Der Hund mit dem Ringelschwanz

Im Oktober fiel den Autofahrern auf der B246 zwischen Beelitz und Treuenbrietzen ein Hund auf. Er saß an der Abzweigung zur Wochenendsiedlung „Am Kiefernweg", den Kopf zur Fahrbahn gedreht. Tagelang. Die Pendler kannten das Tier bald. Morgens um sieben stand es da, den Rücken zum Feld, die Nase den Abgasen entgegen. Abends, wenn die Scheinwerfer über den Asphalt glitten, saß es immer noch.

Zuerst dachte man, der Halter sei nur kurz im Wald pinkeln. Aber der Hund blieb.

Jemand aus der Siedlung brachte ihm eine Schale Wasser. Eine Frau aus dem Rewe-Lieferwagen warf ihm eine Scheibe Lyoner hin. Das Tier fraß, aber es wich zurück, wenn jemand näher als zwei Meter kam. Es war ein Mischling mit dem Körper eines Schäferhundes und einem Schwanz, der sich zu einem dichten Ringel über den Rücken legte. Kein reiner Schäferhund, das war klar.

Der dreizehnjährige Jonas aus der Siedlung entdeckte den Hund auf dem Weg zur Bushaltestelle. Danach nahm er jeden Tag sein Fahrrad. Er nannte ihn Tasso. „Weil der so treu ist", sagte er seiner Mutter, als sie fragte, warum er die halbe Wurst vom Abendessen einpackte.

Jonas redete mit dem Tier. Er setzte sich zwei Schritte entfernt auf den morschen Stamm am Straßenrand und erzählte vom Unterricht, von der Fünf in Mathe, vom neuen Stürmer bei Hertha BSC. Der Hund legte den Kopf schief, als wolle er widersprechen, kam aber nie heran.

So ging der Oktober in den November über. Nachts fror es. Der Vater von Jonas zimmerte aus alten Paletten und einer Dämmmatte eine Hütte. Sie stellten sie zehn Meter hinter die Leitplanke, halb versteckt unter einer Kiefer. Der Hund inspizierte das Ding misstrauisch, kroch hinein, kam wieder heraus und legte sich davor auf den nackten Boden. Als der erste Schnee fiel, saß er trotzdem an der Straße.

Im Dezember schneite es drei Tage durch. Die Hütte wurde ein weißer Buckel. Jonas und sein Vater schaufelten einen Gang frei. Sie fanden den Hund zusammengerollt im Stroh, das sie hineingetan hatten. Es roch nach nassem Fell und altem Brot. Der Hund hob nur den Kopf und legte ihn wieder auf die Pfoten.

Jonas sagte an diesem Tag nichts. Er schaufelte den Schnee von der Hütte, füllte das Wasser nach und blieb, bis seine Hände klamm waren. Dann fuhr er nach Hause.

Der Winter verging. Eines Abends im März, als das Wasser von den Dächern tropfte, fing Tasso an zu spielen. Er rannte um Jonas herum, bellte, packte einen Stock und schüttelte ihn. Der Junge lachte. Sie saßen später nebeneinander auf der trockenen Wiese, beide außer Atem, die Jacken voller Schlamm. Die Sonne stand tief hinter dem Kiefernwald.

Genau an diesem Abend kam der Wagen.

Ein dunkler VW Passat Variant bog von der Bundesstraße ab. Der Fahrer nahm die Kurve zu schnell, die Reifen sangen auf dem feuchten Asphalt. Tasso fuhr hoch. Seine Ohren richteten sich auf. Er rannte los, dem Auto entgegen.

Der Passat bremste scharf. Ein Mann stieg aus, stämmig, um die Mitte dreißig, mit kurzen Ärmeln trotz der Kälte. Er fluchte. Der Hund sprang an ihm hoch, winselte, rutschte am Stoff seiner Jacke ab. Der Mann schob ihn weg. Dann stutzte er.

„Verdammt, das ist ja Rex!" Er klopfte sich den Dreck vom Hosenbein. „Ich dachte, der wär längst verreckt. Zäh, der Köter."

Jonas war herangekommen, das Fahrrad neben sich schiebend. „Ist das Ihr Hund?"

Der Mann lachte kurz auf. „War mal. Hab gedacht, ein Schäferhund wird das. Hat sich als Mischling rausgestellt. Mit so einem Ringelschwanz kannste zuhause nicht ankommen. Da haben sie dich ausgelacht. Hab ihn dann letzten Herbst einfach hiergelassen. Ist noch ein Stück hinter'm Auto hergerannt."

Jonas sagte nichts. Er sah auf den Hund. Tasso stand jetzt zwei Meter vom Mann entfernt, den Schwanz starr erhoben, die Ohren zurückgelegt.

Der Mann öffnete die hintere Tür des Passats und zerrte einen jungen Hund heraus. Einen Weißen Schweizer Schäferhund, lange Beine, dünner Hals. Er packte ihn am Halsband und hob ihn hoch.

„Das ist jetzt mein Hund. Mit Papieren." Er grinste. „Die Pfoten siehst du? Die werden so dick wie meine Faust. Ein echtes Tier."

Tasso machte einen Schritt zurück. Sein Schwanz sank. Er setzte sich, wandte den Kopf ab und schaute auf die leere Fahrbahn.

Der Mann stopfte den Welpen zurück ins Auto. Dann kramte er in seiner Jackentasche, zog ein halb zerfressenes Leckerli heraus und warf es dem Mischling vor die Pfoten. „Tut mir leid, Bruder. Zwei Hunde gehen nicht. Du bist ja hier nicht verendet. Kommst schon klar." Er stieg ein. Der Passat heulte auf und zog davon.

Tasso rannte hinterher. Jonas sah das, und ihm kroch die Galle hoch. Der Junge brüllte etwas, das er selbst nicht verstand. Der Hund lief noch zwanzig, dreißig Meter. Dann blieb er stehen, die Flanken bebten. Die Rücklichter verschwanden hinter der Kuppe.

Er kam zurück, den Kopf tief. Am Straßenrand blieb er vor der Hütte stehen und legte sich vor den Eingang, die Schnauze auf den Pfoten.

Jonas setzte sich zu ihm. Er weinte nicht. Er hatte die Fäuste geballt, so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Dann streckte er die Hand aus, aber nicht zum Streicheln — er hielt sie dem Hund vor die Nase. „Tasso", sagte er. „Du und ich."

Der Hund schnupperte an seinen Fingern. Er leckte die Hand.

Jonas nahm sein Handy aus der Jackentasche. Er fotografierte den Hund. Dann zog er den alten, ausgefransten Lederriemen vom Hals des Tieres. Daran hing eine kleine Metallplakette. „Rex", stand darauf. Darunter eine Handynummer. Der Junge drehte die Marke in der Hand, als könnte er sie zerbrechen.

Am nächsten Morgen fuhr er mit seinem Vater zum Tierarzt nach Beelitz. Er hatte seine Spardose mitgenommen: zweihundertsiebenundvierzig Euro, gespart für einen Motorroller. Er legte das Geld auf den Tresen. „Ich will ihn anmelden. Auf meinen Namen. Mit Chip und allem." Der Vater sagte nichts. Er legte noch einen Fünfzig-Euro-Schein dazu.

Der Tierarzt untersuchte den Hund, gab ihm eine Spritze, setzte den Chip ein. Jonas füllte das Formular aus. Name des Tieres: Tasso. Halter: Jonas Winkler, Bornstedter Weg 14, 14547 Beelitz.

Am selben Abend schickte er an die Nummer von der alten Marke ein Foto. Es zeigte Tasso auf der Terrasse des Hauses, das Gesicht halb zur Kamera, die Zunge draußen. Das neue rote Halsband mit der runden Marke war gut zu sehen. Darunter schrieb er: „Er heißt jetzt Tasso. Du brauchst nicht mehr zu kommen."

Zwanzig Kilometer weiter saß der Mann im Passat auf einem Rastplatz an der A9. Er hatte den Motor abgestellt und aß eine Bockwurst. Als das Handy summte, wischte er sich die Finger an der Jeans ab und öffnete die Nachricht. Er musste zweimal hinschauen. Dann kniff er die Augen zu, legte das Handy mit dem Display nach unten auf den Beifahrersitz und schaute aus dem Fenster auf die Zapfsäule.

Es kam keine Antwort.

In Beelitz legte Jonas die alte Marke in einen leeren Schuhkarton. Er klappte den Deckel zu und schob ihn unter sein Bett. Dann ging er in die Küche und holte den Napf, den er für Tasso gekauft hatte — einen aus Edelstahl, für neun Euro neunzig. Er füllte ihn mit Wasser und stellte ihn neben die Terrassentür.

Tasso kam herüber, tauchte die Schnauze ins Wasser und trank in langen Zügen, bis der Napf über den Steinboden schrammte. Dann legte er sich auf die Matte, den Ringelschwanz eng um die Pfoten gelegt.

Draußen fuhr die letzte S-Bahn nach Potsdam vorbei, ein fernes Rattern, das im Kiefernwald verklang. Es roch nach Harz und nasser Erde.

Jonas setzte sich neben den Hund auf den kalten Steinboden und kraulte ihn hinter den Ohren, mit dem Daumen dort, wo das Fell schon dichter für den Winter wurde.

„Morgen“, sagte er, „zeig ich dir den Wald hinterm Haus. Da, wo die Brombeeren sind."

Tasso schnaufte, rollte sich enger zusammen und schloss die Augen.

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