Katzenmutter

— Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Mädchen! — Die Tierärztin lächelte über den Rand ihrer Brille. — Und ganz hübsch dazu.

Marlene starrte auf das Bündel Fell auf dem Untersuchungstisch, dann auf die Ärztin, und dachte im ersten Moment nur eins: Was, um Himmels willen, sage ich Tobias, wenn ich nach Hause komme.

— Ist alles in Ordnung? — fragte die Ärztin vorsichtig, weil in Marlenes Gesicht keine Spur von Freude zu erkennen war.

— Ja, ja, alles bestens. — Das Lächeln kam einen Tick zu spät und saß schief, aber in diesem Moment war das egal.

Dabei hatten sie erst vor knapp fünf Wochen am Küchentisch in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in der Nürnberger Südstadt gesessen, die Heizung tickte, draußen fuhr die Straßenbahn Linie 6 vorbei, und Tobias hatte gesagt, er wolle jetzt wirklich ein Kind.

— Ich wäre ja nicht dagegen, — hatte Marlene geseufzt. — Aber wir zahlen noch die Miete für die Wohnung, keine Ahnung, ob das schon der richtige Zeitpunkt ist.

— Wir bauen. Ich will unbedingt ein Mädchen.

— Ein Mädchen? Männer wollen doch sonst immer Söhne. Stammhalter und so ein Getue.

— Einen Sohn will ich auch, — hatte er gelacht. — Aber später. Erst soll's ein Mädchen sein.

— Na, das entscheidet sowieso jemand anderes, — hatte sie geantwortet und mit dem Finger nach oben gezeigt. Gemeint hatte sie damit nicht Frau Kowalski aus dem vierten Stock, die abends immer mit den Absätzen über den Boden klapperte, sondern den da oben, der über solche Dinge nach eigenem Gutdünken entschied.

Als Tobias von einem Mädchen gesprochen hatte, hatte er zweifellos ein menschliches Kind gemeint. Keine Katze. Deshalb also diese Verwirrung. Marlene sah wieder auf das Kätzchen, das auf dem Metalltisch lag und sie aus großen Augen musterte, und atmete schwer aus.

Das Schicksal kündigt sich selten an. Es schickt keine Briefe, ruft nicht vorher an, fragt nicht, ob gerade ein guter Zeitpunkt ist, das eigene Leben auf den Kopf zu stellen. Es versteckt sich einfach irgendwo zwischen den Hecken am Rand eines Supermarktparkplatzes und fängt an, verzweifelt zu piepsen.

Marlene hatte gerade die Einkäufe im Kofferraum ihres alten Opel Astra verstaut und saß schon hinterm Lenkrad, als sie es hörte. Laut, lang gezogen. Sie dachte zunächst an eine Autoalarmanlage — auf dem Parkplatz des Kaufland an der Regensburger Straße standen genug Wagen, um das plausibel zu machen. Sie ließ den Motor an, wollte losfahren, da kam der Ton wieder. Lauter diesmal, schien ihr zumindest. Und plötzlich war klar: Das war keine Elektronik. Das war etwas Lebendiges.

Ein Vogeljunges? Eine Maus? Vielleicht ein Welpe?

— So, jetzt reicht's, — sagte sie halblaut zu sich selbst. — Gleich denk ich noch, da liegt ein Nilpferdbaby.

Eigentlich hätte es ihr egal sein können. Sie musste nach Hause, kochen, die Wäsche türmte sich seit Tagen. Aber Marlene war neugierig, seit sie denken konnte, und solange sie einer Sache nicht auf den Grund gegangen war, ließ sie ihr keine Ruhe. Sie stieg aus, sah sich um und ging in die Richtung, aus der das Piepsen kam. Je näher sie der Hecke kam, desto jämmerlicher klang es — fast, als wollte da jemand ganz gezielt Aufmerksamkeit erzwingen. Und das gelang ihm.

Sie kauerte sich hin, schob einen Zweig zur Seite.

— Das ist ja… ein Kätzchen, — murmelte sie und betrachtete das kleine, staubige Fellknäuel, das auf der Erde saß.

Das Kätzchen sah sie an und verstummte einen Moment lang, als würde es prüfen, ob sie die richtige Person war. Dann schrie es wieder los, und darin lag nur eins: Na endlich. Wo warst du so lange?

Marlene wusste in diesem Augenblick, dass sie verloren hatte. Nach so einem Blick konnte man sich nicht mehr einfach umdrehen und gehen.

— Na, hallo, — sagte sie und streckte die Hand aus.

— Miiiau!

— Ja, ich hab schon verstanden. Was ist los mit dir? Hunger? Tut dir was weh?

Während das Kätzchen sich mit aller Kraft an ihrem Finger festkrallte und versuchte, auf ihre Hand zu klettern, dachte Marlene, dass sie sich da gerade völlig grundlos ein Problem eingehandelt hatte. Manche würden sagen: Ein Kätzchen ist doch kein Problem, sondern ein Geschenk. Aber das begriff sie in diesem Moment noch nicht.

Sie dachte in Listen. Erstens: Sie hatte mit Tobias nie über ein Haustier gesprochen — nur über ganz etwas anderes, wie erwähnt. Zweitens: Sie wohnten zur Miete, und ihr Vermieter, Herr Brenninger, ein pensionierter Postbeamter mit Leidenschaft für Kleingärten, hatte im Mietvertrag ausdrücklich "keine Tierhaltung" stehen. Und ein Katzenhaar auf dem Sofa würde er garantiert finden, selbst wenn er einen umgestürzten Schrank übersähe. Drittens — und das war der eigentliche Punkt — Marlene mochte Tiere durchaus. Hunde, Wellensittiche, sogar die Eichhörnchen im Stadtpark, die sie und Tobias sonntags immer fütterten. Nur mit Katzen war das bei ihr schon immer kompliziert gewesen. Nicht, dass sie etwas gegen sie hätte. Katzen existierten für sie einfach in einer anderen Welt — bei Freunden, bei der Verwandtschaft, überall im Internet, aber nie bei ihr. Sie hatte immer gedacht, Katzen seien viel zu eigenwillig, mit denen würde sie nie klarkommen.

Und jetzt hockte sie neben einer Hecke am Kaufland-Parkplatz und unterhielt sich mit einem Kätzchen.

Sie hatte drei gute Gründe, das Tier hier liegen zu lassen und nach Hause zu fahren. Drei. Und keiner davon erschien ihr in diesem Moment auch nur ansatzweise überzeugend. Als das Kätzchen erneut zu schreien begann, dachte sie an gar nichts mehr. Sie drückte es an sich, stand auf, lief zum Auto und saß Minuten später schon in der Tierklinik am Rande der Südstadt, mit genau einer Frage im Kopf: Was mache ich jetzt bloß?

— Keine Sorge, die Ärztin nimmt Sie gleich dran, — sagte die Frau am Empfang freundlich.

Die Tierärztin war auffallend gelassen, hatte solche Fälle wohl schon oft erlebt. Sie tastete das Kätzchen ab, hörte es ab, schaute sich die Augen an — und lächelte.

— Herzlichen Glückwunsch.

— Wozu? — Marlene wurde sofort misstrauisch.

— Sie haben ein Mädchen.

Sie nickte automatisch, atmete sogar erleichtert aus — bis ihr eine Sekunde später klar wurde, was da eigentlich gesagt worden war.

— Moment mal. Wieso "Sie haben"? Ich habe sie doch gar nicht…

— Wussten Sie eigentlich nicht, dass dreifarbige Katzen fast immer weiblich sind? — fragte die Ärztin, ohne auf den Einwand einzugehen.

— Nein, — schüttelte Marlene den Kopf. — Ich weiß so gut wie nichts über Katzen. Nur, dass sie angeblich einen schwierigen Charakter haben.

— Unsinn, — lachte die Ärztin. — Katzen finden immer einen Weg zu einem Menschen. Aber ein kleines Problem gibt es.

— Was für ein Problem?

Die Ärztin erklärte, das Kätzchen sei leicht krank, brauche unbedingt Behandlung — Flohtropfen, ein Antibiotikum. Die Frage "Was mache ich jetzt?" war damit fürs Erste beantwortet: behandeln. Nur eine neue Frage drängte sich sofort auf: Wer kümmert sich darum?

Darüber grübelte sie noch, als sie zum Empfang zurückging, eine Grundausstattung kaufte — Katzentoilette, Streu, Napf, Futter — und danach in der Apotheke nebenan die verschriebenen Mittel besorgte. Die Fragen, die sie geplagt hatten, lösten sich erstaunlich zügig. Nur eine blieb: Was sagt Tobias dazu?

— Ein Mädchen? — Tobias lachte, als Marlene ihm abends in der Wohnungstür die Geschichte aus der Tierklinik erzählte.

— Genau das hat sie gesagt: "Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Mädchen." Ich stand da wie vom Donner gerührt. Dachte, das ist doch absurd, ich nehm die doch nicht mit. Und dann, als ich aus dem Behandlungszimmer raus war, wusste ich, dass ich sie nicht zurücklassen kann. Und dann hab ich sofort an dich gedacht.

— Gut, dass du sie mitgenommen hast.

— Wirklich? Du bist nicht sauer, Tobi?

— Nein. Der Brenninger muss das eben nicht gleich mitkriegen. Besser sie lebt bei uns als auf der Straße. Hast du schon einen Namen?

— Klar, — sagte Marlene und strich dem Kätzchen über den Kopf. — Frieda.

Innerhalb weniger Wochen hatte sich Frieda vollständig eingelebt und begann, ihre eigenen Regeln aufzustellen — so, als hätte nicht Marlene sie gefunden, sondern umgekehrt.

Sie klaute Kassenbons aus Marlenes Portemonnaie und jagte ihnen quer durch die Wohnung hinterher. Sie testete als selbsternannte Gärtnerin die Standfestigkeit sämtlicher Blumentöpfe auf der Fensterbank. Und sie hatte sich, wie Marlene scherzhaft sagte, "den Mann ausgespannt": Tobias war restlos verliebt in das Tier, und Frieda in ihn nicht minder.

Drei Wochen hielt die Heimlichkeit. Dann, an einem Dienstagnachmittag, stand Herr Brenninger unangekündigt vor der Tür, ein Klemmbrett unter dem Arm, um angeblich den Wasserzähler abzulesen. Marlene hörte ihn schon im Treppenhaus und tat, was jede vernünftige Katzenmutter in ihrer Lage getan hätte: Sie packte Frieda, die gerade mit einem Kassenbon rang, und schob sie in den Kleiderschrank im Schlafzimmer.

— Frau Adler, — sagte Brenninger, kaum dass er drinnen stand, und schnupperte demonstrativ in der Luft wie ein Zollhund. — Riecht hier nicht irgendwie nach Katzenstreu?

— Ich hab neulich eine neue Duftkerze gekauft, — sagte Marlene. — Vielleicht die.

— Aha. — Er ging zum Wasserzähler im Flur, notierte den Stand, ließ den Blick dabei aber durch die halboffene Schlafzimmertür schweifen. Genau in diesem Moment krachte im Schrank ein Bügel zu Boden, und Frieda maunzte, laut und empört, als hätte man sie persönlich beleidigt.

Brenninger drehte sich um. — Das war jetzt aber eindeutig eine Katze.

Marlene hätte lügen können. Sie hätte von einem quietschenden Heizkörper reden können, von der Nachbarin, von sonst was. Stattdessen öffnete sie die Schranktür, holte Frieda heraus, die sich sofort an ihre Schulter drückte, und sagte einfach:

— Ja. Das ist eine Katze. Ich hab sie vor drei Wochen halb verhungert bei Kaufland gefunden. Sie war krank, ich konnte sie nicht liegen lassen.

— Im Vertrag steht keine Tierhaltung, Frau Adler. Schwarz auf weiß. Ich hab schon Mieter rausgeklagt für weniger.

— Ich weiß. Und ich verstehe, wenn Sie sauer sind. Aber schauen Sie sie sich an. — Sie hielt ihm Frieda ein Stück entgegen, die prompt zu schnurren begann, als hätte sie verstanden, worum es ging. — Sie ist stubenrein, sie kratzt nicht an den Möbeln, und wenn Sie wollen, zahle ich Ihnen eine zusätzliche Kaution für eventuelle Schäden. Aber ich setze sie nicht wieder auf die Straße.

Brenninger sah von der Katze zu Marlene und wieder zurück, und für einen Moment war sein Gesicht nur noch das eines alten Mannes, der offenbar selbst nicht genau wusste, worauf er eigentlich bestand.

— Meine Frau hatte auch mal eine Katze, — sagte er schließlich, fast widerwillig. — Ist vor sechs Jahren gestorben. Seitdem will ich in meinem eigenen Haus keine Tiere mehr riechen müssen.

— Das tut mir leid, — sagte Marlene, und meinte es auch so.

Er schwieg eine Weile, klappte sein Klemmbrett zu. — Hundertfünfzig Euro Kaution extra. Und wenn sie mir die Tapete in Ihrem Flur zerkratzt, zahlen Sie das aus eigener Tasche, nicht aus der Kaution. Und ich will sie nie im Treppenhaus rumlaufen sehen.

— Abgemacht, — sagte Marlene, und erst als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, merkte sie, dass sie die ganze Zeit die Luft angehalten hatte.

Von da an lebte Frieda offiziell in der Wohnung, mit Kaution und allem, und Brenninger grüßte sie fortan sogar manchmal im Treppenhaus, kurz und knapp, wenn Marlene sie an der Leine zum Auto trug.

Die Jahre, die folgten, brachten mehr Trubel, als Marlene sich je hätte träumen lassen. An dem Tag, an dem sie gerade Eier für einen Schnitzelteig aufschlagen wollte, warf Frieda erst einen Blumentopf um, erschrak über den eigenen Krach, sprang auf den Küchentisch und fegte mit dem Schwanz beide Eier auf den Boden. Marlene stand eine ganze Weile stumm da — und fing dann an zu lachen, haltlos, bis ihr die Tränen kamen.

Dann kam noch viel mehr. Erst wurden Marlene und Tobias Eltern von Zwillingsmädchen. In der Nacht, als sie mit den beiden Bündeln aus der Klinik nach Hause kamen, saß Frieda schon auf der Fensterbank und wartete, als hätte sie den Termin im Kalender gehabt. Sie sprang nicht sofort auf die Wiege, sondern setzte sich davor auf den Boden und beobachtete die beiden winzigen Gesichter reglos, fast eine ganze Stunde lang, bis Tobias sie schließlich hochhob und sagte: — Na, das sind jetzt deine Schwestern, Frieda. Pass gut auf sie auf.

Später folgte der Umzug in ein größeres Reihenhaus in Fürth, finanziert über ein Baudarlehen, das Tobias' halbes Gehalt für die nächsten zwanzig Jahre auffressen würde — genau das, wovon sie am Küchentisch damals gesprochen hatten. Beim Ausräumen der letzten Umzugskisten kippte Frieda den Eimer mit Tapetenkleister um und zog anschließend eigenhändig eine bereits geklebte Tapetenbahn wieder von der Wand, als wollte sie noch einmal ihre Mitsprache beim neuen Zuhause geltend machen.

Eines Nachmittags kam die Nachbarin von unten hoch, weil es mal wieder laut gewesen war — Frieda hatte im oberen Stockwerk eine Verfolgungsjagd mit einer der Zwillinge veranstaltet, die vor Vergnügen gekreischt hatte. Die Nachbarin drohte zunächst mit dem Ordnungsamt, doch Marlene entschuldigte sich, bot ihr einen Kaffee an und erzählte ihr, fast beiläufig, die ganze Geschichte: wie sie Frieda vor Jahren auf dem Kaufland-Parkplatz an der Regensburger Straße gefunden hatte, den Streit mit Brenninger, die Kaution.

Die Nachbarin hörte aufmerksam zu, rührte lange in ihrem Kaffee, und sagte beim Gehen an der Tür:

— Na, dann ist wieder ein anständiger Mensch mehr auf der Welt. Ach was, zwei, — fügte sie hinzu, als Tobias mit einer der Zwillinge auf dem Arm im Flur auftauchte. — Alles Gute Ihnen beiden, für ein langes gemeinsames Leben.

Frieda strich in diesem Moment um Marlenes Beine, sprang dann mit einem einzigen Satz auf die Fensterbank und setzte sich, als wollte sie das letzte Wort behalten.

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