Sabine stand in der Küche, den Kessel in der Hand, und hörte sich selbst die Worte sagen, die sie sich drei Wochen lang zurechtgelegt hatte.
„Rüdiger, ich schaff das nicht mehr."
Er saß am Tisch, die rechte Hand auf der Tischplatte, weil die linke seit dem zweiten Schlaganfall kaum noch etwas trug. Er sagte nichts. Draußen, in Gelsenkirchen, fuhr die Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof vorbei, man hörte das Quietschen durch das gekippte Fenster, und irgendwo im Treppenhaus roch es wie immer nach dem Wachsspray, mit dem die Hausmeisterin freitags das Linoleum behandelte.
Anderthalb Jahre vorher hatte alles noch normal ausgesehen. Rüdiger, achtundfünfzig, hatte eine kleine Kfz-Werkstatt an der Ringstraße, drei Angestellte, gute Stammkunden. Sabine, vierundfünfzig, arbeitete in der Buchhaltung eines Sanitärgroßhandels und war stolz darauf, dass sie nie einen Tag krankfeierte. Dann kippte er beim Frühstück vom Stuhl, die Kaffeetasse zerbrach auf den Fliesen, und der Notarzt sagte im Krankenhaus Bergmannsheil das Wort, das sie seitdem nicht mehr losließ: Apoplex.
Der erste Schlaganfall war schwer, aber er kämpfte sich zurück – Physiotherapie, Ergotherapie, jeden Tag Übungen mit dem Theraband, das an der Türklinke befestigt war. Nach neun Monaten konnte er wieder fast normal gehen. Sabine hatte schon angefangen, wieder ruhiger zu schlafen. Dann kam der zweite Schlaganfall, im Februar, mitten im Winter, und diesmal war die Prognose vorsichtiger.
„Manche Patienten erholen sich erstaunlich", sagte der Neurologe in der Reha-Klinik Bad Oeynhausen. „Versprechen kann ich Ihnen nichts."
Seitdem war Sabines Leben ein enges Gitter aus Terminen. Halb sieben aufstehen, obwohl sie im Homeoffice arbeiten konnte und eigentlich länger hätte schlafen dürfen. Blutdruck messen, Tabletten richten – Marcumar, Betablocker, dazwischen die Schmerztabletten für die Schulter, die durch die einseitige Belastung schmerzte. Frühstück machen, ihn beim Aufstehen stützen, zur Physio fahren, einkaufen, Wäsche, und nebenbei noch die Buchhaltungsdateien für die Firma pflegen, weil das Gehalt sonst nicht gereicht hätte.
Und dann war da noch Football. So hieß der Hund, ein schwarz-weißer Bordercollie-Mischling, den Rüdiger einen Monat vor dem ersten Schlaganfall bei den Altglascontainern am Ende der Straße gefunden hatte – ein Welpe mit viel zu großen Pfoten, der einfach dagesessen und die Leute angeschaut hatte, die an ihm vorbeigingen, ohne ihn zu bemerken. Rüdiger hatte damals von der Straße aus angerufen: „Sabine, ich hab hier einen Welpen gefunden, ganz allein, kann ich ihn mitnehmen? Nur vorübergehend." Sie hatte geseufzt, ja gesagt, und aus vorübergehend waren zwei Jahre geworden.
Jetzt stand Football morgens in der Küchentür, klopfte mit den Krallen aufs Parkett und wartete auf seinen Spaziergang, während Sabine mit dem Frühstück kämpfte.
„Warte, Football, ich hab jetzt echt keine Zeit für dich."
Sie ärgerte sich über den Hund, obwohl sie genau wusste, dass er nichts dafürkonnte. Sie ärgerte sich, weil es einfach noch eine Aufgabe mehr war in einem Tag, der schon aus lauter Aufgaben bestand.
An dem Abend, an dem ihre Kollegin Petra sie endlich zu einem Glas Wein überredete – „Sabine, du gehst seit einem Jahr nirgendwo mehr hin, das ist ungesund" –, zog Sabine ein dunkelblaues Kleid an, das sie seit Ewigkeiten nicht mehr getragen hatte. Im Spiegel sah sie eine Frau, deren Gesicht schmaler geworden war, mit grauen Strähnen, die sie vorher nie bemerkt hatte, weil keine Zeit dafür gewesen war, sich selbst anzuschauen.
„Du siehst schön aus", sagte Rüdiger von der Tür aus, an den Rahmen gelehnt.
Sie winkte ab, aber es traf sie trotzdem irgendwo.
Im Brauhaus an der Kreuzung bestellten sie Riesling, dann noch einen, und Sabine merkte, wie fremd ihr die Sprache der normalen Leute vorkam. Petra erzählte von ihrer Tochter, die im Herbst nach Münster zum Studieren ging, von der geplanten Reise nach Mallorca im Sommer. Sabine hörte zu wie jemand, der eine Fremdsprache mühsam übersetzt.
„Ich kann nicht mehr", sagte sie irgendwann, das dritte Glas schon leer. „Ich bin vierundfünfzig und fühl mich wie vierundachtzig. Wenn mir jemand sagen würde: halt noch ein Jahr durch, dann wird's besser – ich würd's tun. Aber das sagt mir keiner."
Petra legte die Hand auf ihren Arm. „Dann lass dich scheiden. Eine Ehe ist keine Sklaverei, Sabine. Seine Eltern leben doch noch in Marl, oder? Sollen die sich kümmern."
„Die sind selbst über achtzig."
„Die werden's schon irgendwie schaffen."
Das Wort „Scheidung" hing danach wochenlang in der Luft zwischen ihnen, bis Sabine es aussprach, an jenem Abend in der Küche, mit dem Kessel in der Hand.
Rüdiger sagte lange nichts. Dann, ruhig: „Ist es wegen mir?"
„Nein. Ja. Ich weiß nicht mehr." Sie wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. „Es tut mir leid."
„Du musst dich nicht entschuldigen. Du entscheidest selbst, wie du lebst." Eine Pause. „Nur eins – nimm Football mit. Ich kann ihn nicht mehr Gassi führen. Wenn's mir irgendwann bessergeht, hol ich ihn zurück."
Sie nahm ihn nicht mit. Die möblierte Zweizimmerwohnung an der Munckelstraße, in die sie zog, erlaubte keine Haustiere, und ehrlich gesagt passte ein Hund auch nicht zu dem neuen Leben, das sie sich vorstellte. An der Tür, mit dem Koffer in der Hand, sah sie ihn noch einmal an – im Rollstuhl, Football zu seinen Füßen.
„Pass auf dich auf, Rüdiger."
„Du auch."
Sie umarmte ihn kurz, unbeholfen, mit der einen funktionierenden Hand, die er heben konnte. Dann war die Tür zu.
Rüdiger konnte an dem Tag nicht mit dem Hund raus. Er rief seinen alten Kollegen Manfred an, der zwei Wochen aushalf, Gassi ging, Einkäufe brachte. Dann fiel Manfred krankheitsbedingt aus, die Nachbarin von unten war im Urlaub, und Rüdiger musste sich selbst die Jacke anziehen – zehn Minuten allein dafür –, den Stock nehmen und vor die Treppe treten. Fünfter Stock, kein Aufzug, ein Altbau von 1962 an der Ringstraße, in dem so etwas wie ein Aufzug nie eingeplant worden war.
Er sah die Stufen hinunter. Unendlich viele. Aber es half nichts.
Auf dem Treppenabsatz zwischen dem vierten und dritten Stock blieb er stehen, das Herz schlug ihm bis zum Hals, Schweiß auf der Stirn. „Geht nicht", presste er hervor und wollte umkehren. Da drückte sich Football warm an sein Bein, blieb einfach stehen, wartete. Rüdiger sah ihn an, schluckte, und machte den nächsten Schritt.
Sie schafften es bis zur ersten Bank vorm Haus. Mehr nicht. Am nächsten Tag ein Stück weiter. Am übernächsten noch ein Stück. Nach einer Woche bis zur zweiten Bank im Hof. Nach zwei Monaten einmal um den ganzen Block.
Beim Reha-Arzt, Monate später, ohne dass Sabine ihn begleitete, sondern mit Football, der draußen wartete, sah der Arzt sich die alten Befunde an und ließ ihn ein paar Meter durchs Sprechzimmer gehen.
„Machen Sie das zu Hause?"
„Jeden Tag."
„Früher haben Sie auch geübt, aber es hat kaum was gebracht. Wissen Sie, warum?" Der Arzt sah ihn über die Brille an. „Weil Sie früher dazu angehalten wurden. Jetzt wollen Sie es selbst. Man sieht's Ihnen an."
Sein Sohn Jan, der in Essen wohnte und anfangs jede Woche gefragt hatte, ob er nicht zu ihm ziehen wolle, kam nach einem halben Jahr zu Besuch und blieb im Türrahmen stehen, weil sein Vater ohne Stock dastand.
„Papa – wo ist dein Stock?"
„Im Flur. Nehm ihn manchmal noch. Aber nicht mehr immer."
Jan umarmte ihn, fester als sonst. „Wenn einer von euch beiden ein Held ist", sagte Rüdiger und sah zu Football hinunter, „dann der hier. Der hat mich jeden Tag die fünf Stockwerke runtergescheucht."
Erst zwei Jahre später, als er den Halbtagsjob bei einem Autoteile-Großhändler in Buer schon ein Jahr lang machte, ohne körperliche Schwerarbeit, praktisch beschwerdefrei, gab Rüdiger die Werkstatt an der Ringstraße auf. Er hatte sie all die Zeit über von einem Verwalter führen lassen, aber jetzt, wo er wieder arbeiten konnte und trotzdem lieber den ruhigeren Job behielt, verkaufte er sie für einhundertzwanzigtausend Euro. Da war die Scheidung von Sabine bereits rechtskräftig, seit über einem Jahr. Den Erlös, abzüglich der Schulden aus der Reha-Zeit, legte er in einen Investmentfonds an – gemeinsam mit Anke, die er inzwischen kennengelernt hatte, weil sie zu dem Zeitpunkt schon länger zusammenlebten und gemeinsam wirtschafteten.
Von Sabine erfuhr er nur noch durch Jan. „Sie ist mit einem zusammen, den sie im Netz kennengelernt hat", erzählte Jan eines Abends, unschlüssig, ob er es sagen sollte. „Erst Blumen, Restaurants, alles schön. Dann fing's an – verschwindet tagelang, kommt betrunken heim, leiht sich Geld und zahlt's nicht zurück."
„Sie erzählt dir das?"
„Ruft fast jede Woche an. Beschwert sich." Jan schüttelte den Kopf. „Ich hab ihr gesagt, sie hätte dich nicht verlassen sollen. Jetzt hat sie ihren eigenen Pflegefall. Nur ohne Krankenschein."
„Sag sowas nicht."
„Warum nicht?"
„Weil es niederträchtig ist, sich an fremdem Unglück zu freuen. Sie hat ihre Entscheidung getroffen, in dem Moment schien es ihr richtig. Jeder darf sich irren."
Sabine wusste von alldem nichts. Sie saß an manchen Abenden in der Wohnung an der Munckelstraße, hörte den Nachbarn über sich streiten, und dachte an den Geruch von Wachsspray im alten Treppenhaus, ohne genau zu wissen, warum.
Was sie erst später erfuhr – über eine gemeinsame Bekannte –, war, wie viel die Werkstatt am Ende gebracht hatte. Während der Ehe hatte sie nie einen Cent daraus gesehen außer dem, was für Miete und Medikamente draufging; der Verkauf war erst nach der Scheidung erfolgt. Im Zugewinnausgleich, der den Wertzuwachs der Werkstatt während der Ehejahre erfasste, bekam sie vierunddreißigtausend Euro zugesprochen – ihren gesetzlichen Anteil, berechnet auf Basis des Firmenwerts zum Zeitpunkt der Trennung, nicht auf den späteren Verkaufserlös.
Sie saß mit dieser Zahl auf dem Papier des Scheidungsanwalts und dachte nicht an Rache. Sie unterschrieb den Vergleich, faltete das Blatt zusammen, steckte es in den braunen Umschlag, den sie sich extra für diese Unterlagen gekauft hatte, und ging zur Sparkasse, um das Geld auf ein eigenes Konto zu überweisen – ihr erstes Konto seit fünfzehn Jahren, das nur ihren Namen trug. Kein gemeinsames Konto mehr, keine Vollmacht für irgendwen. Vierunddreißigtausend Euro, ihr Anteil, ihr Anfang.
An einem Morgen im August, viereinhalb Jahre nach jenem Tag mit dem Kessel in der Hand, stand Rüdiger im Stadtpark von Gelsenkirchen und hakte die Leine aus. Football blieb einen Moment sitzen, als müsse er sich vergewissern, dann schoss er los, quer über die nasse Wiese, Ohren im Wind, bis er nach zwanzig, dreißig Metern stehen blieb und sich umdrehte – genau wie damals auf dem Treppenabsatz zwischen dem vierten und dritten Stock, wenn er wartete, ob der Mann hinter ihm noch kam. Rüdiger hob die Hand, nicht als Zeichen, nur so, und ging ihm nach, ohne Stock, im eigenen Tempo, während der Hund schon wieder losrannte und zurückkam und wieder losrannte, als müsse er die Strecke jeden Tag neu beweisen.







