Opa Hermann war ein Mann aus Stahl und Gewohnheit. In seiner Charlottenburger Altbauwohnung tickte die Welt nach dem gleichen Takt wie die Standuhr im Flur. Seit Oma vor drei Jahren gestorben war, hatte sich kein Teller im Schrank verschoben. Aufstehen um sechs Uhr, Frühstück – ein hartgekochtes Ei, zwei Scheiben Graubrot, Kaffee – um sieben. Um Punkt acht die Wohnungstür, dann vierzig Minuten durch den Tiergarten, immer dieselbe Route: am Schillerdenkmal vorbei, einmal um den Neuen See, dann die breite Allee zurück. Kein Abweichen, kein Schlendern. So hielt er den Schmerz in Schach, glaube ich. Oder die Leere.
Als ich im letzten Juni mit der Transportbox auf dem Beifahrersitz die A100 runterfuhr, war mir klar: Das könnte schiefgehen. In der Box lag Nüsschen, eine rotbraune Dackeldame mit Schlappohren und einem Gesichtsausdruck, der irgendwo zwischen Philosophie und Frechheit schwebte. Sie gehörte eigentlich meiner Mitbewohnerin, aber die war Hals über Kopf nach Australien, und Nüsschen brauchte ein Übergangszuhause. „Nur für eine Woche, bis ich eine Lösung finde“, hatte ich zu Opa am Telefon gesagt. Seine Antwort war ein missmutiges Brummen gewesen. Kein Nein, kein Ja. Für Opa war das schon ein halbes Ja.
Vor seiner Tür im dritten Stock roch es nach Bohnerwachs und Kohl. Ich klingelte, die Box in der einen, eine Tüte mit Hundefutter in der anderen Hand. Opa machte die Tür auf. Seine Miene, die selbst beim Anblick der eigenen Enkelin nur kurz auftaute, versteinerte, als seine Augen auf die Box fielen. „Was ist das?“
„Opa, das ist Nüsschen. Ein Dackel.“
„Ich riech es“, sagte er und wich einen Schritt zurück. „Das Tier kommt auf den Balkon. Da kann es schlafen. Keine Diskussion.“
Ich hatte mir vorgenommen, nicht zu streiten. „Gut, Opa. Nur für ein paar Tage, bis ich…“
Der Balkon war schmal, mit Geranienkästen und einem ausgedienten Holzstuhl. Nüsschen beschnupperte alles, wedelte kurz und schob dann ungerührt die Tür zur Wohnung mit der Nase auf. Opa, der hinter ihr herging, hob die Hand, wie um sie zu verscheuchen, aber sie sah ihn nur an, gähnte und trottete ins Wohnzimmer. Dort blieb sie mitten auf dem Perserteppich stehen, drehte sich einmal im Kreis und ließ sich nieder. Mit der Selbstverständlichkeit einer Königin.
In dieser Nacht hörte ich Opa noch lange in seiner Küche rumoren. Am Morgen stand Nüsschens Napf – ein alter Emailletopf – neben der Spüle. Ich sagte nichts. Opa auch nicht. Aber als er um acht den Mantel anzog, saß Nüsschen schon an der Tür und klopfte mit der Rute gegen die Garderobe. Opa zögerte kurz, seine Augen huschten zu mir, dann griff er nach dem mitgebrachten Stoffhalsband. „Vierzig Minuten“, brummte er. „Keine Sekunde länger.“
In den folgenden Tagen begann die Stimmung zu kippen. Ich hatte eigentlich vorgehabt, bei Freunden in Kreuzberg nach einer dauerhaften Bleibe für Nüsschen zu suchen. Aber jedes Mal, wenn ich anrief und zögernd erklärte, was Sache sei, hörte ich im Hintergrund Opas Radiostimme – und ein leises, zufriedenes Schnaufen. Einmal saß ich am Küchentisch und blätterte im Anzeigenteil „Tiervermittlung“, als Opa mit der Zeitung hereinkam. Seine Augen streiften die Seite, er sagte keinen Ton, aber die Kaffeetasse stellte er an diesem Morgen etwas lauter ab als sonst.
Am dritten Tag fand ich ihn im Wohnzimmer. Er saß auf dem Sofa, die Berliner Zeitung vor sich aufgeschlagen. Er las nicht. Seine Hand hing über die Lehne, und Nüsschen leckte genüsslich seine Finger ab. Als er mich bemerkte, zuckte die Hand blitzschnell zurück, und er hob die Zeitung vors Gesicht. „Der Hund hat Hunger“, sagte er, ohne mich anzusehen. Der Napf war noch halb voll. Ich wusste sofort, der Kampf war entschieden. Aber ich hielt den Mund.
Am Nachmittag brauchte ich Milch. Im Supermarkt um die Ecke traf ich Frau Kowalski, unsere alte Nachbarin. „Dein Opa war heute morgen im Fressnapf!“, kicherte sie. „Hat eine große Tüte Spezialfutter gekauft. Mit Lamm für kleine aktive Hunde. Dackelfutter, weißt du? Fast zehn Euro teurer als das Übliche.“ Ich musste grinsen – er, der noch nie einen Fuß in diesen Laden gesetzt hatte. Später sah ich die Tüte im Schrank, gut sichtbar neben seinen Haferflocken. Der alte Futtersack, den ich mitgebracht hatte, stand ungeöffnet daneben.
Der entscheidende Moment kam im Tiergarten. Ich war mitgegangen, ein paar Schritte hinter Opa. Nüsschen lief an der Leine, als hätte sie nie etwas anderes getan. Auf einer Bank am Neuen See saß Herr Neumann, ein früherer Arbeitskollege. „Hermann! Sie haben ja einen Hund!“
Opa blieb stehen, die Schultern etwas hochgezogen. „Der gehört meiner Enkelin. Ich passe nur auf.“
„Ein Dackel, nicht wahr? Meine Frau, Gott hab sie selig, liebte Dackel. Sie sagte immer, die wären gescheiter als die meisten Zweibeiner.“
Opa schwieg. Seine Hand, die den Leinenführungsgriff umklammert hatte, lockerte sich. Nüsschen stupste seinen Knöchel mit der Nase. „Ich gebe sie am Freitag wieder ab“, sagte Opa leise. „Alles muss seine Ordnung haben.“
Doch an diesem Abend, dem letzten vor meiner Abreise, war die Ordnung längst eine andere. Ich packte im Gästezimmer meinen Koffer, Nüsschen saß auf dem Bett und sah mir mit großen Augen zu. Ihr sonst so selbstsicherer Ausdruck war gewichen, sie winselte kaum hörbar, sobald ich ein Kleidungsstück in die Tasche legte. Opa stand im Türrahmen, die Arme vor der Brust verschränkt. Fünf Minuten lang ruhten seine Augen auf dem Koffer, dann räusperte er sich. „Lena.“
„Ja, Opa?“
„Lass das Tier hier.“ Die Stimme war rau, als müsse sie diesen Satz erst aus einem lange verschlossenen Fach hervorholen. „Ich kümmere mich. Sie stört nicht.“
Meine Hand mit der gerollten Socke verharrte in der Luft. Nüsschen bellte einmal kurz, als wolle sie die Entscheidung besiegeln. Opa bückte sich – ich hatte ihn seit Jahren nicht mehr so beweglich gesehen – und kraulte sie hinter den Ohren. „Braves Mädchen“, murmelte er, so leise, dass es kaum zu hören war.
Am nächsten Morgen trug ich meine Tasche die Treppe hinunter. Opa half nicht, er stand am Fenster im dritten Stock, Nüsschen auf der Fensterbank neben ihm. Ich winkte, und Opa hob die Hand – eine kleine, fast schüchterne Bewegung. Nüsschen bellte, gedämpft durch die Scheibe. Im Taxi zum Hauptbahnhof fiel mir ein, dass ich nicht mehr nach einer Pflegestelle gesucht hatte. Eigentlich schon seit Tagen nicht mehr.
Die erste Nachricht kam, als der ICE bei Nürnberg durch das Altmühltal fuhr. Ein Foto: Nüsschen auf Opas Sessel, mit seiner alten Wolldecke, die noch nach Oma roch, unter sich. Darunter stand: „Wir hören Radio. Sie mag Brahms.“ Die zweite kam eine Woche später. Ein kurzer Clip: Nüsschen im Tiergarten, wie sie einer Ente hinterherschaut. Opas Lachen im Hintergrund – dieses tiefe, brummende Lachen, das ich seit drei Jahren nicht gehört hatte.
Ich legte das Handy beiseite und schaute aus dem Zugfenster. Die Welt zog vorbei, und irgendwo in Charlottenburg saßen ein alter Mann und eine kleine Dackelhündin auf einem Sofa, hörten Brahms, und keiner von beiden war allein.







