Der Anruf, den er nie erwartet hätte

Ich arbeite seit fünfzehn Jahren als Krankenschwester in der Universitätsklinik von Lübeck. Ich habe gelernt, mit knappen Sätzen zu leben und die Dinge beim Namen zu nennen. Aber an einem Novemberabend passierte etwas, das mir noch immer durch den Kopf geht, wenn ich den Geruch von abgestandenem Kaffee aus der Stationsküche rieche oder das Quietschen des Putzwagens auf dem Linoleum höre.

Margrit war über vier Wochen auf unserer kardiologischen Station gewesen. Eine schmale Frau von einundachtzig Jahren, mit fast durchscheinendem Haar und Augen, die aussahen wie verblasste Bergseen. Wenn ich morgens das Tablett mit dem Frühstück brachte, lag ihre Zahnprothese immer exakt parallel zum Wasserglas auf dem Nachttisch. Sie war eine von diesen Patientinnen, deren Dankbarkeit man fast körperlich spürt: kein Aufheben, kein Klagen, nur ein Nicken und manchmal dieses Zupfen an meinem Kittelärmel, wenn sie noch etwas sagen wollte.

Tante, nicht Mutter. Ihr einziger Neffe Markus und dessen Frau Sabine waren die nächsten Angehörigen. Margrit hatte den Jungen großgezogen, nachdem ihre Schwester bei einem Unfall auf der A1 ums Leben gekommen war. Damals war Markus fünf. Margrit war dreiundvierzig, unverheiratet, und von einem Tag auf den anderen Mutter eines Kindes, das nachts schrie und nach seiner Mama verlangte. Sie hatte ihn durch die Grundschule gebracht, durch die schwierigen Jahre der Pubertät, hatte Nachhilfe in Mathe bezahlt und ihm schließlich die Eigentumswohnung in der Altstadt überschrieben, als er heiraten wollte. *Nimm sie, Junge. Für mich ist das Haus in Travemünde mehr als genug.*

Aber der Junge kam nicht. In den ersten Tagen im Krankenhaus hatte Margrit noch auf das weiße Telefon am Bett gestarrt, als könnte sie es mit reiner Willenskraft zum Klingeln bringen. Später, irgendwann in der zweiten Woche, lag das Telefon mit dem Display nach unten in der Schublade.

Nur einmal, es war ein Dienstagabend kurz nach sieben, klingelte es doch. Margrit war so erschrocken, dass sie den Hörer fallen ließ. Ich hob ihn auf und hörte eine Stimme, die klang, als stünde der Mann an einer Bushaltestelle und wollte nur kurz die Abfahrtszeit prüfen.

„Lebt sie noch?“

„Guten Abend, hier spricht die Station 4b. Darf ich fragen, wer—?“

„Markus Hinrichs. Lebt meine Tante?“

Ich drehte mich zu Margrit um. Sie hatte die Augen geschlossen und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie wollte das nicht.

„Der Zustand ist stabil, aber ein Besuch wäre—“

„Gut. Melden Sie sich, wenn sich was ändert.“ Er legte auf.

An den Abenden danach, wenn das Licht auf dem Flur schon gedimmt war und der Regen gegen die großen Fenster schlug, kam ich manchmal für zehn Minuten zu ihr. Ich brachte ihr eine Tasse von dem Früchtetee, den Schwester Marianne immer in der Küche versteckte. Wir sprachen über Gott und die Welt, über den kleinen Fischerhafen, wo sie früher Krabben gepult hatte, und über den alten Hund, den sie vor zwei Jahren hatte einschläfern lassen müssen. Aber nie über Markus. Den Namen sprach sie nicht mehr aus.

Dann kam die Nacht vom 17. November. Kurz vor Mitternacht ging ihr Monitor in den Alarm. Ich erinnere mich noch genau an den Geruch des Desinfektionsmittels, während der Chefarzt und ich neben ihrem Bett standen. Margrits Atem ging flach und unregelmäßig. Ihre Hand, kalt und zerbrechlich wie ein Vogelflügel, lag in meiner. Sie sah mich an mit einem Ausdruck, als wollte sie sich für etwas entschuldigen. Dann, so leise, dass ich mich fast über ihren Mund beugen musste, formte sie die Worte: „Hat der Kleine… endlich Zeit gefunden?“

Das waren ihre letzten Worte. Kein Drama, kein großer Monolog. Nur diese eine Frage. Zwei Minuten später war sie tot.

Am nächsten Morgen um halb acht rief ich bei Markus an. Draußen wurde es gerade hell, und im Schwesternzimmer dampfte noch die erste Kanne Kaffee. Es knackte in der Leitung, dann meldete er sich mit einem unwirschen „Ja?“

„Herr Hinrichs, hier ist die Klinik. Es tut mir leid, Ihre Tante ist heute Nacht—“

„Ach so. Okay. Ist das alles?“

Ich spürte, wie sich mein Magen verkrampfte. „Wann können Sie vorbeikommen, um die Formalitäten zu regeln? Es gibt auch persönliche Gegenstände.“

„Morgen früh, so gegen neun. Stellen Sie den Kram schon mal bereit.“ Und wieder legte er einfach auf.

Am nächsten Morgen war ich früh da, obwohl meine Schicht erst um zehn begann. Ich holte Margrits persönliche Sachen aus dem Schrank: ein paar Nachthemden, die abgewetzte Ledergeldbörse mit dem Reißverschluss, der immer klemmte, und ihre einzige Erinnerung an Travemünde – eine weiße Kaffeetasse mit einem kleinen Sprung im Henkel, die sie mir einmal gezeigt hatte: *Die hat mein Vater 1958 am Strand gewonnen. Er hat dreißig Pfennig bezahlt, um den Ball in den Korb zu werfen. Meine Mutter schimpfte, es sei rausgeworfenes Geld.*

Punkt neun stand er im Türrahmen des Stationszimmers. Ein Mann um die vierzig, in einer blauen Funktionsjacke mit einem Firmenlogo über der Brust. Er kaute Kaugummi und zog einen leeren Stoffbeutel aus der Tasche. „Ich bin dann mal soweit. Wo ist der Krempel?“

Ich schob das durchsichtige Krankenhaus-Plastiktütchen über den Tresen. Er nahm es, wog es kurz in der Hand, als taxiere er den Pfandwert. Dann zog er das Formular zu sich heran, das ich ihm hingelegt hatte, und kritzelte eine Unterschrift darunter. Kein Wort des Dankes, keine Frage nach ihrem Tod. Nur eine einzige Sache, die er wissen wollte: „Die Wohnungsschlüssel sind da drin, oder?“

Ich antwortete nicht sofort. Stattdessen zog ich den braunen Umschlag unter meinem Ablagekorb hervor, den Margrit mir vor drei Tagen in einem ihrer klaren Momente gegeben hatte. Es war ein DIN-A5-Umschlag, von Hand beschriftet mit einer zittrigen Schrift. *An den, der nach mir fragt.* Sie hatte ihn unter ihrem Kopfkissen aufbewahrt, bis sie wusste, dass es Zeit war.

Markus musterte den Umschlag, knüllte das Papier in seiner Jackentasche ein wenig zusammen. Er schien unschlüssig, ob er ihn öffnen sollte. Dann zuckte er mit den Schultern und riss ihn an der Seite auf. Drin war ein einzelnes Blatt, die Kopie eines notariellen Testaments. Unten die Unterschrift der Tante, daneben der Stempel von Notar Dr. Voss aus der Mühlenstraße.

Er las. Sein Kiefer hörte auf zu mahlen.

Margrit hatte das Haus in Travemünde – das einzige, was ihr noch geblieben war, und das sie ihm nie vermacht hatte – nicht etwa einer wohltätigen Organisation oder dem Staat geschenkt. Sie hatte es kurz nach dem Telefonat, bei dem er nur nach ihrem Tod fragte, notariell umschreiben lassen. Neue Eigentümerin: eine junge Ukrainerin namens Olena, die sich seit einem halben Jahr um Margrits Einkäufe und die Fahrt zum Physiotherapeuten gekümmert hatte. Zwei Zimmer, ein altes Reetdach und ein winziger Apfelgarten – Verkehrswert knapp 340.000 Euro. Für eine Handvoll Besorgungen und etwas Menschlichkeit.

„Das kann die nicht machen. Die war doch völlig durch den Wind. Die Alte war doch nicht mehr zurechnungsfähig!“ Markus’ Stimme überschlug sich fast. Er ließ den Stoffbeutel auf den Boden fallen und fuchtelte mit dem Papier vor meinem Gesicht herum.

Hinter mir summte leise der Kaffeeautomat. Von der Station hörte man das ferne Piepen eines weiteren Monitors. Ich setzte mich auf meinen Bürostuhl und sah ihn an – so, wie Margrit früher wohl das Telefon angesehen hatte. Ruhig. Geduldig.

„Herr Hinrichs, ich habe eine letzte Bitte Ihrer Tante auszurichten. Sie sagte, der Notar habe sie gefragt, ob sie nervös sei vor Ihrem Besuch. Wissen Sie, was sie darauf geantwortet hat?“

Er stand einfach nur da, mit offenem Mund.

„Sie sagte: ‚Ich habe fünfunddreißig Jahre auf den falschen Anruf gewartet. Auf diesen Besuch warte ich jetzt gerne.‘“

Er presste die Lippen aufeinander, bis sie weiß wurden. Das zerknitterte Papier hing schlaff in seiner Hand. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um, ließ den Stoffbeutel liegen und ging den langen, hellen Flur hinunter in Richtung Aufzug. Seine Schritte waren hart und schnell, aber auf halbem Weg blieb er stehen – nur für einen Moment, als hätte ihn jemand am Ärmel gezupft. Dann stieß er die Tür zum Treppenhaus auf und verschwand.

Ich blieb noch eine halbe Stunde länger. Ich holte die weiße Tasse aus dem Spind, die mit dem Sprung im Henkel, und spülte sie unter dem Wasserhahn im Stationsbad aus. Dann stellte ich sie auf die Fensterbank neben meinen Schreibtisch, direkt neben die kleine Topfblume, die schon viel zu lange kein Wasser mehr bekommen hatte.

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