Die Werkstatt, die meinem Vater gehörte

Es war ein Dienstag im November, kurz nach halb sieben, als Rosa Brandt vor der Werkstatt ihres verstorbenen Mannes stand und feststellte, dass das Schloss ausgetauscht worden war.

Die Kettenau in Augsburg lag im Nebel, die Straßenlaternen brannten schon, und aus der Dönerbude an der Ecke roch es nach gebratenem Fleisch. Rosa, 61 Jahre alt, Rentnerin, ehemalige Sachbearbeiterin bei der Stadtsparkasse, hatte den Schlüssel wie jeden Morgen in der Manteltasche. Er passte nicht mehr.

Drinnen brannte Licht. Durch die beschlagene Scheibe sah sie ihren Schwiegersohn Kevin am Schreibtisch sitzen, den Kopf über Papiere gebeugt, eine Tasse Kaffee neben sich, als gehöre ihm der Laden schon zehn Jahre.

Sie klopfte. Er ließ sie eine ganze Weile stehen, bevor er aufschloss.

„Die Zylinder waren durch", sagte er, ohne sie hereinzubitten. „Ich hab einen Schlosser kommen lassen."

„Und meinen Schlüssel hast du nicht für nötig gehalten mitzuteilen?"

„Rosa, seien wir ehrlich. Du kommst hier rein, trinkst deinen Kaffee, liest die Zeitung, und die Kunden reden mit mir. Was bringst du der Werkstatt eigentlich noch?"

Zwölf Jahre lang hatte diese Werkstatt ihrem Mann Manfred gehört. Getriebeschäden, Achsvermessung, Ölwechsel für die halbe Nachbarschaft — Manfred kannte jeden Kunden beim Vornamen. Vor drei Jahren war er an einem Herzinfarkt gestorben, mitten unter dem angehobenen Wagen eines Stammkunden. Rosa hatte die Werkstatt geerbt, testamentarisch, unangefochten, ihr Name stand im Handelsregister als Inhaberin.

Ihre Tochter Jana hatte damals gerade Kevin geheiratet, gelernter Kfz-Mechatroniker, arbeitslos zu dem Zeitpunkt, weil seine vorherige Firma in Insolvenz gegangen war. Rosa hatte ihn eingestellt, aus Mitgefühl, aus Familiensinn. Sie hatte ihm die Kunden übergeben, die Preise erklärt, den Kontakt zum Teilehändler in Gersthofen vermittelt. Sie hatte ihm vertraut.

Zwei Jahre lang lief es gut. Dann begann Kevin, Rechnungen selbst zu schreiben, ohne sie ihr zu zeigen. Dann begann er, Stammkunden zu erzählen, die Werkstatt gehöre „eigentlich jetzt ihm, die Alte macht nur noch Kaffee". Dann kam der Tag mit dem Schloss.

Rosa fuhr nicht nach Hause. Sie fuhr zur Straßenbahnhaltestelle, setzte sich auf die kalte Bank, und wartete, bis die Bahn Nummer 3 kam, obwohl sie eigentlich mit dem eigenen Auto da war. Sie musste einfach zwanzig Minuten lang nirgendwohin müssen. Ein Mann neben ihr aß ein Käsebrötchen und ließ Krümel auf den Bahnsteig fallen, eine Taube pickte sie sofort auf. Rosa sah der Taube zu, bis die Bahn kam, und fuhr dann doch nicht mit.

Sie ging zurück zum Auto und rief ihre Tochter an.

„Jana, dein Mann hat mich aus meiner eigenen Werkstatt ausgesperrt."

Stille am anderen Ende. Dann: „Mama, übertreib nicht. Er hat nur das Schloss gewechselt, weil da eingebrochen wurde letzte Woche."

„Es wurde nicht eingebrochen. Ich war jeden Tag da."

„Kevin sagt was anderes."

Das war der Moment, an dem Rosa begriff, dass ihre eigene Tochter längst auf der anderen Seite stand. Nicht aus Bosheit — aus Bequemlichkeit. Kevin brachte das Geld nach Hause, Kevin machte die Steuererklärung, Kevin war derjenige, mit dem Jana jeden Abend am Tisch saß. Die Mutter war nur noch die Frau, die sonntags zum Essen kam und über die alten Zeiten mit Manfred sprach.

Drei Wochen zog sich das hin. Kevin ließ sie zwar wieder rein, aber behandelte sie wie eine lästige Angestellte, die zufällig noch da war. Er stellte einen zweiten Mechaniker ein, ohne sie zu fragen, kaufte eine neue Hebebühne auf Kredit, den er unter dem Firmennamen aufnahm — ihrem Firmennamen, ohne dass sie unterschrieben hatte.

Der Kreditvertrag war es schließlich, der den Ausschlag gab. Rosa fand die Unterlagen zufällig, als sie eine Schublade nach alten Kundenkarteien durchsuchte: ein Darlehen über 34.000 Euro bei der Sparkasse Augsburg, Laufzeit acht Jahre, als Sicherheit eingetragen die Werkstatt selbst — mit einer Unterschrift, die aussah wie ihre, aber nicht von ihr stammte.

Sie ging nicht zu Kevin. Sie ging zu Herrn Dr. Albrecht, dem Notar, bei dem schon Manfreds Testament beurkundet worden war, in der Maximilianstraße, drei Stockwerke über einer Apotheke. Sie legte den Handelsregisterauszug auf den Tisch, den Kreditvertrag daneben, und fragte, ob eine gefälschte Unterschrift auf einem Kreditantrag genügt, um eine Anzeige wegen Urkundenfälschung zu stellen.

„Das genügt locker", sagte Dr. Albrecht. „Aber wollen Sie das wirklich? Das betrifft den Ehemann Ihrer Tochter."

„Ich will meine Werkstatt zurück. Was daraus für Kevin folgt, ist seine Sache."

Der Notar half ihr, in einer Woche alles vorzubereiten: die Meldung an die Sparkasse über die gefälschte Unterschrift, eine schriftliche Abmahnung an Kevin mit Fristsetzung, den Entzug jeder Vollmacht, die sie ihm je erteilt hatte — auch die mündliche, jetzt schriftlich widerrufen und per Boten zugestellt.

Am Freitag darauf stand Rosa wieder vor der Werkstatt, diesmal mit einem Schlosser an ihrer Seite, den sie selbst bestellt hatte, und mit einem Umschlag in der Hand: die Kündigung des Arbeitsverhältnisses, fristlos, wegen Vertrauensbruchs und Urkundenfälschung, dazu die Mitteilung der Sparkasse, dass der Kredit wegen der gefälschten Unterschrift storniert und die Sicherheit — die Werkstatt — aus dem Vertrag gelöscht worden war.

Kevin kam gerade aus der Werkstatt, als der Schlosser die neuen Zylinder einsetzte.

„Was soll das hier?"

„Das hier ist meine Werkstatt", sagte Rosa und hielt ihm den Umschlag hin. „Lies es in Ruhe. Da steht auch, dass die Sparkasse den Kredit für ungültig erklärt hat. Wegen der Unterschrift, die nicht von mir ist."

Er riss den Umschlag auf, überflog die erste Seite, wurde bleich. „Rosa, das können wir doch klären, ohne dass —"

„Das ist geklärt. Du hast bis Montag Zeit, deine Werkzeuge abzuholen. Danach steht alles, was noch hier liegt, vor der Tür."

Jana kam eine Stunde später, mit rotem Gesicht, und schrie ihre Mutter auf dem Gehweg an, vor den Augen zweier Kunden, die gerade ihre Autos abholen wollten. Rosa hörte ihr zu, ohne zu antworten, bis Jana fertig war.

„Ich habe deinen Mann nicht entlassen, weil ich ihn nicht mag", sagte Rosa dann. „Ich habe ihn entlassen, weil er meinen Namen unter einen Kredit über vierunddreißigtausend Euro gefälscht hat. Wenn du mit ihm zusammenbleiben willst, ist das deine Entscheidung. Aber diese Werkstatt hat deinem Vater gehört, und jetzt gehört sie mir, und niemand schreibt sich da mehr ohne meine Unterschrift rein."

Sie drehte sich um, ging zurück in die Werkstatt, wo der neue Mechaniker — der einzige, den sie behielt, weil er ehrlich gewesen war und Kevin sofort gemeldet hatte, was er über den Kredit wusste — gerade eine Zündkerze in der Hand hielt und nicht wusste, wohin er schauen sollte.

Rosa nahm ihm die Kerze aus der Hand, drehte sie zweimal zwischen den Fingern, wie Manfred es immer getan hatte, bevor er ein Urteil über einen Motor fällte, und sagte: „Die ist hin. Zeig mir den Wagen."

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