Es war ein nasser Dienstag im März, als Sabine und ich am Küchentisch saßen und auf den Anruf warteten, der nicht kam. Draußen schlug der Regen gegen die Fensterbank. Die Straßenbahnlinie 14 stoppte unter unserem Fenster, die Türen zischten, und der Hund des Nachbarn bellte. Die Lampe über dem Herd flackerte; ich hatte sie seit Wochen nicht ausgewechselt. Sabine umklammerte ihre Tasse mit beiden Händen. Mein Kaffee wurde kalt.
Wir wussten beide, dass Lina an diesem Tag aus der Frauenklinik entlassen wurde. Wir wussten auch, dass wir nicht hingefahren waren.
Am Abend davor hatte Sabine gesagt: „Wenn sie das Kind behält, kommt sie nicht in diese Wohnung.“
Ich hatte den Mund aufgemacht und wieder geschlossen. Mir fehlten nicht die Worte, nur der Mut.
Wir dachten, sie würde anrufen. Sie würde sagen: „Ich habe es mir anders überlegt.“ Wir dachten, sie würde nachgeben, weil sie keine andere Wahl hatte. Das war unser Fehler: Wir verwechselten ihre Jugend mit Schwäche.
Um neun rief ich in der Klinik an. Die Schwester am Empfang sagte: „Die junge Frau wurde gestern Mittag entlassen.“
Ich legte auf und schaute auf das Telefon, bis der Bildschirm dunkel wurde.
Sabine griff nach ihrer Tasche. „Dann fahren wir zur Polizei.“
Der Beamte fragte, ob wir sie bedroht oder die Wohnung verweigert hätten. Ich sagte: „Wir haben sie nur nicht abgeholt.“
Er schwieg. Dann sagte er: „Dann ist das kein Fall für die Polizei, sondern eine Entscheidung.“
Danach fuhr ich wochenlang jede Entbindungsstation im Umkreis ab. Einmal stand ich vor einem Krankenhaus, in dem es nach Desinfektionsmittel und nassem Asphalt roch, und traute mich nicht hinein. Ich dachte: Wenn sie mich sieht, was sagt sie dann?
Nachts lag ich unter meinem alten VW Golf, Baujahr 2001, und tat so, als würde die Lichtmaschine nicht passen. In Wahrheit konnte ich im Haus nicht ruhig sitzen. Die Leere dort machte mich fertig. Sabine telefonierte jeden Montag die Notaufnahmen ab. Ihre Stimme klang dabei wie die einer Sekretärin bei einer Behörde: sachlich, pünktlich, ohne Herz.
An einem Samstag im März fuhren wir zum Kaufland in der Innenstadt. Sabine hatte vor Jahren eine kleine Schrebergartenparzelle geerbt – 400 Quadratmeter, ein Holzhaus, das nach nassem Laub roch. Sie sagte, wir müssten Blumenerde kaufen, um die Beete vorzubereiten. Ich fuhr, weil ich nicht streiten wollte.
Auf dem Parkplatz drückte Sabine meinen Unterarm. „Da.“
Sie zeigte auf eine junge Frau: Lina. Sie trug einen Säugling in einer Trage vor der Brust. Ein älterer Mann schob einen Einkaufswagen voller Windeln, Milchpulver und Obstgläschen. Sabine sah zuerst die Windeln. Ich sah Linas Gesicht.
„Lina.“
Sie blieb stehen. Der Mann neben ihr auch.
„Mama Sabine, Papa Andreas. Ihr habt mich also doch gesucht.“
Sabine: „Wir waren bei der Polizei.“
Lina lachte kurz auf. Es klang nicht fröhlich. „Ach ja? Und was hat die Polizei gesagt? Dass eine volljährige Frau das Recht hat, mit ihrem Kind zu gehen, wenn man sie nicht nach Hause lässt?“
Ich wollte etwas sagen, aber der Mann neben ihr sprach zuerst.
„Ich gebe Ihnen nicht die Hand. Ich verstehe Menschen nicht, die ein Kind aufnehmen und später das Kind des Kindes vor die Tür setzen wollen.“
Seine Stimme war ruhig, fast leise. Aber sie saß.
„Lina hat mir erzählt, dass sie auf dem Parkplatz vor der Klinik stand und nicht wusste, wohin. Dass sie mit dem Baby im Regen fast vor ein Auto gelaufen wäre. Ich habe sie mitgenommen. Hätte ich das nicht getan, wäre sie vielleicht in irgendeinem Dorf gelandet, bei einer Fremden, die sie nicht kennt.“
Lina legte ihre Hand auf den Rücken des Kindes. „Werner ist mein leiblicher Großvater. Das hat sich erst später herausgestellt. Durch einen Anhänger, den meine Mutter mir um den Hals gelegt hatte, als sie mich weggegeben hat. Aber er hätte mich auch so aufgenommen. Er hat mich nicht gebeten, mein Kind aufzugeben.“
Sabine presste die Lippen aufeinander. Ich sah, wie ihre Hände zitterten.
Ich trat einen Schritt vor. „Lina, ich hätte anders handeln müssen.“
„Du hast nicht gehandelt. Das ist der Unterschied.“
Das saß. Tiefer, als ich erwartet hatte.
Sabine versuchte es noch einmal: „Wir haben dich geliebt.“
„Ich erinnere mich an die Schultheateraufführungen, an die Geburtstagstafeln, an das Kleid, das du nachts geändert hast. Aber ich erinnere mich auch an den Tag, an dem ihr mich gebeten habt, abzutreiben. Und an den Tag, an dem ihr nicht gekommen seid.“
Sie wandte sich an Werner: „Wir sollten gehen. Der Einkauf wird warm.“
Werner nickte mir zu. Kein Lächeln, kein Wort. Er schob den Wagen weiter.
Lina ging neben ihm her. Der Regen hatte wieder eingesetzt, dünn wie Nebel. Auf dem Gehweg lag ein nasser Handschuh. Sabine stand da, die Hände in den Taschen. Ich blieb auf dem Asphalt stehen, bis die Rücklichter von Werners Auto nicht mehr zu sehen waren.
Ich habe an diesem Abend nicht mit Sabine gesprochen. Ich habe im Garten hinter dem Haus die kaputte Regenrinne repariert. Das Blech war kalt, und meine Finger wurden steif. Als ich ins Haus kam, war der Küchentisch aufgeräumt, aber der Geruch von kaltem Kaffee hing noch in der Luft. Sabine lag im Schlafzimmer, das Licht aus.
Danach zog sich der April hin wie ein zäher Teig. Sabine arbeitete viel, ich verbrachte die Abende in der Garage. Der Golf brauchte neue Bremsbeläge. Ich brauchte etwas, das ich mit den Händen tun konnte.
Und dann kam der Donnerstag im Mai, kurz nach sieben Uhr morgens. Ich war in der Garage, der Himmel über Leipzig war grau, und auf dem Boden lag ein gewellter Werbezettel vom Getränkemarkt. Das Telefon vibrierte auf dem Werkzeugkasten. Unbekannte Nummer.
Ich wischte mir die Hände an einem Lappen ab und nahm ab.
„Ja?“
„Hallo Papa.“
Ich kannte die Stimme sofort. Sie war etwas fester geworden, ruhiger, aber es war Lina.
„Lina?“
„Ich habe dich vermisst. Vielleicht können wir uns irgendwo treffen.“
Meine Kehle war zu. Ich musste schlucken. „Ja. Wann?“
„Um elf im Café am Markt? Nur du. Ohne Mama.“ Sie machte eine Pause. „Nur wir beide und der Kleine.“
„Ich bin da.“
Ich legte auf. Meine Hand zitterte, als ich den Lappen auf den Werkzeugkasten legte.
Ich fuhr am selben Vormittag zu meiner Bank. Ich ließ die kleine Parzelle am Stadtrand auf Lina überschreiben – per Schenkung, mit sofortiger Wirkung. Der Mann am Schalter reichte mir eine Mappe mit dem Vertrag. Ich legte den Schlüssel zum Holzhaus dazu. Die Parzelle hätte ich für ungefähr 25 000 Euro verkaufen können. Ich unterschrieb, ohne mit Sabine zu sprechen.
Ich weiß nicht, was ich mir dabei dachte. Vielleicht nichts. Vielleicht dachte ich an den nassen Handschuh auf dem Gehweg, an die Rücklichter, an die Art, wie Lina gesagt hatte: „Du hast nicht gehandelt.“
Um elf saß sie am Fenster. Malte schlief in der Babyschale. Auf dem Tisch standen zwei Tassen Tee, eine für mich, eine für sie. Der Tee dampfte noch.
Ich setzte mich. Sie sah mich an.
„Du hast dir die Hände gewaschen“, sagte sie.
„Ja. In der Garage gibt es keine Seife, die nach Rosen riecht.“
Sie lachte. Diesmal klang es echt.
Ich schob ihr die Mappe hin. „Für Malte. Und für dich.“
Sie las den ersten Satz. Dann hob sie die Augen. „Du hast das nicht mit Mama besprochen.“
„Nein. Es ist mein Erbe von meinem Vater. Ich bestimme, wem ich es gebe.“
Sie klappte die Mappe nicht zu. Ihre Finger lagen auf dem Umschlag. „Das ist eine Menge Geld. 25 000 Euro.“
„Ja. Und ein Stück Boden, auf dem ihr im Sommer sitzen könnt, wenn die Linden blühen.“
Sie schwieg. Der Regen draußen lief an der Scheibe herunter. Die Straßenbahn fuhr vorbei, die Türen zischten. Malte bewegte sich in der Babyschale, gab einen kleinen Laut von sich.
Lina beugte sich zu ihm, hob ihn vorsichtig heraus, hielt ihn mir hin. „Möchtest du ihn halten?“
Ich nahm ihn. Sein Kopf lag in meiner Hand, er roch nach Milch und Seife. Er schlug die Augen auf, ein dunkles Blau, das noch keine Farbe entschieden hatte. Draußen fuhr die S-Bahn über die Brücke.
Es regnete immer noch. Aber anders.







