche vergisst man nicht.
Frau Brandenburg kam jeden Dienstag. Immer um kurz nach neun, immer mit demselben grauen Wollmantel, egal ob Regen oder Sonne. Sie zog eine Nummer, obwohl sie längst wusste, dass sie an diesem Tag nichts zu erledigen hatte im eigentlichen Sinn. Sie kam wegen der Bank neben dem Getränkeautomaten. Dort saß sie, bis die Nummern durch waren, und beobachtete die Leute.
Ich hatte gerade Frühschicht, der Kaffee aus dem Automaten schmeckte wie immer nach Pappe, und ich hörte, wie sie mit dem alten Herrn neben ihr redete. Sie erzählte ihm, dass ihr Sohn seit sechs Wochen nicht mehr zum Sonntagskaffee gekommen war. Sechs Wochen zählte sie, als würde sie auf etwas Wichtiges warten, nur eben andersherum – sie zählte die Leere.
Man hört solche Sachen ständig an dieser Anmeldung. Die Leute reden, während sie warten, mit wildfremden Menschen Dinge, die sie ihrer eigenen Familie nicht erzählen würden. Vielleicht, weil man einen Amtsschalter nie wiedersieht.
Frau Brandenburg erzählte, dass ihr Sohn Matthias hieß, dass er groß und ein bisschen schwerfällig war, dass er früher jeden Sonntag mit einem Beutel voller Kleinigkeiten kam – mal Gummibärchen, weil sie die als Kind schon mochte, mal eine neue Salbe für ihre Knie, um die sie nie gebeten hatte. Und dass seine Frau Julia, so vermutete sie, ihn ihr wegnahm. Neue Wohnung am Stadtrand von Hagen, die Schwiegereltern, zu denen sie jetzt ständig fuhren, und jetzt auch noch die Sonntage.
Sie sagte es nicht anklagend. Eher wie jemand, der eine Wunde immer wieder betastet, um zu prüfen, ob sie noch da ist.
Ich hatte an dem Tag Feierabend um halb vier, wollte eigentlich nur noch meine Akten wegräumen, aber ich blieb hängen an dem Gespräch, während ich die Stempel sortierte. Der alte Herr neben ihr, ein pensionierter Postbote namens Herr Osterkamp, erzählte ihr im Gegenzug von seiner Nachbarin. Frau Kowalski, über achtzig, wohnte allein im dritten Stock ohne Aufzug, seit ihr Sohn Robert auf einer Ölplattform in der Nordsee arbeitete und nur alle acht Wochen heimkam.
— Da kümmert sich einer, wissen Sie, sagte Herr Osterkamp und rührte in seinem Plastikbecher Kaffee, obwohl kein Löffel drin war. Jeden Sonntag. Bringt Einkäufe, fährt sie zum Arzt, repariert die Heizung. Ein Kumpel von ihrem Sohn. Andi heißt er wohl.
Ich hörte, wie Frau Brandenburg plötzlich still wurde. Nicht die übliche Höflichkeitspause, sondern eine, die man spürt, bevor jemand eine Frage stellt, vor der er sich fürchtet.
— Wie sieht er aus, dieser Andi, fragte sie.
— Groß. Kräftig. Fährt einen grauen Kombi, glaub ich, Golf oder sowas.
Ich hatte gerade die Nummer siebenundzwanzig aufgerufen, aber niemand kam zum Schalter. Ich schaute hoch. Frau Brandenburg saß auf der Bank, die Hand vor dem Mund, und ihr Wollmantel bebte an den Schultern.
— Das ist mein Sohn, sagte sie so leise, dass ich es kaum verstand über die Lautsprecheranlage hinweg. Das ist Matthias.
Ich habe in einundzwanzig Jahren an diesem Schalter viel gesehen – Streit um Anmeldebescheinigungen, Tränen wegen verlorener Ausweise, einmal sogar eine Verlobung direkt vor dem Wartebereich. Aber eine Frau, die im Rathaus vor Erleichterung weint, das war neu.
Herr Osterkamp erklärte ihr dann alles, was er wusste. Dass Frau Kowalskis Sohn Robert mit Matthias schon seit der Grundschule befreundet war, in Herscheid, wo beide aufgewachsen waren. Dass Robert, bevor er auf die Plattform ging, seinen Freund gebeten hatte, nach der Mutter zu sehen, weil er selbst erst nach der Geburt seiner Tochter nicht wusste, wie er das mit dem Job und der alten Frau unter einen Hut bringen sollte. Und dass Matthias einfach zugesagt hatte. Ohne großes Wort darüber zu verlieren. Nicht zu Hause, nicht bei der Arbeit, nirgends.
Ich musste die nächsten Nummern aufrufen, die Schlange wurde länger, ein Mann meckerte wegen der Wartezeit für seinen neuen Reisepass. Aber ich behielt Frau Brandenburg im Augenwinkel. Sie blieb sitzen, bis alle Nummern durch waren, mit rotgeweinten Augen und einem Gesicht, das plötzlich zehn Jahre jünger aussah.
Am nächsten Dienstag kam sie wieder, zog aber diesmal keine Nummer. Sie kam nur, um mir – mir, der Frau am Schalter, mit der sie nie ein Wort gewechselt hatte außer „guten Morgen" – zu erzählen, wie die Woche gelaufen war.
Sie erzählte, dass sie am Samstagabend Besuch bekommen hatte. Ihre Schwiegertochter Julia war gekommen, mit einem Streuselkuchen unter einem Geschirrtuch, den sie kaum angerührt auf dem Küchentisch stehen ließ, weil sie zu aufgeregt war, um zu essen. Julia hatte gestanden, dass sie und Matthias die ganze Zeit geschwiegen hatten, weil es Roberts Geschichte war, nicht ihre eigene, und Matthias fand, dass gute Taten, über die man redet, keine guten Taten mehr sind, sondern Angeberei.
— Ich hab ihr die Hand über den Tisch gegeben, sagte Frau Brandenburg zu mir, während ihre Wartenummer unbenutzt in ihrer Manteltasche steckte. Und hab gesagt, sie soll sich nicht entschuldigen. Dass ich die dumme Alte bin, die sich was zusammengereimt hat, was gar nicht stimmte.
Sie erzählte auch, dass sie Julia gebeten hatte, Matthias solle Robert, sobald der von der Plattform zurückkäme, und auch Frau Kowalski zum Mittagessen mitbringen. Dass sie extra für sonntags Rouladen einlegen wollte, so wie früher, als ihr Mann Bernhard noch lebte – er war vor sieben Jahren gestorben, an einem Herzinfarkt im Baumarkt, wie sie mir einmal beiläufig erzählt hatte, während sie auf einen neuen Personalausweis wartete.
Am darauffolgenden Sonntag, das erfuhr ich erst später, kam Matthias wieder mit seinem Beutel zur Tür, in dem diesmal eine Tüte Gummibärchen lag. Er stand unschlüssig im Flur, bis seine Mutter ihn einfach an sich zog, fest, wie man ein Kind umarmt, das sich verlaufen hat und wieder gefunden wurde.
Ich sah Frau Brandenburg noch drei, vier Mal in den folgenden Monaten, meist wegen irgendwelcher Formulare, die sie eigentlich auch online hätte erledigen können. Aber sie kam lieber persönlich, glaube ich, weil der Bürgerservice für sie zu einem Ort geworden war, an dem etwas Gutes passiert war, und solche Orte sucht man gern wieder auf.
Beim letzten Mal, es war kurz vor Weihnachten, der Wartebereich roch nach nassen Schirmen und dem Glühwein, den die Kollegin aus der Poststelle mitgebracht hatte, erzählte sie mir, dass Frau Kowalski inzwischen jeden zweiten Sonntag bei ihr am Tisch saß. Dass Robert nach seiner letzten Rotation von der Plattform mit seiner kleinen Tochter zu Besuch gekommen war und dass am Ende sechs Leute um den Tisch gesessen hatten, wo früher zwei waren.
Ich hatte an dem Tag Spätdienst bis achtzehn Uhr, war müde, die Füße taten weh vom langen Stehen an der Ausgabe. Aber als sie ihre Handschuhe anzog, um zu gehen, sagte sie noch etwas, das mir hängen geblieben ist.
— Wissen Sie, was komisch ist? Ich hab so lange gebetet, ich soll irgendein Zeichen kriegen, dass mein Junge mich noch liebt. Und dann kommt das Zeichen nicht als Wunder. Sondern als ein alter Postbote, der neben mir auf einer Bank Kaffee ohne Löffel umrührt.
Ich habe ihr die Tür aufgehalten, und sie ging hinaus in den Dezemberregen, den Wollmantel über der Schulter zugeknöpft, die Wartenummer siebenundzwanzig noch in der Tasche, wo sie sie all die Wochen aufbewahrt hatte, ohne dass ich je fragte, warum.







