Rosemarie Thelen saß auf der Behandlungsliege in der Praxis Südallee, zwischen Apotheke und Bäckerei, und hielt die Einkaufstasche noch immer im Schoß, obwohl sie sie längst hätte abstellen können. Der Griff hatte sich rot in ihre Handfläche gedrückt. Vor einer Stunde war sie im Supermarkt in die Knie gegangen – kein Sturz, nicht wirklich, eher ein Wegsacken, als hätten die Beine beschlossen, ohne Ankündigung Feierabend zu machen. Eine junge Frau hatte ihr aufgeholfen und gefragt, ob sie einen Krankenwagen rufen solle. Rosemarie hatte abgewinkt, die Tasche mit den Kartoffeln aufgehoben und war direkt zu Dr. Auer gegangen.
„Herr Doktor, was ist nach sechzig gefährlicher – Zucker oder Salz?"
Bernhard Auer stellte seinen Kaffeebecher auf die Ablage und musterte sie über den Rand seiner Brille. „Warum fragen Sie das gerade jetzt?"
„Weil ich vorhin fast umgekippt wäre. Zwischen Molkereiprodukten und Konserven." Sie versuchte, es beiläufig klingen zu lassen. „Ich dachte, vielleicht war der Blutzucker zu niedrig. Oder zu hoch. Ich habe heute Morgen ein Brötchen mit Honig gegessen, das war wahrscheinlich zu viel."
„Setzen Sie die Tasche mal ab", sagte er.
Sie stellte sie neben die Liege. Ihre Finger blieben noch einen Moment in der Luft, als fehlte ihnen das Gewicht.
„Wie schwer ist die?"
„Vier, fünf Kilo vielleicht. Kartoffeln, Milch, ein Kohlkopf."
„Und Sie tragen die jede Woche allein bis in den vierten Stock?"
„Es gibt einen Aufzug." Eine Pause. „Der ist seit Ostern kaputt."
Auer machte sich keine Notiz. Er stand auf, ging zum Fenster, durch das gerade der Bus der Linie 6 quietschend anhielt, und drehte sich wieder zu ihr um. „Rosemarie, stehen Sie bitte einmal auf. Ohne sich mit den Händen abzustützen."
„Jetzt?"
„Jetzt."
Sie rutschte an den Rand der Liege, presste die Knie zusammen, schob den Oberkörper vor – und blieb hängen. Die Arme zuckten instinktiv zur Armlehne, die dort gar nicht war. Beim zweiten Versuch schaffte sie es, aber es kostete sie sichtlich mehr, als sie erwartet hatte. Sie setzte sich wieder hin, ein wenig außer Atem, und lachte kurz, unsicher.
„Das war ungeschickt."
„Das war aufschlussreich", sagte Auer. „Machen Sie das öfter – ohne Hände hochkommen?"
„Wieso sollte ich das üben?"
„Weil Sie es gerade nicht konnten."
Rosemarie schwieg. Die Kartoffeltasche stand neben ihr auf dem Boden, und plötzlich sah sie unangenehm schwer aus, obwohl sich am Gewicht nichts geändert hatte.
„Ich zähle Kalorien seit Jahren", sagte sie schließlich, fast trotzig. „Ich nehme das reduzierte Salz, ich habe die Käseschicht auf dem Brot halbiert. Ich mache alles richtig."
„Das glaube ich Ihnen. Aber sagen Sie mir: Wie viele Stunden sitzen Sie an einem gewöhnlichen Tag?"
„Das weiß ich nicht auswendig."
„Schätzen Sie."
Sie zählte im Kopf durch. Frühstück am Küchentisch, die Kreuzworträtsel-App auf dem Tablet. Mittags Rouladen, die sie sich am Vortag eingefroren hatte, dann ein Nickerchen im Sessel vor der Nachmittagssendung. Abends wieder der Sessel, mit Strickzeug. Dazwischen, einmal, eine Runde mit ihrem Dackel Lotte um den Block.
„Vielleicht… neun Stunden. Zehn."
„Und wie oft unterbrechen Sie das?"
„Für den Spaziergang mit Lotte. Und für die Toilette." Sie hörte selbst, wie dünn das klang.
Auer setzte sich ihr wieder gegenüber. „Sie haben mich nach Zucker und Salz gefragt. Beides ist wichtig, keine Frage. Aber was Sie vorhin im Supermarkt gespürt haben, kam wahrscheinlich nicht vom Blutzucker."
„Wovon dann?"
„Von einer Muskulatur, die zu lange nicht gefordert wurde. Sie ist eingeknickt, weil sie einfach nicht mehr genug trägt."
„Das ist doch absurd. Ich bin nicht bettlägerig. Ich gehe jeden Tag mit Lotte raus."
„Ein Spaziergang am Tag reicht nicht aus, um zehn Stunden Sitzen auszugleichen. Der Körper sammelt Bewegung nicht auf Vorrat. Was er nicht regelmäßig benutzt, baut er ab – gerade nach sechzig, und gerade bei der Muskulatur."
Rosemarie verschränkte die Arme. „Das klingt, als würden Sie mir sagen, ich sei alt."
„Ich sage Ihnen, dass Ihre Beine Ihnen vorhin genau das mitgeteilt haben, ohne Umweg." Er beugte sich vor. „Fragen Sie sich mal ehrlich: Wann sind Sie das letzte Mal ohne Hände von einem niedrigen Stuhl aufgestanden? Wann haben Sie zuletzt eine Treppe genommen, ohne sich am Geländer festzuhalten?"
Sie öffnete den Mund, um zu widersprechen, und schloss ihn wieder. Am Sonntag, beim Kaffeekränzchen bei ihrer Nachbarin, hatte sie sich tatsächlich mit beiden Händen vom Sofa hochgestemmt. Sie hatte es nicht weiter beachtet.
„Das ist ein schleichender Prozess", sagte Auer. „Sarkopenie nennt man das – der altersbedingte Abbau der Muskelmasse. Er passiert nicht über Nacht. Er passiert über all die Stunden im Sessel, die man für harmlos hält, weil man sich zwischendurch ja bewegt."
„Und was soll ich jetzt tun? Den Sessel verbrennen?"
Er musste lachen, zum ersten Mal in diesem Gespräch. „Nein. Aber jede Stunde eine Ausrede finden, um aufzustehen. Ans Fenster gehen. Den Wasserkocher anstellen, auch wenn Sie keinen Tee wollen. Beim Telefonieren durch den Flur laufen statt im Sessel zu sitzen. Und dazu genug Eiweiß – Quark, Eier, Fisch, Hülsenfrüchte. Die Muskeln brauchen beides: den Reiz und den Baustoff."
„Und wenn ich das nicht schaffe? Wenn ich es vergesse?"
„Dann kippen Sie irgendwann wieder um. Nur vielleicht nicht neben dem Konservenregal, sondern auf der Treppe."
Das saß. Rosemarie griff nach der Tasche neben sich, hielt sie einen Moment fest, ohne sie hochzuheben, als würde sie das Gewicht neu abschätzen.
Sie bezahlte an der Anmeldung, ging an der Bäckerei vorbei, deren Auslage schon mit Streuselkuchen für den nächsten Tag bestückt wurde, und blieb kurz davor stehen, ohne hineinzugehen. Zu Hause holte sie ihr altes Nokia-Handy aus der Schublade, das sie seit Jahren nur für Notrufe bei sich trug, und stellte den Wecker auf stündliche Erinnerungen. Dann nahm sie einen Zettel und einen Stift und schrieb in großen Buchstaben: „Aufstehen. Ohne Hände." Sie klebte ihn nicht an den Kühlschrank, sondern direkt an die Armlehne ihres Sessels, dort, wo sie ihn jede Stunde sehen würde.
Lotte hob den Kopf aus dem Körbchen und sah sie an, als warte sie darauf, dass es jetzt gleich losgeht.
Rosemarie stand auf. Ohne sich abzustützen.







