Ich war nur wegen des Kuchens gekommen. Ehrlich gesagt, ich hatte an diesem Samstagabend im Juni keine große Lust, zu Hannelores Sechzigstem zu gehen. Mein Dackel Max hatte sich den Magen verdorben, und ich saß die halbe Nacht an seinem Körbchen. Aber dann roch ich den Holunder aus ihrem Garten über den Zaun, und ich dachte: Ein Stück Blechkuchen schadet nicht. Also zog ich mir die gute Bluse an, nahm Max an die Leine und ging durch die Lücke in der Hecke.
Hannelore wohnt neben mir, seit zwanzig Jahren, in einem Haus am Österberg, wo die Gärten steil zum Neckar hin abfallen. Ihre Terrasse war voller Lichterketten, über dem Holztisch hingen Glühbirnen in leeren Marmeladengläsern. Es roch nach Grillwurst und nach dem Flieder von der Mauer. Werner, ihr Mann, stand am Grill und winkte mir zu. „Frau Lehmann, setzen Sie sich! Es gibt noch Käsespätzle.“ Ich band Max an den Stuhl, legte ihm ein Stück Wurst hin und holte mir ein Glas Most.
Die Kinder, Miriam und Tobias, hatten eine weiße Leinwand an die Hauswand gehängt und einen Beamer aufgestellt. Miriam trug ein schwarzes Kleid, das zu eng war, Tobias hatte eine Fliege um den Hals, die schief saß. Sie wirkten aufgeregt, wie zwei Moderatoren vor einer Preisverleihung. „Wir haben eine Überraschung für Mama“, sagte Tobias und klopfte mit dem Finger auf das Mikrofon. Ein paar Gäste klatschten. Ich sah zu Hannelore. Sie saß auf dem Stuhl neben Werner, hatte die Hände im Schoß gefaltet und trug ein hellblaues Tuch um die Schultern. Ihre Augen gingen hin und her, als würde sie etwas suchen.
Dann ging das Licht aus. Nur die Lichterketten flackerten noch. Der Beamer summte. Auf der Leinwand erschien ein Foto: Hannelore als junge Frau, mit Turmfrisur und einem Blumenstrauß. Dann die Kinder als Babys, ein Urlaub an der Ostsee, ein Fußballspiel. Das war noch schön. Ich hörte, wie jemand „Ach!“ machte. Hannelore schaute zu Werner. Ihre Mundwinkel zogen sich nach oben, und sie drückte Werners Hand.
Dann wechselte das Bild. Ein kurzes Video: Hannelore im Bademantel, wie sie auf dem Flur auf und ab geht und ihre Schlüssel sucht. Im Hintergrund lief eine alberne Detektivmusik. Tobias’ Stimme aus dem Off: „Fall Nummer eins: Die tägliche Jagd nach dem Schlüssel.“ Die Gäste lachten, zuerst höflich, dann lauter. Ich schaute zu Hannelore. Sie hatte die Augen auf die Leinwand gerichtet, ihre Finger umklammerten die Armlehne. Werner stand halb auf. „Das reicht jetzt“, sagte er. Miriam winkte ab. „Papa, das ist doch lustig. Warte, kommt noch besser.“
Ich sah mir die anderen Gäste an. Eine Frau aus der Nachbarschaft, Frau Krämer, schüttelte kaum merklich den Kopf. Herr Bender, der früher bei der Sparkasse war, trank sein Bier in einem Zug aus. Die Stimmung kippte, aber niemand sagte etwas. Ich streichelte Max, der unter meinem Stuhl eingeschlafen war.
Dann kam das letzte Video. Hannelore saß auf der Bettkante, in ihrem Schlafzimmer, und weinte. Man sah es an ihren Schultern, die zuckten, an den Händen, die das Kissen zerknüllten. Der Ton war schlecht, aber man hörte ein Schluchzen. Darüber stand in großen weißen Buchstaben: „Wenn Mama entdeckt, dass jemand ohne ihre Hilfe zurechtkommt.“ Miriam lachte. Es war ein kurzes, helles Lachen, das sofort erstarb, weil sonst niemand mitlachte. Ich spürte, wie mir der Kuchenbissen im Hals stecken blieb. Max hob den Kopf.
Hannelore stand auf. „Macht das aus“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, aber ich sah, dass ihre Beine zitterten. Tobias hob eine Hand. „Moment, es kommt noch der Abspann.“ Hannelore ging an ihm vorbei, ins Haus. Werner folgte ihr. An der Glastür drehte er sich um und sagte: „Ihr habt sie gedemütigt. Vor allen Leuten.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.
Ich blieb sitzen. Nicht, weil ich neugierig war, sondern weil ich nicht wusste, wohin mit mir. Mein Dackel hatte sich endlich beruhigt und schnarchte. Die anderen Gäste räumten still ihre Teller zusammen. Miriam stand mit verschränkten Armen da und sah auf die Leinwand, auf der jetzt ein Standbild von Hannelore beim Fernseher zu sehen war, der Mund halb offen. Tobias zog an seiner Fliege. „Das war ein Scherz“, sagte er zu niemandem. Frau Krämer zischte: „Ein Scherz ist was anderes.“ Dann nahm sie ihre Handtasche und ging.
Ich half Werner, die Gläser einzusammeln. Er sagte nichts, aber seine Hände zitterten, als er die Reste in den Müll kratzte. „Soll ich bleiben?“, fragte ich. Er schüttelte den Kopf. „Gehen Sie ruhig, Frau Lehmann. Wir brauchen Zeit.“ Ich band Max los. An der Hecke blieb ich kurz stehen und sah zurück. Im Wohnzimmer brannte Licht. Hannelore saß am Tisch, den Kopf auf die Arme gelegt. Miriam stand vor ihr und redete mit ausladenden Bewegungen. Ich hörte nur Fetzen: „übertreibst“, „alle haben gelacht“, „dann hilfst du uns eben nicht mehr“. Ich zog Max nach Hause.
In der Nacht hörte ich durch die Wand, wie bei Hannelore eine Tür knallte. Dann nichts mehr. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, weil Max raus musste. Als ich an ihrem Haus vorbeiging, sah ich, dass der Beamer noch draußen stand, der Tau hatte die Leinwand nass gemacht. Auf der Terrasse lag eine zerknüllte Serviette. Ich hob sie auf, warf sie in die Mülltonne.
In den folgenden Wochen veränderte sich etwas. Hannelore war kaum noch im Garten. Ihr Auto stand oft nicht vor dem Haus. Einmal traf ich sie an der Bushaltestelle, sie hatte einen Rucksack um und eine Kamera in der Hand. „Ich mache einen Fotokurs in der Altstadt“, sagte sie. „Am Dienstag und Freitag.“ Sie wirkte nicht traurig, eher irgendwie wach. Ich fragte nicht nach den Kindern. Sie erzählte von einer Fahrt nach Konstanz, von einem Spaziergang am See. Einmal sagte sie am Zaun: „Wissen Sie, Frau Lehmann, ich habe immer gedacht, ich muss für alle da sein. Jetzt bin ich mal für mich da.“ Dann gab sie mir ein Rezept für Rhabarberkuchen.
Miriam und Tobias kamen in dieser Zeit nur einmal. Ich sah sie von meinem Küchenfenster aus, wie sie vor der Haustür standen und klingelten. Hannelore machte nicht auf. Tobias trat gegen den Türstock. Miriam rief: „Mama, das ist kindisch!“ Dann stiegen sie ins Auto und fuhren davon. Ich spülte mein Glas aus und dachte: Manche Türen muss man eben eine Weile zu lassen.
Vor zwei Wochen, ich weiß es noch genau, weil ich gerade die Geranien goss, hielt ein Auto vor dem Haus. Es war ein Freitag, gegen fünf Uhr nachmittags. Miriam stieg aus, allein. Sie trug eine Jeans und eine grüne Jacke, keinen Make-up-Strich im Gesicht. In der Hand hatte sie etwas Kleines, Schwarzes. Ein USB-Stick, erkannte ich, weil mein Enkel mir mal so einen geschenkt hat, mit einem Plastikgehäuse. Sie drückte auf die Klingel. Ich stellte die Gießkanne ab und wischte mir die Hände an der Schürze. Durch das offene Fenster konnte ich hören, wie die Tür aufging.
„Kann ich reinkommen?“, fragte Miriam. „Nur kurz.“ Hannelore muss kurz den Kopf gesenkt und wieder gehoben haben, denn ich hörte Schritte auf dem Flur. Dann war es eine Weile ruhig. Ich goss weiter, aber ich hörte mit halbem Ohr hin. Max lag auf der Terrasse und knurrte eine Fliege an.
Dann, nach ein paar Minuten, kam Hannelore aus dem Haus, in der Hand eine kleine Metallkiste, so eine, in der man früher Fotos aufbewahrt hat. Sie stellte sie auf den Gartentisch und setzte sich. Miriam setzte sich ihr gegenüber. Der Stick lag zwischen ihnen. „Das ist die letzte Kopie“, sagte Miriam. „Ich habe alles gelöscht, auf meinem Laptop, auf Tobias’ Handy, überall.“ Hannelore sah auf den Stick. „Du kannst nicht löschen, wie ich mich gefühlt habe.“ Ihre Stimme war fest, nicht vorwurfsvoll. Miriam schluckte. „Ich weiß.“ Dann begann sie zu weinen, die Tränen liefen ihr übers Gesicht, und sie wischte sie mit dem Ärmel ab, wie ein Kind.
Hannelore beugte sich vor, nicht um sie zu trösten, sondern um die Kiste zu öffnen. Sie hatte einen kleinen Schlüssel an einem Band um den Hals. Er glitt ihr aus den Fingern und fiel in die Pflasterritzen neben dem Tisch. Ich war schon halb über den Zaun gelehnt, als sie danach griff, aber ich blieb stehen, wo ich war. Sie fand ihn, steckte ihn ins Schloss, drehte. Das Kistenschloss machte ein leises Klicken. Sie legte den USB-Stick hinein, schloss wieder und hängte sich den Schlüssel um. „Ich bewahre ihn auf“, sagte sie. „Nicht als Beweis. Als Erinnerung daran, dass ich nicht mehr jedem Problem hinterherrennen muss.“
Miriam weinte jetzt lauter. „Es tut mir leid, Mama. Es tut mir wirklich leid.“ Hannelore stand auf. „Ich weiß, dass es dir leid tut. Aber ein ‚Es tut mir leid‘ löscht keinen Abend, an dem du mich vor zwanzig Leuten vorgeführt hast.“ Miriam bewegte den Kopf auf und ab, ganz mechanisch. Dann stand auch sie auf. „Darf ich … darf ich dich mal wieder anrufen? Nicht wegen Geld oder so. Nur so.“ Hannelore betrachtete die Metallkiste, die jetzt auf dem Tisch stand, zwischen den Geranientöpfen. „Ja“, sagte sie. „Aber wenn du mich wieder so behandelst, bin ich weg. Und dann hilft dir keiner mehr.“ Miriam griff nach ihrer Jacke. „Danke“, murmelte sie. Dann ging sie. Hannelore blieb sitzen, bis das Auto wegfuhr. Ich stellte meine Gießkanne ab. Max wedelte mit dem Schwanz.
Am nächsten Morgen sah ich Hannelore im Garten. Sie trug einen Strohhut und pflanzte Salat. Neben ihr stand die Metallkiste, halb verdeckt von einem Salatkopf. Ich hob die Hand zum Gruß. Sie rief: „Frau Lehmann, kommen Sie auf einen Kaffee rüber!“ Ich zögerte kurz, dann ging ich durch die Hecke. Der Kaffee war stark, und der Kuchen vom Vortag schmeckte noch besser. Hannelore erzählte von ihrem nächsten Fotokurs, von einer geplanten Reise nach Heidelberg. Sie lachte viel. Ich fragte nicht nach Miriam. Sie erwähnte sie auch nicht.
Als ich am Abend wieder zu Hause war, saß Max vor der Tür und winselte. Ich ließ ihn rein. Er trug etwas zwischen den Zähnen: einen kleinen, silbernen Schlüssel. Er musste ihn im Gras gefunden haben, unter dem Tisch bei Hannelore. Ich nahm ihn an mich und wog ihn in der Hand. Dann ging ich zur Hecke und rief: „Hannelore, ich hab was für Sie!“ Sie kam an den Zaun. Ich streckte die Hand durch die Zweige. „Ihr Schlüssel. Max hat ihn gefunden.“ Hannelore nahm ihn, drehte ihn zwischen den Fingern. „Dann passen Sie mal auf, dass er nicht auch noch die Kiste findet“, sagte sie und lachte. Ich lachte mit. Dann gingen wir beide ins Haus.
Ich weiß nicht, wie die Geschichte ausgeht. Ich weiß nur, dass ich an dem Abend, als die Lichter ausgingen, gesehen habe, wie eine Frau aufstand und ging, ohne sich umzudrehen. Und ich weiß, dass sie heute ihren Salat pflanzt und ihren Kaffee trinkt und ihren Schlüssel um den Hals trägt. Manchmal ist das genug.







