Verdammt, da stand sie nun. Wieder. Immer noch. Allein auf dem Monitor, das Gesicht der Morgenroutine von Millionen. Ihr Lachen füllte die Bildschirme, ihre Gesten saßen wie eine zweite Haut. Neben ihr ein neuer Typ, kaum älter als dreißig, der ihr die Stichworte zuflüsterte, als wäre er ihr Schüler. Ich schaltete den Ton leiser, obwohl nichts an ihrer Inszenierung lauter war als die Leere auf meinem Sessel. Zweieinhalb Meter weiter stand meiner, damals in Studio drei, aber das war zweieinhalb Leben her.
Es hatte mit einem Mittwoch angefangen, einem dieser verklatschten Berliner Wintertage, an denen der Spreetunnel nach Feierabend näher lag als jeder Gedanke an Karrieresprünge. Kathrin hatte zwei Tassen Kaffee für uns geholt, Milch und Zucker für mich, schwarz für sich. Das war unsere erste Moderation für den Regionalsender RBB. Sie war die Reporterin vom Außendienst, ich der studierte Moderator mit einem Gesicht, das Vertrauen erwecken sollte, ohne zu langweilen. „Du lässt mich morgens ins Ohr, ich rette dir nachmittags den Beitrag“, hatte sie gesagt. Und ich, naiv vor Selbstvertrauen, hatte geglaubt, wir würden es wirklich zusammen stemmen. Ein Duo. Ein eingespieltes Team, das sich die Bälle zuwarf, bis irgendwann der ganz große Sender anrief.
Zwölf Jahre später rief er an, aber nur für einen von uns.
Die Offerte vom ZDF kam an einem Freitag. Sie zeigte mir die Mail sofort – das muss man ihr lassen. „Morgenmagazin sucht Verstärkung“, stand da, und eine Summe, die uns beide für Wochen von jeder S-Bahnkontrolle befreit hätte. Ich gratulierte ihr mit einem Glas Sekt, das sie kaum anrührte. Der Anruf beim Senderchef kam dann nicht mehr freitags, sondern montags. Meine Teilnahme am Gespräch war nicht vorgesehen. „Strukturelle Neuausrichtung“ war die Worthülse, mit der man meinen Vertrag auslief, ohne ihn je auslaufen zu lassen.
Die Wahrheit war simpler: Sie hatte den Produzenten überzeugt, dass ein Gesicht allein besser wirke. Jünger. Dynamischer. Ohne den etwas behäbigen Mann an der Seite, der ihr die Pointen vorwegnahm. Ich erfuhr es von der Maskenbildnerin, die mir nach der letzten Sendung ein zerknülltes Taschentuch in die Hand drückte und sich sonst nichts zu sagen traute. Sie hatte meine Unterlagen schon am Vortag in einen Pappkarton gepackt, als wären es Reste eines Lebens, dessen Haltbarkeitsdatum überschritten war.
Die erste Zeit nach der Trennung betäubte ich mit Routinen: Jeden Morgen um zehn nach sechs saß ich trotzdem wach, notierte mir Fragen, die nie gestellt wurden, und sah zu, wie Kathrin meine alten Sätze mit ihrer eigenen Munterkeit aussprach. Der Kaffee schmeckte nach nichts. Meine Nachrichten an sie blieben auf „gelesen“, bis die zwei blauen Haken ebenso verschwanden wie unsere gemeinsame Vergangenheit. Im Fernsehen sprach sie über Authentizität und darüber, wie wichtig ihr wirkliche Verbindungen seien. Die Zuschauer glaubten ihr. Warum auch nicht? Ich hatte es auch getan.
Die Wut packte mich nicht sofort. Sie kroch langsam, wie ein Leck in der Gasleitung, und verdichtete sich um eine einzige Frage: Was war mit dem, was uns beiden gehört hatte? Nicht dem Applaus oder dem Publikum. Mit dem konkreten, kleingedruckten Besitz.
Unser „Projekt Morgenschimmer“ war einmal eine fixe Idee gewesen, aus der Kathrin und ich eine kleine Firma gemacht hatten – GbR, mit eigener Steuernummer und einem Geschäftskonto bei der Berliner Sparkasse. Von dort aus bezahlten wir Recherchereisen, Web-Hosting für unseren gemeinsamen Videoblog, den wir noch vor dem großen Senderdeal betrieben. Anfangs hatten wir beide eingezahlt, je zur Hälfte. Später, als meine Honorare stiegen, deckte ich den größeren Teil der laufenden Kosten. Ihr Argument damals: „Du verdienst mehr, lass uns solidarisch sein.“ Solidarisch. Ich hätte über das Wort lachen müssen, aber ich hatte das Konto über Jahre mit monatlichen Daueraufträgen gefüttert, insgesamt einunddreißigtausendachthundert Euro.
Die Firma war nur noch ein schlafendes Konstrukt. Der Blog lag brach. Aber das Konto existierte, und seit unserer Trennung hatte sie es nicht angetastet. Ich wusste das, weil ich noch immer die Umsatzanzeige auf meinem Handy eingerichtet hatte – ein Relikt aus den Tagen, als ich mich um die Steuererklärung kümmerte, während sie vor der Kamera strahlte.
An dem Morgen, als sie auf dem Bildschirm gerade ihren neuen Kollegen mit einem Insiderwitz über das S-Bahn-Chaos am Alexanderplatz zum Lachen brachte, griff ich zum Tablet und loggte mich ein. Kontostand: 12.340 Euro. Kein Vermögen, für Fernsehstars vielleicht Peanuts, aber meine Peanuts. Mein Geld aus jahrelangem Vorschuss, aus den stummen Stunden, in denen ich ihre Moderationen mit vorbereitenden Briefings unterfüttert hatte.
Draußen auf der Straße fuhr ein Linienbus mit ihrem Gesicht darauf vorbei – eine Werbekampagne für die neue Staffel. Der Bus hatte Verspätung, die Anzeige blinkte rot. Sie lächelte selbst auf Vinyl, für alle Fahrgäste, die in der Kälte von Charlottenburg darauf warteten, einzusteigen. Ich ließ die Jalousie herunter, tippte eine letzte Überweisung. Gesamtsumme abzüglich eiserner Reserve, Zielkonto mein privates. Der Vorgang dauerte drei Minuten, dann lud ich den Kontoauszug als PDF herunter und legte ihn in einen frisch beschrifteten Ordner mit der Aufschrift „GbR – Beendigung“.
Eine Stunde später klingelte mein Telefon. Ihre Nummer, die ich nie gelöscht hatte. Ich ging ran und sagte nichts, ließ nur das Atmen der Leitung füllen.
„Du hast das Konto leer geräumt.“ Kein Hallo, keine Vorrede. Ihre Fernsehstimme, doch ohne den hallenden Raumklang, der sie millionenfach trug. Nur eine Frau, die auf einen Bildschirm starrte, auf dem ihr Online-Banking mein Werk anzeigte.
„Zwölftausenddreihundertvierzig Euro“, sagte ich. „Mein Anteil der Einlagen. Dein Anteil war viertausend. Den habe ich dir als Dauerauftrag eingerichtet, beginnend nächsten Monat, in Raten von fünfhundert Euro. Reine Mathematik.“
Sie schwieg. Ich hörte, wie jemand im Hintergrund eine Kaffeetasse abstellte, vermutlich ihr neuer Partner, vielleicht auch nur ein Assistent, der auf das Ende des Gesprächs wartete. Dann ein leises „Okay“, so knapp, dass es eher ein Ausatmen war. Die Verbindung brach ab, oder sie legte auf.
Am nächsten Tag lief die Sendung wie immer, ihr Lachen zwei Sekunden zu lang, ihre Übergänge eine Spur zu glatt. Niemand merkte einen Unterschied. Aber als der Abspann über den Bildschirm flimmerte und die Danke-Liste die Namen aller Beteiligten auflistete, stand dort plötzlich ein Eintrag, den es Jahre nicht gegeben hatte: „Produktionsbüro Morgenschimmer – in Auflösung“. Sie musste es für diesen einen Tag einfügen lassen haben, einen stillen Hinweis darauf, dass die Firma, unsere Firma, nun wirklich gestorben war.
Ich schloss den Laptop, steckte den Ordner ins Regal neben die Steuerunterlagen und ging in die Küche, um frischen Kaffee aufzusetzen. Der schmeckte an diesem Vormittag nach mehr als nur Wasser und Bohnen. Nach einem letzten Schlussstrich, der nicht aus Rache bestand, sondern aus der simplen Tatsache, dass ich aufgehört hatte, für ihren Auftritt mitzubezahlen.







