Es war ein Dienstag im März, kurz vor sechs, als Mareike Brandt den Brief aus dem Briefkasten zog und noch auf der Treppe stehen blieb, um ihn zu lesen. Regennasse Buchstaben auf dem Umschlag, Absender: Notariat Dr. Kessler, Rostock.
Sie kannte diesen Namen. Ihr Bruder Tobias hatte dort vor Jahren schon einmal etwas unterschreiben lassen, als ihre Mutter noch lebte.
In der Wohnung roch es nach dem Erkältungstee, den ihr Sohn Finn sich gemacht hatte, bevor er zur Nachtschicht in die Klinik gefahren war. Der Fernseher lief noch, irgendeine Kochshow, niemand sah hin. Mareike setzte sich an den Küchentisch, schob die Kaffeetasse vom Vortag beiseite und riss den Umschlag auf.
Es ging um die Werkstatt.
Die kleine Autowerkstatt am Rande von Warnemünde, die ihr Vater vor fünfunddreißig Jahren aufgebaut hatte. Zwei Hebebühnen, ein Lager voller Ersatzteile, ein Hof mit der alten Linde, unter der die Kunden im Sommer auf ihre Inspektion warteten. Nach dem Tod des Vaters vor elf Jahren hatten Mareike und Tobias sie gemeinsam geerbt, fifty-fifty, das stand im Testament so klar wie sonst nichts in dieser Familie.
Mareike hatte nie dort gearbeitet. Sie war Bilanzbuchhalterin bei einer Spedition in Rostock, machte einmal im Jahr die Steuererklärung für die Werkstatt und ließ Tobias sonst in Ruhe. Er hatte den Betrieb am Laufen gehalten, zwei Mechaniker angestellt, einen Azubi. Sie hatte gedacht, das sei in Ordnung so. Geschwister, die sich die Arbeit aufteilen, jeder nach seinen Möglichkeiten.
Der Brief besagte etwas anderes.
Tobias hatte vor sechs Wochen einen Antrag gestellt, ihren Hälfteanteil aus dem Betrieb "herauszulösen", wie es im Juristendeutsch hieß, gegen eine Abfindung, die weit unter dem lag, was der Marktwert hergab. Und weil sie auf zwei Schreiben der Kanzlei nicht reagiert hatte — Schreiben, die sie nie bekommen hatte, das würde sich später klären —, lief bereits eine Frist. Noch elf Tage, dann würde der Vorgang, wie es hieß, "im vorgesehenen Verfahren fortgeführt".
Mareike rief ihn an. Er ging erst beim vierten Klingeln ran, Werkstattlärm im Hintergrund, eine Flex oder etwas Ähnliches.
"Tobi, was ist das für ein Brief vom Notariat?"
"Welcher Brief."
"Tu nicht so. Du willst mich rauskaufen. Für einen Appel und ein Ei."
Eine Pause, in der nur das Kreischen von Metall zu hören war. Dann: "Ich hab dir doch geschrieben, im Januar schon, dass ich —"
"Du hast mir gar nichts geschrieben."
"Doch, hab ich. Vielleicht an die alte Adresse, keine Ahnung, das ist —"
"Ich wohne seit acht Jahren hier."
Er schwieg wieder. Und dann sagte er den Satz, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog: "Mareike, ich mach die ganze Arbeit hier. Du kriegst am Jahresende deinen Anteil und tippst dabei ein paar Zahlen in Excel. Ich find, das ist nicht fair verteilt, und das wollte ich ändern. Ordentlich, über einen Notar."
"Ordentlich wäre gewesen, mich zu fragen."
"Hab ich ja versucht."
"Nein, hast du nicht."
Sie legte auf, bevor sie etwas sagte, das sie später bereuen würde. Draußen fuhr ein Linienbus vorbei, die Zwölf Richtung Hauptbahnhof, das Quietschen der Bremsen kannte sie so gut wie ihren eigenen Herzschlag, sie wohnte seit Jahren an dieser Kreuzung. Finn kam gegen halb acht aus der Küche, sah ihr Gesicht und fragte nicht viel, machte nur zwei Brote und stellte einen Teller vor sie hin, den sie nicht anrührte.
Am nächsten Morgen fuhr sie zur Werkstatt. Nicht um zu streiten. Um sich anzusehen, was aus ihrem Erbteil geworden war, während sie all die Jahre stillgehalten hatte.
Der Hof war voller Autos, mehr als früher. Die Linde stand noch, aber jemand hatte einen Teil der Wurzeln zubetoniert, um Platz für zwei weitere Stellplätze zu schaffen. In der Werkstatt roch es nach Motoröl und dem Kaffee aus der alten Filtermaschine, die schon ihr Vater benutzt hatte. Tobias stand unter einem angehobenen Kombi, sah sie kommen und wischte sich die Hände an einem Lappen ab, der schwärzer war als seine Finger.
"Ich wollte reden, nicht streiten", sagte sie.
"Ich auch nicht."
"Dann erklär mir, warum du mir eine Abfindung anbietest, die keine zweihunderttausend Euro liegt, wenn die Werkstatt laut Steuerberater mindestens vierhundertsiebzig wert ist."
Er sah zur Seite, zu dem Azubi, der gerade tat, als würde er einen Reifen wuchten, aber jedes Wort mithörte.
"Woher hast du die Zahl."
"Vom selben Steuerberater, der auch deine Bilanzen macht. Der hat mir zufällig erzählt, dass ihr letztes Jahr sogar einen Interessenten für den Hof hattet. Aus Warnemünde, für ein Ferienwohnungsprojekt. Für vierhundertneunzigtausend."
Es war ein Schuss ins Blaue gewesen, aber sein Gesicht verriet, dass er getroffen hatte. Er ließ den Lappen fallen.
"Das war unverbindlich."
"Wie viel wollten sie zahlen, Tobi?"
Er antwortete nicht. Der Kaffeeautomat gluckerte im Hintergrund, ein Kunde bog mit dem Wagen in den Hof, sah die beiden an, drehte lieber wieder ab.
"Ich zahl dir eine faire Summe für deinen Anteil, wenn ich den Betrieb übernehmen soll", sagte Mareike. "Aber nicht zweihundert. Und ich unterschreib gar nichts mehr, bevor ich nicht meinen eigenen Anwalt hab, verstanden?"
"Du hast keine Ahnung von der Werkstatt. Du hast noch nie einen Ölwechsel selbst gemacht."
"Und du hast noch nie eine Bilanz gelesen, ohne dass ich sie dir erklärt hab. Trotzdem hab ich dir das Geschäft überlassen, weil ich dachte, wir sind eine Familie und keine Konkurrenten."
Sie fuhr nach Hause, ohne dass etwas geklärt war, aber mit einer Entscheidung, die sich in ihr festgesetzt hatte wie ein Zahnrad, das einrastet.
Die folgenden Tage verbrachte sie am Telefon. Erst mit einer Anwältin für Erbrecht in der Rostocker Innenstadt, dann mit dem Grundbuchamt, dann mit dem Steuerberater, der zugeben musste, dass er Tobias' Schreiben an die "alte Adresse" nie verschickt hatte, weil es sie nie gegeben hatte — Tobias hatte die Fristen laufen lassen und dann behauptet, benachrichtigt zu haben, in der Hoffnung, sie würde es einfach durchwinken.
Die Anwältin, eine ruhige Frau namens Dr. Elvers mit einem Aktenberg, der bis zur Fensterbank reichte, sagte nur: "Das ist ein klassischer Versuch, den Miterben durch Fristen unter Druck zu setzen. Wir stoppen das Verfahren, holen ein unabhängiges Wertgutachten ein, und dann reden wir über echte Optionen. Verkauf an einen Dritten, Verkauf an Ihren Bruder zum Marktwert, oder Sie übernehmen und er wird ausgezahlt. Ihre Wahl."
Mareike entschied sich für das Gutachten. Der Sachverständige, ein trockener Mann mit Aktenkoffer und schlechtem Rücken, ging zwei Stunden über den Hof, fotografierte die Hebebühnen, blätterte in den Auftragsbüchern, sprach mit dem Azubi, ohne dass Tobias es mitbekam, weil er gerade beim Reifenhändler war. Das Ergebnis kam zwei Wochen später per E-Mail: vierhundertfünfundfünfzigtausend Euro. Ihr Anteil, sauber gerechnet: gut zweihundertsiebenundzwanzigtausend.
Sie druckte das Gutachten aus, steckte es in eine blaue Mappe, dazu den Entwurf der Anwältin für eine notarielle Vereinbarung, und fuhr an einem Freitagnachmittag noch einmal zur Werkstatt. Diesmal wartete sie, bis Tobias den letzten Kunden verabschiedet hatte und die beiden Mechaniker Feierabend machten.
"Ich hab was für dich."
Sie legte die Mappe auf die Werkbank, zwischen einen Drehmomentschlüssel und eine halb leere Kaffeetasse.
"Du kannst mich zum Gutachterwert auszahlen, in Raten über drei Jahre, das schlägt meine Anwältin vor. Oder wir verkaufen an den Investor aus Warnemünde, und du fängst irgendwo als Werkstattleiter neu an. Aber die zweihunderttausend, die du mir andrehen wolltest — die Option gibt's nicht mehr."
Er blätterte in dem Gutachten, sein Kiefer arbeitete, aber er sagte nichts Böses. Vielleicht, weil ihm klar war, dass da nichts mehr zu drehen war.
"Und wenn ich nicht zahlen kann? So auf einmal?"
"Hab ich doch gesagt. Ratenzahlung, drei Jahre, mit Grundschuld auf den Betrieb abgesichert, damit ich sicher bin, dass es auch passiert. Steht alles drin."
Er sah lange auf die Zahl. Dann nickte er, kurz, fast unmerklich, und unterschrieb zwei Wochen später beim Notar in der Innenstadt, mit Dr. Kessler höchstpersönlich, demselben, der den ersten Brief geschickt hatte. Mareike saß auf der anderen Seite des Tisches, die blaue Mappe vor sich, und unterschrieb ihrerseits einen Vertrag, der ihr für die nächsten drei Jahre eine monatliche Überweisung von sechstausenddreihundertneunzehn Euro sicherte, dazu einen Eintrag im Grundbuch, der ihre Forderung absicherte, falls Tobias doch wieder ins Schwanken geraten sollte.
Als sie aus dem Notariat trat, regnete es nicht mehr. Der Wind vom Hafen roch nach Salz und Diesel, ein vertrauter Geruch, den sie seit ihrer Kindheit kannte. Ihr Handy vibrierte — eine Nachricht von Finn: "Hab Fischbrötchen geholt, komm nach Hause, ist noch warm."
Sie steckte das Telefon weg und ging zu Fuß bis zur Bushaltestelle, die blaue Mappe unter dem Arm, leichter, als sie den ganzen Tag über gewesen war.







