Werner Hasse kam an diesem Abend nicht dazu, die Nachricht seiner Tochter zu beantworten. Der Bus nach Bochum-Langendreer hatte zwanzig Minuten Verspätung, und als er endlich kam, war er so voll, dass die Leute an den Türen standen wie gepresste Ölsardinen. Werner presste sich zwischen eine Frau mit zwei vollen Aldi-Tüten und einen jungen Kerl, der sein Handy auf voller Lautstärke laufen ließ. Es roch nach nassem Parka, altem Frittenfett und dem süßlichen Aftershave des Kerls. Draußen zog der Februar die Stadt in ein graues Tuch. Die Straßenlichter tropften in die Pfützen, und auf den Dächern der Reihenhäuser lag noch dieser alte, harte Schnee, der nach dem letzten Tauwetter zu einer grauen Kruste gefroren war.
Werner war siebenundfünfzig. Er arbeitete seit zwölf Jahren als Lagerverwalter im Toom-Baumarkt an der A448, und seine Knie wussten das jeden Abend. An diesem Nachmittag war die Lieferung mit den neuen Akku-Schraubern zu spät gekommen, der Fahrer aus Duisburg hatte keine Zeit, und beim Abladen hatte sich Werner den linken Unterarm an einer Palette gestoßen. Der Arm pochte noch jetzt. Er zog das Handy aus der Manteltasche und sah die Nachricht von Julia.
„Papa, kommst du am Samstag zu Leos Geburtstag? Er wird sechs. Bitte sag nicht wieder, du musst arbeiten.“
Er tippte nicht. Der Bus bremste scharf an der Haltestelle „Am Alten Bahnhof“, und ein Mann fiel fast auf ihn. Werner schob das Handy zurück und starrte aus dem Fenster. Die Scheibe war so dreckig, dass die Lichter der Trinkhalle an der Ecke Heilbäckerweg sich in gelben Schlieren auflösten.
Er stieg an der Endhaltestelle aus. Von da waren es noch zehn Minuten zu Fuß, vorbei an der alten Zeche Mansfeld, die jetzt ein Kletterzentrum war, und dann links in die Straße Am Feldbrand. Die Siedlung war in den Fünfzigern gebaut worden: dreistöckige Backsteinhäuser, kleine Vorgärten, an jeder zweiten Ecke ein Carport mit einem Kleinwagen davor. In der Nähe des Gebäudes 14 brannte im Erdgeschoss der Fernseher blau hinter der Gardine. Irgendwo kläffte ein Hund, kurz und schrill, wie ein Rauchmelder, der eine leere Batterie hat.
Werner ging an dem Haus vorbei und sah den Hund vor dem Eingang.
Er saß auf dem Gehweg, die Vorderpfoten ordentlich nebeneinander, und sah ihn kommen. Groß, rotbraun-weiß, mit breitem Brustkasten und einem Ohr, das nach innen knickte. Werner kannte das Tier. Es lief seit ein paar Wochen durch die Siedlung, fraß aus den Mülltonnen der Bäckerei an der Ecke und schlief nachts unter dem Lastenrad der Familie Urbanek. Manche riefen ihn „Strolch“, die Kinder warfen ihm Reste von ihren Schulbroten zu. Werner hatte ihm nie etwas gegeben.
Jetzt saß der Hund mitten auf dem Weg zum Hauseingang.
„Na, Kumpel,“ sagte Werner und blieb stehen. „Darf ich durch?“
Der Hund rührte sich nicht.
Werner machte einen Schritt nach rechts. Der Hund stand auf und stellte sich genau dorthin – nicht schnell, nicht drohend, aber deutlich. Werner seufzte und ging links. Der Hund ging mit, den Kopf gesenkt, die Augen auf Werners Hand, die den Rucksackriemen hielt.
„Du willst wohl was,“ brummte Werner. „Ich hab nichts dabei. Nur eine Packung Kaugummi und einen Kassenzettel.“
Der Hund winselte leise. Es klang nicht nach Betteln. Es klang wie ein Warnton. Dann plötzlich schoss er nach vorn, packte Werners rechten Mantelärmel zwischen den Zähnen – kein Zubeißen, nur das feuchte Ziehen von Stoff – und zerrte nach hinten.
„He! Was soll das!“
Werner riss den Arm zurück. Der Stoff blieb ganz, aber die Manschette war nass und kalt. Der Hund wich einen Schritt zurück und stellte sich wieder in den Weg. Seine Augen lagen auf Werners Gesicht, und kurz dachte Werner: Das Tier hat nur eine Sorge, und die bist du.
Dann klingelte sein Telefon.
Er griff danach – mechanisch, weil es klingelte, weil es die Tochter sein musste, weil er heute noch nicht nach Hause wollte und jede Verzögerung recht war. Der Hund bellte auf. Hart, kurz, wie ein Schuss. Im selben Moment hörte Werner das Knirschen über sich.
Er trat blind zurück, stolperte über die Bordsteinkante und fiel rücklings auf den schmalen Rasenstreifen neben dem Gehweg. Die Welt kippte, der Himmel war ein hellgraues Viereck, und dann donnerte es.
Eine Platte aus altem Schnee und Eis löste sich vom Dach des Gebäudes 14 und klatschte genau dorthin, wo Werner eben noch gestanden hatte. Das Blechdach über dem Eingang knickte ein wie ein Kartondeckel. Eissplitter flogen bis zur Hecke, ein Stück rutschte über den Gehweg und blieb vor seinen Schuhsohlen liegen, schmutzig und durchsichtig wie zerbrochenes Glas.
Für einen Moment war nichts zu hören außer dem Tröpfeln von Wasser aus der Dachrinne.
Der Hund stand über Werner, die Schnauze dicht an seiner Schulter. Sein Atem ging stoßweise, kleine weiße Wolken. Dann leckte er Werner einmal über die Wange, rau und warm.
Werner legte die Hand auf den Hals des Tieres. Der Hund roch nach nassem Laub, Asche und altem Brot. Er zitterte am ganzen Körper.
„Du verdammter Köter,“ flüsterte Werner, und seine Stimme brach. „Du hast mich doch… du wusstest es. Wie?“
Der Hund stieß die Schnauze unter seine Handfläche. Werner blieb sitzen, im nassen Gras, die Beine von sich gestreckt, und hörte, wie über ihm Fenster aufgingen. Die Stimme von Frau Schmitt, der alten Witwe aus dem Erdgeschoss, schnitt durch die Kälte: „Herr Hasse! Liegen Sie da? Ich hab einen Rettungswagen gerufen!“
„Nicht nötig,“ rief Werner heiser zurück. „Es ist nichts passiert. Der Hund… der Hund hat mich weggezogen.“
Er drehte den Kopf und sah den Eingang. Die Eiszunge, die von der Dachkante geschlagen war, lag quer über dem Weg. Die Überdachung hing schief, ein Metallträger ragte nach unten wie ein gebrochener Arm. Ein Schritt, und er hätte darunter gestanden, mit dem Schlüssel in der Hand, den Kopf nach unten gebeugt zum Schloss.
Der Hund drückte seinen Kopf gegen Werners Oberschenkel.
„Okay,“ sagte Werner. „Okay.“
Eine dreiviertel Stunde später saß er auf der Treppe des Nebeneingangs, einen billigen Kaffee aus dem Automaten in der Hand, den ihm Frau Schmitt gebracht hatte. Der Hund lag neben ihm, die Schnauze auf seinen Schuhen. Die Feuerwehr hatte den Bereich abgesperrt, ein Beamter vom Ordnungsamt machte Fotos von der Dachkante, und der Hausverwalter telefonierte mit jemandem, der ihm offensichtlich nicht die Wahrheit sagen wollte.
Werner zog sein Handy heraus. Zwei verpasste Anrufe von Julia. Er drückte die grüne Taste.
„Papa? Ich dachte, du liegst im Krankenhaus!“
„Nein. Ich sitz vor der Haustür und trink Kaffee mit einem Hund.“
„Was? Mit wem?“
„Mit dem, der mich gerettet hat.“ Werner lachte kurz auf, und es klang selbst in seinen Ohren seltsam, weil er es nicht mehr gewohnt war.
Er erzählte es ihr in drei Sätzen. Das Eis, der Hund, der Sturz nach hinten. Julia schwieg danach so lange, dass er aufs Display sah, ob die Verbindung noch stand.
„Papa,“ sagte sie dann leise, „ich habe dich jeden Abend angerufen, um dir von Leos Geburtstag zu erzählen. Und du wärst heute Abend fast…“ Sie brach ab. Er hörte, wie sie gegen das Weinen ankämpfte, und er dachte an die vielen Sonntagabende, an denen er ihre Anrufe hatte klingeln lassen.
„Ich komme am Samstag,“ sagte er.
„Was?“
„Zu Leos Geburtstag. Ich bringe auch den Hund mit, wenn er darf.“
Julia lachte nass. „Der Hund, der dich gerettet hat, darf alles. Auch auf den Sofatisch. Aber du bist doch… du wolltest nie mit dem Zug fahren, weil die Strecke nach Köln so…“
„Ich kaufe ein Ticket, sobald wir aufstehen,“ unterbrach er. „Sag mir nur, ob ich bis dahin Hundefutter im Bahnhof kaufen kann.“
Später, in der Wohnung, stand der Hund in Werners kleinem Flur und sah sich um, als beträte er ein Museum. Werner tupfte ihm mit einem feuchten Handtuch die Pfoten ab. Das Fell an den Beinen war heller, als er gedacht hatte. Am Hals fand er eine kahle Stelle, die von einem alten Geschirr stammte.
„Du hast schon mal jemandem gehört,“ sagte Werner. „Und der ist weg. Was war los?“
Der Hund gähnte und schüttelte sich, dass Wassertropfen über den Flurspiegel flogen.
„Hauptsache, du pinkelst mir nicht auf das Parkett. Das ist aus den Sechzigern.“ Werner trug eine alte Wolldecke zum Sofa und legte sie daneben auf den Boden. Der Hund schnüffelte daran, drehte sich dreimal im Kreis und ließ sich mit einem tiefen Seufzer nieder.
Am nächsten Morgen rief Werner bei der Tierarztpraxis am Marktplatz an. Die Sprechstundenhilfe fragte nach dem Namen des Tieres.
„Name?“ Werner sah den Hund an. Dieser hob den Kopf, als wüsste er, dass es um ihn ging.
„Balu,“ sagte Werner.
„Balu? Ohne ‚h‘?“
„Genau wie im Film. Er hat heute Nacht geschnarcht wie ein Bär aus dem Dschungelbuch, also passt das.“
Die Untersuchung ergab: etwa fünf Jahre alt, zu dünn, eine alte Narbe am linken Hinterlauf, kein Chip, aber sonst gesund. Die Tierärztin, eine junge Frau mit türkisfarbenem Stethoskop, notierte etwas auf ihrem Tablet.
„Sie haben ihn erst seit gestern? Er liegt die ganze Zeit mit dem Kopf auf Ihrem Schuh.“
„Wir haben uns auf eine Weise kennengelernt, die beim Kennenlernen die Regeln ändert.“ Werner kraulte Balu mit zwei Fingern hinter dem Ohr.
Die Rechnung betrug 87,40 Euro. Werner zahlte mit Karte. Auf dem Weg nach draußen blieb er vor dem Automaten für Hundemarken stehen. Ein Anschlag der Stadt Bochum erklärte, dass die Hundesteuer für den ersten Hund 120 Euro im Jahr kostet und dass man innerhalb von zwei Wochen nach Aufnahme des Tieres einen Antrag beim Ordnungsamt zu stellen hat.
„Du löhnst mir also 120 Euro im Jahr,“ sagte Werner zu Balu, der an der Leine neben ihm ging. „Das ist mehr, als ich für meine Mitgliedschaft im Kleingartenverein zahle.“
Balu zog an der Leine zu einem Gullideckel, an dem ein Rest von einem Döner klebte.
„Nein. So nicht. Wir sind hier nicht mehr auf der Straße.“
Er zog ihn weg, und Balu trottete an seiner Seite. Am Kiosk an der Ecke kaufte Werner ein belegtes Brötchen und gab Balu das letzte Stück Wurst. Dann fiel ihm etwas ein. Er legte das Brötchen auf die Bank, ging in die Hocke und machte ein Foto mit dem Telefon. Das erste Bild von ihnen beiden. Danach buchte er über die App der Deutschen Bahn eine Fahrkarte von Bochum nach Köln, für Samstag, den 24., Abfahrt 9:45 Uhr. Der Preis stand klein unter dem QR-Code: 54,80 Euro mit Bahncard 25.
Er schickte Julia den Screenshot. Sie antwortete nach acht Sekunden:
„Ich fasse es nicht. Leo wird ausflippen. Der Hund darf auf das Gästebett.“
Am Samstagmorgen zog Werner seinen guten Mantel an und hängte sich die alte Segeltuchtasche über die Schulter. Balu trug das neue rote Halsband, das Werner für 12,99 Euro im Zoofachgeschäft gekauft hatte, und einen Maulkorb, der lose an der Tasche hing – man wusste ja nie im Zug. Werner nahm ein zweites Brötchen mit, diesmal mit Käse, für unterwegs. Vor der Wohnungstür sah er zurück. Die Heizung lief, der Küchenabfluss tropfte, die Zeitung von gestern lag auf dem Schuhschrank. Alles wie immer. Nur stand jetzt ein Hund im Flur, wo sonst Stille war.
„Komm,“ sagte Werner. „Wir fahren zu meiner Tochter. Zum Enkel. Der sechste Geburtstag. Er hat sich ein T-Rex-Tattoo gewünscht, aber das kriegt er nicht. Du darfst ihm aber zeigen, dass du Sitz kannst.“
Im Zug setzten sie sich in ein Abteil, in dem ein älterer Herr mit einer Bild-Zeitung saß. Der Mann faltete die Zeitung zusammen, als er Balu sah. „Ist der lieb?“
„Er hat mir mal das Leben gerettet,“ sagte Werner und legte Balu die Hand auf die Brust, genau dort, wo das Herz unter dem Fell schlug.
Der Mann nickte langsam und beugte sich vor. „So einen hatten wir früher auch. Der hat immer die Post geholt. Wie heißt er?“
„Balu,“ sagte Werner.
„Balu? Das ist kein deutscher Name.“
„Er ist ja auch kein deutscher Hund. Er ist ein Hund aus Bochum-Langendreer. Das ist so ähnlich wie australisch, nur mit mehr Regen.“ Der Mann lachte, und Balu legte den Kopf auf Werners Knie. Draußen flog der graue Vorort vorbei: die Halde Hoheward, dann die A40, dann die weiten Felder vor dem Rheinland. Der Himmel wurde heller, und in Werners Jackentasche summte das Telefon. Eine Nachricht von Julia: „Wir warten am Gleis. Leo hat sein T-Rex-Tattoo gekriegt. Es fällt gleich wieder ab, aber er findet es super. Er hat einen eigenen Kamm für den Hund gekauft. Er will ihn ‚Professor Pfote‘ nennen. Du musst eingreifen.“
Werner las die Nachricht zweimal. Er schrieb zurück: „Nicht nötig. Balu antwortet auf alles, was nach Futter klingt.“
Er steckte das Handy ein. Der Zug bremste für den Kölner Hauptbahnhof. Balu hob den Kopf. Werner kraulte ihm die weiche Stelle unter dem Kinn und dachte an den halben Morgen, an dem er fast nicht aus der Küche gekommen wäre. Er hatte den Pfotenabdruck von gestern morgen auf dem Boden übersehen – ein kleiner, trockener Schmutzfleck – und war mit dem Putzlappen davor in der Hand stehen geblieben. Nicht wütend. Nur verwundert, dass ein fremder Hund in seiner Wohnung Spuren hinterließ, und dass ihm das nichts ausmachte.
Der Zug hielt. Sie stiegen aus in den Lärm des Bahnhofs. Am Ende des Bahnsteigs stand eine Frau in einer roten Jacke, neben ihr ein Junge mit einer grünen Pappkrone auf dem Kopf. Der Junge rannte los, als er Balu sah, und bremste erst zwei Meter vor ihm ab, unsicher, ob der große Hund ihn mögen würde.
Balu wedelte mit dem ganzen Hinterteil, als hätte er einen alten Freund erkannt.
„Darf ich ihn streicheln?“ rief Leo.
„Ja,“ sagte Werner. „Er heißt Balu. Aber auf deine Krone solltest du aufpassen. Er findet alles aus Pappe zum Fressen.“
Leo kniete sich hin, vorsichtiger, als man es von einem Sechsjährigen erwartet. Balu leckte ihm übers Gesicht. Leo quietschte vor Freude. Julia stand daneben, die Hand vor dem Mund. Sie sah ihren Vater an, dann den Hund, dann wieder ihren Vater. Eine kleine Falte zwischen ihren Brauen.
„Du bist echt mit dem Zug gekommen,“ sagte sie.
„54,80 Euro. Mit Bahncard. Stand so in der App. Ich zeig’s dir später.“ Er zog die Tasche mit dem Brötchen heraus und hielt sie ihr hin. „Hier. Für unterwegs. Käse. Dein Lieblings. Aber der Hund riecht es schon, also iss es besser, bevor wir im Auto sind.“
Julia nahm das Brötchen, drückte es an sich, und lachte dann. Dieses Lachen, dachte Werner, hatte er zuletzt gehört, als sie noch mit ihm im Kleingarten war und die Tomatenpflanzen goss, die sie nie hat wachsen lassen, weil sie das Gießen vergaß.
An Leos Geburtstag saß Balu den ganzen Nachmittag unter dem Tisch und bekam von jedem Erwachsenen heimlich ein Stück Fleischwurst zugesteckt, außer von Werner, der mit Julias Mann über die neue Eisenbahnstrecke nach Berlin sprach. Am Abend, als Leo im Bett lag und der Hund sich unter der Heizung auf dem Flur zu einem Ball zusammengerollt hatte, ging Werner auf den Balkon. Julia trat hinter ihm mit zwei Tassen Tee.
„Du bist geblieben,“ sagte sie. „Sonst wärst du nach dem Kuchen wieder gefahren.“
Werner legte die Hände um die heiße Tasse. „Das war der Plan. Der Plan hat sich neulich geändert. Da hat mir einer aufgelauert, als ich nach Hause kam.“
Julia lehnte sich an das Balkongeländer. „Ich dachte, du willst nie mehr eine Verantwortung. Nach Mama, nach der Sache mit der Wohnung. Du warst so… so zu. Als hättest du den Schlüssel zu dir selbst vergessen.“
„Weißt du, was der Unterschied ist?“ Er trank einen Schluck. „Ein Hund stellt dir keine Fragen, auf die du keine Antwort hast. Er steht einfach so lange im Weg, bis du den anderen Weg nimmst. Das kann einem ziemlich den Abend retten.“
Er erzählte ihr von der Dachkante. Von dem gefrorenen Schnee, der klang wie ein splitternder Baum. Von dem einen Schritt, den er nicht gemacht hatte, weil ein fremder Hund ihn am Ärmel packte. Julia hörte zu, ohne ihn zu unterbrechen. Dann sagte sie:
„Papa, wir haben ihn gefunden. Oder er dich. Und jetzt kündige ich die Wohnungssuche für dich hier in Köln. Du bleibst in Langendreer, solange du willst. Aber wenn du krank wirst oder der Hund nicht mehr allein bleiben kann, ziehst du zu uns. Das ist keine Frage. Das ist eine Ansage.“
Werner sah auf den Hof hinunter, wo ein Nachbar sein Auto enteiste. Es war kalt und roch nach Schnee. Aber der Wind kam aus Süden.
„Ich habe den Antrag beim Ordnungsamt ausgefüllt,“ sagte er. „Hundesteuer bezahlt. Balu ist jetzt amtlich. Und ich habe einen neuen Rucksack gekauft. Für die Fahrten. Der alte ist mir in der S-Bahn aufgerissen.“
Julia stieß ihm den Ellenbogen in die Seite. „Du. Hast. Einen. Neuen. Rucksack.“
„Nur weil dein Sohn so viel Quatsch einpackt, wenn ich zu Besuch komme. Und weil der Hund in den alten gekotzt hat.“ Er lächelte, als er das sagte, und es war ein Lächeln, das nicht im Gesicht blieb, sondern bis in die Hände ging, die die Tasse hielten.
Im Flur hob Balu kurz den Kopf, als hörte er seinen Namen. Er klopfte zweimal mit dem Schwanz auf den Boden und ließ den Kopf wieder sinken. Werner ging hinein und legte ihm die Jacke über die Decke, nicht weil der Hund fror, sondern weil er das Gefühl seiner eigenen Jacke in der Nähe des Tieres brauchte.
Als sie am Sonntag zurückfuhren, schickte Leo ein Video, in dem er Balu „Professor Pfote“ nannte und der Hund auf Kommando saß, weil Leo ein Keks in der Hand hielt. Werner schaute es sich dreimal an. Dann speicherte er es unter „Favoriten“.
In Bochum-Langendreer lag der Schnee vor dem Haus 14 geschmolzen und wieder gefroren in einer grauen Welle. Die Hausverwaltung hatte ein Absperrband gezogen und ein Schild aufgehängt: „Gefahr durch Dachlawine. Zugang gesperrt.“ Werner nahm den Nebeneingang. Balu ging voraus, blieb auf der Schwelle stehen und sah sich um, als prüfe er, ob alles noch an seinem Platz war: die Fußmatte, die Schuhablage, der Geruch von Bohnerwachs und kaltem Rauch aus der Nachbarwohnung. Dann stieg er die Treppe hinauf, langsam, weil die Gelenke vom Alter und von der Kälte zwickten. Werner folgte ihm, die Wohnungsschlüssel in der Hand.
In der Küche goss er Wasser in den Napf, den er am Vortag im Sonderangebot gekauft hatte. Auf dem Tisch lag der Antrag auf Hundesteuer, unterschrieben, mit einer Briefmarke der Deutschen Post. Er warf den Umschlag in den Briefkasten an der Ecke, als sie zur Abendrunde gingen. Der Kasten schluckte den Brief mit einem metallischen Klacken. Werner blieb stehen und sah Balu an.
„So,“ sagte er. „Jetzt bist du offiziell. Und ich auch. Wir haben beide einen Stempel, den wir vorher nicht hatten.“
Balu hob das Bein an den Laternenpfahl.
„Deutlicher hätte ich es auch nicht ausdrücken können.“ Werner zog die Leine ein kleines Stück zu sich. Der Himmel über der alten Zeche färbte sich apricotfarben, als wolle er beweisen, dass der Februar sich irren kann. Sie gingen die Straße hinunter, an der Trinkhalle vorbei, wo die Männer in den blauen Kitteln standen und auf die U-Bahn warteten. Einer rief: „Schönen Hund haben Sie da. Wo haben Sie den her?“
Werner antwortete, ohne stehen zu bleiben: „Der hat beschlossen, dass ich jetzt ein Zuhause brauche. Ich hab nur unterschrieben.“
Der Mann lachte. Balu zog an der Leine, nicht zum Gullideckel diesmal, sondern in die Richtung der Wohnung, wo die Heizung lief und die Wolldecke lag und der Flur nach Hund und getrocknetem Schuhabrieb roch. Werner folgte ihm. Seine Schritte waren fest auf dem glatten Gehweg, und zum ersten Mal seit Jahren dachte er nicht an die Risse in den Fliesen im Bad, sondern an den Käse, den er für den nächsten Besuch bei Julia kaufen würde. Und an die 54,80 Euro, die er auf dem Kontoauszug sehen würde, als stünden sie dort als Beweis, dass ein Plan nicht nur aus Aufschieben besteht.
Balu drehte sich einmal um und sah ihn an, die Ohren gespitzt, als wollte er sagen: Kommst du mit? Die Leine war locker. Werner nickte, obwohl der Hund es nicht sehen konnte. Dann gingen sie zusammen die letzten Meter bis zur Haustür, durch den Rest des Februars, in einen Abend, der nach Kohle, nassem Schnee und warmem Hundefell roch.







