Die alte Bäckereifrau und der Duft von frischen Brezen

Morgens um halb fünf roch die Backstube nach Hefe, verbranntem Zucker und dem scharfen Dampf der Spülmaschine. Margit Schmidt schob das Blech mit den vorgegarten Laugenstangen in den Ofen und wischte sich die Hände an der Schürze ab. Durch das beschlagene Fenster sah sie zwei Gestalten am Müllcontainer hinter dem Haus.

Der Junge war vielleicht zehn, das Mädchen acht. Beide trugen dünne Jacken, die ihnen zwei Nummern zu groß waren. Das Mädchen kletterte halb in den Container, der Junge hielt die Plastiktüte auf. Es hatte in der Nacht geregnet, der Asphalt glänzte, und aus einem Riss in der Dachrinne tropfte Wasser auf den Deckel.

Margit nahm zwei frische Brezen vom Blech, wickelte sie in Backpapier und trat vor die Tür.

„He, ihr zwei", rief sie leise. „Kommt her."

Der Junge erstarrte. Dann drehte er sich um, als wollte er weglaufen. Das Mädchen blieb halb im Container hängen und sah zu Margit hinüber.

„Ich beiße nicht", sagte Margit. Sie hielt die Papiertüte hoch. „Die sind von gestern Abend. Werden sonst weggeworfen."

Der Junge kam zögernd näher. Seine Hände waren rot vor Kälte, die Fingernägel schwarz. Er griff nach der Tüte, als könnte sie explodieren.

„Warum?" fragte er.

„Weil ihr Hunger habt."

Das Mädchen sprang vom Container und stellte sich neben ihren Bruder. „Wir haben kein Geld."

„Hab ich auch nicht", sagte Margit. „Aber Brot ist genug da."

Sie führte die beiden in den winzigen Aufenthaltsraum hinter der Backstube. Es roch nach altem Kaffee und dem nassen Fell des roten Katers, der auf einem Mehlsack schlief. Der Kater hieß Karl und öffnete ein Auge, als die Kinder hereinkamen. Dann streckte er sich, sprang auf den Tisch und rieb seinen Kopf an der Hand des Mädchens.

„Der mag dich", sagte Margit.

Das Mädchen strich über das Fell. „Wir hatten mal eine Katze. Papa hat sie mitgenommen, als er weg ist."

„Wo ist euer Papa jetzt?"

„Weiß nicht", sagte der Junge. „Er ist letzten Winter nicht mehr zurückgekommen. Mama war schon vorher fort. Wir wohnen jetzt bei niemandem."

Margit stellte zwei Becher mit warmer Milch vor sie. „Wie heißt ihr?"

„Paul", sagte der Junge. „Das ist Anna."

„Und wo schlaft ihr?"

Paul sah auf den Tisch. „Weiter draußen. Im Schrebergarten. Papa hatte da eine Parzelle. Die Hütte steht noch, ist aber nicht abgeschlossen."

Margit fragte nicht weiter. Sie kannte solche Schrebergartenhütten. Ohne Strom, ohne Wasser, mit einem Kanonenofen, der im Winter nichts taugte. Sie holte noch zwei alte Wolldecken aus dem Schrank und legte sie auf den Stuhl.

„Die könnt ihr mitnehmen."

Anna sah auf die Decken. Dann auf Margit. „Warum sind Sie so nett zu uns?"

„Weil jemand mal zu mir nett war", sagte Margit. „Vor langer Zeit."

In diesem Moment knallte die Tür zur Backstube auf. Frau Krüger, die Besitzerin des Backhauses, stand im Rahmen. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und das Kinn nach vorn geschoben.

„Was ist das hier? Sozialstation?"

Margit stellte sich zwischen die Kinder und die Tür. „Die beiden wärmen sich nur auf. Sie gehen gleich."

Frau Krüger musterte die schmutzigen Schuhe, die nassen Jacken, den Kater, der schnurrend auf dem Tisch lag. Ihr Blick blieb kurz an Annas aufgeplatzten Fingerknöcheln hängen, und für einen Moment sah sie weniger streng aus als sonst. Dann straffte sie sich wieder.

„Raus. Sofort. Wir sind ein Geschäft, kein Obdachlosenheim."

„Sie haben nichts gestohlen", sagte Margit.

„Das glaube ich erst, wenn wir die Kasse überprüfen. Und wenn hier morgen noch einmal solche Gestalten auftauchen, rufe ich das Jugendamt an."

Paul zog Anna am Ärmel zur Tür. Anna griff nach den Decken, ließ sie aber los, als Frau Krüger einen Schritt auf sie zu machte. Der Kater sprang vom Tisch und verschwand hinter den Mehlsäcken.

Am nächsten Morgen um vier Uhr hörte Margit ein Klopfen am Fenster. Es war Paul. Er hielt zwei leere Flaschen in der Hand, die er am Bahnhof gesammelt hatte.

„Wir wollen nicht umsonst essen", sagte er. Sein Atem bildete kleine Wolken. „Wir können den Hof fegen."

Margit gab ihnen wieder Brezen, diesmal mit Butter und Marmelade. Anna versteckte ihre Breze in der Jackentasche.

„Die ist für später", sagte sie leise.

So ging es zwei Wochen. Die Kinder kamen jeden Morgen vor der Schicht, fegten den Hof, sortierten leere Getränkekisten und polierten das Messingschild neben der Tür. Dann aßen sie im Aufenthaltsraum, während Karl schnurrte und draußen der Himmel von Schwarz zu Grau wechselte.

Frau Krüger kam jetzt früher. Sie stand hinter der Kasse und beobachtete die Kinder durch die Glastür.

„Ich habe beim Jugendamt angerufen", sagte sie eines Morgens, ohne aufzusehen.

Margit ließ die Brottüte fallen. „Was?"

„Du hast mich verstanden. Die holen die beiden heute ab. Und du hältst dich da raus, sonst fliegst du gleich mit."

Margit griff nach ihrer Handtasche, holte ein zusammengefaltetes Blatt heraus und legte es auf die Theke. Es war ihre schriftliche Kündigung.

„Wenn Sie die Kinder anzeigen, gehe ich jetzt. Sie können die Backstube allein schmeißen."

Frau Krüger lachte trocken, aber es klang nicht ganz sicher. „Mit deinem kläglichen Gehalt? Du findest doch keinen Ersatz für mich. Und die zwei können nicht ewig in einer Gartenhütte hausen, Margit. Das weißt du selbst. Sie brauchen ein Bett, eine Schule, einen Arzt, wenn sie krank werden. Das kann keiner von uns ihnen geben."

Um neun Uhr hielt ein silberner Transporter vom Jugendamt vor dem Backhaus. Eine Frau in beigem Mantel stieg aus, in der Hand eine Aktenmappe. Paul und Anna standen im Hof und kehrten Laub. Als sie die Frau sahen, ließ Paul den Besen fallen.

Margit ging ihnen entgegen. Sie legte ihre Arme um beide. „Ich hole euch da raus. Ich werde Pflegemutter. Mein Haus hat zwei Zimmer. Es reicht."

Die Frau im Mantel schüttelte den Kopf. „Frau Schmidt, Ihr Einkommen liegt unter dem Pflegesatz. Die Geschwister brauchen eine stabile Umgebung mit ausreichend Platz und finanzieller Sicherheit. Wir haben einen Platz in einer Einrichtung in Passau. Es ist eine gute Einrichtung, mit Schule direkt am Haus."

„Passau ist zwei Stunden entfernt", sagte Margit. Ihre Stimme wurde scharf. „Sie können die Geschwister nicht trennen! Nicht nach allem!"

„Wir trennen sie nicht. Sie bleiben zusammen. Aber in der Einrichtung. Besuche sind möglich, Frau Schmidt. Sie müssen sich nur anmelden."

Paul riss sich los. Er lief zu Margit, drückte sein Gesicht in ihre Schürze. „Tante Margit, bitte! Wir schlafen auch auf dem Boden. Wir machen keinen Lärm."

Anna stand abseits. Sie sah auf den silbernen Transporter, dann auf Frau Krüger, die mit verschränkten Armen hinter der Glastür stand. „Die hat uns verraten", sagte sie.

Margit brachte die Kinder zum Transporter. Paul stieg zuerst ein. Anna zögerte.

„Wirst du uns besuchen?" fragte sie.

„Jeden Monat", sagte Margit. „Ich spare jetzt schon für die Zugfahrkarte nach Passau. Und ich bringe Brezen mit."

Der Transporter fuhr rückwärts aus dem Hof. Margit winkte, bis er um die Ecke verschwunden war. Dann drehte sie sich um, ging ins Backhaus, nahm ihre Kündigung von der Theke und zerriss sie.

„Sie bleiben", sagte sie zu Frau Krüger. „Ich brauche die Schichten. Für die Fahrkarten, für Geschenke, für später, falls ich sie einmal zu mir holen kann."

Frau Krüger zuckte mit den Schultern. „Wie du meinst."

Margit sparte tatsächlich. Zwei Monate lang legte sie jede Mark für die Zugfahrkarte zurück, plante die Route über Regensburg. Dann kam der Brief: Die Einrichtung war wegen Umbaus vorübergehend nach München verlegt worden, ein Zwischenheim, die Kinder nicht mehr auffindbar unter der alten Adresse. Margit fuhr trotzdem nach Passau, stand vor einem leeren Gebäude mit Bauzaun davor. Niemand konnte ihr sagen, wohin die Akten gegangen waren. Sie schrieb Briefe, jeden Monat einen, an jede Adresse, die man ihr nannte, ohne je eine Antwort zu bekommen. Sie wusste nicht, dass die Post über Jahre in einem Aktenkeller lag, weil die Zusammenlegung zweier Jugendämter das Zustellsystem durcheinandergebracht hatte.

Achtzehn Jahre später.

Margit saß an ihrem Küchentisch und sortierte alte Fotos. Es regnete in Strömen, und durch die Decke tropfte Wasser in einen Eimer. Das Dach hatte sie seit drei Jahren nicht mehr reparieren lassen. Die Rente reichte für Öl, Strom und das Nötigste.

Draußen hupte ein Auto. Dann noch eins. Margit stand auf und trat ans Fenster. Vor ihrem schmalen Vorgarten standen zwei schwarze Limousinen. Ein Audi Q7 und ein BMW X5. Die Scheiben waren getönt. Im Regen glänzten die Karosserien wie nasse Kohle.

Die Fahrertüren öffneten sich gleichzeitig. Zwei Menschen stiegen aus. Ein Mann, groß, breitschultrig, im dunklen Mantel. Eine Frau, schlank, mit hochgestecktem Haar und einem grünen Schal. Beide trugen teure Schuhe, die im Matsch versanken.

Margit trat auf die Veranda. Der Regen rauschte in den Dachrinnen, die halb verstopft waren.

Der Mann nahm die Sonnenbrille ab. Margit sah die Augen. Helle, wachsame Augen. Und diese kleine Narbe über der rechten Braue, die er sich damals beim Klettern über den Zaun geholt hatte.

„Paul?"

Die Frau lief die drei Stufen hinauf und umarmte Margit, als wäre sie nie weg gewesen. „Tante Margit. Wir haben dich gefunden."

Es dauerte eine Weile, bis alle drei am Küchentisch saßen. Der Eimer in der Ecke sammelte das Tropfwasser. Margit wollte Kaffee kochen, aber ihre Hände zitterten so stark, dass Anna die Kanne übernahm.

„Die Einrichtung in Passau wurde damals umgebaut, weißt du das noch?", erzählte Paul. „Man hat uns nach München verlegt, in ein Übergangsheim. Dabei sind unsere Akten verloren gegangen. Wir dachten zuerst, du hättest uns vergessen. Aber du hast wirklich jeden Monat geschrieben. Die Briefe kamen erst mit drei Jahren Verspätung an, alle auf einmal, ein ganzer Karton."

Anna legte eine Mappe auf den Tisch. Sie öffnete sie und nahm ein vergilbtes Blatt heraus. Es war eine dieser Zeichnungen, die Margit den Kindern an die Pinnwand gehängt hatte. Ein Haus mit zwei Fenstern und einem roten Kater davor.

„Die hat Paul aus dem Müll der Einrichtung gerettet", sagte Anna. „Er hat sie in seiner Jacke versteckt."

Paul beugte sich vor. „Wir haben dich nie vergessen. Als wir mit achtzehn rauskamen, haben wir sofort angefangen zu suchen. Aber du warst verzogen. Zurück in dein Heimatdorf."

„Mein Vater hatte das Haus hier geerbt", sagte Margit. „Nach der Bäckerei bin ich hergezogen. Wollte meine Ruhe."

Anna sah zur Decke, wo das Wasser in den Eimer tropfte. „Das hier ist keine Ruhe. Das ist ein Albtraum."

Margit lachte, ein trockenes, kurzes Geräusch. „Man gewöhnt sich."

Paul schüttelte den Kopf. Er zog einen Schlüsselbund aus der Manteltasche und legte ihn auf den Tisch. „Wir haben ein großes Haus in der Nähe von Landshut. Drei Etagen, Garten, eine Einliegerwohnung. Die wollten wir schon immer für dich. Seit wir genug Geld verdienen."

„Was arbeitet ihr eigentlich?" fragte Margit.

„IT-Sicherheit", sagte Anna. „Wir haben vor zehn Jahren eine Firma gegründet. Erst in einer Garage, dann in einem Büropark. Inzwischen beschäftigen wir zweiundsechzig Leute. Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft wir an deine Brezen gedacht haben. An den Kater Karl. An die Marmelade."

Margit sah auf ihre Hände. Sie waren voller Altersflecken. „Ich habe euch damals nicht retten können. Das habe ich mir nie verziehen. Ich bin sogar nach Passau gefahren, stand vor einem leeren Haus mit Bauzaun."

Paul legte seine Hand auf ihre. „Du hast uns gezeigt, dass es Menschen gibt, die etwas geben, ohne etwas zu erwarten. Das war unsere Rettung."

Es klopfte an der Tür. Margit sah auf. Draußen stand eine Frau unter einem Regenschirm. Ihr Gesicht war eingefallen, die Haltung gebeugt. Sie klopfte noch einmal, diesmal fester.

„Das ist Frau Krüger", sagte Margit. „Sie wohnt jetzt zwei Häuser weiter. Die Bäckerei hat sie vor fünf Jahren verkauft, als ihr Mann krank wurde. Seitdem pflegt sie ihn allein. Läuft nicht mehr so bei ihr."

Paul stand auf. „Soll ich aufmachen?"

„Ja", sagte Margit. „Sag ihr, sie soll reinkommen. Bei dem Wetter."

Anna sah überrascht auf. „Nach allem, was war?"

„Sie hat damals das Jugendamt gerufen, weil sie Angst um ihr Geschäft hatte", sagte Margit. „Das war falsch. Aber sie war auch keine schlechte Frau, nur eine ängstliche. Und jetzt ist sie alt und allein, so wie ich es fast gewesen wäre."

Paul öffnete die Tür. Frau Krüger stand da, den Regenschirm schief in der Hand. Ihr Blick fiel auf die Mappe auf dem Tisch, dann auf die beiden schwarzen Limousinen im Regen.

„Wer sind die Herrschaften?" fragte sie, und ihre Stimme zitterte ein wenig, vom Alter oder von der Kälte.

„Erinnern Sie sich nicht?", fragte Paul, aber ohne Schärfe. „Paul und Anna. Die Kinder vom Müllcontainer."

Frau Krüger wurde blass. Der Regenschirm kippte, Regen lief über ihr Gesicht. „Ich… ich habe oft daran gedacht. An euch beide. Es tut mir leid, was ich getan habe."

„Kommen Sie rein", sagte Margit von drinnen. „Der Kaffee ist noch heiß."

Frau Krüger zögerte, dann trat sie ein, faltete den Schirm zusammen und stellte ihn tropfend neben die Tür. Sie setzte sich an den Rand des Tisches, während Anna ihr wortlos eine Tasse hinschob.

Nach dem Kaffee ging Frau Krüger wieder, mit einem kleinen Päckchen Brezen, das Margit ihr eingepackt hatte. An der Tür drehte sie sich noch einmal um. „Du hattest immer ein gutes Herz, Margit. Besser als meins."

Als sie fort war, holte Margit ihre Handtasche vom Haken und einen Schnellhefter heraus. Ein roter Umschlag mit einem Notartermin.

„Wir haben einen Termin um vierzehn Uhr beim Notar", sagte sie. „Ich habe heute Morgen noch mit ihm telefoniert, nachdem ich eure Stimmen am Telefon erkannt hatte. Ich möchte euch das Haus überschreiben."

Paul erstarrte. „Tante Margit…"

„Ich habe euch nichts anderes zu geben", sagte Margit. „Der Notar hat es gestern noch auf zweihundertvierzigtausend Euro taxiert. Der Boden ist gut, auch wenn das Dach undicht ist. Nehmt es, baut es um, oder verkauft es. Aber lasst mich das für euch tun, jetzt, wo ich euch endlich wiederhabe."

„Das kannst du nicht einfach so entscheiden", sagte Anna, aber ihre Augen waren feucht.

„Ich bin siebzig", sagte Margit. „Ich kann sehr wohl entscheiden, was mit meinem Haus passiert. Und ich will, dass es an euch geht, nicht irgendwann ans Amt, wenn ich sterbe und niemand einen Erben findet."

Beim Notar dauerte es vierzig Minuten. Margit unterschrieb die Urkunde, ohne ein einziges Mal zu zögern. Anna und Paul unterschrieben als neue Eigentümer. Der Notar stempelte, kopierte, heftete.

Als sie aus der Kanzlei traten, hatte der Regen aufgehört. Die Sonne brach durch die Wolken und ließ die Pfützen auf dem Parkplatz glitzern.

„Was machst du jetzt?" fragte Anna.

Margit sah zu den beiden schwarzen Autos. „Ich hole meine Fotos. Und den kleinen roten Kater, den ich aus Ton für euch gemacht habe. Dann fahren wir."

Sie stieg ein, zog die Tür zu. Paul startete den Motor. Die Scheibenwischer schoben das letzte Wasser beiseite. Margit lehnte den Kopf an die Nackenstütze und sah auf die Straße, die nach Süden führte. Die Reifen hinterließen zwei saubere Spuren auf dem nassen Asphalt, und in der Ferne, hinter den Feldern, brach die Sonne durch die letzten Wolken.

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Die alte Bäckereifrau und der Duft von frischen Brezen