Die Leute vom See

Ich weiß noch genau, wie das Wasser an dem Abend aussah. Nicht still, wie man es von einem See im September erwartet, sondern unruhig, als hätte jemand einen Stein nach dem anderen hineingeworfen. Dabei warf niemand. Die Wellen kamen von innen. Oder von mir. Ich stand auf unserer Terrasse in Bad Saarow und sah zu, wie meine Mutter Mareike das Tablett mit den Dessertgläsern aus der Hand schlug. Einfach so. Es war mein fünfzigster Geburtstag, und meine Frau hatte ein dreigängiges Menü für sechzehn Leute gezaubert. Das Dessert war eine Bayrisch Creme mit eingekochten Himbeeren, und ich sah, wie das Glas in Zeitlupe über die Tischdecke rollte und auf den Stufen zerbrach. Die Himbeeren sahen auf dem Steinboden aus wie Blut.

„Weißt du, was diese Frau mit mir macht?“, hatte meine Mutter noch gefragt, als wäre das ein Grund.

Die Gäste schwiegen. Mein Vater rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Mein Schwager Linus, der dritte Mann meiner Schwester Caro, zückte sein Handy – nicht um zu filmen, sondern um so zu tun, als wäre er ganz woanders. Ich beneidete ihn in diesem Moment.

Ich hatte meiner Mutter nicht geantwortet. Hatte einfach angefangen, die Scherben mit den Fingern aufzulesen, bis Mareike mir eine Serviette in die Hand drückte und flüsterte: „Lass, Jonas. Bitte. Es ist in Ordnung.“ Natürlich war es nicht in Ordnung. Mareikes Hände zitterten, obwohl sie lächelte. Dieses Lächeln, das sie in den letzten vierzehn Jahren perfektioniert hatte. Das Lächeln einer Frau, die von meiner Mutter systematisch dafür bestraft wurde, dass sie mich geheiratet hatte.

Ich habe in dieser Nacht kein Auge zugetan. Nicht wegen der Szene – die war fast schon Routine. Sondern wegen des Umschlags, den ich am Morgen darauf in der Morgenpost fand, zwischen Rechnung vom Gardinen-Service und einem Prospekt über Solaranlagen.

Der Brief war von der Bank. Eine Kopie der notariell beglaubigten Generalvollmacht, die meine Mutter seit dem Tod meines Großvaters im letzten Jahr für „Notfälle“ besaß. Und eine Anfrage, ob der Verkauf des Seehauses unter dieser Vollmacht tatsächlich in meinem Sinne sei. Verkauf. Meines Seehauses. Vierhundertzwanzigtausend Euro sollte es bringen, laut einer beigefügten Wertermittlung. Meine Mutter hatte bereits einen Käufer, der bereit war, am folgenden Montag zu unterschreiben.

Ich habe den Brief dreimal gelesen. Dann habe ich Mareike, die mit verquollenen Augen und einer Kanne Kaffee in der Küchentür stand, das Papier wortlos hingehalten. Sie las, setzte sich, las noch einmal. „Jonas“, sagte sie leise, „ich will nicht die sein, die das sagt. Aber wenn du jetzt nichts tust, dann stehe ich morgen nicht mehr hier. Dann packe ich die Kinder und gehe zu meiner Schwester nach Leipzig. Ich kann nicht noch vierzig Jahre so leben.“

Es war ihr völlig ernst. Ich sah es an der Art, wie sie die Kaffeekanne abstellte, ohne einzuschenken. Mareike schenkt immer sofort ein.

Um neun war ich bei der Bank in Fürstenwalde. Dirk Altmann, mein Berater seit zwanzig Jahren, hatte Kekse auf den Tisch gestellt und einen Kaffee für mich geholt, bevor er überhaupt guten Morgen sagte. Dirk ist ein ruhiger Mann mit einem Schnauzbart, der aussieht, als wäre er in den Neunzigern stecken geblieben. Er ist einer der wenigen Menschen, die meine Mutter nie um den Finger wickeln konnte.

„Ich brauche die Vollmacht zurück“, sagte ich.

„Geht nur mit sofortiger Wirkung schriftlich. Geht auch per Fax, wenn die Gegenseite schnell ist. Wer ist die Gegenseite?“

„Meine Mutter. Gisela. Du erinnerst dich?“

Dirk erinnerte sich. Meine Mutter hatte vor drei Jahren versucht, ihm einen Vermögensberater aus ihrem Bekanntenkreis aufzudrängen, der angeblich bessere Sparkassenkonzepte hatte. Dirk hatte abgelehnt, und seitdem nannte sie ihn nur noch „den Bankheini“. Er zog einen Vordruck aus dem Drucker und schob ihn mir über den Tisch.

„Unterschreib. Dann ist der Spuk vorbei. Aber deine Mutter wird das nicht lustig finden. Sie hat schon einen Termin für Montag. Und der Käufer hat schon zwanzigtausend auf ein Treuhandkonto überwiesen, für das sie gezeichnet hat. Sie war dumm genug, ihre private Steuer-ID anzugeben. Das Finanzamt wird sich melden, wenn sie die Finger nicht davon lässt. Wenn sie das Geld schon ausgegeben hat, wird‘s eklig. Dann klagt der Käufer, und zwar gegen sie persönlich. Die Generalvollmacht ist nämlich widerruflich, und du widerrufst sie hiermit. Alles andere ist ihr Problem. So einfach ist das.“

Er lächelte nicht, als er das sagte. Dirk lächelt nie, wenn er Probleme vorschlägt.

Um halb elf stand ich im Wohnzimmer meines Elternhauses in Storkow. Meine Mutter saß am Fenster und sortierte Saatgut. Ringelblumen, Kapuzinerkresse. Sie liebt ihren Garten. Liebt, wie die Pflanzen ihr gehorchen, hatte Mareike einmal gesagt, und damals hatte ich gelacht. Jetzt verstand ich.

„Mama, ich war bei der Bank. Die Vollmacht ist weg. Die Sache mit dem Haus ist vom Tisch. Du hast dem Käufer zwanzigtausend abgenommen und ihm eine Immobilie versprochen, die dir nicht gehört. Also kümmere dich drum. Ich bin nicht dein Haftungsverein.“

Sie legte das Saatkorn, das sie gerade in der Hand hielt, sehr langsam auf den Tisch. Das Geräusch, das es auf der Holzplatte machte, war das einzige im Raum.

„Das ist doch nicht dein Ernst. Ich tue das für die Familie! Deine Schwester braucht dringend Startkapital für ihre Praxis. Ich dachte, du würdest…“ Sie schluckte. Ich glaube, sie merkte zum ersten Mal, dass ihre Sätze kein natürliches Ende mehr hatten.

„Du hast gedacht, ich würde nachgeben. Wie immer. Aber Mareike hat sich gestern fast von mir getrennt, während du Himbeeren von meinem Tisch gewischt hast. Du siehst nur noch deine eigenen Inszenierungen. Die Wirklichkeit ist dir egal. Dir war egal, dass du meine Frau vor sechzehn Gästen gedemütigt hast. Dass du unser Zuhause einfach verscherbeln wolltest, ohne ein Wort zu sagen. Weißt du, was Mareike gestern Abend zu mir gesagt hat? Dass sie sich vorkommt wie eine Mieterin in ihrer eigenen Familie. Vierzehn Jahre Mieterin mit Duldung der Hausherrin Gisela. Und du fragst mich, ob das mein Ernst ist?“

Meine Mutter stand auf. Trat einen Schritt auf mich zu. Trat wieder zurück, als wäre sie gegen eine Glasscheibe gelaufen. Das war neu. Normalerweise ging sie immer auf mich zu, kam in meinen Raum, nahm meine Hand. Sie hatte ein ganzes Repertoire an Gesten, um mich wieder auf ihre Seite zu ziehen. Diesmal blieb sie auf ihrer Seite.

„Du hast dich immer nur um deine Ruhe gekümmert, Jonas. Immer nur Harmonie. Aber Familie ist kein Kaffeekränzchen! Mareike hat das nie verstanden! Die muss endlich lernen…“

Jetzt war ich es, der einen Schritt auf sie zuging.

„Nein, Mama. Ich muss endlich lernen. Und ich fange heute an. Der See-Plan ist vorbei. Das Geld, das du abgegriffen hast, musst du zurückgeben. Wo ist es überhaupt? Wie viel davon ist noch da? Du hast es Caro gegeben, stimmt's? Warte, ich ruf sie an. Das wird ja immer schöner hier. Caro, deine eigene Tochter, und du deckst sie. Schieb nur alles auf mich, wie immer. Aber pass auf: Mein Telefon liegt da. Eine Taste, und sie steht hier und erklärt mir, was sie mit den zwanzigtausend von Fremden anstellt. Ach so, ja, ich vergaß – es geht hier nicht um MICH. Es geht um das Geld, mit dem ihr beide ohne mein Wissen geplant habt. Für Caros ach so dringende Praxis. Eine psychotherapeutische Praxis, die sie schon einmal an die Wand gefahren hat. Aber das ist ja MEINE Schuld, dass ich euch stoppe, was?“

Caro kam, ohne dass ich sie anrufen musste. Sie stand plötzlich in der Tür, offenbar hatte meine Mutter ihr eine Kurznachricht geschickt. Ihr Gesicht war eine Maske aus Empörung und Berechnung.

„Jonas, wie redest du mit Mama? Die halbe Summe ist zurückgezahlt! Ich hab’s auf mein Konto bekommen und direkt in den Ausbau gesteckt. Das ist eine Investition in meine berufliche Zukunft. Mama hilft mir. Das ist nichts Verbotenes. Und du, du hast doch genug! Du und Mareike, ihr habt doch das Haus, die Boote, die Segelstunden für die Kinder…“

Ich sah Caro an und wusste in diesem Moment, dass mir jede Diskussion mit ihr den Boden unter den Füßen wegziehen würde. Also wandte ich mich wieder meiner Mutter zu.

„Und du hast ihr das Geld trotzdem gegeben. Geld von Fremden. Also bring es in Ordnung. Bis Ende der Woche. Sonst muss der Käufer dich verklagen, und das wird er, glaub mir. Die Leute vom See haben einen guten Anwalt. Ich hab ihnen seinen Kontakt gegeben. Dirk Altmann hat ihnen das empfohlen, nachdem ich mit ihm gesprochen hatte. Das ist meine Entscheidung. Nicht Mareikes. Meine. Du hast ihr gestern den letzten Rest Würde genommen. Und mir die Augen geöffnet. Ich bin fertig damit, dein Projekt zu sein. Dein gutmütiger, immer nachgiebiger Sohn, der dir zuliebe seine eigene Familie hinten anstellt. Du hast das Geld für Caros Träume von Leuten genommen, die hier einziehen wollten. Das ist Betrug, Mama. Nenn es, wie du willst. Das ist Betrug. Und ich decke es nicht mehr zu. Ich bin raus.“ Ich legte den Autoschlüssel auf den Flurtisch.

Meine Mutter starrte mich nur an. Sie starrte, als hätte ich die falsche Sprache gewählt, eine, die sie nie gelernt hatte. Ihr Blick blieb an mir kleben, ungläubig, forschend. Ihre Augen waren das Glatte, Unwiderlegbare, das nie nachgab. Sie sagte kein Wort. Ich auch nicht. So standen wir, ihr Blick und ich, für eine halbe Ewigkeit. Caro hielt die Luft an. Irgendwo im Haus tickte eine Uhr.

Zu Hause fand ich Mareike auf der Terrasse. Sie las. Oder hielt ein Buch. Beides wäre möglich gewesen.

„Ich hab’s getan“, sagte ich.

Sie klappte das Buch zu. „Was genau?“

„Die Vollmacht ist weg. Das Haus ist außer Reichweite. Und ich hab ihr gesagt, dass sie das Geld zurückgeben muss. Dass sie Caro nicht decken darf. Dass ich das alles nicht mehr mitspiele. Sie muss es bis Ende der Woche regeln. Sonst zieht der Käufer vor Gericht. Gegen sie. Und ich werde dem Käufer sogar helfen. Ich werde ihr nicht mehr den Rücken freihalten. Es reicht. Ich hab mit meinem eigenen Bruder gebrochen, für sie, für ihre ewigen Projekte und ihre ewige Herrschaft. Heute habe ich meiner Mutter gesagt, dass sie ohne mich weitermachen muss. Dass das Geld zurück muss. Vierzehntausend, die Caro schon ausgegeben hat, dreitausend, die auf einem Tagesgeldkonto lagen, und der Rest – frag mich nicht. Ich hab’s nicht mehr im Kopf. Aber sie muss es klären. Ohne mich. Ohne uns. Ohne dich anzurufen. Keine Telefonate mehr mit dir. Keine Briefe. Keine Boten über die Kinder. Aus.‘“

Mareike sah auf den See hinaus. Ein Boot fuhr vorbei, ein Segler mit einem roten Streifen am Großsegel. Unser Nachbar Hein, der immer winkte. Heute winkte er nicht. Vielleicht sah er, dass wir mit uns selbst beschäftigt waren.

„Glaubst du, sie gibt Ruhe?“, fragte Mareike.

„Nein. Aber ich höre nicht mehr hin. Und ich habe eine Anzeige beim Betrugsdezernat in Frankfurt (Oder) eingereicht. Nicht weil ich sie bestrafen will. Sondern weil sie verstehen muss, dass es Konsequenzen gibt. Richtige. Keine verhandelbaren. Jetzt ist es dokumentiert. Das war mein Ernst. Unwiderruflich. Kein Sohn, der zurückrudert. Diese Brücke ist gesprengt, Mareike. Endgültig. Jetzt können wir neu bauen. Ohne Geheimnisse und ohne Gisela als unsichtbare Gesellschafterin unserer Ehe. Und ich werde es keinem mehr recht machen müssen. Kein einziges Mal mehr. Kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn ich dir zustimme oder mit dir lache oder mit dir Pläne mache. Nie. Nie wieder.‘“

Mareike holte tief Luft und stieß sie langsam wieder aus, als ließe sie einen zwanzig Jahre alten Atemzug los. Ihre nächste Frage war nicht, ob ich es durchhalten würde, ob ich hart genug bliebe. Sie fragte: „Glaubst du, Hein hat einen neuen Motor? Der klingt so anders. Ich frag mich schon die ganze Zeit, ob das ein Diesel ist oder der alte Zweitakter, der immer im Winter Probleme macht. Und ob wir ihm vielleicht beim Anlegen helfen sollten, falls er wieder auf den Stelzen vertäut.“ Es war die Art von Frage, die eine Frau stellt, wenn sie spürt, dass der Mann neben ihr es so ernst meinte, dass der Krieg endlich vorbei sein könnte. Einfach so. Wie das Wetter.

Die Stille zwischen uns war nicht mehr die beklemmende Ruhe vor dem nächsten Sturm meiner Mutter. Es war eine leere Weite, in der alles Platz hatte. Die Boote, der Wind, die Himbeeren auf dem steinigen Boden. Ich nahm Mareikes Hand, und das rote Segel von Nachbar Hein wurde kleiner und kleiner, und mein altes Leben segelte hinterher.

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