Ich arbeite seit elf Jahren im „Goldenen Hahn“ in Aachen, einem Gasthaus mit karierten Tischdecken, einer Theke aus dunklem Holz und einem Kater namens August, der jeden Abend auf der Fensterbank neben dem Eingang liegt. Im November, wenn die Tage kurz werden und die ersten Printen in den Bäckereien auf dem Münsterplatz liegen, kommen viele Stammgäste nach dem Einkaufen auf einen Glühwein vorbei. An einem Donnerstag rief eine ältere Frau an, um für den übernächsten Samstag einen Tisch für acht Personen zu reservieren. Sie sagte, es sei ihr Geburtstag, und sie wolle mit ihren Kindern und Enkelkindern feiern. Ich notierte: „Tisch für acht, Samstag, 19 Uhr, langer Tisch, Kerze aufstellen.“ Sie fragte, ob wir auch einen Hochstuhl für das kleinste Enkelkind hätten. „Natürlich“, sagte ich, „stellen wir bereit.“ Ihre Stimme klang hell, fast wie bei einem jungen Mädchen, das eine Überraschung plant.
Am Samstag deckten wir den Tisch. Weiße Leinenservietten, Gläser für Weißwein und Wasser, eine kleine Vase mit roten Nelken. Der Hochstuhl stand daneben. Um sieben Uhr war alles fertig. Um halb acht kam niemand. Um acht rief die Frau an. Ich erkannte ihre Stimme. „Ich muss leider stornieren“, sagte sie. „Es ist etwas dazwischengekommen.“ Ich fragte, ob wir den Tisch für später halten sollten. „Nein, danke. Es wird heute nichts mehr.“ Sie legte auf. Ich sah auf den leeren Tisch. Die Kerze stand da, unangezündet. Ich trug die Teller zurück in die Küche und dachte an meine eigene Mutter in Duisburg, die ich seit Wochen nicht angerufen hatte.
Gegen neun kam eine Frau allein herein. Sie trug eine grüne Bluse, die ihr zu weit war, und Ohrringe mit kleinen Perlen. Sie setzte sich an einen Zweiertisch am Fenster, nicht an den reservierten Tisch. Sie bestellte eine Kanne Tee. Ich brachte ihr den Tee und legte ein Stück Butterkuchen dazu, das ich ihr nicht berechnete. Sie bedankte sich, ließ den Kuchen aber unberührt. Ihr Handy lag vor ihr auf dem Tisch, mit dem Display nach oben. Immer wieder schaute sie darauf, als wartete sie auf eine Nachricht. Es kam keine. Um halb zehn zahlte sie und ging. Draußen vor dem Fenster blieb sie kurz stehen, suchte in ihrer Handtasche, zog einen Schal heraus, wickelte ihn sich um den Hals und ging die Straße hinunter in Richtung Dom.
Zwei Wochen später kam sie wieder. Sie setzte sich an denselben Tisch am Fenster und bestellte einen Kaffee. Ich fragte, ob alles in Ordnung sei. Sie erzählte mir, dass ihre Kinder an ihrem Geburtstag alle abgesagt hatten. Die Tochter hatte Theaterkarten, der älteste Sohn wollte nicht zwei Stunden fahren, der jüngste sagte wegen eines Fußballspiels des Enkels ab. „Ich habe den Abend zu Hause verbracht“, sagte sie. „Mit einer Flasche Riesling, die ich seit drei Jahren aufgehoben hatte.“ Sie lachte kurz, aber es klang hohl. Dann berichtete sie, dass ihre Schwester in Stralsund sie angerufen und eingeladen hatte. „Ich bin im Dezember für einen Monat zu ihr gefahren. Das erste Mal, dass ich nicht sofort abgesagt habe, weil jemand aus der Familie etwas brauchen könnte.“ Sie schob ihre Tasse zur Seite. „Wissen Sie, ich habe immer gedacht, meine Kinder brauchen mich. Aber an diesem Abend ist mir klargeworden, dass sie sich darauf verlassen, dass ich immer verfügbar bin, aber sie kommen nicht, wenn ich sie brauche.“ Sie sagte das ohne Bitterkeit, als erkläre sie die Preise auf der Speisekarte.
Ich fragte, ob sie jetzt öfter unterwegs sei. Sie erzählte, dass sie sich zu organisierten Tagesfahrten angemeldet hatte. „Letzte Woche war ich in Monschau, nächsten Monat fahre ich nach Cochem an die Mosel.“ Sie machte ihre Handtasche auf und zog einen kleinen Kalender heraus. Mit blauer Tinte hatte sie Termine eingetragen. Unter dem 14. Mai stand: „Geburtstagsessen – Tisch für vier.“ Sie tippte mit dem Finger darauf. „Nicht mehr für acht. Nur für die, die wirklich kommen.“ Sie zahlte und ließ zwei Euro Trinkgeld liegen.
Drei Monate später, an einem Sonntag im April, kam die Frau wieder, diesmal mit drei Erwachsenen. Sie setzten sich an einen Tisch für vier in der Ecke. Ich bediente sie. Die Tochter, eine Frau um die fünfzig mit kurzen Haaren, beugte sich mehrmals vor und entschuldigte sich bei ihrer Mutter. Der älteste Sohn, ein Mann mit grauen Schläfen, hatte die Speisekarte auf dem Tisch liegen und starrte darauf, als könnte er sich nicht entscheiden – nein, er starrte nicht, er blätterte die Seiten um, ohne etwas zu bestellen. Der jüngste Sohn, sportlich gekleidet, saß am Rand und trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Ich hörte, wie die Mutter sagte: „Ich verlange nicht, dass ihr alles stehen und liegen lasst. Aber ich möchte, dass ihr versteht, dass mein Kalender nicht mehr automatisch frei ist, nur weil ihr vielleicht anruft.“ Die Tochter legte ihre Hand auf die Tischdecke und sagte: „Wir haben es begriffen, Mama. Beim nächsten Mal sind wir da.“ Der jüngste Sohn schob einen kleinen Umschlag über den Tisch – ein Gutschein für eine gemeinsame Fahrt nach Berlin, wie ich später am Nebentisch aufschnappte. Die Mutter nahm den Umschlag, drehte ihn in den Händen und steckte ihn in ihre Tasche. Ihre Schultern senkten sich ein Stück.
Nach dem Essen, als die Kinder gegangen waren, kam sie zu mir an die Theke. „Ich habe heute einen Tisch für meinen Geburtstag im Mai reserviert“, sagte sie. „Für vier Personen. Und ich habe die Reise nach Rügen gebucht, für eine Woche im Juni. Die Anzahlung von fünfzig Euro ist schon überwiesen.“ Sie zeigte mir die Bestätigung auf ihrem Handy. Dann hob sie die Hand zum Abschied und ging.
Ich sah ihr nach, wie sie die Straße hinunterging, vorbei an der Bäckerei, wo die Printen im Schaufenster lagen. Sie ging aufrecht, den Kalender in der Hand. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.
Ich räumte ihren Tisch ab. Auf dem Teller lagen noch ein paar Krümel Bienenstich. Ich wischte die Fläche ab und dachte an den leeren Tisch für acht im November. Dann stellte ich die Stühle gerade und machte mich an die nächste Bestellung.







