Es war ein Donnerstagabend im November, kurz vor acht, als das Wasser der Prims über die Ufermauer in Losheim trat. Ich stand am Fenster meiner Wohnung im zweiten Stock und sah, wie die Straßenlaterne vor dem Haus im braunen Wasser stand wie ein Strohhalm in einer Kaffeetasse. Unten, keine dreihundert Meter entfernt, lag die Werkstatt meines Vaters – "Kfz Brandt", seit einunddreißig Jahren, zuletzt unter meinem Namen, weil er mit seinen Knien nicht mehr unter die Hebebühne konnte.
Mein Handy zeigte sieben verpasste Anrufe von Karin.
Karin ist meine Stiefmutter. Vor vier Jahren hat sie meinen Vater geheiratet, zwei Jahre bevor er starb, und seitdem redet sie über die Werkstatt, als hätte sie selbst dort mit Schraubenschlüssel und Ölwanne gestanden. Hat sie nicht. Sie war Verkäuferin bei einem Küchenstudio in Merzig und kam nach der Hochzeit genau zweimal in die Grube, einmal um Fotos für Facebook zu machen.
Ich rief zurück, während ich meine Gummistiefel anzog.
„Wo bist du", sagte sie, keine Begrüßung. „Das Wasser steht schon an der Rampe."
„Ich komme."
„Nimm die Ordner mit, die im Regal hinter der Kasse. Die Verträge."
Das war komisch. Nicht die Autos, nicht die Werkzeuge – die Ordner. Ich hängte auf und fuhr trotzdem los, den Umweg über die Bahnhofstraße, weil die Hauptstraße schon unter Wasser stand. Im Radio lief die Durchsage vom Deutschen Wetterdienst, dritte in der Stunde: Dauerregen im Saarland und in Teilen von Rheinland-Pfalz, die Pegel der Prims und der Nied stiegen weiter, Anwohner in tiefliegenden Gebieten sollten Keller räumen und erhöhte Standorte aufsuchen. Der Moderator sagte es mit der immer gleichen ruhigen Stimme, mit der man auch Fußballergebnisse verliest, und genau das machte mir am meisten Angst.
Vor der Werkstatt stand das Wasser schon zehn Zentimeter hoch über dem Bordstein. Karin stand im Rolltor, eine Taschenlampe in der einen Hand, in der anderen einen Aktenordner, den sie an die Brust drückte wie ein Baby.
„Die Hebebühne kriegen wir nicht mehr trocken", sagte sie, ohne mich anzusehen. „Aber die Papiere."
Ich griff nach dem Ordner. Sie ließ ihn nicht los.
„Karin. Gib her, ich bring das ins Auto."
„Ich mach das schon selbst."
Da wusste ich, dass etwas nicht stimmte. Meine Stiefmutter, die noch nie in ihrem Leben einen Ölwechsel gesehen hatte, rettete ausgerechnet die Vertragsordner, während zwei Kollegen versuchten, den Kompressor auf Paletten zu hieven. Ich ließ es an dem Abend dabei bewenden. Wir schleppten, was wir konnten, in den ersten Stock über der Werkstatt, wo früher das Ersatzteillager war, und um halb elf saßen wir beide durchnässt im Auto und sahen zu, wie das Wasser die Werkbank erreichte.
Am nächsten Morgen, als das Wasser sich zurückgezogen hatte und nur noch der Gestank von Schlamm und Diesel in der Halle hing, fand ich in Karins Handtasche – sie hatte sie im Auto vergessen, ich wollte ihr nur Papiertaschentücher bringen – eine Kopie beim Notar in Merzig. Datiert auf den vergangenen Montag. Eine Schenkungsurkunde. Karin übertrug sich selbst fünfundsiebzig Prozent der Werkstattanteile, die eigentlich, laut Testament meines Vaters, mir und meiner Schwester Nadine zu gleichen Teilen gehörten.
Fünfundsiebzig Prozent. Von einem Betrieb, den mein Vater 1994 in einer ehemaligen Scheune aufgebaut hatte, mit einem geliehenen Kompressor und einem Kredit von der Sparkasse Merzig-Wadern über zwölftausend Mark.
Ich fuhr nicht sofort zu ihr. Ich fuhr zu Nadine, die in Wadern wohnt, mit dem nassen Ordner auf dem Beifahrersitz, und wir saßen in ihrer Küche, während draußen der Regen endlich nachließ, und lasen die Urkunde zweimal durch. Der Radiomoderator hatte inzwischen Entwarnung für die Prims gegeben, aber für uns fing es gerade erst an.
„Sie hat das drei Tage vor der Flut machen lassen", sagte Nadine. „Und dann rennt sie ins Hochwasser, um ausgerechnet dieses Papier zu retten."
Wir riefen Herrn Dr. Weller an, den Anwalt, der schon das Testament unseres Vaters aufgesetzt hatte. Montagmorgen, neun Uhr, saßen wir in seiner Kanzlei in der Poststraße in Merzig, ein Glas Leitungswasser vor mir, das ich nicht anrührte, weil meine Hände sowieso schon zitterten.
„Ihr Vater hatte eine Vorsorgevollmacht für den Fall, dass er geschäftsunfähig wird", sagte Dr. Weller und schob mir eine Kopie über den Tisch. „Aber die galt nur bei ärztlich festgestellter Geschäftsunfähigkeit. War Ihr Vater am vergangenen Montag noch geschäftsfähig?"
„Er ist seit zwei Jahren tot."
Dr. Weller sah nicht überrascht aus, eher bestätigt. Er blätterte in der Kopie der Schenkungsurkunde, die ich ihm gefaxt hatte, und tippte auf eine Zeile.
„Hier unterschreibt als Übertragender nicht Ihr Vater. Hier unterschreibt Frau Brandt selbst, mit Verweis auf eine angebliche Generalvollmacht aus dem Jahr 2019. Haben Sie davon je etwas gehört?"
Hatte ich nicht. Und Nadine auch nicht.
„Dann", sagte Dr. Weller, „ist diese Urkunde entweder auf einer gefälschten Vollmacht aufgebaut, oder die Vollmacht existiert wirklich – und dann hätte sie schon zu Lebzeiten Ihres Vaters gegolten, was bedeuten würde, dass Frau Brandt zwei Jahre lang wusste, dass sie im Testament übergangen wird, und genau jetzt, mit der Flut als Deckung, gehandelt hat."
Wir stellten Karin nicht sofort zur Rede. Wir warteten zwölf Tage, bis Dr. Weller die Grundbuchakten und das Original der angeblichen Vollmacht beim Amtsgericht Merzig angefordert hatte. Die Vollmacht existierte tatsächlich nicht im Original – nur eine Fotokopie, deren Unterschrift laut dem von uns beauftragten Schriftsachverständigen, einem Herrn Kessler aus Saarbrücken, „mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von der Hand des Erblassers stammt, sondern eine geübte Nachahmung darstellt."
Am 3. Dezember, einem Mittwoch, saßen wir zu dritt in der Werkstatt, die mittlerweile wieder trocken war, der Estrich noch mit hellen Salzrändern vom Hochwasser gezeichnet. Der Geruch von Diesel war fast weg, aber ein bisschen Schlamm klebte noch in den Fugen der Fliesen, wo der Besen ihn nicht rausbekommen hatte. Neben der Kasse hing immer noch der alte Kalender vom Reifenhändler aus Losheim, mit einem Bild von einem Rennwagen aus dem Jahr, in dem mein Vater die Halle gekauft hatte.
Ich legte drei Dinge auf den Werkbanktisch: die Kopie von Kesslers Gutachten, eine notarielle Berichtigungsurkunde, die Dr. Weller vorbereitet hatte, und mein Handy, auf dem die Online-Banking-App der Sparkasse Merzig-Wadern offen war, auf das Geschäftskonto der Werkstatt.
„Wir gehen jetzt zum Notar", sagte ich. „Du unterschreibst die Rückübertragung, oder Dr. Weller reicht Strafanzeige wegen Urkundenfälschung ein. Kessler bestätigt schriftlich, dass die Unterschrift nicht von Papa stammt."
Karin stand am Türrahmen, die Arme verschränkt, den gleichen Mantel wie am Abend der Flut.
„Das ist meine Werkstatt genauso wie eure. Ich habe vier Jahre mit ihm gelebt."
„Du hast vier Jahre mit ihm gelebt. Du hast keinen einzigen Tag hier gearbeitet. Und du hast seine Unterschrift gefälscht, drei Tage vor dem Hochwasser, weil du wusstest, dass danach im Chaos keiner genau hinschaut."
Sie sagte nichts mehr dazu. Vielleicht, weil Kesslers Gutachten in Schwarz auf Weiß dalag, vielleicht, weil sie wusste, dass eine Anzeige wegen Urkundenfälschung sie den Job im Küchenstudio kosten würde, wo man Vorstrafen bei Bewerbungen zur Kaution abfragt.
Wir fuhren zusammen zum Notar in der Bahnhofstraße, alle drei in meinem Auto, keiner sprach. Die Rückübertragung wurde am selben Nachmittag beurkundet: fünfundsiebzig Prozent zurück an die Erbengemeinschaft, aufgeteilt wie im Testament vorgesehen, fünfzig Prozent an mich, fünfzig an Nadine. Ich überwies Karin trotzdem zwölftausend Euro von meinem privaten Konto, keine Gegenleistung, kein Anteil – einfach, damit die Sache sauber endet und niemand später sagen kann, sie sei mit leeren Händen gegangen.
Am nächsten Tag ließ ich das Schloss am Rolltor austauschen. Der Schlüsseldienst aus Losheim, derselbe, der seit Jahren die Ersatzschlüssel für unsere Kunden macht, hängte mir den neuen Schlüsselbund über den Zeigefinger und sagte, das koste neunzig Euro. Ich zahlte bar, aus der Kasse, in der noch der Schlammgeruch von der Flut hing, und hängte den alten Kalender mit dem Rennwagen wieder gerade, der bei der Aktion schief gerutscht war.







