Räum dein Atelier frei – sie packte den Koffer

Daniel stand in der Tür zum Arbeitszimmer, das Handy in der Hand, und wippte von den Zehen auf die Fersen. „Am Sonntag kommt Torsten mit Katrin. Die ziehen bei uns ein. Dauerhaft. Ich hab schon zugesagt. Du räumst dein Atelier frei."

Lena legte den Pinsel ab. Vor ihr auf der Staffelei stand ein halb fertiges Aquarell – ein Buchcover für einen Leipziger Kleinverlag, an dem sie seit zwei Wochen arbeitete. Schicht um Schicht. Die Farbe musste zwischen jeder Lage trocknen, genau temperiert, genau getaktet. Der Raum war ihr Arbeitsplatz, ihre Ruhe, das Einzige, was in dieser Ehe noch ihr allein gehörte.

„Daniel. Wer zieht wohin?"

„Torsten und Katrin. Die müssen aus ihrer Wohnung raus, Eigenbedarf. Wo sollen sie hin? Wir haben vier Zimmer. Du brauchst doch nicht eins nur für die Malerei."

Er sprach das Wort „Malerei" aus, als rede er über ein Hobby, das man auch auf dem Küchentisch ausüben kann.

„Und wie lange bleiben die?"

„Keine Ahnung. Bis sie was Eigenes gefunden haben. Halbes Jahr, vielleicht ein Jahr. Ist doch egal, es ist Familie."

Lena wischte die Hände an einem Lappen ab. In ihrem Bauch zog sich etwas zusammen, aber das Gesicht blieb ruhig. Zu ruhig.

„Das ist mein Atelier. Hier arbeite ich. Hier entstehen meine Aufträge. Die Hälfte unseres Haushaltsgeldes kommt aus diesem Zimmer. Das weißt du."

„Ach, fang nicht wieder damit an." Daniel verzog das Gesicht. „Deine paar Euro für die Bildchen. Torsten wird ordentlich verdienen, sobald er den neuen Job hat. Und du kannst am Küchentisch weiterpinseln."

Lena sah ihn an. Zehn Jahre. Zehn Jahre hatte sie sich verbogen, zurückgesteckt, Konflikte geglättet. Und jetzt das. Ihr Raum, ihre Arbeit, ihre Würde – einfach wegzugeben an den ersten, der die Hand aufhält.

„Hast du mich eigentlich gefragt?"

„Was soll ich fragen? Du bist doch die Großzügige. Du sagst doch immer, man muss der Familie helfen."

„Helfen ja. Aber nicht verschenken."

Er hörte den Unterschied nicht. Er winkte ab und ging ins Wohnzimmer, zur Sportschau. Für ihn war das Gespräch beendet. Er hatte ihr Schweigen als Zustimmung verbucht.

Lena blieb an der Staffelei stehen. Die Frau auf dem Papier hatte müde Augen, aber lebendige. Sie dachte an den Satz ihrer Großmutter: „Sei großzügig, aber lass dich nicht auffressen." Ihre Großmutter hatte ihr das Geld für die Wohnung hinterlassen. Genauer: zwei Drittel der Anzahlung.

Lena setzte sich an den Laptop und begann zu suchen. Sie hatte nie etwas weggeworfen. Nicht aus Misstrauen, sondern aus Ordnung. Der Kaufvertrag. Der Nachweis, woher das Geld für die Anzahlung stammte. Das Testament der Großmutter. Der Übergabevermerk der Bank.

Während Daniel im Wohnzimmer den Rasen beobachtete, fotografierte sie jedes Dokument, lud alles in eine verschlüsselte Cloud und schrieb ihrer alten Bekannten eine Nachricht. Eine Fachanwältin für Familienrecht. Sie hatten sich vor Jahren bei einer Buchmesse kennengelernt.

„Kann ich nächste Woche vorbeikommen? Ich brauche eine Einschätzung."

Das war keine Rache. Das war Vorbereitung.

Am Sonntag kamen Torsten und Katrin. Drei Koffer, sechs Umzugskartons und die Attitüde von Leuten, die genau wissen, dass man sie mit offenen Armen erwartet. Katrin marschierte durch die Wohnung, prüfte jedes Zimmer und blieb vor der Tür des Ateliers stehen.

„Ah, das Nordlicht hier ist ja wunderbar. Daniel hat gesagt, hier wird nur gemalt. Wir brauchen die große Fläche für unsere Möbel. Lena, du hast doch nichts dagegen, die Sachen in den Keller zu räumen?"

Lena trat in die Tür. Hinter ihr: Aquarelle, Pinsel, das halb fertige Buchcover, der Geruch von Gummi arabicum und feuchtem Papier.

„Doch. Das hier ist mein Arbeitszimmer. Das Gästezimmer ist das am Ende des Flurs. Mit Schrank und Schlafsofa. Richtet euch dort ein."

Katrin zog die Augenbrauen hoch und sah zu Daniel. Der kam näher, legte Lena die Hand an den Ellbogen und zischte: „Lena, die sind zwölf Stunden gefahren. Stell dich nicht so an. Mach das Zimmer frei, ist doch nur vorübergehend."

„Eben nicht." Lenas Stimme war fest. „Es ist mein Arbeitsplatz. Das Gästezimmer steht bereit. Das ist kein Verhandlungsthema."

Torsten schnaufte durch die Nase. Katrin presste die Lippen zusammen. Am ersten Tag stritten sie nicht weiter. Sie räumten ihre Sachen ins kleine Zimmer, und schon am Abend standen fremde Töpfe in der Küche, fremde Schuhe im Flur, und aus dem Gästezimmer roch es nach Katrins Duftkerzen.

Lena beobachtete das mit einem Gefühl, das sie selbst überraschte. Keine Wut. Eher: Klarheit. Sie wusste, dass der eigentliche Test noch bevorstand.

Er kam schneller als gedacht.

Nach drei Tagen hatte Katrin die Badezimmerablage in Beschlag genommen, ihre Kosmetika auf jede freie Fläche verteilt und das Handtuchregal neu sortiert. Beim Frühstück fragte sie, was Lena heute kochen werde. Probierte, runzelte die Stirn. „Zu wenig Salz. Und die Zwiebeln hätte ich länger angebraten. Aber nett gemeint."

Daniel grunzte zustimmend. Torsten schaute auf sein Handy. Lena nahm sich vor, nichts zu sagen. Nicht jetzt. Nicht so.

Am nächsten Morgen deckte sie den Tisch für zwei Personen. Katrin kam in die Küche, sah die zwei Teller und blieb stehen.

„Und wir?"

„Ihr kocht selbst. Die Küche ist frei von zwölf bis eins und von sieben bis acht. Eure Sachen liegen auf der unteren Ablage. Ich hab euch das Nötigste eingekauft. Den Rest regelt ihr ab jetzt selbst."

Katrin schnappte nach Luft. „Daniel! Hörst du, wie deine Frau mit mir redet?"

Daniel kam in die Küche, die Haare noch nass vom Duschen. „Lena, was soll das? Die sind Gäste."

„Gäste bleiben ein Wochenende. Die hier wohnen. Wer wohnt, kocht."

Sie nahm ihren Teller und ging ins Atelier. Hinter ihr fiel die Tür ins Schloss – und sie drehte den Schlüssel um. Durch die Wand hörte sie Katrins aufgeregte Stimme und Daniels Beruhigungsversuche, die mehr nach Rückzug klangen als nach Überzeugung.

Die Woche darauf kam der Moment, nach dem nichts mehr war wie vorher. Lena hatte Brot und Milch gekauft, und als sie die Wohnungstür aufschloss, wusste sie sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Tür zum Atelier stand einen Spalt offen. Sie hatte abgeschlossen. Der Ersatzschlüssel aus der Garderobenschublade war weg.

Sie trat ein. Auf ihrem Arbeitstisch stapelten sich Katrins Kleider. Das Buchcover war von der Staffelei genommen und gegen die Wand gelehnt. Eine Ecke hatte sich eingedellt, die noch feuchte Farbe war verschmiert.

„Oh, Lena, du bist zurück." Katrin sah aus, als hätte sie einen Kuchen gebacken. „Ich hab nur kurz die Kleider aufgehängt, unser Schrank ist so winzig. Du arbeitest ja gerade nicht."

Lena nahm das Aquarell in beide Hände. Ein Fingerabdruck, genau auf dem Gesicht der Hauptfigur. Zwei Wochen Arbeit beschädigt. Nicht zerstört, aber sie würde das Blatt abziehen und den Himmel neu malen müssen.

„Katrin. Wer hat mein Bild von der Staffelei genommen?"

„Na ich. Was ist denn dabei? Es stand doch nur rum."

„Es stand nicht rum. Es trocknet. Das ist ein Auftrag. Für den ich Vorschuss bekommen habe. Von dem Geld hab ich übrigens das Wasser bezahlt, mit dem du heute Morgen geduscht hast."

Katrin zuckte mit den Schultern. „Dann mal es eben noch mal. Ist doch nur ein Bild."

Lena antwortete nicht. Sie nahm alle Kleider vom Tisch, trug sie ins Gästezimmer, legte sie in einem Stapel aufs Schlafsofa. Ohne Eile. Ohne Knall. Jede Bewegung präzise.

„Daniel!" Katrins Stimme schrillte durch den Flur. „Sie fasst meine Sachen an!"

Daniel kam aus dem Wohnzimmer. Er sah die offene Ateliertür, das ramponierte Aquarell, Katrins Gesichtsausdruck. Und er tat, was er immer tat.

„Lena, das ist doch albern. Sie hat zwei Kleider aufgehängt. Du kannst wirklich mal locker lassen."

„Ich kann viel. Aber nicht zusehen, wie meine Arbeit zerstört wird."

„Jetzt übertreibst du wieder. Die paar Bildchen."

Da war es. „Bildchen". Wie etwas, das Kinder mit Wasserfarben anmalen und an den Kühlschrank hängen.

Lena stellte das beschädigte Blatt auf den Flur, drehte sich zu ihrem Mann um. „Sag das noch mal."

„Was?"

„Bildchen. Sag es noch mal."

Er schwieg. Nach all dem Geschrei schien er zu spüren, dass der Boden unter ihm dünn wird.

„Nein? Gut. Dann hör jetzt zu, Daniel. Diese Wohnung gehört uns gemeinsam. Aber die Anzahlung – die kam zum größten Teil von meiner Großmutter. Zweihundertzweiundzwanzigtausend Euro. Davon habe ich einhundertfünfzigtausend beigesteuert. Das Testament, die Überweisung, der Kaufvertrag – alles dokumentiert."

Daniel blinzelte. „Warum erzählst du mir das?"

„Weil ich beim Anwalt war. Bei einer Scheidung wird meine Quote separat bewertet. Entweder du zahlst mich aus – oder die Wohnung wird verkauft. Du hast also zwei Möglichkeiten. Aber was du nicht hast, ist das Recht, über mein Atelier zu verfügen."

Im Flur wurde es leise. Torsten, der hinter der Küchentür gelauscht hatte, trat mit offenem Mund heraus. Katrin sah aus, als hätte ihr jemand den Stuhl unterm Hintern weggezogen.

„Daniel. Was redet die da? Verkauf? Wir sind doch gerade erst eingezogen!"

„Halt den Mund, Katrin." Daniels Stimme kippte.

Torsten fuhr seinen Bruder an: „Du hast gesagt, alles ist geregelt! Dass deine Frau einverstanden ist! Du hast uns hierher gelotst!"

Katrin fiel ein: „Wir haben unsere alte Wohnung aufgegeben! Wo sollen wir jetzt hin?"

Und auf einmal war Lena nicht mehr das Ziel. Die drei stritten, schrien, zeigten mit Fingern. Sie zog ihre Jacke an, nahm den Schlüsselbund und ging zur Tür. Im Treppenhaus roch es nach Bohnerwachs. Die Nachbarn von gegenüber hatten einen Hund, der durch die Tür winselte, als er sie hörte.

Lena fuhr die Treppe hinunter. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Die Wohnung ihrer Großmutter lag im vierten Stock eines sanierten Altbaus in der Südvorstadt. Die Wände waren noch genauso kalkweiß gestrichen wie vor zwanzig Jahren, im Flur stand der alte Schrank aus den sechziger Jahren, und die Fenster gingen zum Innenhof, wo die Kastanien schon die ersten gelben Blätter zeigten. Lena schloss auf, stellte ihren Koffer ab und setzte sich an den Küchentisch. Sie atmete. Einmal. Zweimal. Der Wasserkessel summte.

Sie hatte das Gefühl, nach all den Jahren endlich wieder klar zu sehen.

Zwei Wochen später rief Daniel an. Seine Stimme klang weich, so wie früher, wenn er etwas wollte.

„Lena. Torsten und Katrin sind ausgezogen. Gestern. Zurück zu Katrins Eltern."

„Das freut mich für euch."

„Komm nach Hause. Wir schaffen das."

Lena stand am Fenster. Unten auf dem Spielplatz schaukelte ein Kind, die Mutter schob an, das Quietschen der Kette war bis in den vierten Stock zu hören.

„Daniel. Nach Hause wohin? Zu dir? In eine Wohnung, in der mein Atelier verhandelbar war?"

„Ich hab verstanden. Ehrlich. Ich war blind."

„Du hast nur verstanden, dass es teuer wird. Das ist nicht dasselbe."

Schweigen in der Leitung. Dann, leise: „Was willst du?"

„Die Scheidung. Sauber und sachlich. Die Wohnung wird bewertet, du zahlst meine Quote oder wir verkaufen. Es gibt nichts zu verhandeln. Die Dokumente liegen bereit."

„Lena, denk nach. Zehn Jahre."

„Die habe ich schon durchdacht. Jede einzelne Nacht."

Sie legte auf.

Die Scheidung dauerte vier Monate. Daniel versuchte zuerst zu mauern, dann zu feilschen. Aber die Zahlen standen schwarz auf weiß in den Unterlagen. Einhundertfünfzigtausend Euro plus Wertsteigerung. Die Wohnung war inzwischen mehr wert. Am Ende einigte man sich auf zweihundertachtundsiebzigtausend – Daniels Anteil, abzüglich des Kredits, den die Bank ihm nur zögernd gab.

Er musste die Wohnung behalten. Aber er musste auch zahlen.

Lena eröffnete ein Konto bei der Sparkasse Leipzig. Den ersten Dauerauftrag richtete sie nicht sofort ein – die Überweisung kam als Einmalbetrag, mit dem Vermerk „Ausgleichsleistung laut Scheidungsfolgenvereinbarung vom 17. März". Sie setzte sich im Café Riquet an den Tisch am Fenster, das Buch mit den roten Bilanzen vor sich aufgeschlagen, und bestellte einen Kaffee. Der Kellner kannte sie inzwischen. „Wie immer? Doppelter Espresso, ein Glas Wasser, keine Milch?"

„Genau."

Am Nachmittag unterschrieb sie den Mietvertrag für ein Atelier in der Baumwollspinnerei. Hundertzwanzig Quadratmeter, Nordlicht, siebenhundertvierzig Euro kalt. Die Kaution überwies sie am selben Tag.

Sechs Monate später saß ihre alte Freundin Beate auf einem Klappstuhl im neuen Atelier, trank grünen Tee aus einem angeschlagenen Becher und sah zu, wie Lena ein neues Cover aufspannte.

„Du wirkst anders. Jünger, irgendwie."

„Ich fühle mich auch anders." Lena zog das Papier mit der Hand glatt und befestigte es mit Klebeband an der Platte. „Weißt du, was ich bereue?"

„Was?"

„Dass ich zehn Jahre gebraucht habe, um zu merken, dass ich niemanden um Erlaubnis fragen muss, wenn ich einen Raum für mich will."

Beate sah sie an. „Eine Wohnung allein ist auch nicht billig."

„Stimmt. Aber ich schlafe wieder durch. Und ich muss morgens nicht mehr überlegen, ob jemand mein Atelier für seine Klamotten braucht."

Die Tür zum Atelier stand offen. Draußen klapperte jemand mit einer Sackkarre, irgendwo in der Baumwollspinnerei surrte eine große Druckmaschine. Auf dem Tisch lag der Vertrag über den Atelierkauf, den Lena am Vorabend durchgelesen hatte. Sie würde nicht mehr mieten. Sie würde kaufen. Die Eigentumswohnung für das Atelier war reserviert, Anzahlung: dreißig Prozent. Der Notartermin stand für Donnerstag, elf Uhr.

Als sie an jenem Donnerstag aus der Kanzlei trat, die Urkunde in einer Mappe unter dem Arm, bemerkte sie den Schlüsselbund. Der Schlüssel zu Daniels Wohnung steckte noch daran. Sie hatte vergessen, ihn zurückzugeben.

Sie zog ihn ab und warf ihn in den nächsten Briefkasten – ohne Umschlag, einfach so, den Bart nach unten. Er fiel mit einem leisen Klappern.

Der Weg zur Straßenbahn führte am Kanal entlang. Die Weiden hingen tief übers Wasser, und ein Graureiher stand reglos im Uferschlamm. Die Bahn der Linie 14 kam in sieben Minuten.

Lena fuhr nach Hause. In ihre Wohnung, in ihr Atelier, in den Rest des Tages, der nur ihr gehörte.

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