Zwei Mädchen, ein Geheimnis

An einem Dienstag im Oktober stand ich am Küchenfenster und sah meine Tochter mit dem Nachbarskind. Die beiden saßen auf der Schaukel, und von hinten waren sie kaum auseinanderzuhalten. Gleiche goldene Locken, gleicher schmaler Rücken, gleiche Art, den Kopf zu legen. Die Kaffeetasse in meiner Hand wurde kalt, weil ich vergaß, sie abzusetzen. Draußen fuhr die Straßenbahnlinie 5 vorbei, die Bremsen quietschten an der Haltestelle Eschholzstraße.

Die neue Familie war im August eingezogen. Robert, ein stiller Typ mit Bart, alleinerziehend. Seine Frau, sagte er beim ersten Gespräch am Zaun, sei vor anderthalb Jahren gestorben. Mehr nicht. Und seine Tochter Jule? Die glich meiner Tilda, als hätte jemand ein Foto kopiert. Zuerst fand ich das süß. Dann wurde es mir unheimlich.

Thorsten veränderte sich. Er stand oft am Küchenfenster, wenn Jule draußen spielte, und zuckte zusammen, wenn ihr Lachen durch den Garten schallte. Beim Abendessen schob er die Nudeln hin und her, als wären sie aus Gummi. Nachts lag er wach, ich hörte ihn atmen, flach und schnell, wie ein Tier, das nicht entkommen kann.

In der Nacht vom Donnerstag, als ich es nicht mehr aushielt, legte ich ihm die Hand auf den Arm. „Thorsten, wer ist dieses Kind?"

Er zuckte, als hätte ich ihn mit kaltem Wasser übergossen. Dann drehte er sich zur Wand. Ich wartete. Er sagte nichts. Um drei Uhr früh stand er auf, ging ins Bad, und ich hörte das Wasser laufen, zehn Minuten lang, als wollte er etwas wegspülen.

Am nächsten Nachmittag schickte ich Tilda mit einem Korb Äpfeln rüber zu Robert. Der Korb war von der Ernte aus dem Kleingarten am Tuniberg. Ich klingelte eine halbe Stunde später, unter dem Vorwand, die Heizung im Kinderzimmer sei ausgefallen und ob ich kurz seine Thermostate begutachten dürfe. Robert ließ mich rein, abgelenkt durch einen tropfenden Wasserhahn in der Küche. „Gehen Sie ruhig hoch", sagte er, „die Heizung ist im Flur."

Ich ging nicht in den Flur. Ich ging in sein Wohnzimmer. Auf dem Regal: Fotos von Jule, von Robert, von einer älteren Frau mit Dutt, aber keine einzige Aufnahme einer jungen Mutter. Im oberen Stock fand ich ein Zimmer, das nach Lavendel roch, obwohl das Fenster zu war. An der Wand hing ein Porträt einer blonden Frau mit dem gleichen frechen Zug um den Mund wie Jule. Ich nahm es vom Haken. Da stand Robert im Türrahmen.

„Was machen Sie da?" Seine Stimme war ruhig, aber seine Hand lag an der Tür, die Knöchel traten hervor.

Ich ließ das Porträt nicht los. „Ich weiß, dass mein Mann dieses Kind gezeugt hat. Sie decken das. Warum? Damit Jule nicht als Halbwaise gilt? Oder weil Ihre Frau auch fremd war?"

Robert trat einen Schritt vor. Er nahm mir das Porträt aus der Hand, drehte es um. Auf der Rückseite stand in Kinderhand: „Marlene, meine große Schwester." Der Buchstabe L war spiegelverkehrt. Thorstens Handschrift, aus der dritten Klasse.

„Marlene war Thorstens Schwester", sagte Robert. „Seine Familie hat sie vor zwanzig Jahren verstoßen, weil sie schwanger wurde, ohne verheiratet zu sein. Thorsten hat mitgemacht. Er hat den Kontakt abgebrochen. Aus Scham. Vor anderthalb Jahren ist Marlene gestorben. Lungenentzündung. Ich bin mit Jule hierhergezogen, damit sie wenigstens die Familie ihrer Mutter kennenlernt."

Ich stand da, mit dem Porträt in der Hand, und mir wurde klar, dass ich meinen Mann nicht kannte. Nicht richtig.

Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kam. Ich weiß nur, dass die Gartentür klemmte und ich sie mit der Schulter aufdrücken musste. In der Küche saß Thorsten am Tisch, vor ihm eine leere Tasse, daneben ein Fotoalbum, das ich noch nie gesehen hatte. Als er mich sah, liefen ihm die Tränen übers Gesicht, ohne dass er einen Laut von sich gab.

„Du weißt es", sagte er.

Ich setzte mich ihm gegenüber. „Warum hast du mir nie von Marlene erzählt?"

Er erzählte. Stundenlang. Wie seine Eltern die Schwester vor die Tür gesetzt hatten, wie er als Siebzehnjähriger danebenstand und nichts sagte, wie er ihr das Verbot geschickt hatte, weil er Angst vor dem Vater hatte. Wie er sich jahrelang einredete, es sei besser so. Wie er bei ihrer Beerdigung war, heimlich, mit Sonnenbrille und Kapuze, weil er nicht wagte, als Bruder aufzutreten.

„Und Robert?" fragte ich.

„Er hat mir geschrieben", sagte Thorsten. „Dass Jule mich sehen will. Dass sie ein Recht auf ihre Tante hat. Aber ich hatte solche Angst, dass du mich verlässt, wenn du das erfährst. Also habe ich gelogen."

Da saßen wir, in der Küche, die Kaffeemaschine blubberte vor sich hin, draußen wurde es dunkel. Ich hörte Tilda und Jule im Garten lachen. Es klang wie ein einziges Mädchen.

Ich stand auf. Nicht um zu weinen, nicht um zu schreien. Ich ging ins Wohnzimmer, holte mein Tablet aus der Schublade, klappte es auf. Thorsten sah mir nach.

„Ich richte jetzt einen Dauerauftrag ein", sagte ich. „Hundertfünfzig Euro im Monat an Robert. Verwendungszweck: Für Jule. Bis sie achtzehn ist."

Thorsten stand auf, kam zu mir, die Hände hingen ihm schlaff an den Seiten. „Das sind achtzehntausend Euro."

„Ja", sagte ich. „Das ist die Hälfte dessen, was deine Familie ihr schuldet." Ich tippte die Daten ein, bestätigte mit einer TAN, die mein Handy mir anzeigte. Dann drehte ich den Bildschirm zu ihm.

Draußen, am Zaun, piepste Roberts Handy. Er zog es aus der Tasche, guckte auf den Bildschirm, dann zu unserem Fenster. Ich stand im Licht, das Tablet noch in der Hand. Er winkte nicht. Er drückte die Hand auf die Brust, als wäre dort ein Riss.

Dann rief er Jule. „Komm, wir müssen Tante Johanna und Onkel Thorsten danken."

Ich trat vom Fenster zurück. Thorsten legte mir eine Hand auf die Schulter. Diesmal zuckte ich nicht.

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