Die blaue Tür in Plagwitz

Um zwei Uhr nachts stand mein Sohn Timo im Flur. Gummistiefel über der Pyjamahose, in der rechten Faust ein Stück Salami in Frischhaltefolie. Neben seinem Schulranzen lag ein einzelner gelber Handschuh, den er seit dem Winter vermisste. Draußen lief der Regen an der Scheibe herunter, als wollte jemand eingelassen werden.

„Timo. Wohin willst du?“

„Zu Poldi. Die Pappe wird nass.“

Diesen Namen kannte ich vor drei Wochen noch nicht. Da war nur die blaue Haustür auf der anderen Straßenseite gewesen, und davor saß ein Kater.

Die Möllers waren im September ausgezogen. An einem Dienstag hatte der Möbelwagen vor dem Haus gestanden, Männer in Arbeitshandschuhen trugen Schränke, Kartons, ein Kinderfahrrad. Frau Möller rief mir über den Zaun zu, sie hätten in Dresden eine Wohnung gefunden. Das Haus sei verkauft. Ich solle mich nicht wundern, wenn fremde Leute mit dem Makler kämen.

Die fremden Leute kamen. Ein Paar aus Halle rechnete am Dach herum. Ein Mann mit Zollstock maß den Vorbau aus. Und auf der Stufe vor der Tür saß der Kater.

Rot-weiß getigert, ein weißes Lätzchen, ein linkes Ohr, das wie geknickt abhing. Er saß mit dem Rücken zur Straße und sah zur Türklinke. Wenn die Linie 14 vorbeiratterte, schnellte sein Körper nach vorn. Fuhr sie weiter, fiel er in sich zusammen. Er sah nicht auf die Leute. Er sah auf die Klinke.

„Mama, der sitzt da jeden Tag“, sagte Timo am Abend. Er stand auf einem Hocker am Fenster, das Kinn auf die Fensterbank gelegt. „Ich seh ihn von hier. Er wartet.“

Ich wollte etwas Erwachsenes sagen. Katzen suchen sich ein neues Zuhause. Aber da hob der Kater den Kopf, als ein Motorroller vorbeifuhr, und sackte dann auf die Vorderpfoten, als wäre die Luft raus. Ich sagte nichts.

Ich hätte es früher merken müssen. Aus dem Kühlschrank verschwand Aufschnitt. Erst dachte ich, ich hätte selbst mehr gegessen. Dann fehlte die Hälfte vom Gouda. Am vierten Morgen sah ich, wie Timo die Kühlschranktür aufzog, ein Stück Fleischwurst abbrach und in der Jackentasche verschwinden ließ.

„Timo.“

Er zog die Schultern hoch.

„Ich hab nichts genommen.“

„Du hast es in der Hand.“

„Das ist nicht für mich.“ Er wischte sich die Nase am Ärmel. „Das ist für Poldi.“

So hieß der Kater. Timo hatte ihn getauft, nach einem Nachbarsjungen mit roten Haaren. Frau Lauterbach von nebenan meinte über den Zaun: „Die Möllers haben den nie mitgenommen. Der ist denen vor vier Jahren zugelaufen. Ein Streuner, haben sie gesagt. Der bleibt schon.“

Der blieb ja. Nur eben auf der Stufe, nicht bei uns.

Wir gingen dann jeden Nachmittag zu der blauen Tür. Ich brachte eine Schüssel. Timo trug eine Plastikflasche mit Wasser und bildete sich etwas darauf ein, dass ihm das Wasser anvertraut wurde, weil es am schnellsten auslief. Der Kater ließ uns nicht an sich heran. Er ging drei Schritte zur Seite, setzte sich und wartete, bis wir zurückwichen. Dann fraß er schnell, den Kopf nach unten, und kehrte auf seine Stufe zurück.

Timo hockte sich auf den Gehweg. „Poldi, bei uns gab’s Linseneintopf. Kein Wunder, dass du draußen bleibst.“

Der Kater blinzelte.

Ende Oktober wurde es kalt. Am Bäcker an der Ecke klebte ein Zettel: Wegen Umbau geschlossen. Morgens lag Raureif auf dem Gehweg, in den Pfützen stand dünnes Eis, das Timo mit der Stiefelspitze zertrat. Wir hatten die Heizung an. Der Kater saß auf Beton.

Ich brachte einen großen Karton von der Waschmaschine zu der Tür. Doppelte Wände, schwer. Ich legte eine alte Fleecedecke hinein, drehte die Öffnung zur Wand, legte einen Ziegelstein obenauf. Der Kater beschnupperte den Karton. Er sah hinein wie in eine fremde Wohnung. Dann legte er sich daneben.

„Warum geht er nicht rein?“, fragte Timo.

„Vielleicht hat er Angst, dass er nicht sieht, wenn sie kommen.“

Da hätte ich schweigen sollen. Timo setzte sich hin und weinte, tonlos, mit beiden Fäusten auf den Oberschenkeln.

Unter seinem Bett stand ein alter Schuhkarton. Drinnen lagen ein zusammengefaltetes Handtuch, ein kleiner Ball, ein Plastikfisch. Als ich fragte, was das sei, antwortete Timo, als erkläre er einem Kleinkind die Sache: „Das Bett. Für Poldi. Für wenn er kommt.“ Der Karton stand da seit dem Frühjahr.

Also zog ich mir Schuhe an. Draußen regnete es, wie es in Leipzig im November regnet: nicht stark, aber so, dass das Wasser stundenlang aufs Fensterbrett trommelt. Ich nahm die Taschenlampe aus der Schublade und die Transportbox, die mir Frau Lauterbach geliehen hatte. Timo steckte die Salami in die Jackentasche und holte seinen gelben Regenponcho, der ihm eine Nummer zu klein war.

Wir gingen zusammen. Die Straße war leer, nur vor der blauen Tür spiegelte eine Pfütze das Fenster des Hauses. Der Karton war an den Ecken aufgeweicht, aber der Kater saß darin, die Pfoten untergeschlagen. Er sah uns kommen.

Ich stellte die Transportbox ab und machte die Klappe auf. Timo legte die Salami vor die Öffnung. Der Kater stand auf, streckte sich. Er ging an mir vorbei, an Timo vorbei, an der offenen Klappe vorbei — und blieb stehen. Er drehte sich nicht zu uns um. Er legte die Nase einmal an die blaue Tür, ganz unten, wo die Farbe abblätterte. Dann kehrte er um und ging in die Box.

Zu Hause verschwand er sofort hinter der Waschmaschine und rührte sich bis zum Morgen nicht. Ich stellte Wasser und Futter daneben und legte eine alte Zeitung unter das Gerät. Timo konnte nicht schlafen; er lag in seinem Bett und tat so, als würde er schnarchen, aber seine Augen waren nie ganz zu.

Um sieben zog er mich am Arm in sein Zimmer. Ich sollte leise sein.

Poldi lag nicht auf dem Bett. Auch nicht in der neuen Fleecedecke, die wir von der Tür geholt und neben die Heizung gelegt hatten. Er schlief in dem Schuhkarton unter Timos Bett, auf dem zusammengefalteten Handtuch, neben dem Plastikfisch. Der Karton wartete seit dem Frühjahr auf ihn.

Timo hockte sich davor, stützte das Kinn auf die Hände und sah fünf Minuten hin. Dann sagte er, mehr zu sich selbst: „Jetzt bist du zu Hause.“

Der Kater schlug die Augen nicht auf.

Am Montag fuhr ich mit Poldi in die Tierarztpraxis an der Karl-Heine-Straße. Die Sprechstundenhilfe tippte meine Adresse ein. Ich ließ ihn chippen, die Nummer war 276 098 401 115. Die Registrierungskarte faltete ich zweimal und steckte sie in die Hülle hinter meinem Handy.

Drei Wochen später stand ein dunkelgrüner Kombi vor der blauen Tür. Frau Möller stieg aus, holte einen Restbrief von den neuen Leuten und schaute zufällig zu unserem Fenster hoch. Poldi lag auf der Fensterbank, die Pfoten über der Kante. Sie kam über die Straße.

Ich ging ihr entgegen, die Karte schon in der Hand.

„Ach, der Alte“, sagte sie. „Na, ich wollte ihn sowieso mal abholen.“

Ich reichte ihr die Karte.

„Er läuft auf meinen Namen.“

Frau Möller trat einen Schritt zurück, kaute auf der Unterlippe. Oben klappte das Fenster, Timo beugte sich heraus.

„Mama, Poldi will Leberwurst!“

Der Kater sprang von der Fensterbank. Frau Möller drehte sich um und ging zu ihrem Wagen. Ich blieb unten stehen, die Registrierungskarte in der Hand, und hörte den Kombi anfahren. Poldi war in der Küche, Timo zerriss eine Packung Leberwurst.

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