Thomas hatte die Waschmaschine auf eine Sackkarre gewuchtet, die er sich vom Hausmeister geliehen hatte. Er schob sie durch den Hausflur, Zentimeter für Zentimeter, und die Karre quietschte bei jeder Umdrehung. Der Geruch von kaltem Zigarettenrauch und Putzmittel hing in der Luft. Vor der Glastür blieb er stehen, wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn und drehte sich zu mir um.
„Mama braucht sie dringender“, sagte er. „Ihre alte klopft beim Schleudern, als würde jemand Steine durch die Trommel werfen. Wir kaufen uns später eine neue.“
Wir.
Dieses Wir.
Ich lehnte am Treppengeländer, die Wohnungstür im dritten Stock stand noch offen. „Du willst meine Waschmaschine zu deiner Mutter fahren?“ Ich fragte das so ruhig, als würde es um einen Kasten Bier gehen.
Thomas nickte, und er hatte diesen Ausdruck im Gesicht, den er immer bekam, wenn er sich für besonders großzügig hielt. Sein Blick wanderte kurz über die Klingelschilder neben der Tür, als suchte er Zeugen für seinen Auftritt.
„Renata hat gesagt, reparieren lohnt sich nicht“, erklärte er. „Wenn bei uns doch fast eine neue steht. Und du hast die damals vor der Hochzeit gekauft. Ist doch jetzt sowieso gemeinsames Eigentum.“
Da war er. Der Satz, auf den alles hinauslief.
Ich hatte die Maschine vor fünf Jahren gekauft. Von meinem Weihnachtsgeld, exakt vier Monate vor der standesamtlichen Trauung in Leipzig. Eine Miele mit Dampfprogramm und einem Schleudergang, der die Wäsche fast trocken aus der Trommel holte. Thomas hatte damals im Möbelhaus danebengestanden und auf sein Telefon geschaut.
Draußen fuhr die Linie 16 vorbei, Richtung Connewitz. Durch die Glastür hörte ich das Rumpeln der Bahn auf den Schienen. Ich erinnere mich, dass ich auf die Uhr an der Haltestelle schaute. Elf Minuten vor zwölf. Dann sah ich wieder zu Thomas.
„Gut“, sagte ich. „Warte kurz.“
Sein Gesicht veränderte sich. Er hatte mit Geschrei gerechnet, mit Tränen, mit meinem Rücken an der Wohnungstür. Stattdessen ging ich an ihm vorbei, die Treppe hoch. Auf der vierten Stufe drehte ich mich noch einmal um.
„Fahr noch nicht los. Ich bringe dir was mit.“
Ich hörte, wie er unten etwas vor sich hin brummte. Es klang zufrieden.
In der Wohnung holte ich aus dem Abstellraum den größten Rollkoffer, den wir besaßen. Ein schwarzes Monstrum aus Polycarbonat, das wir einmal für eine Reise gekauft hatten, die nie stattfand. Ich legte ihn aufs Bett und öffnete den Reißverschluss.
Hemden, T-Shirts, Unterwäsche, zwei Pullover. Seine Lieblingsjeans, die an den Knien schon hell waren. Die graue Jogginghose mit dem Loch an der Hüfte. Dann öffnete ich den Schrank im Flur und nahm die schwere Plastikbox mit den Angelködern heraus. Er bewahrte darin Spinner, Bleigewichte und diese bunten Gummifische auf, die er seit Jahren nicht angefasst hatte. Die Box kam oben auf die Klamotten.
Im Badezimmer griff ich in den Wäschesammler. Seine getragenen Socken, ein Handtuch, das schon seit drei Tagen auf dem Boden lag. Alles stopfte ich in eine blaue IKEA-Tüte. Beim Hinausgehen fiel mein Blick auf sein Kopfkissen. Das orthopädische, für das er einmal siebzig Euro ausgegeben hatte. Ich klemmte es mir unter den Arm.
Als ich wieder vor die Haustür trat, stand Thomas immer noch da. Neben ihm lehnte die Sackkarre an der Wand. Die Waschmaschine war mit der Transportfolie aus dem Keller umwickelt, und auf dem Display glänzte ein Fingerabdruck.
Ich stellte den Koffer neben die Karre, legte die IKEA-Tüte obendrauf und drückte ihm das Kissen in die Hand.
„Was soll das?“, fragte er.
„Komplettpaket“, sagte ich. „Wenn meine Waschmaschine zu deiner Mutter zieht, zieht der Besitzer gleich mit.“
Er lachte kurz auf, ein einzelnes, abgehacktes Geräusch. „Jana, sei nicht albern.“
„Ich bin nicht albern. Ich erweitere nur deine Spende. Eine Waschmaschine ohne Schmutzwäsche ist wie ein Auto ohne Benzin. Und du bist die Tankstelle.“
Von drüben, vom Nachbarhaus, bellte der alte Schäferhund von Familie Lehmann. Ich glaube, er spürte, dass hier gerade jemand in eine Falle lief.
Thomas wurde still. Seine Finger kneteten das Kissen, das er immer noch gegen die Brust gedrückt hielt. Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und wählte die Nummer seiner Mutter. Es dauerte keine drei Sekunden, bis sie abnahm.
„Na, mein Junge?“, meldete sich Renata. „Bist du schon unterwegs? Ich hab den Platz im Bad schon freigeräumt.“
„Renata“, sagte ich. Ich hielt das Telefon so, dass Thomas jedes Wort hören konnte. „Hier ist Jana. Ich wollte nur Bescheid geben: Die Maschine kommt gleich. Und Thomas bringt sich auch gleich mit. Mit Klamotten, Angelkram und seinem Kissen.“
Am anderen Ende war es kurz still. Dann: „Was redest du da?“
„Er wird bei Ihnen einziehen. Das ist die Bedingung. Wer meine Waschmaschine zu sich holt, bekommt den, der sie bedient, als Zubehör dazu. Sie wollen doch keinen Techniker jedes Mal rufen, wenn die Maschine streikt. Thomas kann das. Er hat heute schon Wasser abgedreht und Schläuche abgeschraubt. Ganz der Fachmann.“
Thomas’ Gesicht lief rot an. Er machte einen Schritt auf mich zu, blieb aber stehen, als ich den Finger hob.
„Ich brauche keinen Untermieter“, fuhr Renata auf. „Die Wohnung hat zweiundvierzig Quadratmeter! Wo soll der denn schlafen? Im Bad vor der neuen Maschine? Und außerdem, wer bezahlt ihm das Essen? Hast du die Preise im Supermarkt gesehen? Drei Euro neunundsiebzig für ein Pfund Butter!“
„Dann nehmen Sie nur die Maschine?“ Ich senkte die Stimme, als müsste ich das wirklich verstehen. „Ohne das, was dazugehört?“
„Ich dachte, das wäre klar gewesen“, sagte Renata. Ihr Ton war jetzt der einer Frau, die beim Flohmarkt feilschen muss. „Die Maschine. Nicht meinen Sohn. Der soll zu dir zurück.“
Thomas starrte auf das Telefon in meiner Hand. Da war es: seine Mutter verkaufte ihn für eine Waschmaschine mit Dampfprogramm.
„Das klappt so nicht“, sagte ich. „Bei einem Umzug bleibt niemand zurück. Entweder kommt alles, oder gar nichts.“
Ich legte auf.
Neben dem Hauseingang spazierte Herr Krüger vorbei, der Mann aus der Erdgeschosswohnung. Er blieb ein paar Schritte entfernt stehen und schaute auf das Gepäck, auf die Maschine, auf Thomas, der immer noch das Kissen umklammert hielt.
„Na, wird’s ein Umzug, oder is’ nur die Maschine auf Reise?“, fragte er. Er hatte die Hände in den Taschen seiner grauen Wolljacke vergraben.
Thomas sagte nichts. Sein Atem ging schneller.
Da bog ein Transporter um die Ecke. Weiß, mit abgestoßener Stoßstange und einem Aufkleber auf der Fahrertür, der schon halb abgeblättert war. Der Fahrer ließ die Scheibe herunter.
„Stark?“, rief er über die Straße. „Sie haben ’nen Abholauftrag? Leipzig, Reudnitz, Wilhelm-Leuschner-Platz?“
„Falsche Adresse“, sagte Thomas. Seine Stimme klang belegt.
Der Fahrer schaute auf sein Handy und dann wieder zu uns. „Hier steht: Reudnitzer Straße zwölf. Das sind Sie doch.“
„Der Auftrag ist storniert“, sagte ich. „Was kostet der Spaß?“
„Fünfundzwanzig Euro Ausfallpauschale.“
Thomas zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche. Ich sah, wie er fünfzig Euro herauszog und dem Fahrer durchs Fenster gab. „Stimmt so“, sagte er, ohne mich anzusehen.
Der Transporter wendete und verschwand um die Ecke. Herr Krüger stand noch immer da. „Fünfundzwanzig Euro, nur damit die Maschine einmal um den Block fährt“, sagte er. „Mir hätten Sie auch zwanzig gegeben, dann hätt ich sie wieder nach oben getragen.“
Thomas schleppte die Maschine zurück. Allein. Die Sackkarre schlug gegen die Treppenkanten, und bei jeder Stufe fluchte er leise. Ich ging hinter ihm. Als er die Wohnungstür erreichte, setzte er die Maschine so schwungvoll ab, dass der Rahmen der Badezimmertür einen tiefen Kratzer abbekam.
„Die Schläuche“, sagte ich. „Du hast sie abgebaut. Jetzt baust du sie wieder an. Und dann fährst du zu deiner Mutter.“
„Mach ich“, knurrte er.
„Und du nimmst den Koffer mit.“
Er sah mich an, als hätte ich ihm eine Rechnung über zehntausend Euro auf den Tisch gelegt.
„Nur so weiß Renata, was dazugehört“, erklärte ich. „Du musst ja nicht dort bleiben. Zeig ihr das Gepäck. Zeig ihr, dass die Maschine dich mitliefert. Und wenn sie dich wieder zurückschickt, kommst du eben zurück. Aber die Maschine bleibt hier.“
Ich verschränkte die Arme. In der Küche summte der Kühlschrank. Draußen fuhr wieder die Linie 16 vorbei, und die Bahn warf für einen Moment ein breites, helles Rechteck auf den Flurboden.
Thomas brauchte den restlichen Nachmittag. Der Zulaufschlauch war bei seinem heldenhaften Abbau nicht mehr auf das Gewinde zu bekommen. Er musste in den Baumarkt am Connewitzer Kreuz fahren, einen neuen Schlauch kaufen und bei der Gelegenheit eine Dichtung ersetzen, die er beim alten Modell seiner Mutter abgebrochen hatte. Ich weiß nicht, was er alles geflucht hat, weil ich oben in der Wohnung blieb. Aber irgendwann hörte ich die Wohnungstür ins Schloss fallen. Den Koffer zog er hinter sich her.
Am Abend klingelte mein Handy. Renata.
„Weißt du, was er mitgebracht hat?“, zischte sie.
„Seinen Koffer“, sagte ich.
„Und eine Schachtel voller Angelköder! Er hat gesagt, das sei das Starterpaket zum Einzug. Dann ist er vor meiner Waschmaschine gelegen, hat eine Stunde lang den Filter aufgeschraubt und einen Haufen Müll herausgeholt, den ich in dreißig Jahren nicht da reingetan habe. Eine Büroklammer, ein Zwanzigcentstück, ein Haarspangen-Ding. Und die Maschine läuft auf einmal. Kein Klopfen mehr. Das alte Ding schnurrt wie ein Kätzchen.“
„Das freut mich“, sagte ich.
„Er hat dann gesagt, er fährt wieder heim. Zu dir. Ob er bei mir bleiben kann, hat er gar nicht erst gefragt.“ Sie machte eine Pause. „Du, Jana … was soll das mit dem Koffer? Ich hab keine zweiundvierzig Quadratmeter für zwei.“
„Möchten Sie die Maschine behalten?“, fragte ich.
Schweigen.
„Renata?“, fragte ich.
„So war das nicht gedacht“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war dünn, als hätte jemand die Lautstärke zurückgedreht.
„Ich weiß, wie es gedacht war“, sagte ich. „Aber wer das Gerät nimmt, muss auch mit dem umgehen, der es anschließt. Oder es bleibt eben dort, wo es angeschlossen ist.“
Sie legte auf.
Als Thomas nach Hause kam, war es kurz vor elf. Er trug den Koffer die Treppe hoch, und ich hörte seine Schritte im Hausflur, schwer und müde. Er schloss die Tür auf, lehnte den Koffer an die Garderobe und stellte das Kissen daneben.
„Mama will die Maschine nicht mehr“, sagte er. „Sie hat gesagt, ich soll uns eine gute Taschenlampe kaufen, damit der Umzug wenigstens noch für etwas gut war. Dann können wir beim nächsten Mal gleich den Keller ausräumen.“
Ich nahm mein Portemonnaie aus der Handtasche, zog zwanzig Euro heraus und legte sie neben den Schlüsselbund auf die Kommode im Flur.
„Die Ausfallpauschale“, sagte ich. „Ich übernehme die Hälfte. Den Rest zahlst du von deinem Angelbudget. Für den Schrecken der Nachbarn, die dachten, wir ziehen aus, weil du eine Waschmaschine spazieren fährst.“
Thomas stand da, die Jacke noch an, der Reißverschluss halb offen. Er sah auf den Zwanziger, dann auf mich, dann auf den Koffer, der quer im Flur stand und den Weg zum Bad versperrte.
„Ich hab den Filter bei Mama gereinigt“, sagte er. „Das hätten wir auch anders haben können.“
„Ja“, sagte ich. „Zum Beispiel, indem du vorher gefragt hättest, statt meine Maschine wie einen Wanderpokal aus der Wohnung zu fahren.“
Er drehte sich um, zog die Schuhe aus und stellte sie ordentlich nebeneinander auf die Schuhablage. Das tat er sonst nie. Dann ging er ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und klappte den Laptop auf.
Ich blieb im Flur stehen und schaute auf die Waschmaschine, die wieder an ihrem Platz stand. Das Display zeigte die Uhrzeit: dreißig Grad, Buntwäsche, 19:10 Minuten Restlaufzeit. Alles bereit für den nächsten ganz normalen Waschtag.
Am nächsten Morgen brachte ich den Koffer zurück in den Abstellraum. Ein Rad war locker. Ich wollte es richten, ließ es aber, wie es war.
Drei Tage später rief Renata wieder an. Diesmal nicht bei mir, sondern bei Thomas. Ich hörte seine Stimme aus dem Wohnzimmer.
„Mama, schau einmal in den Filter“, sagte er. „Das Handbuch liegt oben auf dem Regal. Seite sieben.“ Er seufzte. „Nein, ich komme nicht vorbei. Da ist bloß wieder so ein Haarspangen-Ding drin. Mach die Klappe auf, schraub den Deckel raus, fertig. Das kostet nichts.“
Ich stand in der Küche und goss Milch in den Kaffee. Auf dem Frühstückstisch lag die Rechnung vom Baumarkt. Vierzehn Euro neunzig für einen neuen Zulaufschlauch. Ich legte sie ihm zurecht, so dass er sie beim nächsten Kaffee nicht übersehen konnte.
Dann nahm ich mein Handy, öffnete die Bank-App und überwies ihm fünfundzwanzig Euro. Betreff: Ausfallpauschale zurück, Schlauch auf deine Kappe.







