Der Grill am Wannsee

Fünf Jahre lang kamen sie mit leeren Händen und gingen mit vollen Taschen.

Ich stand am Gartentisch in Potsdam, Grillzange in der Hand, und rechnete zum letzten Mal nach. Zweiundvierzig Grad im Schatten, die Nachbarn hatten schon zweimal rübergerufen, ob bei uns eine Hochzeit sei. War keine. War nur wieder das Familiengrillen, das ich seit fünf Jahren zwei Tage lang vorbereitete, während mein Schwager Jens auf der Terrasse saß und fragte, ob noch Kartoffelsalat da sei.

Bevor ich den nächsten Teller Bratwürste rausbrachte, habe ich alle an den Tisch gerufen.

„Ich möchte etwas klären, bevor ich weiter auftrage."

Alle sahen mich an, als hätte ich gerade auf Türkisch gesprochen. Ich habe in der Küchenschublade nachgesehen, sieben Umschläge rausgeholt, jeden mit einem Namen beschriftet. Habe sie verteilt, ohne ein Wort mehr zu sagen.

Meine Schwägerin Britta hat ihren zuerst geöffnet. Ein Zettel, DIN A5, meine Handschrift:

„Zugesagter Beitrag: Fisch, Aufschnitt, Getränke — nicht erschienen. Geschätzter Wert: 340 Euro." Darunter, kleiner: „Falls die Sachen nicht mitgebracht wurden, kann der Anteil vor dem Nachtisch beglichen werden."

Ihr Gesicht wurde rot wie die Tomaten, die sie letztes Jahr auch nicht mitgebracht hatte.

„Das ist doch wohl ein Witz."

„Ist es nicht."

Ich habe in die Runde geschaut — Jens, seine Schwester Carola, der Onkel mit dem Wohnmobil, der jedes Jahr behauptet, er habe „den Kofferraum vergessen einzuräumen".

„Wir grillen seit fünf Jahren zusammen. Fünf Jahre lang versprecht ihr, etwas mitzubringen, und fünf Jahre lang kommt ihr mit leeren Händen und geht mit vollen Tupperdosen. Ich packe euch sogar noch was für Montag ein."

Keiner sagte etwas. Irgendwo bellte der Hund vom Nachbargrundstück, als hätte er auf sein Stichwort gewartet.

„Es geht nicht ums Geld. Es geht um Respekt."

Mein Mann Holger legte mir die Hand auf den Arm. „Lass gut sein, Schatz…"

„Nein. Ich stehe zwei Tage in der Küche, kaufe ein, mache den Garten sauber, und wenn ihr weg seid, räumen meine Schwester und ich die Teller weg und spülen bis Mitternacht. Ihr findet das normal. Ich nicht mehr."

Jens ist aufgesprungen. „Wegen ein paar hundert Euro machst du so ein Theater?"

„Nein. Wegen fünf Jahren, in denen ihr Gastfreundschaft mit Selbstverständlichkeit verwechselt habt."

Ich habe den Schlüssel von der Kühlbox genommen. Das restliche Fleisch, den Fisch, den ich sicherheitshalber selbst gekauft hatte, die Getränkekisten — alles in den Kofferraum meiner Schwester Meike.

„Wir fahren an den See. Wer beigetragen hat, ist herzlich eingeladen mitzukommen. Wer nicht — kann zu Hause selbst grillen."

Für einen Moment rührte sich niemand. Dann standen Meike und ihre Familie auf, halb grinsend, und halfen mir, die letzten Kisten zu tragen. Wir sind losgefahren. Zurück blieben Holgers Verwandte an einem fast leeren Tisch. Etwas Brot war noch da. Ein paar Tomaten. Und ihre Kommentare, die ich noch bis zur Einfahrt hören konnte.

Am Abend rief Holger mich an. Ich dachte, er wäre sauer.

„Weißt du was", sagte er stattdessen, „du hattest recht. Ich hab mich jahrelang nicht getraut, was zu sagen. Aber als ich gesehen hab, wie sie gegangen sind, ohne sich auch nur zu entschuldigen — da hab ich verstanden, dass sie nie wegen uns kamen. Nur wegen dem, was es umsonst gab."

Zwei Wochen später saß ich abends am Küchentisch, vor mir die alte Excel-Tabelle, in der ich fünf Jahre lang jedes Grillfest dokumentiert hatte — wer zugesagt, wer geliefert, wer nur gegessen hatte. Ich habe eine neue Datei angelegt. Überschrift: „Grillliste — verbindlich." Habe eine WhatsApp-Gruppe gegründet, nur mit den Leuten, die tatsächlich etwas beitrugen: Meike, ihr Mann, zwei Nachbarn aus der Kleingartenanlage, Holgers Kollege vom Ruderverein. Britta, Jens, Carola und der Onkel mit dem Wohnmobil habe ich nicht hinzugefügt.

Vier Wochen später, Ende August, stand Jens vor unserer Gartentür, ein Sixpack Astra in der Hand, unangekündigt.

„Wir hätten gedacht, dieses Wochenende wird wieder gegrillt."

„Wird es. Am See. Steht aber nicht mehr in der alten Gruppe."

Er hat kurz nach unten geschaut, auf das Bier in seiner Hand, als würde er es zum ersten Mal bemerken.

„Und wenn ich jetzt was mitbringe?"

„Dann schreib mir. Ich schick dir die Kontodaten für den Anteil an Grillkohle und Getränken, so wie allen anderen auch. Vierzig Euro pro Erwachsenem, im Voraus."

Er drehte sich um, ging den Gartenweg hinunter, das Sixpack noch in der Hand, und stieg in seinen Kombi.

Am Samstag darauf, unten am Wannsee, stellte Meikes Mann den Wegwerfgrill auf den Steintisch, klappte zwei Campingstühle auf, und irgendjemand aus der Kleingartenrunde stellte eine Flasche Wein neben die Servietten. Die Kohle roch schon nach Sommer, bevor überhaupt jemand Feuer gemacht hatte.

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