In Gernsheim, wo die Murg träge zwischen Fachwerkhäusern dahinfließt, steht das Gasthaus „Zum Abendrot“. Ich führe es seit elf Jahren. Ein schmales Haus mit knarrender Eichentreppe und fünf Zimmern, die meisten mit Blick auf den Fluss.
An einem Aprilabend, es war kurz vor Ostern, klingelte um zwanzig nach zehn das Telefon. Eine Frauenstimme, gepresst und hastig.
„Haben Sie noch ein Zimmer? Für eine Nacht. Ich komme in zwanzig Minuten.“
Der letzte Bus nach Baden-Baden war längst durch, und an einem Mittwoch im April standen ohnehin drei Zimmer leer.
„Natürlich. Ich lege den Schlüssel in die Milchkanne neben der Tür. Zimmer vier, erster Stock links. Ich bin Helene, falls Sie etwas brauchen.“
„Danke. Ich heiße Viktoria.“
Sie klang, als hätte sie den ganzen Tag nicht gesprochen. Ein Klicken, die Leitung war tot.
Ich ging noch einmal durchs Haus, wie jeden Abend. Im Frühstücksraum roch es nach Bohnerwachs und dem Lindenhonig, den der Imker aus Forbach jeden Mittwoch bringt. Die Tür zu Zimmer drei stand einen Spalt offen. Hendrik, mein einziger Gast, ein schmaler Mann mit grauen Locken und den Händen eines Geigenbauers, saß auf dem Bett, hielt ein altes Lederarmband in den Fingern und starrte es an, als wäre es eine Uhr, die die falsche Zeit zeigt. Er war vor drei Tagen gekommen, mit einem kleinen Koffer und ohne zu sagen, wann er wieder geht.
„Alles in Ordnung?“
Er legte das Band auf den Nachttisch, ohne Eile.
„Ja, Helene. Alles gut.“
Seine Stimme war freundlich und voll von etwas, das sich nicht benennen ließ. Ich schloss die Tür leise.
Viktoria kam gegen elf. Ihr Wagen, ein staubiger grauer Citroën mit Freiburger Kennzeichen, hielt mit einem leisen Quietschen vor dem Haus. Eine Frau um die vierzig, das dunkle Haar streng nach hinten gebunden, im abgetragenen Kapuzenpulli einer Baumschule. In der einen Hand eine abgewetzte Stofftasche, in der anderen einen leeren Katzenkorb. Keinen Koffer.
Sie trank einen Tee in der Gaststube und schaute dabei immer wieder aus dem Fenster in die Dunkelheit, wo die Kastanienallee anfängt.
„Ich bin wegen meiner Tochter hier“, sagte sie plötzlich. „Sie ist im Internat in Baden-Baden. Morgen ist Elternsprechtag. Sie will mir etwas zeigen, das sie gebaut hat, einen Apparat, der mit Licht Wellen zeichnet. Ich verstehe nichts davon. Aber ich will es sehen.“
Ihre Finger spielten mit dem Anhänger an ihrer Kette, einem winzigen silbernen Vogel.
Dann stand sie auf. „Gute Nacht.“
Sie nahm den Katzenkorb und ging die Treppe hinauf.
Um drei Uhr morgens riss mich ein Geräusch aus dem Schlaf. Kein Klopfen, kein Ruf. Sondern ein Winseln. Hoch und kindlich, direkt über meinem Schlafzimmer, aus Zimmer vier, dann ein dumpfer Schlag, wie ein Körper auf Dielenbrettern.
Ich warf mir meinen Morgenmantel über und nahm die Treppe. Durch den Spalt unter Viktorias Tür sickerte gelbes Licht. Ich klopfte.
„Frau Viktoria?“
Keine Antwort. Das Winseln wurde lauter. Ich drückte die Klinke.
Sie saß auf dem Boden, den Rücken gegen den Bettrahmen gelehnt, und hielt den leeren Katzenkorb im Schoß. Blicklos, schaukelnd. Keine Tränen, kein Wimmern mehr. Nur dieses leere, mechanische Vor und Zurück, wie ein Pendel, das noch läuft, obwohl die Uhr längst steht.
Auf dem Fensterbrett lag ein aufgeschlagenes Heft. Ich sah die Zeichnung einer Welle, darunter Zahlen in Kinderschrift und den Satz: „Mama, Papa hat gesagt, du verstehst das, weil du das Licht in den Sachen siehst.“
Ich setzte mich ihr gegenüber auf den kalten Dielenboden. Fragte nichts. Nach einer Weile hörte sie auf zu schaukeln.
„Vor zwei Jahren ist mein Mann gestorben. Aneurysma. Er war mit unserer Tochter im Europa-Park, sie standen an der Silver Star an, und plötzlich war er weg. Einfach so.“
Sie strich mit dem Daumen über das Gitter der Korbklappe.
„Unsere Katze, ein alter, schwarzer Kater, hat sich danach keinen Meter von mir wegbewegt. Immer auf meinem Schoß. Immer auf meiner Brust, wenn ich nachts wach lag. Und jedes Mal, wenn er da lag, habe ich geträumt. Von meinem Mann. Er war da. Ich konnte mit ihm reden, ihn anfassen. Jede Nacht. Das ging einen Monat so. Und dann, vor drei Tagen, hat er sich in der letzten Nacht im Traum verabschiedet. Er sagte, ich müsse ihn gehen lassen. Die Tochter brauche mich. Ich solle den Kater in die Kastanienallee bringen und dort loslassen. Am nächsten Morgen war der Kater fort. Aus dem Haus, aus dem Garten. Weg.“
Sie hob den Korb hoch und presste ihn gegen ihre Brust.
„Seitdem habe ich ihn gesucht. Jede Stunde. Nächte lang in den Schrebergärten, am Friedhof, hinter der alten Ziegelei. Heute ist mir eingefallen, dass die Kastanienallee in Gernsheim gemeint sein könnte. Mein Mann hat als Jugendlicher hier gewohnt. Also bin ich hergefahren. Bin die Allee rauf und runter, mit diesem leeren Korb, und habe seinen Namen gerufen, hundertmal, bis ich heiser war. Nichts.“
Sie atmete tief durch.
„Und dann saß er plötzlich unter einer Parkbank am Fluss. Lebendig. Hat mich angesehen, direkt in die Augen. Ich bin auf die Knie gegangen, ganz langsam, habe die Korbklappe geöffnet. Und da ist er aufgestanden und zum Wasser gelaufen. Nicht weggerannt. Gegangen. So ruhig, wie ein alter Mann, der seinen Spaziergang macht. Ins Schilf. Und nicht mehr herausgekommen.“
Sie schaute mich an.
„Ich habe keine Ahnung, wie ich morgen meiner Tochter in die Augen sehen soll, wenn sie fragt, ob ihre Mutter endlich wieder zurück ist.“
Unten im Frühstücksraum fiel der Stundenschlag der alten Kuckucksuhr: vier Uhr. Viertel vor fünf würde der Bäcker aus Baden-Baden die ersten Brezeln liefern. Ich wusste, dass es nichts half, was ich jetzt sagen konnte. Kein Trost, keine Weisheit. Also stand ich auf, ging hinüber in die leere Küche, wo die Honiggläser fürs Frühstück in Reih und Glied standen, nahm eine Tasse und goss heißen Salbeitee auf. Nicht für sie. Sondern für den langen Rest der Nacht.
Als ich zurückkam, lag Viktoria auf dem Bett, noch immer in ihrer Jacke. Den Katzenkorb hielt sie wie ein Kissen im Arm. Sie atmete tiefer jetzt.
Im Hinausgehen sah ich auf der Kommode den Zimmerschlüssel. Daneben lag das Heft, und darauf lag jetzt, abgeknickt und halb vertrocknet, aber unübersehbar, ein Zweiglein frisch blühenden Ginsters. Das gab es im April nirgends in Gernsheim. Aber vielleicht am Flussufer, dort, wo das Schilf anfängt.
Am nächsten Morgen war sie vor dem Frühstück abgereist. Auf dem Kopfkissen fand ich dreißig Euro für die Übernachtung und einen handgeschriebenen Zettel.
Auf dem Zettel stand nur: „Ich werde ihr als Erstes mein Gesicht waschen und dann erzählen, wie schön ihre Wellen gezeichnet sind. Danke für den Tee. Viktoria.“
Während ich die Treppe herunterging, um den Frühstücksraum zu öffnen, blieb ich auf dem Treppenabsatz stehen. Durch das milchige Fenster im Stockwerk darunter sah ich eine Gestalt, die in die Kastanienallee hinausging. Es war Hendrik. Er trug das Lederarmband jetzt am Handgelenk. Und neben ihm, keine drei Schritte voraus, trottete gemächlich und selbstverständlich ein schwarzer Kater, groß und alt. Hendrik bückte sich kurz, der Kater strich um seine Knöchel, dann verschwanden beide in der Allee, ohne Hast, als wäre das der Weg, den sie schon lange kennen.
Ich schaute ihnen eine Weile nach, dann öffnete ich das Fenster einen Spalt, ließ die kühle Aprilmorgenluft herein und bestrich die Bretzeln für Hendriks Frühstücksteller mit Lindenhonig.







