Kalte Füße im September

Am Montag hatte ich achtunddreißig Komma fünf und schrieb meiner Schwiegertochter, dass ich zum ersten Mal seit vier Jahren die Jungs nicht abholen kann. Um Viertel nach sechs am Morgen standen sie vor der Tür, mit einer Tüte von der Rossmann-Filiale um die Ecke: „Ich hab dir Ingwertee und Halsbonbons mitgebracht."

Hätte mir jemand gesagt, dass ausgerechnet ein grippaler Infekt mir etwas zeigen würde, das ich vier Jahre lang nicht gesehen hatte, ich hätte ihn für fiebrig gehalten. War ich aber nicht. Achtunddreißig Komma fünf, Gliederschmerzen bis in die Zehen, und im Kopf nur ein einziger Gedanke: Was wird jetzt aus den Jungs.

Denn die Jungs, das war meine Aufgabe. Seit vier Jahren, seit Finn in die Kita kam und Jonas in die dritte Klasse. Jeden Nachmittag um Viertel nach eins schloss ich meine Wohnung im dritten Stock am Rosenweg in Leipzig-Gohlis ab, nahm die Straßenbahn Linie 12 und holte die beiden von der Schule und dem Hort.

Mittagessen, Hausaufgaben, Baden, die Gutenachtgeschichte. Meine Schwiegertochter Bettina und mein Sohn Marcel kamen gegen halb sieben, manchmal um acht. Nahmen die Jungs mit, sagten „danke, Mutti". Ich wischte die Küche, stellte die Waschmaschine auf Vorwahl und setzte mich endlich zu meinem Tee.

Ingrid Wolter, vierundsechzig, pensionierte Krankenschwester. Zweiunddreißig Jahre auf der Inneren im Klinikum St. Georg, und jetzt am Küchentisch statt am Krankenbett, mit zwei Enkeln statt Patienten. Und keinen einzigen freien Tag dazwischen.

Ich beklage mich nicht, das muss ich klarstellen. Ich hab mich selbst dafür entschieden. Als Bettina nach Finns Elternzeit wieder in der Anwaltskanzlei anfing, sah Marcel mich mit diesem Blick an — genau wie sein Vater, mein verstorbener Klaus — und sagte: „Mutti, mit zweien schaffen wir das mit Kita und Hort nicht, und ein Kindermädchen können wir uns nicht leisten." Was hätte ich sagen sollen? Nein? Zu meinem eigenen Sohn?

Also sagte ich ja. Und vier Jahre lang habe ich kein einziges Mal nein gesagt. Bis zu diesem Montag.

Ich wachte um fünf auf, der Hals wie Schmirgelpapier, so eine Kälte in den Knochen, dass ich zwei Decken übereinander zog und trotzdem zitterte. Das Fieberthermometer zeigte achtunddreißig Komma fünf. Ich lag da, starrte an die Decke und wartete, dass es vorbeigeht. Ging aber nicht vorbei. Um sechs wusste ich, dass ich es nicht schaffen würde, aufzustehen, mich anzuziehen, mit der Bahn zu fahren und acht Stunden lang die fröhliche Oma zu spielen.

Ich griff zum Handy und schrieb Bettina. Dreimal löschte ich alles wieder und fing von vorn an. Als würde ich mich rechtfertigen. Als würde ich mich entschuldigen. Als wäre ich ein dreijähriges Kind, das der Mama sagen will, dass es nicht in den Kindergarten will.

„Bettina, es tut mir wirklich leid, aber ich hab Fieber und schaffe es glaub ich zum ersten Mal nicht, die Jungs abzuholen. Ist mir echt unangenehm." Abgeschickt. Und gewartet. Eine Minute. Zwei. Drei. Ich stellte mir vor, wie Bettina liest, den Kopf schüttelt, zu Marcel sagt: „Und jetzt? Deine Mutter ist krank, und ich hab um neun einen Termin." Ich stellte mir dieses Schweigen im Handy vor — das Schweigen, das mehr sagt als Worte.

Die Antwort kam nach fünf Minuten. Kurz: „Okay, mach dir keine Sorgen. Ich ruf an." Das war's. Kein „gute Besserung", kein „vielleicht geht's ja doch irgendwie". Ich legte das Handy weg, zog die Decke bis über die Ohren und redete mir ein, dass ich genau das erwartet hatte. Dass ich als Paar Hände zum Kinderhüten gebraucht werde, nicht als Mensch mit Fieber. Mit diesem Gedanken schlief ich ein.

Die Türklingel weckte mich. Sieben Uhr drei — ich starrte den Wecker ungläubig an. Ich schälte mich aus dem Bett, warf den Bademantel über, öffnete. Im Flur stand Bettina. Finn hielt ihre Hand, Jonas schleppte eine Tüte, fast so groß wie er selbst. Bettina trug die Jacke über dem Jogginganzug, in dem sie offenbar auch geschlafen hatte — keine Zeit mehr zum Umziehen gehabt.

„Ich hab Ingwertee und Halsbonbons besorgt", sagte sie und kam einfach rein, ohne zu fragen. „Jonas, stell die Tüte in die Küche. Finn, Schuhe aus."

„Bettina, was — und die Arbeit? Und die Jungs?"

„Ich hab Kathrin angerufen, sie tauscht mit mir die Schicht. Und die Jungs gehen heute allein — Jonas hat sowieso Hortdienst, und Finn bring ich auf dem Weg zur Kanzlei vorbei."

Ich stand im Flur, Bademantel, Filzpantoffeln, die Nase rot wie eine Preiselbeere, und wusste nicht, was ich sagen sollte. Bettina hatte inzwischen Wasser für Tee aufgesetzt, aus der Tüte kamen Honig, eine Zitrone, Vitamin-C-Brausetabletten, Hustensaft — und eine Packung meiner Lieblingskekse, die Butterkekse mit Schokoseite, von Rewe.

„Woher wusstest du das?", fragte ich und zeigte auf die Kekse.

„Dass du die magst? Jonas hat's mir erzählt. Er sagt, Oma gibt ihm nach dem Mittagessen immer einen, aber heimlich, damit Finn's nicht sieht."

Jonas stand in der Küchentür und schaute mich schuldbewusst an. Ich musste lachen — und hustete gleich los.

„Leg dich hin", sagte Bettina in einem Ton, den ich von ihr noch nie gehört hatte. Bestimmt, aber weich dabei. „Ich krieg das hier hin."

„Bettina, wirklich, das ist nicht —"

„Doch." Sie zog mir die Decke zurecht, so wie ich es sonst bei Finn mache. „Vier Jahre hast du bei uns keinen einzigen Tag ausgesetzt. Keinen einzigen. Sogar als du im März diese Sehnenscheidenentzündung hattest, bist du gekommen und hast den Jungs noch Mittag gekocht. Denkst du, das sehen wir nicht?"

Ich lag im Bett und hörte, wie Bettina in meiner Küche Frühstück machte. Das Klappern der Teller, Finns Lachen, Jonas, der „pssst, Oma schläft" sagte. Ich hörte, wie Bettina flüsternd mit ihnen redete, dann den Kühlschrank auf- und zugehen.

Nach zwanzig Minuten kam sie mit einem Tablett rein. Tee mit Honig und Zitrone, zwei Scheiben Toast, eine aufgelöste Vitamintablette im Glas. „Die Jungs wollen sich verabschieden", sagte sie.

Sie kamen auf Zehenspitzen rein, wie in ein Krankenzimmer. Finn legte mir ein Bild auf die Decke — Oma im Bett, daneben eine große gelbe Sonne, darunter „gute Besserung Oma" mit drei Ausrufezeichen und einem Herz. Jonas stand mit den Händen in den Hosentaschen und sagte nur: „Oma, ich geh heute allein von der Schule heim, du musst dir keine Sorgen machen."

Er war acht und schaute mich an wie ein erwachsener Mann.

Als sie gegangen waren, blieb Bettina noch zehn Minuten. Spülte das Geschirr, ließ einen Zettel auf der Arbeitsplatte: „Kartoffelsuppe im Topf, auf kleiner Flamme aufwärmen. Ruf heute Abend an. Bitte nicht aufstehen."

Ich lag in der stillen Wohnung, Finns Zeichnung auf der Decke, Zitronengeruch in der Luft, und weinte. Nicht aus Traurigkeit. Aus etwas, wofür ich kein gutes Wort habe. Vielleicht Erleichterung. Vielleicht Überraschung. Vier Jahre lang war ich sicher, meine Rolle in dieser Familie sei es, unentbehrlich zu sein. Dass ich gebraucht werde, solange ich nützlich bin. Und dass ich zur Last werde, sobald ich es nicht mehr schaffe.

Und jetzt stellte sich heraus: Bettina wusste von den Keksen. Jonas erinnerte sich an meine Sehnenscheidenentzündung. Finn malte Sonnen, wenn Oma krank war.

Abends rief Bettina an, wie versprochen. Fragte nach der Temperatur, dem Hals, ob ich die Suppe gegessen hatte. Dann sagte sie etwas, das mir bis heute nachgeht: „Ingrid, ich weiß, du denkst, wir brauchen dich, damit auf die Jungs aufgepasst wird. Aber ich will, dass du weißt: Die Jungs brauchen ihre Oma. Das ist ein Unterschied."

Ich antwortete nicht, ein Kloß im Hals — und diesmal nicht von der Mandelentzündung.

Am Dienstag ging das Fieber runter. Am Mittwoch wollte ich schon wieder los, die Jungs abholen, aber Bettina schrieb: „Noch einen Tag für dich. Bitte." Am Donnerstag stand ich wieder vor der Schule in Gohlis und sah Finn auf mich zurennen, als hätte er mich einen Monat nicht gesehen.

Seit diesem Montag sind acht Monate vergangen. Ich hole die Jungs immer noch ab, koche immer noch, ziehe Finn immer noch die Decke zurecht. Aber eines hat sich geändert. Wenn ich jetzt wieder achtunddreißig Komma fünf messe, schreibe ich es einfach. Und niemand denkt, ich sei eine Last.

Vier Jahre lang war ich sicher, ich würde diese Familie auf dem Rücken tragen. Dabei hat sich gezeigt: Sie tragen mich auch.

Letzte Woche, an einem verregneten Dienstag, brachte Jonas mir aus der Schule einen Zettel mit: „Oma-Tag" stand da, mit Filzstift umrahmt — die Klasse hatte einen Aufsatz über wichtige Menschen geschrieben, und er hatte über mich geschrieben. Ich hab den Zettel an den Kühlschrank gehängt, neben Finns Sonnenbild. Beides hängt da immer noch.

Rate article
Mediatop Newsline
Add a comment

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!:

Kalte Füße im September