Das Geständnis im Morgengrauen

Die Luft im Schlafzimmer war klamm und roch nach abgestandenem Holunderblütentee. Gerda stützte sich mühsam auf die Ellbogen. Ihr Brustkorb fühlte sich an, als läge ein nasser Sack Zement darauf. Sie wagte einen tiefen Atemzug, doch der stockte auf halber Strecke und ließ sie nur kraftlos in den Kragen ihres Nachthemds husten.

Vor dem Fenster zeichnete das Dämmerlicht die Umrisse der Tannen am Hang des Feldbergs nur schemenhaft nach. Irgendwo kläffte ein Dackel. Heinz bewegte sich neben ihr, die alte Federkernmatratze quietschte. Er roch nach Tabak und der Karbolseife aus dem Waschhaus.

„Du bist ja ganz weiß um die Nase, Gerd. Leg dich wieder hin. Ich mach das schon mit den Hühnern.“ Seine Stimme war rau vom Schlaf. Er stand auf, ohne das Licht anzuknipsen, und schlüpfte in seine ausgebeulte Cordhose. Gerda hörte ihn auf dem Flur mit den Gummistiefeln kämpfen. Die Haustür fiel ins Schloss.

Durchs Fenster sah sie ihn über den Hof gehen. Er blieb am Brunnen stehen, die Hände in die Hüften gestemmt, und starrte auf die nasse Klinkerpflasterung. Dann bückte er sich schwerfällig und hob etwas auf — einen verfaulten Apfel, der unter der Bank gelegen hatte. Er betrachtete ihn kurz, warf ihn auf den Komposthaufen und wischte sich die Hand an der Jacke ab. Jede seiner Bewegungen war langsamer geworden in den letzten Jahren. Früher hatte er in einer Schicht in der Gießerei so viele Tonnen Eisen bewegt, dass einem schwindlig wurde. Jetzt brauchte er für einen Eimer Wasser fast zwei Minuten.

Gerda sah, wie er am Rosenbeet stehen blieb. Er kniete sich hin, griff in die nasse Schwarzerde und bröselte sie zwischen den Fingern. Sie wusste, dass er die Feuchtigkeit prüfte. Dass er überlegte, ob man am Wochenende den Rindenmulch erneuern müsste. Die Handbewegungen waren dieselben wie seit vierzig Jahren. Als er sich wieder aufrichtete, hielt er sich am Stamm des alten Birnbaums fest und verharrte einen Moment, einfach so, in den grauen Himmel blickend.

Sie spürte einen heißen Druck hinter den Augen.

Er kam zurück, stampfte auf der Kokosmatte im Windfang den Dreck von den Stiefeln. Die Küchentür quietschte. Kurz darauf brachte er ihr eine Tasse Pfefferminztee. Seine Finger waren rot und aufgesprungen.

„Da lag was in der Zeitung. Vom Gemeinderat. Irgendwas mit der Abwasserleitung in der Alemannenstraße.“ Er legte das zusammengefaltete Blatt auf den Nachttisch.

Gerda griff danach. Das Papier roch noch nach Druckerschwärze und Kälte. Zwischen den Seiten lag nichts.

„War der Briefträger das? Die junge Krause?“

„Der Junge von Schröders, mit dem Mofa. Die Frau Krause hat sich den Magen verdorben, hat er gesagt.“ Heinz setzte seine Nickelbrille auf. „Wieso fragst du?“

Gerda ließ die Zeitung sinken. Früher hatte sie den Briefträger an der Gartentür abgefangen. Mal mit einem Glas eingemachtem Kürbis, mal mit einem Fünfer für die Kaffeekasse. Nur damit er ihr die Post direkt in die Hand drückte, bevor Heinz sie durchsehen konnte. Heute, zum ersten Mal, war ihr dieser Reflex entglitten. Die Krankheit hatte sie aus dem Takt gebracht.

„Ich… Ich dachte nur, ob vielleicht ein Brief von Thomas dabei war. Er ruft auch nie an. Immer nur diese Kurznachrichten bei WhatsApp.“ Sie schlug die Bettdecke zurück, setzte die Füße auf den kalten Dielenboden. „Nein, ruf ihn jetzt nicht an. Der sitzt im Büro und hat Stress ohne Ende mit dieser neuen Filialsoftware. Setz dich mal kurz zu mir, Heinz. Ich muss dir was sagen.“

Heinz blickte sie an, die Brauen zusammengezogen. Das Licht der kleinen Nachttischlampe warf tiefe Schatten in die Falten um seinen Mund. Er zog den Stuhl vom Frisiertisch heran und setzte sich ans Fußende des Bettes, die Hände auf den Knien.

„Du machst mir Angst, Gerd. Ist es wieder die Brust? Soll ich den Doktor Schürmann anrufen?“

„Nein. Es geht nicht um den Körper. Es geht um… damals. Weißt du noch, der Winter, als wir die Hypothek für den Hof nicht mehr stemmen konnten? Als Thomas aufs Gymnasium sollte und wir das Schulgeld für die Klassenfahrt nach Sylt nicht auftreiben konnten?“

Heinz schwieg. Er schob seine Brille höher, obwohl sie perfekt saß.

„Als ich dann für ein halbes Jahr nach Verona gegangen bin. Zu der Familie dieses Bauunternehmers, dem Cavaliere. Putzen, Wäsche machen. Meine Cousine Hannelore hatte das eingefädelt, über ihre katholische Frauengruppe.“ Gerdas Stimme war jetzt sehr leise, kaum mehr als ein Atemzug. „Ich hab dir damals gesagt, es wäre das reinste Sklavenleben gewesen. Dass sie mir das Geld vorenthalten hätten und ich es mir mit einem Trick von der Haushälterin zurückholen musste. Das war gelogen, Heinz. Es war alles gelogen.“

Heinz hob den Kopf. In seinen Augen, sonst immer so müde und etwas trübe vom grauen Star, war etwas Wachsames, Hartes, das sie seit den Diskussionen um die Betriebsaufgabe vor zehn Jahren nicht mehr gesehen hatte.

„Ich hatte da eine Affäre. Ein paar Wochen nur… Es war der Chauffeur der Familie. Ein Südtiroler, der Deutsch konnte. Er war einfach… da. Ich war so allein in dem riesigen Haus, und du warst nie am Telefon, weil die Leitung zu teuer war.“ Die Worte kamen stoßweise, quetschten sich an dem Kloß in ihrem Hals vorbei. Sie musste nicht weinen, sie musste das jetzt einfach nur hinter sich bringen. „Es ist ein Kind passiert. Ein Mädchen. Ich habe sie in einer Klinik in Bozen zur Welt gebracht. Anfang April, es war schon warm, ich weiß noch, dass draußen vor dem Fenster die ersten Schwalben übers Feld geschossen sind. Ich nannte sie Miriam. Und ich… ich habe sie dagelassen, Heinz. Die Cousine der Haushälterin, kinderlos, ein Arzt-Ehepaar aus Meran, hat sie adoptiert. Ich hab die Papiere unterschrieben und bin am nächsten Tag in den Zug gestiegen. Mit dem Geld für drei Jahre Hypothek im Strumpf. Und der Lüge im Gepäck.“

Sie hörte auf zu reden. Die Pendeluhr an der Wand schlug acht Mal. Der Kühlschrank im Erdgeschoss summte. Heinz sagte kein Wort. Er starrte auf seine Hände, die er jetzt flach auf seine Oberschenkel presste. Sein Atem ging schwer, als würde er einen Zentner Kartoffeln die Kellertreppe hochschleppen.

Die Minuten dehnten sich. Sie konnte nicht sagen, ob es fünf waren oder fünfzehn. Der Dackel draußen kläffte noch einmal, weiter entfernt jetzt. Heinz stand plötzlich auf. Der Stuhl scharrte über das Linoleum. Er ging zum Fenster, seine kantige Silhouette hob sich schwarz gegen das fahle Zwielicht ab. Er trommelte mit den Fingerkuppen gegen die Fensterscheibe, ein schnelles, hartes Klick-Klack-Klack.

„Dreißig Jahre.“ Seine Stimme klang nicht nach Wut. Eher nach einem Mann, der das Etikett auf einer Dose liest und das Haltbarkeitsdatum schon vor Jahrzehnten überschritten ist. „Dreißig Jahre. Und du erzählst es mir jetzt. An einem ganz normalen Donnerstag. Einfach so. Weil dir danach ist.“ Er drehte sich um, sein Gesicht war gefurcht und grau, aber völlig trocken. „Weiß Thomas es?“

„Niemand weiß es. Nur du. Jetzt.“

Draußen fing es an zu regnen. Dicke Tropfen schlugen gegen die Fensterbank und liefen in trägen Rinnsalen am Glas herunter. Heinz folgte mit dem Blick einer einzelnen Spur, von oben bis ganz nach unten, wo sie in einer kleinen Lache auf dem morschen Holzrahmen verschwand.

„Ich hab jedes Frühjahr auf die Rückkehr der Schwalben gewartet“, sagte er schließlich, und seine Worte hallten seltsam flach und leer durch den Raum. „Ich dachte immer, sie bringen das Glück. Dass der Hof wieder trägt. Ich hab sie nie gesehen. Nicht ein einziges Mal. Du hast sie nie gesehen.“ Er wandte sich zum Gehen, die Hand schon auf der Türklinke. Dann blieb er noch einmal stehen, den Rücken ihr zugewandt. „Gab es noch was von dem Geld? Von dem Lohn, den du aus Italien mitgebracht hast?“

Gerda schloss die Augen. Sie dachte an die zerkratzte Blechdose unter der losen Diele im Speiseschrank, in der noch immer ein Bündel alter, ungültiger 50.000-Lire-Scheine lag. Nicht etwa aus Nostalgie. Sondern weil sie es nie übers Herz gebracht hatte, das letzte bisschen von diesem Geld auszugeben. Es war schmutzig, wertlos, und es klebte so sehr an ihren Fingern, dass sie es nicht hatte loswerden können.

„Nein“, log sie zum zweiten Mal an diesem Morgen. „Nichts. Nur das, was ich dir gegeben habe. Für den Hof. Für alles.“

Er nickte langsam. Kein Wort der Vergebung, kein Gebrüll, kein Türenschlagen. Er öffnete die Schlafzimmertür und ging einfach hinaus. Seine Schritte auf der Treppe waren die eines sehr alten Mannes. Im Flur vergaß er, das Licht auszumachen. Der Streifen fiel quer über ihr Bett, ein gelbes Viereck auf der Steppdecke. Im Haus war es still, nur der Regen prasselte jetzt gleichmäßig gegen die Scheiben.

Gerda kuschelte sich in ihr Kissen, das noch schwach nach seinem Rasierwasser roch. Sie spürte ein Ziehen, irgendwo tief in der Magengrube, das nicht von der Krankheit kam. Morgen würde er wieder mit dem Gemeinderat anrufen wegen der Rohre. Er würde den Müll rausbringen und fragen, ob sie einen Joghurt wolle. Und sie würden nie, nie wieder darüber sprechen.

Sie wusste nicht, ob das schlimmer war oder besser.

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