Ich bin siebenundzwanzig, nicht fünfundzwanzig. Ich bin im achten Monat. Nein, im siebten. Die Ärzte haben sich nach dem dritten Ultraschall korrigiert. Ich sehe aus wie ein Walross, das auf zwei Zahnstochern balanciert. Malte hat gesagt, ich sähe aus wie eine Prinzessin. Malte hat das immer gesagt.
Es regnet in Hamburg. Nicht dieser laute Regen, der gegen die Fenster trommelt, sondern dieser stille, fiese Nieselregen, der in die Knochen kriecht und alles grau färbt. Ich stehe vor der Tür in Eppendorf. Altbau. Stuckdecken. Fischgrätparkett. Ich habe mir die Wohnung auf Maltes Handykamera angesehen. Er hat gesagt: „Das wird unser Zuhause. Sobald sie die Scheidungspapiere unterschrieben hat.“ Ich war so dumm. Ich habe ihm geglaubt.
Ich will nicht hier sein. Ich wünschte, ich wäre in meiner winzigen Wohnung in Rothenburgsort, mit den Zuggeräuschen und dem schimmeligen Badezimmer. Aber die Wohnung hier hat drei Zimmer, einen Balkon und eine Speisekammer. Das Baby braucht Platz. Ich streiche über meinen Bauch. Der Stoff meines neuen Mantels spannt. Er ist teuer. Malte hat ihn mir geschenkt. Dafür habe ich ihm Quittungen von meiner Gehaltserhöhung gegeben.
Ich klingele. Die Tür summt. Ich drücke die schwere Eichentür auf. Im Treppenhaus riecht es nach kaltem Putzmittel und nassem Hund. Ein fetter Dackel kläfft hinter einer Nachbarstür, als ich vorbeigehe. Meine Hände zittern. Das ist nicht die Kälte. Das ist Angst. Malte hat mir gesagt, seine Frau sei ein Monster. Dass sie ihn jahrelang gequält hätte, ihm Vorwürfe gemacht hätte, ihm das Leben zur Hölle gemacht hätte. Dass sie sich weigere, loszulassen. ich bin gekommen, um ihm zu helfen.
Eine Frau namens Katharina macht die Tür auf. Sie ist nicht das Monster aus Maltes Geschichten. Sie ist älter, müde. Sie hat graue Strähnen im Haar und ein Gesicht, das nicht lächelt. Sie trägt eine Strickjacke mit Taschen. Ihre Fingernägel sind kurz, unter dem Daumen klebt dunkle Erde. Sie riecht nach Blumenerde und Kaffee. Sie sagt: „Sie müssen die Frau sein, von der er mir erzählt hat.“ Sie klingt nicht wütend. Sie klingt leer.
Ich sage, ich müsse mir die Hände waschen. Das ist gelogen. Ich muss mich übergeben. Die Übelkeit ist heute Morgen besonders schlimm. Ich schaffe es gerade noch ins Gäste-WC, bevor mein Magen rebelliert. Ich schaue in den Spiegel. Meine Augen sind rot. Ich bin müde. Ich bin siebenundzwanzig und sehe aus wie vierzig.
In der Küche riecht es nach Zimt und altem Holz. Auf dem Tisch steht ein Korb mit Keksen. Haferflocken mit Nüssen. Malte hat gesagt, sie macht die besten Kekse. Ich setze mich auf die Kante des Stuhls. Sie bietet mir Tee an. Ich lehne ab. Mein Mund ist trocken. Ich nehme einen Keks. Ich beiße hinein. Die Haferflocken kratzen in meinem Hals. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich schaffe es gerade noch, ihn auszuspucken, bevor ich mich übergebe. Ich tue so, als wäre der Keks schlecht. In Wahrheit schäme ich mich so sehr, dass ich kaum atmen kann.
„Wir müssen reden“, sage ich. Meine Stimme klingt höher als sonst. „Das Baby braucht Platz. Verstehen Sie das? Malte und ich bekommen einen Sohn. Ihre Töchter sind ausgezogen. Das hier ist zu groß für Sie allein.“ Ich rede und rede. Ich höre mir selbst zu. Ich klinge wie eine schlechte Schauspielerin in einer Seifenoper. „Wir könnten tauschen. Sie nehmen das Haus auf dem Land. Die frische Luft ist gut für Sie. Und wir nehmen die Wohnung. Das ist logisch.“
Katharina sagt nichts. Sie sitzt da und schaut mich an. Ihre Augen sind klar. Es ist kein Hass in ihrem Blick. Es ist Mitleid. Ich hasse es, wenn Leute mich bemitleiden.
„Ich weiß, was Sie von mir denken“, sage ich. „Aber ich bin nicht hier, um zu streiten. Ich will nur das Beste für mein Kind.“ Ich lege meine Hand auf meinen Bauch. Die Geste fühlt sich lächerlich an. Malte hat gesagt, ich soll sie überzeugen. Er hat gesagt: „Geh zu ihr. Sag ihr, was du willst. Sie wird nachgeben. Sie ist schwach.“ Aber Katharina sieht nicht schwach aus.
„Malte hat Sie also geschickt, um mich aus meiner Wohnung zu werfen“, sagt sie. Ihre Stimme ist ruhig.
„Er hat gesagt, Sie wüssten schon Bescheid“, antworte ich. „Dass Sie sich nur ein bisschen bitten lassen wollen, weil Sie Angst vor dem Alleinsein haben.“ Meine Worte hängen schwer in der Luft. Es stimmt. Malte hat das gesagt. Aber als ich es jetzt ausspreche, klingt es dumm.
Katharina steht auf. Sie geht zum Fenster. Sie macht es zu. Der Verkehrslärm verschwindet. Es ist ruhig. Das Ticken der alten Wanduhr über dem Herd wird lauter.
„Er hat mir erzählt, Sie seien ein Monster“, sage ich, um das Schweigen zu brechen.
Sie dreht sich um. „Das hat er mir auch von Ihnen erzählt.“
Mein Herz macht einen Sprung. Ich warte. Sie kommt zurück zum Tisch. Sie nimmt eine blaue Mappe aus einer Schublade. Sie legt sie vor mich hin.
„Was ist das?“, frage ich.
„Die Wahrheit über Malte Winter“, sagt sie. Sie setzt sich wieder. Sie schlägt die Beine übereinander. Ich sehe den Riss in ihrer schwarzen Strumpfhose. Ich hätte fast gelacht, wenn ich nicht so elend gewesen wäre.
„Malte hat Ihnen von der Wohnung erzählt. Aber er hat Ihnen nicht gesagt, dass sie meiner Mutter gehört. Dass ich sie vor der Ehe geerbt habe. Dass er kein Recht auf einen einzigen Quadratmeter hat. Nicht einmal auf die Luft in diesem Raum.“ Sie spricht langsam, aber nicht sanft. Es ist die ruhige, präzise Stimme einer Frau, die keine Angst mehr hat.
„Und er hat Ihnen sicher auch nicht gesagt, dass er seit anderthalb Jahren arbeitslos ist. Dass seine Spedition pleite ist. Dass er überall Schulden hat. Zwanzigtausend Euro, um genau zu sein. Oder mehr.“ Sie tippt mit dem Zeigefinger auf die Mappe. „Die Blumen, die er Ihnen mitgebracht hat? Die Restaurants? Der Urlaub auf Sylt? Das lief alles über meine Kreditkarten. Ich hatte mich schon gewundert, warum mein Limit jedes Monat ausgereizt war.“
Ich schaue auf meinen Bauch. Meine Fingernägel bohren sich in meine Handflächen. Ich habe ihm *mein* Geld gegeben. Fünftausend Euro. Für die Anzahlung der Scheidung. Ich habe keine Rücklagen mehr. Nur 42 Euro und 30 Cent auf meinem Konto. Ich arbeite in einem Babyladen für zwölf Euro die Stunde, 30 Stunden die Woche. Ich habe ihm alles gegeben.
„Das ist nicht wahr“, sage ich. Meine Stimme ist klein.
„Er hat Ihnen nicht gesagt, dass ich seine Koffer gepackt habe“, fährt sie fort. „Sie stehen draußen im Flur. Zwei Stück. Ich habe sie vor einer Stunde vor die Tür gestellt. Heute Abend wird er bei Ihnen vor der Tür stehen. Nicht mit einem Schlüssel für eine große Wohnung, sondern mit zwei Koffern voller Schulden und einem Haufen Lügen.“
Ich sehe zur Tür. Ich will aufstehen. Ich will weglaufen. Aber meine Beine sind taub. Das Baby tritt. Einmal. Zweimal. Ich lege meine zitternde Hand auf die Stelle.
„Sie lügen“, sage ich, aber ich glaube es selbst nicht. „Malte würde mir das nicht antun. Er liebt mich. Er liebt sein Kind.“ Die Tränen laufen mir die Wangen hinunter. Ich spüre die Wimperntusche verschmieren. „Ich bin im achten Monat. Wir wollten heiraten. Er hat mir die Zukunft versprochen.“
Katharina schiebt die Mappe näher zu mir. „Ich lüge nicht. Ich habe nur aufgehört, für ihn zu lügen.“ Sie steht auf. „Sie können die Mappe mitnehmen. Vielleicht brauchen Sie sie für die Unterhaltsforderung. Ich brauche sie nicht mehr. Ich habe heute Morgen die Scheidung eingereicht.“
Ich sehe die Koffer. Ich sehe die blaue Mappe. Ich sehe die Kekse. Ich schaffe es, aufzustehen. Meine Knie knicken fast ein. Ich nehme meine teure Ledertasche. Malte hat sie mir geschenkt. „Für meine Königin“, hat er gesagt. Ich habe ihm geglaubt. Ich dachte, ich wäre die Königin. In Wahrheit war ich nur der Bauer, den er geopfert hat, um die Dame zu retten, an der er längst kein Interesse mehr hatte.
Ich gehe zur Tür. Meine Schritte hallen auf dem Parkett. Ich sehe die Koffer. Zwei schwarze, abgewetzte Hartschalenkoffer. Das sind nicht die teuren, die er mir gezeigt hat. Er hat gelogen, als er sagte, er hätte Designerkoffer. Ich öffne die Wohnungstür. Der Dackel bellt. Ich laufe die Treppe hinunter. Die kalte Luft Hamburgs schlägt mir ins Gesicht.
Ich fahre nach Hause. Die U3 ist voll. Es riecht nach nassem Hund und abgestandenem Bier. Mein Handy vibriert. Malte. Ich drücke auf Ablehnen. Er ruft nochmal an. Ich schalte das Handy aus. Ich stehe an der Haltestelle Rothenburgsort. Es regnet immer noch. Ich stehe eine Minute. Zwei. Ich spüre die Nässe auf meinem Kopf. Der Mantel wird schwerer. Das Baby tritt wieder. Ich gehe nach Hause.
Ich sitze auf dem Boden meiner winzigen Wohnung. Der Putz blättert von der Wand. Die Heizung gluckert. Ich nehme die Kette ab, die Malte mir geschenkt hat. Ich lege sie in einen Briefumschlag. Ich schreibe seinen Namen darauf.
Ich öffne meinen Laptop. Ich lösche seine Nummer. Ich blockiere ihn. Ich beantrage Wohngeld. Ich schreibe eine Nachricht an meine Mutter: „Mama, ich muss zurück nach Hause. Mit dem Kind. Er ist weg. Und ich weiß nicht, was ich tun soll.“ Ich drücke auf Senden. Ich schaue auf den Bildschirm. Die Buchstaben verschwimmen. Ich weine nicht. Ich bin zu müde zum Weinen.
Klingel. Ich öffne die Tür. Malte steht da. Er ist nass. Er trägt keine Jacke. Er zittert.
„Sina. Gott sei Dank.“ Er will mich umarmen. Ich weiche zurück.
„Woher weißt du, wo ich wohne?“, frage ich.
„Ich habe es gewusst. Ich wollte dich immer besuchen, aber die Arbeit…“, beginnt er.
„Lüg nicht“, sage ich. Meine Stimme ist ruhiger, als ich gedacht hätte. „Ich war in der Wohnung. In deiner Wohnung. Oder besser: In der Wohnung deiner Frau. Oder deiner Noch-Frau. Ich weiß alles.“
Sein Gesicht verändert sich. Die Maske fällt. Der charmante Mann verschwindet. Zurück bleibt ein verängstigter Junge, der beim Lügen erwischt wurde.
„Ich kann es erklären“, sagt er. „Das mit dem Geld… das war nur vorübergehend. Und die Wohnung… ich wollte sie überzeugen, dir etwas zu geben. Uns etwas zu geben. Ich liebe dich. Ich liebe unser Kind. Bitte, lass mich rein. Ich habe meine Sachen geholt. Ich kann bei dir wohnen. Wir schaffen das zusammen.“
Er macht einen Schritt auf mich zu. Ich sehe seine Schuhe. Die Sohlen sind abgelaufen. Er hat sie mir als „Chefschuhe“ verkauft.
„Du schuldest mir fünftausend Euro, Malte“, sage ich. Ich halte die Tür mit der Fußspitze auf. „Fünftausend Euro. Und ich will sie bis zum ersten Geburtstag unseres Sohnes zurückhaben. In bar. Wenn nicht, gehe ich zum Anwalt. Und dann zum Unterhaltsvorschuss. Und dann muss ich leider alles offenlegen. Deine Lügen, deine Schulden, deine Betrügereien. Das wird ein teurer Spaß für dich.“
Er steht da. Mund offen. Das Regenwasser tropft von seiner Stirn.
„Sina, bitte…“, flüstert er. „Ich weiß nicht, was ich ohne dich tun soll.“
„Das ist nicht mein Problem“, sage ich. Ich nehme den Briefumschlag mit der Kette. Ich werfe ihn ihm vor die Füße. „Das hier kannst du verkaufen. Vielleicht reicht es ja für eine Fahrkarte. Aber ich will das Geld für meinen Sohn zurück. Alles andere…“ Ich schaue auf meinen Bauch. „Alles andere behalte ich. Und jetzt geh. Oder ich rufe die Polizei.“
Er hebt den Umschlag auf. Er schaut mich an. Er weint. Es sind keine Tränen der Reue. Es sind Tränen der Panik, weil er seinen Versorger verloren hat.
„Ich will nicht, dass du mich hasst“, sagt er.
„Ich hasse dich nicht“, sage ich. „Ich habe nur aufgehört, dich zu lieben. Das ist viel schlimmer für dich.“
Ich schließe die Tür. Ich lege die Kette vor. Ich höre seine Schritte auf dem Flur. Zögernd. Dann schnell. Weg.
Ich gehe zurück in die Küche. Ich nehme die teure Ledertasche vom Tisch. Ich öffne die Schublade. Ich nehme ein großes Küchenmesser. Ich schneide die Tasche in Stücke. Weiße Fetzen Stoff fallen auf den Boden. Es fühlt sich gut an. Es fühlt sich wie eine Befreiung an.
Ich setze mich auf den einzigen Stuhl. Ich nehme das Ultraschallbild aus meiner Handyhülle. Ich schaue auf das schwarze, weiße, verschwommene Bild. Ein Junge. Ein winziger Mensch. Er bewegt sich. Er ist da. Ich lege das Bild auf den Tisch. Ich streiche mit dem Finger über die Stelle, wo sein Herz ist. Der Preis: Ich bin siebenundzwanzig. Ich bin pleite. Ich bin allein. mein Sohn und ich. Und zum ersten Mal an diesem langen, furchtbaren Tag fühle ich mich nicht mehr allein.
Ich stehe auf. Ich gehe zum Kühlschrank. Ich nehme eine Flasche Wasser. Ich trinke. Das Wasser schmeckt nach Hamburg. Nach nassem Staub und Chlor. Aber es schmeckt auch nach einem Anfang. Ich schaue auf die zerschnittene Tasche. Ich schaue auf die geschlossene Tür. Ich schaue auf das Ultraschallbild.
Morgen werde ich zum Arbeitsamt gehen. Morgen werde ich einen Antrag auf Elterngeld ausfüllen. Morgen werde ich meiner Mutter sagen, dass ich komme. Aber heute Abend sitze ich hier. Eine junge Frau, ein ungeborenes Kind und ein Berg aus fünfzehntausend Lügen. Und die Wahrheit. Die Wahrheit ist: Wir schaffen das. Nicht mit Malte. Sondern ohne ihn.







