Die Wohnung in Leipzig-Plagwitz hatte einundvierzig Quadratmeter, zwei Zimmer, und im Treppenhaus roch es nach kaltem Rauch und dem Desinfektionsmittel, das die Hausverwaltung jeden Dienstag durch die Flure zog. Am Tag nach der Beerdigung stand ich in der Küche, in der ich aufgewachsen war, und zog die Kühlschranktür auf. Auf dem mittleren Rost stand ein Topf Soljanka, daneben ein gelber Zettel: „Für V., Donnerstag.“ Donnerstag war gestern. Mama war am Mittwoch gestorben.
Ich füllte die Suppe in eine Plastikdose, so wie sie es jeden Abend getan hatte. Zwanzig Jahre lang. Ich konnte nicht sagen, ob ich es für sie tat oder weil ich nicht wusste, wohin mit meinen Händen.
Als Kind hatte ich diese dritte Portion gehasst. Wir waren selbst arm. Meine Schuhe hatte ich mit silbernem Klebeband zusammengehalten, bis die Sohle sich löste. Mama machte jeden Abend drei Teller. Zwei stellte sie auf unseren abgewetzten Küchentisch, den größten füllte sie in eine Dose und trug ihn an den Zaun hinter dem Kleingarten. Dort lebte Volker in einem Verschlag aus Planen und alten Regalen. Wenn ich schrie, warum ein Fremder das beste Stück Fleisch bekam, wurde sie blass und sagte nur: „Er ist nicht irgendein Mann.“ Dann drehte sie sich zum Herd um.
Jetzt ging ich durch den Garten, vorbei an den Johannisbeersträuchern, die niemand mehr geschnitten hatte. Der Dackel von Frau Sommer aus dem Erdgeschoss kläffte, als ich das Gartentor aufstieß.
Der Verschlag war leer. Die Plane hing schief, der alte Sessel stand da wie immer. Daneben wartete ein sauberer VW Tiguan mit Leipziger Kennzeichen. Volker stand an der Beifahrertür. Er war rasiert, trug einen dunkelblauen Mantel, der nach Geld aussah, und in der Hand hatte er ein eingedrücktes Silbermedaillon.
„Ich bring dir das Essen“, sagte ich.
„Ich bin Volker“, sagte er. „Dein Onkel.“
Er legte mir das Medaillon in die Hand. Ich kannte es von einem Schwarzweißfoto, auf dem Mama als Kind einen viel zu großen Wintermantel trug. Das Medaillon hatte daran gehangen. Mama hatte behauptet, sie hätte es mit acht verloren.
„Ich habe es ihr gegeben, als sie klein war. Damit sie nie das Gefühl hat, allein zu sein.“
Dann erzählte er die Geschichte, die ich nicht kannte. Die Familie hatte ihn rausgeworfen, als er neunzehn war. Er hatte ein Armband von Tante Frieda genommen und verkauft, um Wolldecken zu kaufen. Der Winter war so kalt gewesen, dass die Fenster von innen gefroren waren. Dietmar, der ältere Bruder meiner Mutter, hatte daraus eine Waffe gemacht.
„Er hat deiner Mutter gedroht, sie beim Jugendamt als ungeeignet zu melden, wenn sie mich jemals in deine Nähe lässt. Sie hatte Angst, dich zu verlieren. Also durfte ich nicht ins Haus. Aber sie hat mir erlaubt, hinter dem Garten zu leben, und hat mir jeden Tag Essen gebracht.“
Die Plastikdose wurde in meinen Händen kalt. Ich kehrte ins Haus zurück, die Dose noch in der Hand.
Im Schlafzimmer unter dem Bett fand ich eine Leibniz-Keksdose. Unter dem doppelten Boden lagen Briefe, alle mit der Handschrift von Dietmar. Ein Satz war dreimal unterstrichen: „Wenn du den kranken Bruder auch nur einmal in die Wohnung lässt, sorge ich dafür, dass man dir das Kind wegnimmt.“
Ich hörte, wie jemand aufschloss. Dietmar stand im Flur, in einer Hand eine Papiertüte.
„Ich hole nur die Wertsachen“, sagte er. „Die Wohnung gehört jetzt mir.“
Er sah die Keksdose. Seine Hand schnellte vor. Ich stellte mich dazwischen.
„Fass sie nicht an.“
„Volker war nie ein Parasit“, sagte ich. „Du hast Mama zwanzig Jahre lang erpresst. Jedes Wort in diesen Briefen beweist es.“
Er lachte, kurz und trocken. „Du bist genauso naiv wie sie. Der Kerl gehört auf die Straße.“
Hinter ihm stand Tante Elke, den Autoschlüssel noch in der Hand. Sie hatte die letzten Sätze gehört.
„Dietmar, stimmt das?“
Er antwortete nicht sofort. Er sah zur Tür, als ob dort jemand stünde.
„Lüg nicht“, sagte Elke leiser. „Ich kenne deine Stimme, wenn du lügst.“
Da ließ er die Keksdose fallen. Das Medaillon rollte unter die Heizung. Er ging rückwärts zur Tür, stieß gegen Elke, die sich wegzog.
„Ihr habt keine Ahnung, was das für ein Mensch ist“, sagte er, aber niemand ging darauf ein.
Dann war er weg. Unten fiel die Haustür ins Schloss. Es roch nach kaltem Regen und den nassen Blättern, die er hereingetragen hatte.
Elke blieb noch einen Moment stehen. Dann legte sie die Autoschlüssel auf die Kommode und ging ohne ein weiteres Wort.
Ich holte Volker vom Garten. Er blieb an der Türschwelle stehen.
„Ich esse draußen. Das war immer so.“
Ich zog einen Stuhl heraus, stellte zwei Teller dampfender Soljanka auf Mamas abgewetzten Tisch. Dann griff ich in meine Jackentasche und legte einen neuen Schlüssel neben seinen Teller.
„Was ist das?“, fragte er.
„Der Schlüssel zu dieser Wohnung. Ich habe das Schloss wechseln lassen, als Dietmar weg war. Zweiundsechzig Euro in bar. Es gibt zwei Schlüssel. Einer gehört dir.“
Er nahm ihn nicht sofort. Er drehte ihn zwischen den Fingern, als wäre es ein fremder Gegenstand.
„Ich kann nicht …“, fing er an.
„Doch“, sagte ich. „Iss. Suppe wird kalt.“
Wir aßen eine Weile, ohne zu reden. Draußen quietschte die Linie 8 durch die Zschochersche Straße.
Da klingelte es. Dreimal kurz. Ich ging zur Tür, ohne zu überlegen. Durch den Spion sah ich Dietmar. Er hatte die Hand an der Klinke, in der anderen den alten Schlüssel.
Ich hörte, wie er aufschloss. Der Schlüssel drehte nicht. Er fluchte, rüttelte.
Ich lehnte die Stirn gegen das Holz und wartete, bis seine Schritte im Treppenhaus verklangen.
Dann setzte ich mich wieder. Volker hatte den Schlüssel in die Manteltasche gesteckt. Er schob mir den Brotkorb zu, als wäre er hier aufgewachsen.







