Gisela wusste, dass etwas nicht stimmte, als Karsten seine Lesebrille abnahm, sie sorgfältig zusammenklappte und in die Brusttasche seines Kaschmirpullovers steckte. Das war seine Verhandlungsgeste. Die hatte sie in den letzten anderthalb Jahren ihrer Bekanntschaft zur Genüge gesehen – vor dem Autokauf, bei der Diskussion um die neue Heizung, beim Gespräch mit seinem Steuerberater. Nur saß sie diesmal nicht als Zuschauerin daneben, sondern als Gegenstand der Verhandlung.
„Ich habe mir die Sache mit uns gründlich durch den Kopf gehen lassen“, sagte er und drehte seine Cappuccinotasse auf der Untertasse, ohne zu trinken. „Du ziehst zu mir. Ist doch logisch nach all der Zeit.“
Draußen vor dem Café am Marktplatz von Freiburg schob eine junge Mutter einen Kinderwagen durch den Nieselregen. Drinnen roch es nach gerösteten Bohnen und warmem Apfelkuchen. Gisela hielt ihre eigene Tasse mit beiden Händen umschlossen, als könnte die Wärme des Porzellans den plötzlichen Kälteeinbruch in ihrem Bauch vertreiben. Siebenundfünfzig Jahre alt war sie, geschieden seit fast fünfzehn Jahren, und hatte sich jede Art von Geständnis von diesem Mann erhofft – nur nicht dieses.
„Karsten, meinst du das ernst?“
„Durchaus. Ich habe alles durchkalkuliert.“ Er beugte sich vor, die Ellbogen auf dem Marmortischchen. „Dein kleines Häuschen in der Wiehre verkaufst du. Der Markt ist gerade günstig, da kriegst du mindestens vierhunderttausend. Das Geld legen wir vernünftig an. Deine Halbtagsstelle im Buchladen kannst du sowieso an den Nagel hängen, so kurz vor der Rente lohnt sich der Stress nicht mehr. Und dann“, er lächelte sein charmantestes Lächeln, das mit den Fältchen um die grauen Augen, „kannst du dich endlich um die wirklich wichtigen Dinge kümmern. Um uns. Um das Haus. Und um Mutter.“
„Um deine Mutter?“
„Sie wird bald fünfundachtzig. Seit dem Oberschenkelhalsbruch kommt sie kaum noch allein zurecht. Die polnische Pflegerin, die Marta, kostet ein Vermögen. Fast zweitausendachthundert im Monat. Das kannst du doch viel besser. Du kochst so gern, hast ein Händchen für Menschen. Marta können wir uns dann sparen.“
Gisela starrte ihn an. In dem Moment knackte die Kaffeemaschine hinter der Theke, ein lautes, zischendes Geräusch, das sich in ihren Ohren festsetzte wie ein Alarm.
Sie hörte nur: „Du ziehst zu mir.“ Der Rest sickerte erst viel später durch, Tropfen für Tropfen, Säure auf Zuckerwatte.
Sie waren sich anderthalb Jahre zuvor auf der Vernissage einer gemeinsamen Bekannten begegnet. Gisela hatte eigentlich nicht mehr mit so etwas gerechnet – mit einem Mann, der einem an der Garderobe in den Mantel half und beim zweiten Glas Sekt sagte: „Sie haben eine Art, zuzuhören, als würde die Welt kurz stillstehen. Das ist selten.“ Karsten war einundsechzig, leitender Ingenieur im Ruhestand, verwitwet. Er trug teure Schuhe und schlechte Witze über die Politik mit der gleichen unbekümmerten Selbstverständlichkeit. Sie hatte sich in seine Aufmerksamkeit verliebt wie eine Ertrinkende in ein Stück Treibholz. Tochter aus dem Haus, Exmann seit Urzeiten mit seiner Yogalehrerin in irgendeiner spirituellen Kommune in Portugal untergetaucht, der eigene Freundeskreis geschrumpft auf ein halbes Dutzend getreuer Seelen und die Stammkunden der Buchhandlung, in der sie seit zwanzig Jahren arbeitete. Karsten füllte eine Leerstelle aus, von deren Existenz sie selbst nichts geahnt hatte.
Nach drei Monaten lud er sie zu sich nach Hause ein. Nicht in die Eigentumswohnung im Stadtzentrum, sondern ins Haus am Stadtrand, wo seine Mutter im Erdgeschoss wohnte. Frau Brenner, vierundachtzig, nach ihrem Schlaganfall auf einen Rollator angewiesen und auf die Hilfe anderer. „Mutter, das ist Gisela. Die Dame, von der ich dir erzählt habe.“ Die alte Dame musterte sie durch dicke Brillengläser, taxierte die frisch gefärbten Haare, das sorgfältig gebügelte Seidentuch. „Eine aparte Person“, sagte sie schließlich. „Und kochen kann sie auch? Karsten braucht jemanden, der anständig kocht. Die Marta macht alles mit Fertigsoßen.“ Gisela hatte das damals für einen etwas schrulligen Ausdruck mütterlicher Fürsorge gehalten.
Im Laufe der Monate rutschte sie immer tiefer hinein in den Haushalt am Stadtrand. Sie brachte an den Wochenenden Marmorkuchen mit, kochte sonntags den Braten, las der alten Frau Brenner aus der Zeitung vor, während Karsten mit alten Kollegen Golf spielen ging. Sie räumte die Spülmaschine ein und aus, wischte den Krümeln hinterher, die die Pflegerin Marta achtlos auf der Arbeitsplatte hinterlassen hatte. Sie half Frau Brenner ins Bad und wieder heraus, zweimal, dreimal, immer öfter. „Du machst das so liebevoll“, sagte Karsten einmal und küsste sie auf die Stirn wie ein Vater, der sein braves Kind lobt. Sie hatte das Kribbeln im Nacken ignoriert. Hatte es mit der Aufregung über das späte Glück verwechselt.
Bis zu diesem Morgen im Café.
„Rechnen wir doch mal“, sagte Gisela. Ihre Stimme klang ruhig, fast heiter. Das Porzellan in ihren Händen war längst kalt geworden.
Karsten schaute irritiert. „Was denn rechnen? Das ist doch alles ganz einfach.“
„Nein, lass mich. Ich möchte es verstehen.“ Sie stellte die Tasse ab und zählte an den Fingern ab. „Mein Haus verkaufen: rund vierhunderttausend Euro in deiner Anlage, über die ich dann nicht mehr allein verfüge. Meinen Job kündigen: achtzehnhundert Euro netto im Monat, die ich dann nicht mehr verdiene. Dafür übernehme ich die Pflege deiner Mutter: vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, Wert laut Marktpreis mindestens zweitausendachthundert Euro, die wir uns sparen. Plus den gesamten Haushalt. Kochen, putzen, waschen, bügeln. Nochmal, sagen wir, tausendfünfhundert, wenn man eine Haushälterin dafür bezahlen müsste.“ Sie machte eine kurze Pause und sah ihn an. „Ich bringe also etwa fünftausendachthundert Euro im Monat an Arbeit und Ersparnis ein, plus mein Hausvermögen. Und was bringst du?“
Karsten war blass geworden. „Das ist doch völlig absurd. Du stellst das dar, als ob –“
„Als ob was?“
„Als ob ich dich ausnutzen wollte. Dabei biete ich dir ein Zuhause! Geborgenheit! Eine Familie!“
„Ich habe ein Zuhause, Karsten. Es ist zwar klein, aber es gehört mir. Ich habe eine Arbeit, die mir Freude macht und für die ich Rentenbeiträge zahle. Was du mir anbietest, ist die Stelle einer unbezahlten Pflegerin und Haushälterin mit romantischem Anstrich. Dafür soll ich mein Eigentum, mein Einkommen und meine Altersvorsorge aufgeben.“ Sie lachte kurz auf, ein trockenes, freudloses Geräusch. „Weißt du, woran mich das erinnert? An die Anzeigen aus dem neunzehnten Jahrhundert. ‚Suche tüchtige Haushälterin, gerne auch mehr‘. Nur dass die damals wenigstens noch Kost und Logis und ein kleines Gehalt bekamen. Ich soll für das Privileg, deinen Haushalt zu führen, auch noch draufzahlen.“
Er legte seine Serviette auf den Tisch, sehr präzise, sehr ordentlich. „Du verstehst das alles völlig falsch. Ich dachte, wir wären ein Team. Aber offenbar denkst du nur an Geld und Besitzstände. Das hätte ich nicht von dir gedacht, Gisela. Wirklich nicht.“ Seine Stimme hatte diesen Tonfall angenommen, diesen leise vorwurfsvollen, gönnerhaften Ton, der bedeuten sollte: Du irrationales Geschöpf, ich bin enttäuscht von dir.
Das war der Moment, in dem etwas in Gisela kippte. Nicht mit einem lauten Knall, sondern mit einem leisen, endgültigen Klick.
„Gut“, sagte sie und lächelte. „Dann mache ich dir einen Gegenvorschlag. Du verkaufst deine Wohnung in der Stadt und das Haus hier, den Erlös legen wir zu gleichen Teilen an. Du gibst deine ganzen Beratermandate auf, diese ganzen Aufsichtsratspöstchen, die dich doch nur stressen. Und dann kümmerst du dich um den Haushalt, während ich weiter in meinem Buchladen arbeite. Deine Mutter behalten wir natürlich bei, ich bin sicher, du lernst schnell, wie man einen Pflegebedürftigen wäscht und füttert. Marta können wir dann immer noch entlassen, wenn du eingearbeitet bist. Du hast doch so ein Händchen für Menschen, Karsten. Und Geld sparen wir dadurch auch – deine zweitausendachthundert Euro Pflegekosten im Monat fallen dann nämlich weg. Das ist doch ein guter Deal, oder?“
Einen langen Moment sagte Karsten gar nichts. Das Tageslicht fiel schräg auf sein Gesicht, und Gisela bemerkte zum ersten Mal, wie tief die Furchen um seinen Mund tatsächlich waren, wie schlaff die Haut unter seinem Kinn herabhing. Seine Lippen formten ein stummes Wort – vielleicht ihren Namen, vielleicht einen Protest, der nicht herauskam.
„Das ist ja wohl nicht dein Ernst“, brachte er schließlich hervor. Seine Stimme klang gepresst. „Ich bin ein Mann. Ich kann doch nicht einfach meinen Beruf aufgeben und – und Hausmann spielen. Was sollen denn die Leute denken?“
„Und was sollen die Leute denken, wenn ich das tue?“
„Das ist etwas völlig anderes! Eine Frau kann doch – das ist doch normal – also niemand würde –“
„Karsten.“ Gisela nahm ihre Handtasche vom Stuhl neben sich, strich ihren Rock glatt, stand auf. Der Stuhl scharrte leise über den Holzdielenboden. Das Café war inzwischen fast leer, nur noch der junge Mann am Nebentisch tippte auf seinem Laptop herum, Stöpsel in den Ohren, von der Welt abgeschottet. „Du musst den Satz nicht zu Ende bringen. Ich kann ihn mir denken. Und genau das ist das Problem.“
Sie ließ Geld für ihren Kaffee auf dem Tisch liegen, passend, mit Trinkgeld. Immer korrekt bleiben, das hatte sie von ihrer Mutter gelernt.
„Gisela, warte doch. Wir können das in Ruhe besprechen. Du bist doch eine vernünftige Frau.“ Er war jetzt ebenfalls aufgestanden, die Serviette fiel zu Boden, blieb unbeachtet liegen.
Sie drehte sich noch einmal um. Die Tür stand schon halb offen, die feuchte Freiburger Luft strich kühl über ihr Gesicht. „Weißt du, was ich in den anderthalb Jahren mit dir gelernt habe, Karsten? Dass Einsamkeit ein schlechter Ratgeber ist. Sie flüstert dir ein, dass du dankbar sein musst. Dass du Abstriche machen musst. Dass eine Frau in meinem Alter keine Ansprüche mehr stellen darf. Aber weißt du auch, was ich in den letzten zehn Minuten gelernt habe? Dass du nicht auf der Suche nach einer Partnerin warst. Du warst auf der Suche nach einer Kostenoptimierung. Einer Synergie. Einem Rundum-sorglos-Paket mit Haus, Herd und Hingabe.“ Sie zog ihren Mantel fester um die Schultern. „Und ich bin kein Produkt, das man in seine Excel-Tabelle einsetzt, Karsten. Ich bin ein Mensch mit einem eigenen Leben, und dieses Leben beinhaltet keine Stelle als deine unbezahlte Pflegekraft mit Bettoption. Adieu.“
Damit trat sie hinaus in den Regen und ging, ohne sich umzusehen, den Münsterplatz hinunter in Richtung Bertoldsbrunnen. Sie spürte, wie ihr Herz hämmerte, und sie spürte auch etwas anderes, ein seltsames, fast vergessenes Gefühl, das sie erst nach ein paar hundert Metern identifizieren konnte: Es war Erleichterung. Blanke, leuchtende, unverschämte Erleichterung.
Eine Woche später klingelte ihr Telefon. Auf dem Display erschien ein Name, den sie nicht erwartet hatte: Marta Kowalska, die polnische Pflegerin von Frau Brenner.
„Frau Gisela, entschuldigen Sie die Störung. Ich weiß, Sie sind nicht mehr mit Herrn Brenner zusammen. Aber ich habe eine Frage.“ Die Verbindung rauschte leise, im Hintergrund klapperte Geschirr. „Herr Brenner hat mich gebeten, meine Stunden zu reduzieren und auf einen niedrigeren Stundensatz zu wechseln. Er hat gesagt, er müsse sparen. Wissen Sie zufällig, ob das mit der Dame zusammenhängt, die jetzt manchmal bei ihm übernachtet?“
Gisela, die gerade dabei gewesen war, die Neuanschaffungen für die Krimi-Abteilung der Buchhandlung zu katalogisieren, hielt inne. Sie brauchte einen Moment, um zu begreifen, was Marta da sagte. Dann musste sie lachen – ein echtes, herzhaftes Lachen, das sie selbst ein bisschen erschreckte. „Nein, Marta. Das wusste ich nicht.“
„Er sagt, sie sei sehr häuslich. Sie kocht, aber nicht so gut wie Sie, hat seine Mutter gesagt. Die Soße sei angebrannt, und sie hätte den Rollator falsch herum an die Badewanne geschoben. Ich soll es ihr beibringen.“ Marta schnaubte verächtlich. „Ich soll ihr zeigen, wie man Frau Brenner richtig wäscht, damit ich dann gehen kann. Ich habe ihm gesagt, dass ich dafür keine Zeit habe. Und dass ich nicht meinen eigenen Job wegrationalisiere. Nicht für elf Euro die Stunde.“
„Das war richtig so, Marta. Lassen Sie sich nicht unter Wert verkaufen.“ Gisela lehnte sich in ihrem Drehstuhl zurück. Durch die Schaufensterfront der Buchhandlung sah sie, wie draußen auf dem Gehweg eine Gruppe Studenten vorbeizog, lachend, die Kapuzen ihrer Sweatshirts tief ins Gesicht gezogen. Es war Ende September, und die Kastanien auf dem Platz vor dem Theater warfen ihre stacheligen Früchte ab.
Nach dem Gespräch mit Marta blieb sie noch eine Weile sitzen und dachte nach. Nicht über Karsten – das Kapitel war durch, abgehakt, so gründlich geschlossen, dass nicht einmal ein Restgrollen übrig geblieben war. Nein, sie dachte über das nach, was sie zu Karsten gesagt hatte, über die Einsamkeit als schlechten Ratgeber. Und sie kam zu dem Schluss, dass sie zwar recht gehabt, aber etwas Entscheidendes vergessen hatte: dass Einsamkeit auch eine Chance sein konnte. Ein weißes Blatt. Nicht der verzweifelte Kampf um jeden Rest Nähe, sondern die ruhige Entscheidung für sich selbst.
Es vergingen ein paar Monate. Gisela ging weiterhin jeden Morgen um halb neun in ihre Buchhandlung, empfahl den alten Herrschaften aus dem Viertel die neuesten Regionalkrimis und den Studenten die philosophischen Ratgeber. Sie kochte sonntags weiterhin Braten, aber für sich allein oder für ein, zwei Freundinnen, die sie nach der Trennung von Karsten wieder regelmäßiger einlud. Ihr kleines Haus gehörte immer noch ihr, der Brief vom Finanzamt kam weiterhin an sie adressiert, und ihr Rentenkonto wuchs langsam, aber stetig weiter.
An einem verregneten Dienstagabend im November, als sie gerade die Wassersuppe für eine Gemüselasagne aufsetzte, klingelte ihr Handy. Eine Fotonachricht von einer Bekannten, die sie noch aus Karstens Golfclub-Zeiten kannte. „Hast du das schon gesehen? Das ist doch die Neue von Karsten, oder? Krass, oder?“ Das Foto zeigte eine aufgeregt diskutierende Gruppe auf einem Parkplatz vor einem Supermarkt. Drei Leute, zwei Wildfremde und, ja, das war wirklich Karsten, daneben eine Frau um die vierzig, die aufgebracht mit einem Kugelschreiber auf einem Klemmbrett herumzeigte. „Karsten Brenner und seine neue Lebensgefährtin, Frau X.Y., beim Streit mit dem Abschleppdienst wegen Falschparkens“, stand unter dem Bild. Die Kommentare unter dem Post hatte Gisela gar nicht erst gelesen.
Sie legte das Handy beiseite und goss die Béchamelsauce über die Lasagneplatten. Dachte an die Frau, die jetzt in ihrem alten Leben steckte, in dem Haus am Stadtrand, mit der alten Dame im Erdgeschoss, den angebrannten Soßen und den falsch herum geschobenen Rollatoren. Sie dachte an Marta, die hoffentlich standhaft geblieben war. Und sie dachte an Karstens Satz: „Ich habe mir die Sache mit uns gründlich durch den Kopf gehen lassen.“ Hatte er nicht. Er hatte sie sich zurechtgelegt, in eine Tabelle gepackt und mit einem farbigen Kuchendiagramm versehen. Aber durch den Kopf gegangen war ihm nichts.
Der Timer am Herd piepste. Gisela holte die Lasagne aus dem Ofen, stellte sie auf den Küchentisch und schenkte sich ein Glas Badischen Spätburgunder ein. Durch das Fenster sah sie, wie draußen die Straßenlaternen angingen, eine nach der anderen, ein warmes, orangefarbenes Licht, das sich auf dem nassen Asphalt spiegelte.
Sie dachte daran, die Bekannte aus dem Golfclub zu fragen, wie es denn jetzt weiterging mit Karsten und seiner Neuen, aber dann ließ sie es. Nicht ihr Zirkus, nicht ihre Affen.
Stattdessen nahm sie einen Schluck Wein, schlug den neuen Kriminalroman von Nele Neuhaus auf und begann zu lesen, während die Lasagne dampfte und die Kastanienzweige im Herbstwind gegen die Regenrinne schlugen.
Zwei Dinge nahm sie aus dieser Geschichte mit. Erstens: Wer sich für unersetzlich hält, liegt meistens falsch – es gibt immer jemanden, der bereit ist, die angebrannte Soße zu ertragen. Und zweitens, und das war der wichtigere Punkt: Es gab ein Leben jenseits der Tabelle. Ein unordentliches, unabhängiges, ungemein befreiendes Leben, in dem niemand ihren Stundenlohn kalkulierte und niemand ihr die Rente wegrationalisierte. Es gehörte ihr. Ganz und gar.
Irgendwo am anderen Ende der Stadt stand vermutlich Karsten in seiner Küche und erklärte seiner neuen Lebensgefährtin gerade, wie man den Rollator richtig herum an die Badewanne schiebt. Und Gisela, in ihrer eigenen Küche, mit ihrer eigenen Lasagne und ihrem eigenen Wein, lächelte.
Nicht schadenfroh. Einfach nur erleichtert. Und frei.







