Das Mädchen von nebenan trug das Gesicht meiner Tochter

Ich wusste nicht, dass mein Mann eine Schwester hatte. Niemand wusste das. Bis die neuen Nachbarn einzogen und ich eines Abends aus dem Küchenfenster schaute und dachte, ich hätte Frida doppelt gesehen.

Frida, meine Siebenjährige, schaukelte im Hof. Und neben ihr stand ein Mädchen, das exakt ihre Haare hatte — diesen rotbraunen Wirbel, der sich nicht kämmen ließ. Das gleiche Grübchen am Kinn. Sogar der gleiche schiefe Laufschritt, weil sie das rechte Bein ein bisschen nachzog.

Mir wurde kalt, obwohl es ein warmer Septemberabend in Leipzig war. Die Linden an der Lützner Straße rochen süß, die Straßenbahnlinie 7 quietschte in der Kurve, und ich stand mit einer Schüssel Kartoffelsalat und konnte nicht wegschauen.

Das Mädchen gehörte zu dem Mann, der vor sechs Wochen ins Erdgeschoss gezogen war. Daniel Berger. Alleinerziehend, wie er sagte. Seine Tochter hieß Lotta.

Ich habe nie an Zufälle geglaubt. Aber an Betrug, ja.

Sebastian, mein Mann, war seit Wochen seltsam. Er schloss sein Handy ab, was er früher nie getan hatte. Er ging zum Telefonieren auf den Balkon, sogar bei Regen. Und einmal, als ich fragte, warum er so spät nach Hause kam, antwortete er: „Ich war nur spazieren.“ Am Leipziger Karl-Heine-Kanal, um Mitternacht.

Ich begann zu rechnen. Lotta war sechs, Frida sieben. Könnte er…? Ich habe mich geschämt für den Gedanken, aber er wuchs jeden Tag.

Der neue Nachbar Daniel hat mich nie lange angesehen. Er war höflich, aber einsilbig. Und er hatte keine Fotos von einer Mutter im Haus. Als ich einmal mit einem Glas Sanddornmarmelade an seiner Tür war, fiel mir auf, dass in der Wohnung nur Landschaftsbilder hingen. Keine Frau, keine Großeltern. Nur ein gerahmtes Aquarell von der Elbe.

Ich erzählte Sebastian nichts von meinem Verdacht. Stattdessen wartete ich, bis er eines Nachmittags zu einem „Termin“ fuhr, und dann zog ich Frida eine Jacke an.

„Wir besuchen Lotta“, sagte ich.

Frida jubelte. Sie mochte Lotta.

Ich klingelte bei Daniel. Er machte die Tür auf, das Telefon am Ohr. Ich gab ihm das Glas Sanddornmarmelade und fragte, ob Lotta spielen dürfe.

Er sagte, ja, kein Problem, er müsse sowieso kurz in die Stadt. Er ging ins Nebenzimmer, um den Anruf zu beenden. Lotta zog Frida in ihr Zimmer. Ich hörte, wie die Tür zufiel.

Dann stand ich allein im Flur. Und statt zu gehen, ging ich ins Wohnzimmer.

Auf dem Kühlschrank klebte ein Kinderbild. Zwei Figuren, eine mit Flügeln, darunter in krakeliger Schrift: „Meine Mama im Himmel.“ Ich riss den Zettel fast herunter. Dann ging ich weiter. Im Schlafzimmer stand eine kleine Holzkiste auf der Kommode. Darin ein paar alte Briefe und ein Foto.

Eine junge Frau, rotbraune Haare wie Lotta, das gleiche Grübchen. Auf der Rückseite stand: „Miriam, 2009.“

Miriam. Ich kannte den Namen nicht.

Ich drehte mich um. Daniel stand im Türrahmen, das Handy in der Hand, nicht mehr am Ohr. Er sah auf das Kästchen in meiner Hand.

„Was suchen Sie hier?“

Ich hielt das Foto hoch. „Wer ist Miriam?“

„Meine verstorbene Frau.“

Ich wartete. Der Dackel vom Nachbargrundstück bellte im Hof und hustete. Daniel nahm mir das Kästchen aus der Hand, nicht grob, nur entschlossen.

„Sie waren nicht zusammen“, sagte er. „Ihr Mann und meine Frau nicht.“

Ich verstand nichts.

„Miriam war Sebastians Schwester.“

Der Satz blieb im Raum stehen. Ich hörte die Straßenbahn draußen, konnte aber nichts denken.

Daniel sprach weiter. Miriam war mit siebzehn schwanger geworden. Die Familie hatte sie verstoßen. Sebastian war damals neunzehn. Er hatte nicht für sie gekämpft. Er hatte geschwiegen. Miriam zog nach Dresden, später Berlin, lernte Daniel kennen, bekam Lotta, starb vor einem Jahr an einem Tumor hinter dem linken Auge.

„Wir sind absichtlich hierher gezogen“, sagte Daniel. „Lotta soll wissen, dass sie noch eine Tante und eine Cousine hat.“

Ich stand da, als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Das Haus roch nach frischen Äpfeln und Kreidestaub.

„Und Sebastian weiß, dass du hier wohnst?“, fragte ich.

„Er hat es erfahren, als wir eingezogen sind. Seitdem spricht er kaum mit mir.“

Ich ließ mich auf den Stuhl neben dem Kinderbild sinken. Mein Mann hatte keine Affäre. Er hatte eine Schwester, die er verleugnete, und eine Nichte, die er ignorierte. Und ich hatte ihn verdächtigt, mit einer Fremden ein Kind zu zeugen.

Nach einer Weile stand ich auf. Frida blieb bei Lotta. Ich lief durch den Hof, am hustenden Dackel vorbei, die Treppe hoch, in unsere Küche.

Sebastian saß am Tisch, die Hände um eine kalte Kaffeetasse. Vor ihm lag ein alter Umschlag. Er sah mich.

„Du warst bei Daniel.“

„Ja.“

Er fing an zu weinen. Nicht laut, einfach so, als wäre der Druck zu groß geworden. „Ich wollte es dir so oft sagen.“

Er erzählte die Geschichte von innen. Der Vater hatte gedroht, ihn zu enterben. Die Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch. Er war jung und feige. Danach hat er sich jeden Tag geschämt. Als Daniel einzog, bekam er Panik. Er wusste nicht, wie er es mir erklären sollte, hatte Angst, ich würde gehen.

Ich ging nicht. Ich hörte zu. Danach stand ich auf, ging ins Schlafzimmer und setzte mich auf die Bettkante. Es war nicht genug, verstanden zu haben. Ich musste etwas tun.

Am nächsten Morgen meldete ich mich in der Banking-App an. Ich überwies 5400 Euro von meinem Sparkonto auf das Konto von Daniel Berger. Verwendungszweck: „Für Lottas Zukunft.“

Ich fragte niemanden. Ich tat es.

Dann schrieb ich Daniel eine SMS: „Ich habe Lotta etwas überwiesen. Freitagabend bitte zum Essen. Ich backe Apfelkuchen.“

Der Ausdruck der Überweisungsbestätigung lag am Abend auf dem Küchentisch, unter Sebastians Tasse. Er kam nach Hause, nahm das Papier in die Hand und las. Dann fragte er: „5400 Euro?“

„Das war mein Neuseeland-Reisefonds“, sagte ich. „Für eine Reise, die ich nie gemacht habe. Jetzt gehört er Lotta.“

Er setzte sich auf den Stuhl neben der Balkontür. Draußen wurden die Linden schon gelb. Die Mädchen liefen über den Rasen, beide mit dem gleichen rotbraunen Zopf. Lotta trug Fridas alte Jacke, weil Daniel nicht wusste, dass es abends kalt wird. Ich hatte sie ihr am Nachmittag gegeben.

Sebastian sah das. „Sie trägt ihre Jacke.“

„Ja“, sagte ich. „Und am Freitagbacke ich Apfelkuchen.“

Er legte den Ausdruck zurück auf den Tisch. Dann griff er nach meiner Hand. Nicht fest, nur so, als würde er prüfen, ob ich noch da war.

Am Freitag kamen Daniel und Lotta. Sebastian machte die Tür auf. Lotta rannte zu Frida. Daniel reichte mir eine Flasche Weißwein von der Saale-Unstrut. Auf dem Tisch stand der Apfelkuchen, daneben der Umschlag mit der Kopie der Überweisung.

Ich schob den Umschlag Daniel zu. „Für Lotta, wenn sie achtzehn wird.“

Daniel sah auf den Zettel. Dann auf Sebastian. Sebastian sagte: „Es tut mir leid, dass ich so lange gebraucht habe.“

Daniel legte die Hand auf Sebastians Arm. Draußen quietschte die Straßenbahnlinie 7. Die Mädchen lachten hinter der Hecke. Ich schnitt den Apfelkuchen an und hörte zu, wie die beiden Männer nach Jahren endlich miteinander sprachen, über Miriam.

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