In Rosenheim, in einem Reihenhaus mit Blick auf die Mangfall, steht seit drei Monaten ein Karton mit Programmheften auf dem Küchentisch. Niemand rührt ihn an. Der Kaffee daneben ist meistens kalt, bevor ihn jemand trinkt.
Werner Brandtner ist vierundsechzig, spielt seit vierzig Jahren Klarinette, in Tanzcafés, bei Faschingsbällen, zuletzt bei kleineren Auftritten in der Region Oberbayern. Seine Tochter Nele war neunundzwanzig, als sie im April starb. Sie war Schauspielerin und Sängerin, bekannt aus einer Krankenhausserie im Vorabendprogramm und aus einer Castingshow, in der Prominente Songs berühmter Kollegen nachsangen — dort hatte sie mit ihrer Version eines alten Schlagers das Publikum zu Tränen gerührt, nicht wegen der Technik, sondern weil man ihr die Krankheit ansah und sie trotzdem sang.
Vor sechs Jahren hatte man bei ihr einen Knoten in der Brust gefunden. Die Chemo damals, die Bestrahlung, die Haare, die nachwuchsen, kürzer, grauer als vorher — sie hatte das überstanden, war wieder aufgetreten, hatte in Interviews gescherzt, dass sie jetzt zwei Perücken besitze, eine fürs Fernsehen, eine für den Alltag. Vor zwei Jahren im Herbst dann der zweite Befund: Lungenkrebs, diesmal gestreut. Die Ärzte in der Uniklinik München sprachen nicht mehr von Heilung, nur noch von Zeit. Sie bekam anderthalb Jahre. Sie starb am 6. April.
Werners Frau Roswitha, Neles Mutter, war selbst über Jahrzehnte im Fernsehen zu sehen gewesen, in einer Familienserie, die sonntagabends lief, als es noch drei Programme gab. Sie hatte der Tochter das Bühnenblut vererbt, sagte sie immer, halb im Scherz. Jetzt sitzt sie oft am Fenster und sortiert alte Fotos, ohne sie wirklich zu sortieren.
Nele hatte die Angewohnheit gehabt, vor jedem Auftritt an Werners Klarinettenkoffer zu klopfen, zweimal, mit dem Knöchel, "für Glück, Papa", auch als sie schon längst berühmt war und keinen Aberglauben mehr nötig hatte. Er hatte den Koffer seit April nicht mehr geöffnet.
Eine Woche nach der Beerdigung rief ihn ein Mann an, den er nicht kannte, von einer Firma für "Merchandising-Konzepte", und fragte, ob die Familie Interesse hätte, Neles Unterschrift für Fanartikel zu lizenzieren — Tassen, T-Shirts, limitierte Poster. Werner legte auf, ohne zu antworten.
Anfang Juni, keine zwei Monate nach der Beerdigung, brachte Jonas, Neles kleiner Bruder, eine Tasse mit ins Reihenhaus. Weißes Porzellan, darauf Neles Gesicht aus der Castingshow, darunter in geschwungener Schrift eine Unterschrift. Er hatte sie bei einem Kollegen in der Rettungswache gesehen, der sie stolz gezeigt hatte, "von einem Fanshop, echt limitiert". Roswitha nahm die Tasse in die Hand, drehte sie einmal, und dann rutschte sie ihr aus den Fingern, auf die Fliesen, in drei Scherben.
"Das ist nicht ihre Unterschrift", sagte Werner. Er kniete sich hin, sammelte die Scherben auf, eine schnitt ihm in den Daumen, er merkte es erst, als Blut auf eine der Scherben tropfte. Er kannte diese Unterschrift auswendig, hatte sie tausendfach unter Geburtstagskarten gesehen, unter Zeugnissen, unter der Karte, die sie ihm zum sechzigsten geschrieben hatte. Das hier war eine Fälschung, zu rund in der Schleife, zu ordentlich.
Er verbrachte zwei Abende damit, den Fanshop anzuschreiben, ohne Antwort. Dann, an einem Dienstag um zwei Uhr nachts, klingelte sein Handy. Eine unbekannte Nummer, eine junge Frauenstimme, weinend, die fragte, ob sie "die echte Nele" gekannt habe, ob die Unterschrift auf ihrer Tasse "wirklich von ihr" sei, sie habe dafür neunzig Euro bezahlt und wolle es so gern glauben. Werner stand im Flur, barfuß auf dem kalten Boden, und wusste nicht, was er sagen sollte, bis die Frau von selbst auflegte.
Am nächsten Tag rief er seinen alten Freund und Rechtsanwalt Herbert Aumüller an, mit dem er seit der Musikschulzeit in Rosenheim befreundet ist.
"Werner. Jetzt hör mir mal zu", sagte Herbert. "Das geht so nicht weiter. Fremde Leute verkaufen ihr Gesicht auf Tassen, und du rennst denen mit Mails hinterher, die eh keiner liest."
"Was soll ich denn machen, Herbert."
"Marke anmelden. Namen, Unterschrift, beim Patentamt in München. Dann bist du nicht mehr der, der bettelt. Dann bist du der, der austeilt."
Werner schwieg so lange, dass Herbert schon "Werner? Noch da?" ins Telefon rief.
"Sie hätte das gehasst", sagte er dann. "Den ganzen Papierkram."
"Sie hätte gehasst, dass irgendein Kerl in der Rettungswache mit 'nem Fake-Autogramm angibt. Das ist der Unterschied, verdammt."
Es dauerte noch drei Wochen. Der Auslöser war ein Nachmittag im Juli: Roswitha kam aus dem Rewe zurück, legte wortlos eine Illustrierte auf den Tisch, ein Interview mit einer angeblichen "engen Vertrauten", voller erfundener Details über eine Verlobung, die es nie gegeben hatte. Jonas, der dabei saß, sagte nur: "Die reden über sie, als würde sie ihnen gehören."
Am nächsten Morgen fuhr Werner mit Herbert nach München. Im Auto, auf der A8, drehte er die Klarinette im Schoß hin und her, presste die Finger fester um das Holz, als das Navi die Ausfahrt ankündigte, so fest, dass die Knöchel weiß wurden.
Im Büro des Patent- und Markenamts an der Cincinnatistraße saßen sie zu dritt an einem schmalen Tisch: Werner, Herbert und eine Sachbearbeiterin namens Frau Dilek Yalman, die die Formulare geduldig durchging. Es ging um eine Wortmarke — Neles vollen Namen — und eine Bildmarke: die eingescannte, notariell beglaubigte Unterschrift, die einzig echte.
"Sie verstehen", sagte Frau Yalman, "das schützt Sie nicht davor, dass jemand über Ihre Tochter schreibt oder Musik von ihr spielt. Das schützt Sie davor, dass jemand ihren Namen oder ihre Unterschrift auf Produkten verkauft, ohne Ihre Zustimmung."
"Genau das will ich", sagte Werner. Er nahm den Kugelschreiber, setzte an, unter dem Ort für die Unterschrift des Anmelders, und seine Hand zitterte, ein kleiner Wackler nur, aber die Unterschrift kam trotzdem krumm heraus. Er strich sie nicht durch. Ließ sie so.
Die Gebühr betrug dreihundert Euro für die Anmeldung in zwei Klassen, dazu Herberts Honorar von etwa zwölfhundert Euro für die Ausarbeitung — eine Summe, die Werner von dem kleinen Sparkonto überwies, das eigentlich für die nächste Klarinette gedacht war, eine gebrauchte Buffet Crampon, auf die er seit zwei Jahren sparte.
Sechs Wochen später, Anfang September, kam die Bestätigung der Eintragung per Post. Werner öffnete den Umschlag am Küchentisch, neben dem Karton mit den Programmheften, den er inzwischen ins Regal im Flur geräumt hatte.
Zwei Wochen danach klingelte sein Telefon. Derselbe Mann vom Merchandising-Unternehmen, diesmal freundlicher, fast unterwürfig: Man habe gehört, die Familie habe die Rechte nun eintragen lassen, man wolle sich "in aller Form" entschuldigen und fragen, ob man doch eine Lizenzvereinbarung treffen könne, gegen eine ordentliche Beteiligung.
Werner stand am Fenster, das Telefon in der einen Hand, in der anderen ein Foto von Nele bei ihrem letzten Auftritt.
"Nein", sagte er. Er ließ es einfach so stehen, hängte nichts dran.
"Aber Herr Brandtner, wenn Sie sich das nur mal—"
"Nein", sagte er noch einmal, und legte auf.
Er stellte das Foto neben den Karton, schrieb Herbert eine Nachricht: dass der Fanshop die Tasse inzwischen aus dem Sortiment genommen hatte, offenbar aus Sorge vor der frisch eingetragenen Marke. Roswitha kam in die Küche, sah das Foto, sah den Brief vom Patentamt daneben liegen, und fragte nichts. Sie stellte nur zwei Tassen Kaffee hin, für sich und für Werner, und setzte sich.







