Am Morgen von Daniels Geburtstag roch es im Laden nach nassem Zellophan und kalter Blumenerde. Ich band gerade den dritten Brautstrauß für Samstag, eine Kommission aus weißen Ranunkeln und Eukalyptus, als die E-Mail von Frau Dr. Leiner kam. Betreff: Fristsetzung bis 17 Uhr. Die Betreffzeile war so aufdringlich wie Renate Söllner selbst. Ich habe die Schleife zu fest gezogen, und ein Stiel ist mir zwischen den Fingern geknickt. Rosa Saft auf der weißen Schürze.
Mein Bruder Daniel wäre heute vierundsechzig geworden. Am 26. Dezember 2004 saß ich mit meinen Eltern in der Küche in der Wiehre, als der Anruf aus Khao Lak kam. Daniel, Anke, Maike, Leon. Alle vier. Das Meer hat sie nicht zurückgegeben. Es gab keinen Leichnam, nur eine Gedenktafel am Hauptfriedhof, wo ich jedes Jahr ein Bündel weiße Rosen hinlege. Und in Kirchzarten brennt im Küchenfenster von Am Hirschenweg 8 immer eine Kerze. Die Uhr dort steht seit zwanzig Jahren auf 14:07. Keine Ahnung, warum ich sie nie verstellt habe. Vielleicht, weil das die Zeit war, als ich den Hörer nicht mehr halten konnte.
Das Haus gehörte Daniel und Anke je zur Hälfte. Beide starben am selben Tag, also ging Daniels Hälfte an mich, Ankes Hälfte an ihre Mutter, Renate Söllner aus Lörrach. Renate wollte zwanzig Jahre lang nichts mit dem Haus zu tun haben. Nicht einen Cent für die Ölheizung, kein einziges „Soll ich den Schlüssel abgeben?", keine Frage nach dem undichten Dachfenster im Kinderzimmer. Jeden Oktober habe ich die Rechnung für die Tankanzeige bezahlt und im Frühjahr die Kastanienblüten von der Dachrinne gekehrt. Und jetzt, ausgerechnet an seinem Geburtstag, gibt sie mir bis siebzehn Uhr. In der Mail stand: Entweder kaufe ich ihren Anteil für einhundertneunzigtausend Euro, oder das Haus geht an einen Investor aus Freiburg. Herr Kunzmann. Er will drei Wohnungen reinbauen und die alte Scheune abreißen. Der Kaufvertrag lag unterzeichnet bei.
Ich bin mit dem Fahrrad durch die Wiehre gefahren, den Radweg am Dreisam entlang. Es hatte in der Nacht geregnet, auf dem Weg lag dieser rote Breisgau-Lehm. An der S-Bahn-Station Kirchzarten stank es nach nassem Rindenmulch. Frau Hartwig stand am Zaun. Ihr Beagle Emil kläffte zweimal, mehr so eine Begrüßung für einen Gast, der immer Radieschen für die Kaninchen mitbringt.
In Daniels Arbeitszimmer war es stickig. Ich habe das Fenster gekippt, das Licht nicht angemacht. Da stehen noch die CDs von seinem Theaterchor, die schwarze Notenmappe mit dem goldenen Aufdruck „Freiburger Bachchor". Daniel hat den zweiten Tenor gesungen; seine Stimme erkennt man auf der alten Aufnahme von 2003 noch vor dem Einsatz des Chores. Das Notenheft liegt aufgeschlagen bei Seite 41, mit einem Eselsohr. Daneben ein Foto der Kinder am Strand von Usedom. In der obersten Schublade lag ein Ordner, den ich seit der Testamentseröffnung nicht angefasst hatte. Ich dachte, da sind nur alte Kontoauszüge und die Sterbeurkunden. Ganz hinten, in einer Klarsichthülle, fand ich den Vertrag einer Lebensversicherung. Begünstigte: Anke. Im Todesfall: einhundertzweiundsiebzigtausendachthundert Euro, ausgezahlt 2006 an die Erben.
Ich habe den Auszug der Lörracher Sparkasse mitgenommen. Sonderzahlung Lebensversicherung, 86.400 Euro, 12.05.2006. Die Hälfte. Genau die Hälfte. Die andere Hälfte hätte mir gehört.
Auf dem Weg in die Küche habe ich kurz vor dem Schrank haltgemacht. Im Flur hing Daniels alter Konfirmationsanzug, in Plastik eingeschweißt. Das Plastik war eingerissen, weil der Zahnarzt bei der Trauerfeier versucht hatte, seine Jacke daneben zu hängen. Ich habe den Riss nicht geklebt. Risse klebe ich nicht mehr.
Frau Dr. Leiner war in einer Verhandlung. Die Bank half nicht ohne Erbschein. Egal. Der Auszug steckte in meiner Jackentasche. Ich habe den kleinen Schlüssel vom Sicherungskasten genommen, der an einem Magneten über der Tür klebte, und die Hintertür aufgeschlossen. Draußen roch es nach Erde. Die Sonne kam raus. Ich stellte einen Stuhl auf die Terrasse, legte den Auszug und eine zweite Seite auf den Tisch, und wartete.
Punkt fünfzehn Uhr rollte der silberne Mercedes vor das Tor. Renate stieg aus, auf diese vorsichtige Art, die alte Frauen nach einer Hüftoperation haben. Sie hatte die Haare blondiert. Sie trug einen beigen Mantel und schwenkte eine Schlüsselmappe, als wäre das Haus schon seins.
„Katrin, du hättest dir den Weg sparen können", sagte sie von der Terrassenkante. Sie klang wie eine Nachrichtensprecherin, die schlechte Zinsen verkündet. „Herr Kunzmann übernimmt auch die letzten Rechnungen. Du bekommst deinen Anteil ausgezahlt. Das ist mehr, als du verdienst."
Sie wollte an mir vorbei zur Küchentür. Ich habe den Stuhl nicht weggerückt. Der Beagle bellte am Zaun, als hätte er verstanden, dass die Szene gerade umkippt.
„Du hast im Mai 2006 sechsundachtzigtausendvierhundert Euro von Daniels Lebensversicherung bekommen", sagte ich.
Sie trat einen halben Schritt zurück. Ihr Mund blieb offen, dann klappte sie ihn zu.
„Das war eine kleine Summe für die Grabpflege." Ihre Stimme wurde leise, fast wie Papier.
„Für die Grabpflege in Pula?", fragte ich. Ich hatte die Kaufurkunde gefunden. Renate hatte mit dem Geld eine Eigentumswohnung in Kroatien angezahlt, direkt am Hafen. Kaufpreis: 86.400 Euro. Die gleiche Zahl, nur mit einem Komma und zwei Nullen in der Adresse.
Herr Kunzmann stand am Zaun und tippte auf sein Telefon.
Ich zog den Auszug aus der Jackentasche und legte ihn quer über den Terrassentisch. Daneben legte ich eine zweite Seite: die Teilungsversteigerung, die ich am Morgen beim Amtsgericht Freiburg in Auftrag gegeben hatte. Man hatte mir gesagt, ich könne sie jederzeit zurückziehen.
„Du hast zwei Möglichkeiten, Renate", sagte ich. „Entweder du unterschreibst heute die Erbauseinandersetzung, dass dein Anteil am Haus mit der Versicherungssumme abgegolten ist. Dann ziehe ich den Antrag zurück. Oder ich verlange mein Erbe nach, plus Zinsen. Das sind inzwischen vierundvierzigtausend Euro mehr. Und du weißt, wie lange man in Kroatien einen Verkauf rückabwickeln kann."
Sie griff nach dem Papier, als wäre es nass. Ihre Fingerspitzen zerdrückten eine Ecke.
„Das ist Erpressung."
„Nein", sagte ich. „Das ist eine Frist. Meine Frist endet um siebzehn Uhr. Deine auch."
Herr Kunzmann hörte auf zu tippen und ging zu seinem Mercedes. Bevor er die Tür zuzog, sagte er: „Frau Söllner, rufen Sie mich an, wenn die Eigentumsverhältnisse geklärt sind." Dann fuhr er weg, und Emil rannte dem Auto bis zum Holztor hinterher.
Es war 16:10. Ich holte den Kugelschreiber aus der Küchenschublade und schob ihn ihr über den Tisch. Ein blauer Stift mit dem Aufdruck „Bäckerei Faller, Kirchzarten". Den hatte Daniel mir geschenkt, als er Brot für die Familienfeier geholt hat. So ein Stift, der nie in die Spülmaschine durfte.
Renate unterschrieb. Nicht mit ihrem Namen, sondern mit diesem zittrigen Kürzel, das sie seit zwanzig Jahren auf jede Kondolenzkarte setzt. Ich habe die E-Mail mit dem Antrag auf Teilungsversteigerung gelöscht, den Entwurf an Frau Dr. Leiner geschickt und dazu geschrieben: zurückgezogen.
Danach habe ich den Türgriff abmontiert.
„Was machst du da?", fragte Renate.
„Ich tausche das Schloss. Seit 2004 liegt der Zweitschlüssel bei dir im Flur. Das ändert sich jetzt."
Sie stand da, die Schlüsselmappe hing an ihrer Hand herab. Ich zog den alten Zylinder heraus und setzte einen neuen aus meiner Werkzeugkiste ein. Drei Schrauben. Das dauerte keine fünf Minuten. Dann drehte ich den Schlüssel zweimal herum. Der Riegel schnappte ins Schloss.
Renate ging über den Kiesweg, ohne sich umzudrehen. Ihr beiger Mantel war hinten zerknittert, dort, wo sie auf dem Terrassenstuhl gesessen hatte. Am Zaun bellte Emil, weil der Mercedes nicht mehr da war. Ich habe die Uhr in der Küche angeschaut. Es war 16:58. Fast siebzehn.
Ich bin wieder hineingegangen. Auf dem Küchentisch lag der neue Schlüssel. Damit kann nur noch ich aufschließen. Die Kerze brannte im Fenster. Und wer weiß, vielleicht mache ich am Samstag nach der Hochzeit einen Umweg über Kirchzarten. Nur um die Kerze anzuschauen und die Uhr noch einmal auf 14:07 zu stellen, bevor ich das Licht in der Küche anmache.







