Lene Winter wusste, dass dieser Morgen scheiße werden würde, als sie das gelbe Papier an ihrer Wohnungstür kleben sah. Kein Briefumschlag. Kein Gespräch. Ein gelber Zettel, schief über das Schloss geklebt, als wäre er eine Quittung. Räumungsklage, Paragraph so und so, Frist sieben Tage. Ihre Kaffeetasse war noch warm, aber die Hand, die sie hielt, zitterte so stark, dass der Kaffee über den Rand schwappte und auf den Treppenabsatz tropfte. Dreiundzwanzig Grad im Hausflur, und ihr war kalt.
Ihr Vermieter Daniel Ostermann hatte in sechs Monaten ganze drei Reparaturen genehmigt. Den tropfenden Wasserhahn in der Küche, der jede Nacht wie ein Metronom gegen den Stahl schlug. Die lockere Steckdose im Bad, die nach verbrannter Zahnpasta roch. Und den Schimmel über dem Fenster, den er mit einem Satz beiseitegewischt hatte: „Lüften Sie halt mal.“ Jetzt verlangte er vierzehnhundert Euro für angebliche Schäden, die sie nie verursacht hatte, und nannte es fristlose Kündigung. Lene hatte sich die Zahlen dreimal angesehen. Vierzehnhundert. Ihr gesamtes Erspartes für die Kaution einer neuen Wohnung lag bei neunhundertachtzig, und die letzten Monate hatten jeden Puffer aufgefressen wie die Hitze das Wasser aus dem Stadtbrunnen am Markt.
An diesem Tag war Leipzig ein Backofen. Vierzig Grad im Schatten, die Luft stand über der Eisenbahnstraße wie eingedickte Suppe. Lene arbeitete in einem Bistro in Plagwitz, wo die Gäste nur noch Eiskaffee bestellten und das Eis in der Küche schmolz, bevor es den Teller erreichte. Auf dem Heimweg, gegen halb sechs, sah sie an der Haltestelle am Adler einen alten Mann. Er stand nicht, er hing. Die Schultern nach vorn gekippt, der Mund offen, die Augen auf einen Punkt am Boden gerichtet, als würde er dort etwas suchen, das er vor Jahren verloren hatte. Neben ihm stand ein Rollator mit einem angebundenen Rucksack, der aussah, als hätte er darin sein halbes Leben verstaut.
„Brauchen Sie Hilfe?“, fragte Lene. Der Mann hob den Kopf, und seine Pupillen gingen weit, als wäre ihr Gesicht zu hell. Dann knickten ihm die Beine weg. Er fiel nicht um, er fiel in sich zusammen, wie ein Zelt, dem man die Stange entzieht. Lene fing ihn auf, so gut sie konnte, und sie gingen gemeinsam zu Boden, sie halb unter ihm, sein Kopf gegen ihre Schulter gelehnt. Er wog fast nichts. Ein Vögelchen mit Wollpullover.
„Können Sie mich hören?“, rief sie. „Ich rufe jetzt den Notarzt!“
Niemand blieb stehen. Ein Radfahrer klingelte, weil sein Weg versperrt war. Eine Frau mit Einkaufstüten zog ihr Kind von der Szene weg, als wäre das Leiden ansteckend. Lene hielt den Kopf des Alten, während sie mit der freien Hand die sanfte Stimme der Leitstelle in ihrem Ohr hatte: „Bleiben Sie bei ihm. Atmet er?“ Ja, er atmete. Flach, aber regelmäßig. Lene strich ihm über die Stirn und merkte erst nach einer Ewigkeit, dass ihre eigenen Wangen nass waren. Hitze, keine Tränen. Hitze, die einem aus allen Poren lief.
Die Sanitäter kamen nach neun Minuten. Sie maßen Blutzucker, Blutdruck, Sauerstoff. „Kreislauf“, sagten sie, „Dehydrierung, vermutlich Hitzschlag.“ Bevor sie ihn auf die Liege hoben, griff der Alte nach Lenes Hand. Sein Griff war fester, als er aussah. Er drückte ihre Finger, seine Lippen bewegten sich, und dann spürte sie, wie seine andere Hand an ihrer Jackentasche zupfte. Ein kleiner Zettel, zusammengefaltet wie ein altes Lotterielos. „Behalten Sie das“, flüsterte er. Oder bildete sie sich das ein? Der Lärm der Einsatzfahrzeuge verschluckte die Worte.
Als die Türen des Krankenwagens schlossen, stand Lene allein an der Haltestelle. Der Zettel steckte in ihrer Tasche. Sie bemerkte ihn erst am Abend, nach einer weiteren Nachricht von Daniel: „Haben Sie meine Frist verstanden? Sieben Tage.“ Diesmal keine falschen Schäden, keine Drohung, nur diese zwei Worte, die wie ein Flaschenhals wirkten. Lene saß auf ihrer Matratze, die sie im Schlafzimmer direkt auf den Boden gelegt hatte, weil das Bettgestell beim Umzug vor sechs Jahren zerbrochen war. Der Ventilator drehte sich mit einem Geräusch, das klang wie ein Atem, der keinen Ausweg fand. Sie faltete den Zettel auseinander.
Die Handschrift war zittrig, aber nicht unsicher. Es war die Schrift eines Mannes, der lange genug Zeit gehabt hatte, genau zu überlegen, was er sagen wollte:
*„Ich bin Arthur Ostermann. Der Eigentümer des Hauses in der Eisenbahnstraße 84 ist nicht Daniel Ostermann. Ich bin es. Daniel ist mein Sohn. Er hat meine Vollmacht gefälscht, meine Unterschrift nachgemacht und die Mietverträge der letzten sechs Jahre auf seinen Namen umschreiben lassen. Er erhöht die Mieten, erfindet Schäden, wirft die Mieter raus und sackt die Kautionen ein. Ich weiß nicht mehr, wen von meinen Mietern ich noch erreichen kann. Sie haben mir geholfen, obwohl Sie nichts davon erwarten konnten. Bitte helfen Sie mir jetzt. Am Leipziger Hauptbahnhof, Schließfach 214, Code 5521, liegt eine braune Aktenmappe. Sie enthält die Originaldokumente, die alles beweisen. Bringen Sie sie zu meiner Anwältin Vera Schneider, Reichsstraße 12. Sagen Sie keinem anderen Menschen davon. D.“
Lene las den Zettel dreimal. Die Mappe am Bahnhof. Daniel, der seinen eigenen Vater betrog. Die Vollmacht, die alles erklärte. Und die sieben Tage an ihrer Tür.
Am nächsten Morgen verließ sie die Wohnung um kurz nach sechs, bevor Daniel seine übliche Kontrollrunde durch die Hausflure drehte. Die Luft im Treppenhaus roch nach feuchtem Putzmittel und den überquellenden Mülltonnen aus dem Hof. In der S-Bahn saß ihr eine Schulklasse gegenüber, alle mit Handys vor den Gesichtern, während draußen die Stadt in einem bräunlichen Dunst verglühte. Lene dachte an die dreiundzwanzig Grad im Hausflur von gestern und daran, dass sie sich schon fast an den Geruch gewöhnt hatte. Sechs Jahre. Sie hatte sechs Jahre in diesem Haus gewohnt, und jetzt schien es ihr, als wäre ihr ganzer Aufenthalt eine geliehene Sache gewesen, eine Sache, die man ihr jeden Moment abnehmen konnte.
Am Hauptbahnhof roch es nach Zimt und verbranntem Brezelteig. Lene ging die Schließfachwand entlang, vorbei an der Bahnhofsmission, wo ein junger Mann einen Hund an der Leine hielt und ins Leere redete. Schließfach 214 klemmte zwei Türen unter der Anzeigetafel. Sie tippte den Code ein: 5521. Die Tür sprang auf, und darin lag eine braune Mappe, schwer genug, um ihr Handgelenk nach unten zu ziehen. Sie steckte sie in ihren Rucksack, ohne hineinzusehen. Ihre Hände waren ruhig. Das fiel ihr auf. Ihre Hände waren ruhig, obwohl sie den ganzen Weg über mit dem Gedanken gespielt hatte, dass diese Mappe vielleicht nie existierte.
Eine Viertelstunde später stand sie in der Kanzlei Reichsstraße 12. Die Anwältin Vera Schneider hörte zu, ohne ein einziges Mal „das kann nicht sein“ zu sagen. Sie blätterte durch die Mappe, hielt bei einer Seite inne, auf der Daniels Unterschrift sich über den Namen seines Vaters schob wie ein Kind, das über die Linien malt. „Das ist eine gefälschte notarielle Beurkundung“, sagte sie. „Und dieser Mietvertrag hier, den hat Ihr Vermieter nie unterschrieben. Das ist ein reiner Untermietvertrag, den er sich selbst ausgestellt hat. Wir können sofort eine einstweilige Verfügung erwirken.“
Sie tat es. Um zwölf Uhr mittags saß Lene in der Kanzlei, trank lauwarmes Leitungswasser aus einem Plastikbecher und beobachtete, wie die Anwältin telefonierte. Um Viertel vor zwei lag die Verfügung unterschrieben auf dem Tisch. Lene nahm sie an sich. Sie wusste, dass Daniel gegen Mittag ihre Wohnung betreten wollte, um die angeblichen Schäden zu „dokumentieren“. Er kam immer um die Mittagszeit, wenn die meisten Mieter auf der Arbeit waren.
Als sie an ihrem Haus ankam, standen ihre Sachen auf dem Gehweg. Ihre Bücher in einem offenen Karton, daneben der Wäscheständer, der umgekippt war. Ihr alter Röhrenfernseher lag mit dem Bildschirm nach unten im Rinnstein. Ein Paar Schuhe, der linke in einem Blumenkübel. Daniel Ostermann stand im Hauseingang, ein Tablet in der Hand, und telefonierte. Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Lene konnte hören, wie er mit seiner unnachahmlichen Sorglosigkeit sagte: „… ja, und die Sachen, die draußen stehen, können Sie gleich mitnehmen. Meine Güte, die alte Wohnung, wir haben da endlich aufgeräumt.“
Lene ging nicht hinauf. Sie stellte ihren Rucksack auf den Boden und zog die Verfügung hervor. Sie trat an den Hauseingang und hielt das Papier so, dass Daniel es sehen musste, wenn er sich umdrehte. Auf dem Gehweg hinter ihr blieb eine ältere Frau stehen, die ihren Dackel ausführte. Der Hund schnüffelte an einem von Lenes Handtüchern, das halb aus dem Karton hing, und die Frau zog ihn weg, ohne etwas zu sagen.
Daniel beendete sein Telefonat. Er drehte sich um. Er sah Lene, dann das Papier, dann wieder Lene. Sein Gesicht veränderte sich. Nicht wie bei einem Schock – langsam, gründlich, als würde eine Maske von innen abgeschält.
„Was soll das werden?“, fragte er.
„Das ist die einstweilige Verfügung“, sagte Lene und gab ihrer Stimme einen Klang, als läse sie die Speisekarte im Bistro. „Sie haben keine Berechtigung, das Haus zu betreten, Mietverträge zu ändern, Mieten zu kassieren oder irgendjemanden aus dieser Wohnung zu werfen. Unterschrieben heute, um Viertel vor zwei.“
„Welche Verfügung? Du hast doch gar kein Geld für einen Anwalt.“ Er lachte, aber es kam zu spät, zu hohl.
Da bog ein Auto um die Ecke. Graue Limousine, ein älterer Mann auf dem Beifahrersitz, am Steuer eine Frau in Uniform. Daniel sah es zuerst. Sein Mund öffnete sich, schloss sich, als hätte er vergessen, wie man atmet. Der Wagen hielt direkt vor dem Haus. Arthur Ostermann stieg aus, gestützt auf einen Gehstock, den er offenbar erst seit heute benutzte. Seine Stimme klang leise, aber klar:
„Daniel. Ich habe dir vor sechs Jahren gesagt, dass du nie wieder eine Vollmacht von mir bekommst. Du hast dir einfach eine neue gemacht. Jetzt ist Schluss.“
Erst jetzt bemerkte Lene den Streifenwagen, der hinter dem ersten Fahrzeug zum Stehen kam. Zwei Beamte stiegen aus. Daniel trat einen Schritt zurück in den Hausflur, und da tat die Hauswand das, was Hauswände schon immer getan haben, wenn etwas endet: Sie warf einen langen, grauen Schatten, der ihn ganz verschluckte.
Daniel versuchte noch einmal zu lachen. „Wegen einer alten Schachtel und einer Kellnerin willst du deinen eigenen Sohn anzeigen?“
„Ich will nicht“, sagte Arthur. „Ich tue es.“
Die Beamten lasen Daniel seine Rechte vor. Während sie ihn zum Auto führten, schloss Arthur die Augen und atmete aus, als hätte er einen langen Weg hinter sich, der an diesem Morgen begonnen hatte und vielleicht nie endete. Dann wandte er sich an Lene.
„Die Wohnung“, sagte er. „Sie bleibt. Solange Sie wollen. Und wenn Sie einwilligen, hätte ich noch eine Bitte.“
Lene betrachtete das Papier in ihrer Hand. Das Geräusch der sich schließenden Autotür. Der Dackel der Frau, der leise winselte. Ihre eigenen Sachen, die auf dem Bürgersteig lagen, wie nach einem Auszug.
„Welche Bitte?“, fragte sie.
„Bleiben Sie mir als Hausverwalterin erhalten. Offiziell. Mit Vertrag und ordentlicher Bezahlung. Die anderen Mieter brauchen jemanden, der nicht wegsieht.“
Lene trat an den Karton. Sie hob den linken Schuh aus dem Rinnstein, dann den rechten aus dem Blumenkübel. Sie stellte sie nebeneinander auf die Stufe vor der Haustür. Sie betrachtete sie einen Moment, als wären sie ein Paar, das einen langen Streit hinter sich hatte.
„Ich wohne seit sechs Jahren hier“, sagte sie. „Ich habe jeden Monat dreißig Euro Trinkgeld auf die Kante gelegt, um mir irgendwann eine Wohnung suchen zu können, in der nicht der Wasserhahn tropft. Ich kann nicht einfach so tun, als wäre das normal.“
Arthur stützte sich auf seinen Gehstock. „Dann fangen wir mit dem Wasserhahn an.“ Er griff in seine Jackentasche und zog einen Schlüsselbund hervor. Zwei Schlüssel, einer matt, einer blank poliert. Er hielt ihn Lene hin. „Der matte ist für die Kellertür. Der blanke für den Hausmeisterschrank. Beides gehört jetzt zu Ihrer Arbeit. Wenn Sie die Stelle möchten.“
Lene nahm den Bund. Er wog fast nichts, aber sie spürte, wie sich ihre Finger darum schlossen. Kein Triumph. Keine Geste der Überlegenheit. Sie schloss die Haustür auf, ging in den Hausflur und zog den gelben Zettel ab, der noch immer an ihrer Wohnungstür klebte. Sie zerriss ihn zweimal, dreimal, und ließ die Schnipsel in den Karton mit den Büchern fallen.
Am Abend ging sie durch das Haus. Sie klopfte an die Türen der Nachbarn, an die sie vorher nie gedacht hatte. Frau Kempe aus dem Erdgeschoss, die seit elf Jahren dort wohnte und jeden Winter dieselbe Heizungslüftung beanstandete. Herr Bokan, der nachts Putzdienst im Krankenhaus hatte und tagsüber schlief, weshalb er nie auf Daniels Klopfen reagierte. Zwei Studentinnen im Dachgeschoss, die bei der Hitze ihre Matratzen auf den Balkon geschleppt hatten.
„Ich bin Lene“, sagte sie. „Ich verwaltete jetzt das Haus. Wir müssen über ein paar Dinge reden. Der Wasserhahn in meiner Küche tropft.“
Am nächsten Morgen fuhr sie mit der S-Bahn zum Baumarkt in der Richard-Wagner-Straße. Sie kaufte eine neue Dichtung, einen Hahnschlüssel und eine Flasche Essigreiniger. Bezahlt hat sie insgesamt siebenundvierzig Euro. Den Kassenzettel steckte sie zu dem gelben Papierfetzen in den Karton. Der war inzwischen in ihrer Küche gelandet, neben der Kaffeemaschine.
Sie hätte nie gedacht, dass ein tropfender Wasserhahn einen so beschäftigen konnte. Oder dass man an einem Tag mit vierzig Grad im Schatten plötzlich den Schlüssel zu etwas in der Hand hält, das einem sechs Jahre lang wie ein geliehener Traum vorkam.
In der Nacht stand sie auf, ging in die Küche und legte das Ohr an den Hahn. Kein Tropfen. Sie drehte das Wasser auf, ließ es laufen, bis es kalt wurde, und trank ein Glas im Stehen. Draußen summte die Hitze, aber in der Wohnung war es still. Nur der Ventilator drehte seine Runden, als würde er etwas bewachen.







