Sven und der neue Schlüssel im Schanzenviertel

Am Morgen nach dem Anruf des Notars habe ich den Schlüsseldienst gerufen. Draußen regnete es, der typische Hamburger Nieselregen, der in den Schanzenviertel-Gassen an den Laternen hängen bleibt. In unserem Hausflur roch es nach nassem Hund und dem Fischbrötchen, das der Nachbar aus dem Erdgeschoss jeden Mittwoch mit nach oben nimmt. Der Mann vom Schlüsseldienst hieß Sven, er trug eine orangefarbene Arbeitshose und fragte, ob ich die Tür nur abschließen oder gleich ein neues Schloss haben will.

„Ein neues Schloss“, sagte ich. „Heute noch.“

Er sah auf seine Uhr, eine billige Casio, und meinte, das koste 180 Euro. Bar. Ich nickte nicht, ich sagte nur: „Passt. Legen Sie los.“

Während der Bohrer die alten Schrauben fraßen, ging ich in die Küche und schenkte mir den Tee vom Vortag ein. Er war kalt, die Kamille hatte sich am Boden abgesetzt. Auf dem Tisch lag noch die Quittung vom Bestatter. 12.400 Euro. Die hatte ich bezahlt, ohne mit der Wimper zu zucken. So wie ich die letzten elf Jahre alles bezahlt hatte, was in dieser Wohnung kaputtging – die Heizung, den neuen Kühlschrank, die halbe Rate für die Baufinanzierung.

320.000 Euro sollte die Wohnung in Altona damals kosten. Sophie und ich hatten sie 2015 gekauft. Sie war die Architektin, ich die OP-Schwester. Wir verdienten beide nicht schlecht, aber die Bank wollte Sicherheiten. Sophie hatte ein unbefristetes Arbeitsverhältnis, ich nur einen befristeten Vertrag im Universitätsklinikum Eppendorf. Also stand ihr Name allein im Grundbuch. „Das ändern wir, sobald du deinen neuen Vertrag hast“, hatte sie gesagt. Sie hat es nie geändert. Und dann kam der CSD.

Es war der 1. August, ein Samstag. Ich hatte Nachtschicht gehabt und schlief, als Sophie mit ihren Freundinnen zur Parade an die Binnenalster fuhr. Sie trug das weiße Tanktop mit dem Regenbogen, das ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Ich weiß das, weil die Polizei mir später ihre Tasche brachte. Das Tanktop war nicht dabei. In der Tasche: ein Handy, ein Lippenstift, ein halb aufgegessenes Franzbrötchen vom Bäcker am Fischmarkt. Und ein Schlüsselbund.

Was genau auf der Strecke passiert ist, haben mir zwei Beamte im Wohnzimmer erzählt. Ein Mann, 27 Jahre alt, war mit einem Messer in die Menge gerannt. Sophie hat versucht, eine junge Frau wegzuziehen. Sie hat den Stich in den Rücken bekommen. Es ging schnell, sagten die Beamten. Sie habe nicht gelitten. Ich habe den Tee auf dem Tisch stehen lassen und bin ins Schlafzimmer gegangen, wo ihr Kopfkissen noch nach ihrem Haarshampoo roch.

Die Eltern kamen zehn Tage nach der Beerdigung. Ingrid und Hans Kramer aus Nürnberg. Ingrid stand im Türrahmen, ohne sich die Schuhe auszuziehen. Hans blieb einen Schritt hinter ihr und starrte auf den Briefkasten im Flur.

„Wir geben dir zwei Wochen“, sagte Ingrid. „Dann will ich die Wohnung leer sehen.“

„Das ist unsere Wohnung“, sagte ich.

„Eure?“, Ingrid zog einen Brief aus ihrer Handtasche. „Laut Grundbuch gehört die Wohnung unserer Tochter. Und da Sophie kein Testament hinterlassen hat, erben wir. So einfach ist das.“

„Dann müssen wir miteinander reden“, sagte ich.

„Es gibt nichts zu reden. Zwei Wochen.“

Sie drehte sich um und ging. Hans folgte ihr. An der Treppe blieb er kurz stehen, als wollte er etwas sagen, aber Ingrid zischte etwas, und er setzte einen Fuß vor den anderen. Ich schloss die Tür und hörte, wie unten die Haustür ins Schloss fiel.

Zwei Wochen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Ich ging zur Rechtsberatung der Caritas, aber die Warteliste war lang. Ich rief eine Anwältin an, die mir für die Erstberatung 190 Euro abknöpfte und mir sagte, ohne Trauschein oder Testament sehe es schlecht aus. „Lebenspartnerschaft war aufgelöst, eingetragene Ehe haben Sie nicht geschlossen?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf. „Dann haben Sie keinen gesetzlichen Erbanspruch. Tut mir leid.“

Ich fuhr mit der S-Bahn nach Hause, stieg an der Sternschanze aus und lief durch die Schanzenstraße. Vor dem Café, in dem Sophie und ich jeden Sonntag gefrühstückt hatten, standen Kerzen und verwelkte Blumen. Jemand hatte ein Schild aufgehängt: „Liebe ist lauter als Hass.“ Ich konnte nicht hinsehen.

Zu Hause zog ich den Karton unter dem Bett hervor. Da lagen die Unterlagen, die Sophie immer „unseren Papierkram“ nannte. Versicherungen, Steuerbescheide, alte Mietverträge. Ganz unten fand ich einen braunen Umschlag, den ich nie gesehen hatte. Er war an mich adressiert. Meine Hände zitterten, als ich ihn öffnete. Drinnen lag ein handschriftlicher Zettel von Sophie:

„Falls mir etwas passiert: Alles, was mir gehört, gehört auch Anna. Die Wohnung, das Auto, die Konten. Ich habe es beim Notar Dr. Berger in der Großen Bergstraße hinterlegt. Such den Ordner mit der Aufschrift ‚Testament‘. Ich liebe dich. Sophie.“

Ich las den Zettel dreimal. Dann griff ich zum Telefon und rief den Notar an. Die Sprechstundenhilfe sagte, ich solle am nächsten Morgen vorbeikommen, das Testament liege dort im Original.

Am nächsten Tag saß ich um neun Uhr in einem hellen Büro mit Blick auf den Michel. Dr. Berger, ein älterer Herr mit ruhiger Stimme, legte mir die Urkunde vor. Sophie hatte sie am 14. Februar unterschrieben, ein halbes Jahr vor dem CSD. Sie hatte daran gedacht. Sie hatte es nur nie erzählt, weil sie abergläubisch war – so etwas macht man nicht, wenn alles gut läuft.

Ich bekam eine Ausfertigung, unterschrieb eine Quittung und ging zur Bank. Ich ließ den Kontostand ausdrucken. Auf unserem gemeinsamen Konto lagen 47.300 Euro. Davon gehörte die Hälfte mir, die andere Hälfte war Sophies Erbe. Ich überwies 50.000 Euro an Ingrid und Hans Kramer. Darlehensrückzahlung, schrieb ich in den Verwendungszweck. Dann ließ ich mir die Bestätigung aufs Handy schicken.

Zurück in der Wohnung rief ich Sven an. Der Schlüsseldienst kam um 17 Uhr. Während er das neue Schloss einsetzte, packte ich den Ordner mit dem Testament, die Bankbestätigung und den neuen Schlüssel in eine altrosa Mappe. Ich legte sie auf die Kommode im Flur.

Am nächsten Morgen um halb neun hörte ich den Schlüssel im Schloss. Ein metallisches Knirschen, dann Fluchen. Ingrid. Sie drehte und rüttelte, der Schlüssel passte nicht mehr.

Ich ging zur Tür und machte von innen auf. Ingrid stand da, leicht vorgebeugt, die Hand noch am Schlüsselbund. Hans hinter ihr trug eine braune Aktentasche, die er sofort auf den Boden stellte, als er mich sah.

„Was hast du mit der Tür gemacht?“, fragte Ingrid.

Ich reichte ihr die Mappe. „Das ist Sophies Testament. Vom 14. Februar dieses Jahres. Sie hat alles mir hinterlassen. Die Wohnung, das Auto, die Konten. Das hier ist die Ausfertigung vom Notar.“

Ingrid riss die Mappe auf. Hans beugte sich vor. Ich zog mein Handy aus der Hosentasche und hielt es ihnen hin. „Und das ist die Überweisung von heute Morgen. 50.000 Euro. Das Geld, das ihr Sophie 2015 für den Kauf der Wohnung gegeben habt, habt ihr zurück. Auf euer Konto.“

Ingrid starrte auf den Bildschirm. Hans sagte leise: „Das wussten wir nicht. Von dem Testament.“

„Nein“, sagte ich. „Das wusstet ihr nicht. Aber es ist gültig. Und die Wohnung gehört jetzt mir. Der Schlüssel, den du da hast, passt nicht mehr. Hier ist der neue.“

Ich hielt ihr den Schlüssel hin, zog die Hand aber zurück, bevor sie zugreifen konnte. Sie sah mich an, und ich sah, wie ihr Gesicht alle Farbe verlor. Nicht Wut. Nicht Scham. Nur Leere, als hätte man einen Stecker gezogen.

„Wir gehen“, sagte Hans und legte Ingrid eine Hand auf die Schulter. Sie schüttelte sie ab und drehte sich um. Ihre Schritte auf der Treppe klangen wie ein Echo.

Ich blieb im Türrahmen stehen, bis die Haustür unten zufiel. Dann ging ich in die Küche, schenkte mir frischen Kamillentee ein und setzte mich an den Tisch. Vor mir lag der neue Schlüssel. Er war aus Messing, schwer und kalt. Ich schob ihn mit dem Finger über die Tischplatte, bis er gegen die Kante stieß.

Draußen hatte der Regen aufgehört. Durch das Fenster sah ich, wie die Sonne die Fassade gegenüber in ein warmes Licht tauchte. Auf der Straße bellte der Hund des Nachbarn, ein alter Dackel, der immer dann bellte, wenn die Müllabfuhr kam. Es war Dienstag. Der Müll wurde abgeholt.

Ich trank den Tee. Er war heiß. Und der Schlüssel lag da, wo ich ihn hingelegt hatte.

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