Vor drei Tagen hat mir meine Nachbarin Ingrid Brenner eine Kiste voller vergilbter Briefe gebracht. Sie wohnt seit vierzig Jahren im Haus neben mir, hier in Kranzberg, einem Dorf nordöstlich von Freiberg in Sachsen, dort, wo die Wälder noch nach Harz riechen und im April der Kuckuck ruft, dass man ihn bis zur Kirche hört. Ich bin Archivarin im Stadtarchiv, und Ingrid wusste, dass ich mit solchen Funden etwas anzufangen weiß.
Die Briefe stammten von ihrer Urgroßmutter, Elfriede Sander, geboren 1898 auf einem Hof am Rand des Dorfes. Was ich las, ließ mich die Kaffeetasse absetzen und noch einmal von vorn beginnen.
April 1945. Die Front war längst zusammengebrochen, aber in den Wäldern um Kranzberg zogen noch versprengte Trupps umher – Wehrmachtssoldaten, die sich nicht ergeben wollten, und ein paar Tage später auch die ersten Rotarmisten, die durchs Erzgebirge vorrückten. Der Hof der Sanders, ein kleiner Milchviehbetrieb mit neun Kühen und einem alten Traktor, den man wegen Benzinmangels ohnehin nicht mehr benutzen konnte, lag genau dazwischen.
Elfriede war damals siebenundvierzig, Witwe seit zwei Jahren, ihr Mann war bei Kursk gefallen. Sie hatte zwei Töchter im Haus, zwölf und vierzehn Jahre alt, dazu einen Knecht mit steifem Bein, der wegen seiner Verwundung aus dem Krieg entlassen worden war. Innerhalb von zehn Tagen fanden sich in ihrer Scheune und im angrenzenden Roggenfeld dreizehn verwundete Männer wieder – acht von der Wehrmacht, fünf von der Roten Armee. Manche waren allein hergekrochen, andere hatte der Knecht mit der Schubkarre vom Waldrand geholt, weil sie sich nicht mehr auf den Beinen halten konnten.
Es gab kein Verbandsmaterial. Elfriede riss die Betttücher ihrer verstorbenen Mutter in Streifen, kochte sie im Waschkessel aus und trug sie mit den Töchtern zum Bach, um sie dort im eiskalten Wasser zu spülen, bis die Hände aufgesprungen waren und beim Auswringen brannten wie Feuer. Medizin gab es keine außer einer Flasche Kornbranntwein aus dem Keller und ein Glas Waldhonig, das eigentlich für Weihnachten gedacht gewesen war. Sie schlachteten die letzten drei Hühner für Brühe, und als die alle waren, kochten sie Kartoffelschalen mit ein wenig Speck aus, den sie im Stroh versteckt gehabt hatten, damit die durchziehenden Truppen ihn nicht requirierten.
In der Nacht zum 20. April – Ingrid erinnerte sich an das Datum, weil ihre Urgroßmutter es dreimal unterstrichen hatte – starb ein junger Obergefreiter aus Rosenheim, kaum neunzehn Jahre alt, an einer Bauchverletzung, die niemand hätte versorgen können, nicht einmal ein Feldlazarett mit vollem Bestand. Zwei Tage später starb ein sowjetischer Soldat, ein gewisser Pjotr, dessen Nachnamen keiner richtig aussprechen konnte, an Wundbrand. Ein dritter, ein Melder aus Thüringen, erlag seinen Verletzungen, ohne dass jemand seinen Namen je erfuhr, weil seine Erkennungsmarke im Chaos verloren gegangen war.
Elfriede ließ sie alle drei auf dem eigenen Familiengrundstück begraben, unter der alten Linde, wo sonst nur Sanders lagen. Der Pfarrer aus dem Nachbardorf wollte nicht kommen – zu gefährlich, sagte er, die Straßen seien nicht sicher –, also sprach Elfriede selbst ein Vaterunser über jedem der drei Gräber, auf Deutsch, obwohl sie wusste, dass der junge Pjotr es nicht verstanden hätte, wäre er noch am Leben gewesen, um es zu hören.
Ihre ältere Tochter, Ingrids Großmutter, hat das später oft erzählt, bis sie neunzig war und selbst kaum noch sprechen konnte: "Mutter sagte, das Blut sieht bei allen gleich aus, ob nun ein Hakenkreuz oder ein roter Stern auf der Mütze klebt. Also hörten wir auf, auf die Uniform zu schauen, und sahen nur noch Söhne."
Was die Briefe aber auch zeigten – und das stand in keiner der Familienerzählungen, die Ingrid bislang gekannt hatte –, war ein Konflikt, der fast fünfzig Jahre lang totgeschwiegen wurde. Anfang Mai 1945, kurz nachdem die Kämpfe in der Gegend endgültig verstummt waren, tauchte auf dem Hof ein sowjetischer Offizier auf, ein Major mit einer Liste requirierter Höfe in der Hand. Er wollte den Hof der Sanders offiziell als "unterstützend für faschistische Kräfte" einstufen lassen, weil man dort Wehrmachtssoldaten gepflegt hatte – eine Einstufung, die im besetzten Sachsen der Nachkriegsmonate über Enteignung oder Verschonung entscheiden konnte.
Elfriede stand mit ihren rissigen Händen vor ihm auf dem Hof, die Töchter hinter sich in der Tür, und zeigte ihm wortlos das dritte Grab unter der Linde. Sie hatte auf einem Holzbrett, das der Knecht notdürftig zurechtgesägt hatte, den Namen "Pjotr" eingebrannt, so gut sie die kyrillischen Buchstaben nachzeichnen konnte, die ihr ein verwundeter Rotarmist vorgesprochen hatte, bevor er starb. Der Major stand lange vor diesem Grab. Dann strich er den Hof von seiner Liste.
Ingrid und ich sind letzten Donnerstag zu der alten Linde gefahren, die immer noch am Rand des ehemaligen Sander-Grundstücks steht, das heute einer Agrargenossenschaft gehört. Von den drei Gräbern ist nichts mehr sichtbar – die Erde wurde in den sechziger Jahren für den Ausbau eines Wirtschaftsweges eingeebnet, ohne dass jemand die Gebeine vorher geborgen hätte. Es gibt keine Akte, keinen Grabstein, nur die Erinnerung einer Familie und ein Bündel Briefe in einer Pappschachtel.
Ingrid hat sich entschieden, etwas daraus zu machen, das über die Kiste hinausreicht. Sie hat vorigen Montag einen Antrag beim Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge gestellt, mit Kopien der Briefe und einer notariell beglaubigten Erklärung, in der sie die genaue Lage des ehemaligen Grabes beschreibt, so gut es sich anhand alter Flurkarten aus dem Kreisarchiv Freiberg noch rekonstruieren lässt. Für den jungen Obergefreiten aus Rosenheim will sie zusätzlich eine Anfrage an die Deutsche Dienststelle in Berlin richten, in der Hoffnung, doch noch Angehörige zu finden, die von seinem Schicksal nie erfahren haben. Für Pjotr hat sie über das russische Konsulat in Leipzig einen Kontakt zur Gedenkstätten-Datenbank "Pamjat Naroda" bekommen – dreitausendzweihundert Kilometer entfernt sitzt vielleicht noch eine Familie, die seit einundachtzig Jahren nicht weiß, wo ihr Sohn liegt.
Am Fuß der Linde hat Ingrid ein kleines Schild aus Sandstein anbringen lassen, das die Agrargenossenschaft ihr erlaubt hat aufzustellen. Kein Name, weil man keinen mit Sicherheit mehr zuordnen kann. Nur ein Satz, den sie aus dem Brief ihrer Urgroßmutter abgeschrieben hat: "Hier ruhten drei Söhne, deren Mütter nie erfuhren, wo." Als wir dort standen, den Herbstwind im Nacken und die Kühe der Genossenschaft auf der Weide nebenan, hat Ingrid die Mappe mit den Antragsformularen fest an sich gedrückt, so wie man etwas hält, das man nicht noch einmal verlieren will.







